Anja Schürmann

Fomo im September

Fomo im September Von: Anja Schürmann

Ich stehe in einem Unterbilker Hinterhof vor einer Halle mit Hohlkehle, wo Fashionshoots abgehalten werden. Jetzt ist sie für drei Tage Ausstellungshalle für Street Art, die ihre Straßentauglichkeit aus Monetarisierungsgründen gegen Holz- oder Papierträger eingetauscht hat. Die Ausstellung ist einer von 3274 Kunstpunkten, so nennt die Stadt Düsseldorf – oder Düssi, wie ich in immer mehr Redditposts lese – ihren Tag der offenen Ateliers, wo man Künstler:innen ‚zuhause‘ besuchen kann, an ihren Produktionsorten, oder eben in einer Fashionshoothalle. Um mich herum ist es vertretbar voll, ein Foodtruck und ein Altbierstand sorgen sich ums leibliche Wohl der Stehenden. Die Kunst ist für das geistige/psychische/intellektuelle Wohl da. Ganz schön große Erwartungshaltung, die da implizit neben den Zetteln mit den vierstelligen Preisen bereit liegt, ich drehe mich um und treffe eine Bekannte. Wir freuen uns. Dann erzählt sie mir, wo ich gerade noch sein könnte. Nicht nur bei 3273 anderen Kunstpunkten, sondern auch auf einem Flohmarkt im Kunstpalast. Mein instantan gespaltenes Vorstellungsvermögen, das auf dem Flohmarkt bereits Weihnachtsgeschenke kauft, kann nicht anders als sich zu wehren und ihr vom Kunstbuchfestival in der Kunsthalle zu erzählen, von dem ich annähernd gerade komme.

Derart wechselseitig gespalten wünschen wir uns einen schönen verbleibenden Tag, wohl wissend, dass weder ich es zum Flohmarkt noch sie es zum Kunstbuch ‚schaffen‘ werden. Ein paar Wochen später: Ich sitze in einer immer kälter werdenden Halle ehemaliger, aber unidentifizierbarer Industrie, die den nicht unambitionierten Namen Weltkunstzimmer trägt. Es wird schon dunkel und ich warte auf eine Podiumsdiskussion samt Buchpräsentation zum Thema Ökologie. Es beginnt und der Moderator bedankt sich, seine Gäste nicht bei der ungleich prominenter besetzten Ausstellungseröffnung in der Kunstsammlung zu wissen.

Beide Ereignisse – so verschieden sie auch sind – geben sich die Hand. Denn auch wenn ich fomo (fear of missing out) schon sehr lange kenne und ebenfalls um ihre Ergänzung durch die jomo, die Freude, den joy, etwas zu verpassen, weiß, hat sich etwas verändert im Kulturbetrieb. Angst wie Freude sind institutionalisiert worden. Im Weltkunstzimmer gab mir die Bemerkung das Gefühl, hier nicht richtig zu sein, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Wenn sowohl der Kunstpunkt als auch die Podiumsdiskussion bewusst getroffene Entscheidungen sind, waren die Bemerkungen weniger eine Anerkennung als eine Infragestellung meiner Kompetenz, jene Entscheidungen zu treffen. Denn warum war ich hier und warum habe ich, weil ich hier bin, den Zweifel im Kopf, woanders besser aufgehoben zu sein? Es mag an dem geänderten Ausgehverhalten nach Corona oder aber an der digitalen Überinformation liegen: Die Existenzberechtigung einer Veranstaltung sind andere Veranstaltungen. Die rare Menge Publikum wird als Schwarm verstanden und immer stärker umworben, immer offensiver begrüßt – um, wenn sie dann tatsächlich anwesend ist, ihre Wahl zu irritieren. Es gehört zu den eingeübten Bescheidenheitsgesten von Veranstalter:innen und Publikum, das eigene Dasein als optional auszuflaggen. Den Vorbehalt, die Nichtwiderholbarkeit dieses Zusammentreffens und die Unverbindlichkeit angesichts der Masse an Konkurrenz zu betonen.

