Antje SchmidtKLIMA

Das Rinnen des Ungeheuren

Das Rinnen des Ungeheuren Ökologische Trauer in der Gegenwartslyrik Erschienen in: KLIMA Von: Antje Schmidt

„Grief is a path to understanding entangled living and dying“

– Donna Haraway

Im westlichen kulturellen Diskurs haben mit der Klimakatastrophe verbundene Emotionen in den letzten Jahren wachsende Aufmerksamkeit erfahren. Diverse (populär-)wissenschaftliche Publikationen sind erschienen und auch im Feuilleton sind die Themen ‚Klimaangst‘, ‚Klimatrauer‘ bzw. ‚ecological grief‘ (ökologische Trauer) überaus präsent, wobei ich letzteres Konzept in diesem Essay aufgreifen und mit Lektüren von Gegenwartsgedichten zusammenbringen möchte.1

Umweltpsycholog:innen definieren ökologische Trauer als „the grief felt in response to the loss of beloved places, ecosystems and species“.2 Diese spezifische Form der Trauer bezieht sich also, mit Sigmund Freud gedacht, auf Verbindungen, die mit affektiv-libidinösen Kräften besetzt waren, die sich ob der entstehenden Verluste schmerzlich freisetzen und erst mühsam transformiert werden müssen.3 Wie der italienische Philosoph Remo Bodei im Rahmen einer neumaterialistischen Freud-Lektüre erläutert, spiegelt „die Gesamtheit der libidinösen Besetzungen die Koordinaten der Beziehungen eines jeden Menschen zur Welt wider, die intentionale Verknüpfung der Untrennbarkeit zwischen ihm und den Dingen“.4 Wenn nun Teile dieser innigen Bande zerreißen und sich dies offenbart – etwa beim Gang durch geliebte, jedoch klimatisch bedingt verdorrte Wälder –, kann ökologische Trauer erwachsen. Wir trauern also, weil wir in bedeutsamen Beziehungen zum Verlorenen stehen und es als Bestandteil unserer Identität empfinden. Daher kann sich ökologische Trauer nicht nur ereignen, wenn materielle Verluste entstehen (oder wir sie antizipieren), sondern auch, wenn situiertes Wissen und ortsgebundene kulturelle Identitäten durch ökologische Krisen in Gefahr sind.5 Viele Menschen in Europa beschreiben diese Form des Identitätsverlusts etwa in Bezug auf den Schwund der Jahreszeiten und der mit ihnen verknüpften kulturellen Praktiken infolge der Klimakatastrophe.6 Inuit-Communities im Gebiet Nunatsiavut (Kanada) berichten in einer Studie von tiefer Trauer aufgrund der epochalen Veränderungen des ursprünglich vereisten Landes, auf dem sie leben, sodass tradierte Praktiken wie „to travel the land and ice for food“,7 und damit identitätsstiftende Aktivitäten wie Jagen und Fischen, nicht mehr möglich sind. Ökologische Trauer kann also ein sehr individueller Ausdruck der kulturell, zeitlich und geographisch bedingten Verflochtenheit mit bestimmten Dingen und Orten sein.8 Und sie kann eine durchaus angemessene Reaktion auf die Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit, Gegenwart und erwartbaren Zukunft sein.

Auch in der deutschsprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts sind Repräsentationen ökologischer Trauer von großer Relevanz. Dichter:innen wie Mikael Vogel oder Silke Scheuermann sammeln und beschwören verlorene Tier- und Pflanzenarten in ‚Verlorenen Bestiarien‘ oder ‚Zweiten Schöpfungen‘.9 Bezüge zur christlich-barocken Vanitas-Tradition grundieren in Gegenwartsgedichten die anthropozäne Melancholie (post)apokalyptisch.10 Und dass ökologische Dichtung notwendigerweise „eine im Kern traumatische Dichtung“ sein müsse, die „entgeistert an- und herbeiruft, was vor ihren Augen verschwunden und zusammengebrochen ist“, notiert der Poet und Anthropozäntheoretiker Daniel Falb in seinem poetologischen Essay über das Anthropozän (2015).11

