Anja Schürmann

T*i/tEL*

Akademische Titelgebung und [ˈnɔʊ̯(ˈ)ɡɔʊ̯]s
Tweet von Steffen Siegel. Screenshot: Anja Schürmann.

Dieser Tweet macht schuldig, weil man ertappt wird. Weil man selbst oft genug versucht hat, akademisches Erkenntnisinteresse und Werbung in ein paar wenige Worte zu pressen. Weil Titel, so will es der Duden, einen „kennzeichnende(n) Name(n)“ vergeben. Und man selbst wird zum Kennzeichner.

Niemand, den ich kenne, fängt mit dem Titel an. Titel sind immer etwas Nachgereichtes, was nicht immer nachgereift heißt. Eher erzwungen und in aufmerksamkeitsgenerierende Formen gebracht finden sich Worte, die Steffen Siegel so treffend in eigene Überschriften übersetzte. Aber wofür stehen diese Titelgebungen genau und ist alles genannte wirklich ein No-Go?

„Lyrischer Haupttitel. Alles Wesentliche wird im aussagekräftigen Untertitel versteckt“

Die wohl häufigste Form akademischer Titelei – zumindest in den Geisteswissenschaften. So häufig, dass sich Beispiele erübrigen und sollte man doch welche brauchen, kann man ja im Literaturverzeichnis der Autorin nachgucken. Warum das so ist? Ich denke: Weil das „Lyrische“ im Titel nicht nur hübsch, sondern methodisch gemeint ist, weil man zeigen möchte, dass in der Geisteswissenschaft Erkenntnis und Verbalisation nicht voneinander zu trennen sind.

„Fancy/Schräg/Striche/Im/Titel“

Der Schrägstrich ist das Sammelbecken der Konjunktionen. Er weist nach, dass es eine Verknüpfung zwischen den Wörtern gibt, aber hierarchisiert diese Verknüpfung nicht. Der Schrägstrich kann, aber muss keine Alternative anbieten, er kann und/oder/und/oder bedeuten oder nichts und alles zusammen. Er kann beziehungsweise und denn und weil und als bedeuten, möchte aber noch nicht sagen, wie die durch den Schrägstrich getrennten Worte zueinander in Beziehung stehen. Daher bietet diese Art der Überschrift die größte Offenheit an und findet sich oft über Texten, die diese Offenheit nicht konkretisieren, sondern – differenzfetischistisch – weiter öffnen möchten.

„BinnenMajuskelnSindSo1990er“

Historisches Nitpicking: Die Binnenmajuskel ist keineswegs in die 1990er zu datieren, sondern findet sich bereits in mittelalterlichen Handschriften, um einzelne Satzbestandteile zu betonen. In der Lutherbibel dient die Binnenmajuskel E in HErr bis heute zur Unterscheidung des Gottesnamens von anderen Herren. Größe heißt Bedeutung. Das ist auf Seite 1 nicht anders als auf mittelalterlichem Holz, wo Christus am Kreuz seine Trauernden überragt. Größe heißt Bedeutung, das haben wir gelernt. Doch warum trennt man die Wörter nicht? Warum braucht es überhaupt eine Binnenmajuskel?

Produkte (z. B. die BahnCard oder das ungleich beliebtere iPhone) werden gerne mit Binnenmajuskeln versehen, da sie durch eine ‚besondere Schreibweise’ leichter markenrechtlich geschützt werden können. Doch akademisch bedeutsamer ist vielleicht Twitter. Die Binnenmajuskel ist durch den keine Leerzeichen erlaubenden Hashtag in die Kommunikation zurückgekehrt und Twitter erlaubt eine freie, oft mit eigener Poetologie versehene Reihung von Wörtern, die gar nicht so altbacken daherkommt #OrDoYouDisagree?

„Quo vadis XYZ-Forschung?“

Auf der Suche nach Shampoo wird man kaum eines finden, das feines Haar adressiert. Dafür jede Menge Volumenshampoos. Bei Produktbeschreibungen wird oft die Lösung adressiert, nicht das Problem. Das ist in den Geisteswissenschaften anders. Wir stehen auf Probleme und wenn man in Überschriften fragt, wohin etwas gehe, heißt man den Weg nicht unbedingt gut.

Denn „Quo vadis“ meint nicht nur: „Wohin gehst du?“, sondern auch das Unverständnis dieses Ganges. Und das eigene Unvermögen, ihm folgen zu wollen. Oder doch zumindest das Bedürfnis, ihn erklären zu müssen. Das hat nicht nur Petrus vor Jesus im Johannesevangelium einsehen müssen. Nach dem letzten Abendmahl fragte er Jesus: „Herr, wo gehst du hin?“ Jesus antwortete ihm: „Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen.“ (Joh 13,36). Petrus wird Jesus daraufhin verraten, da er den Weg nicht kennt und ihm nicht folgen kann.

Akademisch übersetzt ist diese biblische Ursprungserzählung noch immer präsent. Die rhetorische Frage bleibt nicht rhetorisch, sondern wird einer Analyse unterzogen, die oft Kausalitäten sucht, wo allenfalls Korrelationen zu finden sind. Denn ein ‚Gang‘ ist immer gerichtet und der Analyst dieses Ganges beschäftigt sich leider weniger mit der Physiognomie des Gehens als mit dessen Ziel.

Ich persönlich arbeite ja gerne mit dem „?“. Das muss nicht nach ‚Quo vadis‘ sein, aber mit einem Fragezeichen versieht man alles sofort mit einem eindeutigen, typografischen Zweifel. Außerdem wird der Lesende angemeint, eine Frage setzt ihn automatisch aufrecht hin, in die Position des Antwortenden. Zwar wird der Zweifel an dieser Stelle alles andere als ausgeführt und schon gar nicht begründet und nichts läge mir ferner, als dass der Lesende aktiv antworten sollte, aber ich weiß, dass Aufmerksamkeit eine Währung ist. Ich will nur nicht selbst zahlen.

SUGGESTED CITATION: Schürmann, Anja: T*i/tEL*. Akademische Titelgebungen und No-Gos, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/ti-tel/], 09.03.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200309-0646

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