Ähnliches sehe ich heute morgen, am 30. September 2024, die FPÖ ist gerade stärkste Partei in Österreich geworden, als die Nachrichten, die ich diesbezüglich lesen soll, sich Gedanken über die zerstrittene SPÖ machen. Auch nach der Landtagswahl in Brandenburg, die AfD wurde knapp zweitstärkste Partei mit 29 Prozent, war dieses Ergebnis bald kein Thema mehr, erleichtert setzte man sich ab von Thüringen, wo das ein paar Wochen vorher nicht gelungen und sie mit 32 Prozent und mit Abstand stärkste Partei geworden war. Sofort hörte ich das erste Mal das Wort Brombeerkoalition, Bodo Ramelow sollte für die CDU stimmen und ihr ‚Unvereinbarkeitsbeschluss‘ mit dem BSW war in aller Munde. Auch hier ein pragmatischer Blick aufs wie weiter und wenn es tatsächlich um den Wahlerfolg der AfD ging, konnte sie erfolgreich „die Stimmung der Menschen aufgreifen“1 und nun „keine Protestpartei mehr“ sein.2 Was nicht in aller Munde war: Den Wähler für sein Wahlverhalten zur Verantwortung zu ziehen. Mir scheint: Die rare Menge Wahlvolk wird ebenfalls als Publikum verstanden, mit dem man es sich nicht verscherzen wollte. Auch die Wählerschaft wird als fluide, flüchtige Masse konzeptualisiert, die man nicht zu hart anfassen sollte, wenn man nicht will, dass sie sich auflöst, dass die eigene, nicht die konkurrierende Veranstaltung besucht wird. Eine Wahlentscheidung wird zum Stimmungsäquivalent – und Stimmungen kennen keine klaren Verantwortlichen.3

Wenn man Fomo googelt, stammen die ersten Treffer von Krankenkassen. AOK, Barmer, Techniker Krankenkasse – noch vor Wikipedia. Solcherart vorpathologisiert, lese ich ein bisschen was über das „Phänomen Erlebnisdruck“ (Barmer). Es scheint etwas in den sogenannten sozialen Medien zu sein, man rät mir, das Handy auch mal zur Seite zu legen, mich nicht zu vergleichen. Die Techniker holt den hottesten Take raus: Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, leiden stärker unter Fomo.4

Mein Vorschlag – als Wählerin, Veranstalterin und Gast: „Erinnern Sie sich daran, dass Ihr Leben gut ist, so wie es ist. Auch wenn Sie an einem Freitagabend mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa liegen und netflixen.“5 Vielleicht sind wir dann Gäste, die gerne da sind und gerne wiederkommen. Wie auch Veranstalter:innen, deren Veranstaltungen nicht austauschbar sind. Oder aber Wähler:innen, die wissen, was sie tun und die – angelehnt an Peter Handkes Publikumsbeschimpfung – hier Widerworte durchaus verdient hätten.

References

  1. AfD gewinnt Landtagswahl in Thüringen, in: Tagesschau [https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/landtagswahl-thueringen-ergebnisse-102.html], 02/09/2024 (letzter Zugriff: 30.09.2024).
  2. Handel, Tina und Alexander Budweg (2024): Fünf Erkenntnisse für die Bundespolitik, in: Tagesschau [https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/landtagswahlen-thueringen-sachsen-100.html], 02/09/2024 (letzter Zugriff: 30.09.2024).
  3. Eva Weber-Guskar unterteilt Gefühle grob in „Körperempfindungen, Emotionen und Stimmungen“, wobei Stimmungen zwar „auch auf die Welt bezogen [sind], aber nicht auf ein spezifisches Objekt, sondern die ganze Welt erscheint in einem bestimmten Licht“, Weber-Guskar, Eva (2024): Emotion, in: Florian Arnold, Johannes C. Bernhardt, Daniel Martin Feige und Christian Schröter (Hrsg.): Digitalität von A bis Z, Bielefeld: transcript, S. 93–101, hier S. 94.
  4. Soltau, Iris (2023): „FOMO“ – Die Angst, etwas zu verpassen, in: Die Techniker [https://www.tk.de/techniker/magazin/digitale-gesundheit/fomo-2048966], 03/04/2023 (letzter Zugriff: 14.10.2024).
  5. Ebd.

SUGGESTED CITATION: Schürman, Anja: Fomo im September, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/fomo-im-september/], 28.10.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20241028-0830

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