Ungeheure Unterwerfung

In der ökologischen Trauer der Gegenwart liegt jedoch auch etwas Ungeheures, und dieses Ungeheure ist der Mensch. Denn gleichzeitig sind es westlich-petromoderne, extraktivistische Praktiken, die den anthropozänen Verlust von Ökosystemen, Spezies, Landschaften usw. verursachen. Wir im globalen Norden, die um den Verlust der holozänen Erde trauern, waren und sind (noch) Profitierende des verlustreichen Systems, und wir sind Verantwortliche: Das sechste Massenaussterben wird u.a. durch Flächennutzung verursacht, die die Lebensräume anderer Spezies vernichtet. Das planetare Klima erhitzt sich aufgrund des anthropogenen Treibhauseffekts, das Polareis schmilzt und die Meeresspiegel steigen. Wir, als Bewohner:innen des globalen Nordens, erleben zunehmend Dürresommer, Brände und Sturmfluten und wir wissen, dass dies nur Vorboten gravierenderer Umwälzungen sind. Doch während die Folgen der Klimakatastrophe in Europa weitestgehend zu bewältigen sind und bestehender Wohlstand gewahrt bleiben kann – bislang zumindest –, zeigt sich im globalen Süden bereits, dass die Bevölkerung deutlich vulnerabler für die Auswirkungen ähnlicher und deutlich schwerwiegenderer Ereignisse ist.12

Diese westlich situierte Dialektik aus Schuld und Trauer findet sich auch in deutschsprachigen Gegenwartsgedichten und wirkt sich dabei aus bis in die Bauformen der poetischen Sprache selbst. Es sind besonders Praktiken der Unterwerfung, die die empfundene Schuld mitbegründen. Diese möchte ich zunächst exemplarisch diskutieren, da sie in der Gegenwartslyrik allerorts Verhandlung finden und gewissermaßen die Antithese zu einem mit-trauernden, zugewandten und sorgenden Weltverhältnis bilden. Nicht nur die 2016 erschienene Anthologie mit deutschsprachiger Anthropozänlyrik, all dies hier, Majestät ist deins, repräsentiert diesen poetischen Diskurs.13 Eine Darstellung des Menschen des globalen Nordens, der im Verbund mit seinen Technologien als Naturkraft agiert und sich die Welt somit auf verheerende Weise aneignet, findet sich ebenfalls in Marion Poschmanns Gedicht „Und hegte Schnee in meinen warmen Händen“, erschienen in ihrem Band Nimbus (2020). Diesem Text ist ein Zitat aus Sophokles’ Antigone vorangestellt, das, in anthropozäne Zusammenhänge transferiert, prophetische Kraft entfaltet: „Vielgestaltig ist das Ungeheure, / und nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Es folgt die poetische Vision eines Menschen, der im Permafrost Grönlands auf ebendiese unheilvolle Weise agiert:

Noch gestern hielt ich mich in tiefverschneiten
Bergen auf. Jetzt sind sie eigeebnet,
aufgelöst, ganz schlicht, so wie man einen
Kühlschrank abtaut. Ich sah Wasser rinnen,
sah das Eis in Brocken von den Wänden
brechen, alles fiel zu Tal und wurde
flüssig, wurde Tal und wurde nichts.

Noch gestern betete ich Berge an.
Ich kaufte Ansichtskarten, schickte sie
an mich, nach Hause, zur Erinnerung
an das Zerstörungswerk, das ich hier tat,
ich taute Grönland auf mit meinem Blick,
ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll
der Andacht überflog. […]14

Modelliert wird hier das Verhältnis eines Menschen zur sogenannten Natur, das Timothy Morton in Ecology without Nature als gefährliche Dialektik aus romantisierender Anbetung und Unterwerfung beschrieben hat: „Putting something called Nature on a pedestal and admiring it from afar does for the environment what patriarchy does for the figure of Woman. It is a paradoxical act of sadistic admiration.“15 Der Blick, der in Poschmanns Gedicht scheinbar mühelos Grönland auftaut „wie man einen / Kühlschrank abtaut“, ist derselbe, der die Landschaft andachtsvoll beschaut und auf „Ansichtskarten“ nostalgisch sein eigenes (ruinöses) Wirken bewundert.

Abb. 1: Planetary Intimacies: „Tauwetter“ (2021–2023). Installation. Modifizierte Gefriertruhe, Spanngurte, PLA-Form, Gletschereiswasser, Faltkanister. In seinen Arbeiten erforscht der Künstler neue Wege des Zugangs zum Anthropozän mit installativer Landschaftsmalerei, experimenteller Kartografie und sensorischer Forschung © Planetary Intimacies; mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
Abb. 2: Ein Stück Gletschereis vom Vatnajökull in Island, aus der Prozessdokumentation zur Arbeit „Tauwetter“ (2021–2023) von Planetary Intimacies © Planetary Intimacies; mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Das so modellierte Weltverhältnis hat Wurzeln in einem säkularen, modernen Weltbild (gleichwohl aus christlichen Denktraditionen entspringend16), das den Menschen als Körper-Geist-Wesen potenziell aus ökologischen Zusammenhängen heraushebt. Er erscheint somit als Wesen mit einer Sonderstellung, die auf Annahmen über die vermeintliche Autonomie des Subjekts gründet. Die angeblich ‚natürliche‘ Umwelt wird daher im Wesentlichen als „Hintergrund und Bühne eines sich auf ihr entfaltenden Geschehens von Homo-sapiens Geschichte“17 sowie als Verfügungsmasse für wissenschaftlich-technische Formung angesehen.18 Erst diese Einhegung bildet den Kontext für eine distanzierte und gewaltsame Form der menschlichen Verehrung des Unterworfenen, wie sie sich durch die Kulturgeschichte der Moderne verfolgen lässt. Auch deshalb werden die Gletscher bei Poschmann „überflogen“ und damit in Distanz zum menschlichen Standpunkt gesetzt, während das Fliegen natürlich zugleich eine die Klimakatastrophe wesentlich befeuernde Praxis ist. Indem der inszenierte Mensch seine Position eindeutig außerhalb der Gebirgslandschaft verortet, steht er:sie (scheinbar) außerhalb des Netzes lebendiger Beziehungen, um von dort „das Ungeheure / Ungeheuerlichste zu bezwingen, / ganz leicht“ – und schwingt sich damit selbst zum eigentlich Ungeheuerlichsten auf. Nur auf diese Weise ist es möglich, vermeintlich ‚von weit oben‘ anthropozäne Verluste wahrzunehmen und zugleich mit denselben politischen, technologischen und sozioökonomischen Praktiken fortzufahren, die diese überhaupt erst herbeigeführt haben, ganz so, als gäbe es kein „Zerstörungswerk“, wie es bei Poschmann heißt.

Für seine installative Arbeit „Tauwetter“ (2021–2023) befragt auch der Künstler Planetary Intimacies technoökologische Unterwerfungsverhältnisse anhand des Sujets des Gletscherschwundes. Der Künstler reiste nach Island und entnahm dem dortigen Ökosystem ein Stück Gletschereis, wobei er den Prozess – und damit u.a. auch die Schönheit der Eislandschaften – fotografisch dokumentierte. Für die Installation platziert er das Eis in einer räumlich geschlossenen Ausstellungsumgebung auf einem Gefrierschrank, der wiederum einen 3D-gedruckten Kunststoffabguss desselben Gletschereises enthält. Durch die Umgebungswärme schmilzt das Eis, sickert langsam durch einen Schlauch in die Kunstoffform ein und gefriert im Schrank erneut. Gleichzeitig verdunstet es außerhalb des Gefrierschranks sukzessive und vermag somit seine technisch reproduzierte ‚ursprüngliche‘ Form immer weniger auszufüllen, bis es endgültig verschwunden ist. Somit vernichten der menschliche Eingriff sowie der Wunsch, es als ästhetisches Objekt darzubieten, auch hier das Eis in seiner eigentlichen Gestalt. In diesem installativen Werk wie auch bei Poschmann ist man als Rezipient:in also konfrontiert mit dem begehrenden Schauen auf das ästhetisierte Eis, ebenso wie mit einem potenziell zerstörerischen Verlangen nach Verfügungsgewalt.

Ökologische Trauer und eine Poetik der Sorge

Über die ruinösen Entwicklungen im Anthropozän zu trauern und sich dabei von anderen Spezies und Entitäten berühren zu lassen, kann demgegenüber eine posthumane Praxis sein, die die Kraft hat, den separierenden und destruktiven Glauben an die technoökologische Macht des Menschen zu suspendieren. Dies würde allerdings bedeuten, den gottgleichen Standort in den Wolken zu verlassen und sich gedanklich-materiell ins anthropozäne Gedränge zu begeben.

In einem 2016 in Anstelle einer Unterwerfung erschienenen Gedicht Mara-Daria Cojocarus, das den Titel „Noch Wochen nach seinem Tod“ trägt, wird der Verlust eines Schwanenkükens gemeinschaftlich betrauert, und damit ein emotionaler Prozess mit scheinbar unauffälligen poetischen Mitteln zum Mitvollzug angeregt. Von diesem Gedicht kann man Denken und Fühlen in anthropozänen Zusammenhängen lernen, wie ich im Folgenden ausführen möchte. Es beginnt mit den folgenden Versen:

Nach den schwarzen Schwänen
Kamen die

Trauernden
An den Zaun

Zwischen welken Federn
Weißen Nelken

Blickt mich die Mutter an
[…]19

Zunächst vollzieht der Text ein situiertes und autofiktionales Sprechen, wie es für Cojocarus Lyrik kennzeichnend ist. Man kann, wenn man es so lesen möchte, die Adressantin als Referenz auf die Autorin lesen (man muss es aber nicht). Das ist bedeutsam, weil es ermöglicht, die entworfene Begegnung und die ökologische Trauer, die sie durchzieht, in Beziehung zu einer konkreten, historischen Wirklichkeit zu setzen. So ist es möglich, das Gedicht als ästhetisierte Bezeugung des großen Verlusts im Kleinen zu begreifen und zugleich als Versuch, die Verflochtenheit der situierten lyrischen Persona zu der sie umgebenden Ökologie wirklichkeitsnah und utopisch zu denken. Kündigen im Gedicht zunächst die schwarzen Trauerschwäne ob ihrer symbolisch-kulturellen Bedeutung den unerwarteten Tod des Kükens an, erscheint dazu ein weiterer, nun weißer Schwan im metaphorischen Nelkenkleid. Dieser tritt dennoch nicht bloß als vom Menschen geschaffenes Symbol, sondern auch als solcher in Erscheinung – trauernd um sein verlorenes Kind und den Blick seines menschlichen Gegenübers suchend. Im Gedicht unausgesprochen, doch mit dem ergänzten Wissen, dass Schwanenküken häufig aufgrund menschlichen Einflusses verenden, wenn sie etwa mit Brot gefüttert werden, tritt beim Lesen eine Ahnung davon hinzu, dass die Geschichte dieses Schwans und seines verstorbenen Kindes unauflöslich mit menschlichem Handeln verflochten ist. Auch hier offenbart sich unauffällig und alltäglich das Ungeheure, die menschengemachte Störung im Miteinander.

Abb. 3: Tretbootschwäne auf einem See © gemeinfrei

Doch die moderne Verfügungslogik wird in Cojocarus Text ebenfalls neu ausgehandelt. So läuft die aufgespannte (und wohl in diesen Blick projizierte) Erwartungshaltung des Schwans, „Menschen / [müssten] Wissen, was passiert / Wenn man nichts mehr machen kann“, ins Leere. Anstelle des Glaubens an die eigene Macht erklärt die Sprecherin: „Doch was weiß ich schon“, und stellt somit die eigene Hilflosigkeit angesichts des Kükentodes aus, die sie mit der der Schwanenmutter verbindet und so etablierte Formen der Hierarchie negiert. Stattdessen erweckt das unfassliche Ereignis in der Erblickten ein Empfinden des Miteinander-Schwingens der in Aufruhr versetzten Herzen: „Apropos Homöostase / Unser beider Herzen rasen // Von nun an bis ans Ende unserer / Tage einfach so dahin“. Dass die Organe parallel weiterschlagen, trotz allem und in geteiltem Schmerz und geteilter Sterblichkeit, erscheint so als vorsichtige Hoffnung, dass dieser Vorgang systemisch im Sinne der Homöostase – ein Prozess, der in offenen Systemen konstante Verhältnisse erzeugen kann – für (post)anthropozäne Zukünfte relevant sein könnte.

Denn der Vorgang des Mit-Trauerns kann das Bewusstsein für eine grundsätzliche Relationalität schärfen, die menschliches wie auch mehr-als-menschliches Dasein auf Erden bestimmt. So fordert Donna Haraway 2016 in Staying with the Trouble: „Outside the dubious privilege of human exceptionalism, thinking people must learn to grieve-with.“20 In dieser Trauer liege die ontologische Kraft, sich der menschlichen Verflochtenheit in die verwüsteten Ökologien der Gegenwart gewahr zu werden, um daraus praktische Veränderungen für die Gestaltung des eigenen Selbst und der gelebten Interspezies-Beziehungen abzuleiten:

Mourning is about dwelling with a loss and so coming to appreciate what it means, how the world has changed, and how we must ourselves change and renew our relationships if we are to move forward from here. In this context, genuine mourning should open us into an awareness of our dependence on and relationships with those countless others being driven over the edge of extinction… […] Grief is a path to understanding entangled living and dying […].21

Im Erkennen des Aufeinander-Angewiesenseins könnte folglich der Keim für ein schädliche Grundsätze der Moderne überwindendes Selbst- und Weltverhältnis liegen. Und doch bleibt in Cojocarus Gedicht ein ungeteilter Rest, ein Moment der Unbestimmtheit des anderen Tieres und seines Erlebens, so wie die Verse streng paarig angeordnet sind, nebeneinander gleitend und doch für sich stehend. Auch in anderen Schreibweisen spiegelt sich diese Bewegung wider, etwa insofern Leser:innen nur vermittelt über die ausnahmslos menschliche Sprechinstanz etwas über die Perspektive des Schwans erfahren.22

Eine anthropozäne Poetik der Sorge, so folgere ich aus Cojocarus Gedicht, schließt neben Praktiken des Mit-Trauerns und der Anerkennung der ökologischen Eingebundenheit des Menschen ebenso die Achtung einer gewissen Unverfügbarkeit des mehr-als-menschlichen Gegenübers ein. Dies wäre eine utopische Form der Bezogenheit ohne den Anspruch auf Verfügungsgewalt, die die Lyrik modellieren kann. Was Etel Adnan über die Liebe zu (menschlichen) Personen schreibt, könnte dann auch für andere Entitäten – etwa Spezies, Dinge oder Ökosysteme – gelten und einen denkbaren und lebbaren Weg aus modernen Unterwerfungsverhältnissen weisen: „To love a person is the most difficult form of love, because it involves somebody else’s freedom.“23

References

  1. Vgl. populärwissenschaftlich u.a.: Dohm, Lea und Mareike Schulze (2022): Klimagefühle: wie wir an der Umweltkrise wachsen, München: Knaur; in journalistischen Medien u.a.: Bovermann, Philipp (2019): Wir sind untröstlich, in: Süddeutsche Zeitung 142, 22/23/06/2019, S. 15; Thadden, Elisabeth von (2020): Schnee war gestern, in: DIE ZEIT 12, 12/03/2020, S. 39–40; Tolentino, Jia (2023): What to Do with Climate Emotions, in: The New Yorker Online [https://www.newyorker.com/news/annals-of-a-warming-planet/what-to-do-with-climate-emotions], 10/07/2023 (letzter Zugriff: 13.11.2023); Jarvis, Brooke (2023): Climate Change is Keeping Therapists up at Night, in: The New York Times Magazine Online [https://www.nytimes.com/2023/10/21/magazine/climate-anxiety-therapy.html?smid=nytcore-android-share], 21/10/2023 (letzter Zugriff: 13.11.2023).
  2. Ojala, Maria et al. (2021): Anxiety, Worry, and Grief in a Time of Environmental and Climate Crisis: A Narrative Review, in: Annual Reviews of Environment and Resources, Heft 46 [https://doi.org/10.1146/annurev-environ-012220-022716], S. 37 (Hervorh. A.S.).
  3. Freud, Sigmund (2011): Trauer und Melancholie [1917], in: ders.: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften, 13., unveränd. Aufl., Frankfurt a. M.: Fischer, hier bes. S. 173–175.
  4. Bodei, Remo (2020): Das Leben der Dinge. Übers. von Daniel Creutz, Berlin: Matthes & Seitz, S. 43.
  5. Cunsolo, Ashlee und Neville R. Ellis (2018): Ecological Grief as a Mental Health Response to Climate Change-Related Loss, in: Nature Climate Change, Heft 8, S. 275–281, https://doi.org/10.1038/s41558-018-0092-2. Ich danke Jule Thiemann für diesen Hinweis.
  6. Vgl. etwa Wiebke Pfohl (2023): Die Jahresuhr geht falsch, in: Spektrum.de [https://www.spektrum.de/news/erderwaermung-wie-der-klimawandel-die-jahreszeiten-verschiebt/2165598], 21/08/2023 (letzter Zugriff: 9.11.2023).
  7. Cunsolo und Ellis 2018, S. 277.
  8. Vgl. Ojala et al. 2021, S. 40.
  9. Vgl. Vogel, Mikael (2020): Dodos auf der Flucht. Requiem für ein verlorenes Bestiarium, Berlin: Verlagshaus; Scheuermann, Silke (2015): Zweite Schöpfung [Gedichtzyklus], in: dies: Skizze vom Gras. Gedichte, Frankfurt a. M.: Schöffling, S. 9–26; zu ersterem vgl. Zemanek, Evi (2020): „Ein Fotonegativ des Bestiariums“. Porträts ausgestorbener Arten in Mikael Vogels Dodos auf der Flucht, in: Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch, Bd. 19, Tübingen, S. 177–196.
  10. Vgl. Schmidt, Antje (2022): „Wiese sein“. Vanitas und melancholische Naturbetrachtung bei Friederike Mayröcker und Marion Poschmann, in: Julia Berger und Victoria von Flemming (Hrsg.): Vanitas als Wiederholung [https://doi.org/10.1515/9783110761047-011], Berlin: de Gruyter, S. 237–265.
  11. Falb, Daniel (2015): Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie, Berlin: Verlagshaus, S. 26. Seine Kritik, dass sie dazu auf „inadäquat[e]“ (ebd.) Mittel zurückgreife – Erfahrungen aus erster Hand, Religiöses, Geisterbeschwörung, Apokalypse – sei an dieser Stelle nur erwähnt.
  12. Der IPCC-Bericht von 2023 prognostiziert für Länder des globalen Südens, dass sie auch zukünftig wesentlich stärker von den zerstörerischen Folgen der Klimakatastrophe betroffen sein werden. Diese können häufig aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen deutlich schlechter kompensiert werden, weshalb Klimagerechtigkeit immer auch wesentlich eine postkoloniale Komponente hat. Vgl. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/downloads/report/IPCC_AR6_SYR_LongerReport.pdf, S. 76.
  13. Vgl. Bayer, Anja und Daniela Seel (2016): All dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän, Berlin: kookbooks.
  14. Poschmann, Marion (2020): Nimbus. Gedichte, Berlin: Suhrkamp, S. 9.
  15. Morton, Timothy (2007): Ecology Without Nature: Rethinking Environmental Aesthetics, Cambridge: Harvard University Press, S. 5.
  16. Vgl. etwa Groh, Ruth und Dieter Groh (2016 [1991]): Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  17. Falb 2015, S. 9.
  18. Rosa, Hartmut (2018) etwa beschreibt als „kulturelle[s] Antriebsmoment“ der Moderne den Wunsch nach umfassender Kontrolle, „das Begehren, Welt verfügbar zu machen“ (Unverfügbarkeit, Wien/Salzburg: Residenz, S. 6).
  19. Cojocaru, Mara-Daria (2016): Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte, Frankfurt a. M.: Schöffling & Co., S. 45.
  20. Haraway, Donna (2016): Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene [https://doi.org/10.2307/j.ctv11cw25q], Durham/London: Duke University Press, S. 38.
  21. Ebd., S. 38f.
  22. Anders als beispielsweise in der Tradition der Prosopopöie, die im Werk verschiedener Gegenwartslyriker:innen, darunter Silke Scheuermann, beliebt ist, um z.B. ausgestorbenen Tierarten eine Stimme und damit eine (nachträgliche) Form poetischer ‚Vitalität‘ zu verleihen. Vgl. Zemanek, Evi (2018): Durch die Blume. Das florale Rollengedicht als Medium einer biozentrischen Poetik in Silke Scheuermanns „Skizze vom Gras“ (2014), in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXVIII, H. 2, S. 294, https://doi.org/10.3726/92161_290.
  23. Robertson, Lisa (2014): Interview mit Etel Adnan, in: Bomb Magazine [https://bombmagazine.org/articles/etel-adnan/], 01/04/2014 (letzter Zugriff: 13.11.2023).

SUGGESTED CITATION: Schmidt, Antje: Das Rinnen des Ungeheuren. Ökologische Trauer in der Gegenwartslyrik, in; KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/das-rinnen-des-ungeheuren/], 15.01.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240115-0830

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