Julika Griem

Gemeinsam schreiben?

Die Selbst- und Fremdbilder des Schreibens in Geistes- und Kulturwissenschaften sind immer noch einem Mythos der Individualität verpflichtet: Einsam ringen wir um unsere Texte, hartnäckig verteidigen wir eigene Formulierungen, gern werden wir für personalisierbare Leistungen und Produkte belohnt. Anders als in Fachkulturen der Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften fällt uns Arbeitsteilung auch beim Schreiben schwerer, denn in unseren Disziplinen haben sich noch vergleichsweise wenige Genres entwickelt, in denen eine kollaborative Schreibpraxis anerkannt würde. Gemeinsames Schreiben und bereits nominelle Ko-Autor*innenschaft werden auch gegenwärtig gern gegen die Tradition von Monografien und individuell verfassten Aufsätzen ausgespielt; Sammelbände gelten nicht selten als ein Kollateralschaden von großen Verbünden, die für unsere Arbeitsweisen nicht passen.

Jenseits dieser historisch gewachsenen Selbstbeschreibung gibt es aber längst eine unübersichtlichere Praxis geistes- und kulturwissenschaftlicher Schreibformen. So nährte sich der Mythos individueller Autorschaft und Werkherrschaft immer auch von einer Wirklichkeit anonymer Zulieferung und hierarchisch verdeckter Koproduktion, von unsichtbar in Auftrag gegebenen Antragstexten und Kommentaren, die zu Textteilen geworden sind. Redenschreiben und ghost writing sind interessante Gegenstände für Philologen und Texttheoretiker*innen. Noch interessanter wird es, wenn man fragt, ob unsere Verbundanträge tatsächlich kollaborativ entstehen, und wenn man sichtbare und unsichtbare, anerkannte und nicht anerkannte Formen des gemeinsamen Schreibens auch historisch auf ihre Legitimität befragt. Und darüber nachdenkt, welche technologischen Innovationen dazu einladen, wissenschaftliche Schreibpraxen zu verändern und neu zu bewerten.

Dass gemeinsames Schreiben in unseren Fachkulturen häufig zu scheitern scheint und selten belohnt wird, wird mittlerweile nicht mehr allgemein als disziplinäres Alleinstellungsmerkmal anerkannt. Die Einübung kollaborativer Praxen wird daher gefordert und gefördert – wie z. B. in der Linie „Originalitätsverdacht“ der VolkswagenStiftung. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen: Kollaborative Produktion könne auch in den Geisteswissenschaften „Kulturen der Kreativität“ freisetzen. Oder es sei an der Zeit, für egalitäre Formen der Zusammenarbeit zu sorgen, und diese auch mit Reputation zu versehen. Oder wir hätten es nun endgültig nötig, uns den die Wettbewerbe dominierenden Produktions- und Publikationsverhältnissen der arbeitsteilig operierenden Fächer anzupassen, um verbundfähiger und drittmittelstärker zu werden.

Bevor man aufbricht, um aus diesen oder anderen Gründen ein Experiment gemeinsamen Schreibens zu wagen, gibt es allerdings einiges zu bedenken. Dabei können Forschungsbeiträge helfen, die jedoch in der Mehrheit für Schreib-Situationen in der Schule oder im Studium entwickelt wurden. Weniger Hilfestellung findet man in schreibdidaktischen Anleitungen für den Versuch, tatsächlich gemeinsam einen wissenschaftlichen Text zu verfassen. Schon die vorliegende Schreibforschung umfasst aber eine große Bandbreite von Motiven und Zwecken: Hier das boot camp, zu dem sich Promovierende in der Abschlußphase versammeln, um mit Hilfe strikter Zeitpläne und simpler Belohnungsleistungen unter selbstgewähltem Konkurrenzdruck im Kollektiv möglichst viel Text zu produzieren. Dort eine kleine Gruppe von Wissenschaftler*innen, die sich in einer ausgearbeiteten Interaktions-Struktur immer wieder zusammenfinden, um Textprojekte im sorgfältig orchestrierten Dialog voranzutreiben.1 Dazwischen viel Improvisation und misslingende Versuche, weil beim Versuch gemeinsamen wissenschaftlichen Schreibens viele offene Fragen zu berücksichtigen sind.

Entscheidendes hängt z. B. schon davon ab, ob in einer Gruppe an verschiedenen Manuskripten gearbeitet oder ein gemeinsamer Text angestrebt wird. Geht es um den Prozess oder auch um das Produkt, und wie werden diese beiden Aspekte verbunden? Wie groß sollte, darf die Gruppe sein, damit individuelle und gemeinsame Ziele erreicht werden können? Wie stark muss geregelt und formalisiert werden, und welcher Zeit- und Prozessplanung bedarf es, damit der Organisationsaufwand für das kollaborative Schreiben seinen Mehrwert nicht auffrisst? Nicht trivial, aber lösbar ist zu Beginn die Frage nach der geeigneten digitalen Plattform, die gut auf das gemeinsame Projekt abzustimmen ist.

Neben diesen Anfangsfragen stellen sich weitere, die nicht ohne weiteres eindeutig zu beantworten sind. Dazu zählt die soziale Verfasstheit der schreibenden Gruppe. Wie viel Homogenität braucht es, um gemeinsam an ein Ziel zu kommen? Vermutlich formuliert, kommentiert und kritisiert es sich einfacher in einer Runde, in der Schreibende mit ähnlichen Voraussetzungen zusammenkommen. Wie moderiert sich die Gruppe aber, wenn Personen auf unterschiedlichen hierarchischen Ebenen miteinander schreiben wollen – wird sich die Professorin entspannt von einem Doktoranden redigieren lassen? Mit welchen Mitteln sind in einer heterogenen Schreibgruppe statusunabhängiger Respekt und eine produktive Arbeitsatmosphäre herzustellen, ohne in unkritischer Lobhudelei stecken zu bleiben?

Aus fachlicher Perspektive ergeben sich Nachfragen gerade in Disziplinen, in denen Sprache nicht nur ein Werkzeug der Vermittlung, sondern immer auch einen epistemischen Gegenstand darstellt. Wie geht man in einer heterogenen Gruppe mit Prägungen und Schulbildungen um, die sich ja meistens auch konzeptuell und stilistisch niederschlagen? Wo lässt man paradigmatische Vielfalt oder gar Varianten und Widersprüche zu, wo verständigt man sich darauf, Schlüsselbegriffe und Reizworte zu ‚neutralisieren‘ – und um welchen Preis geschieht dies? Kann man hier mit Wortlisten arbeiten, um vielleicht sogar zu einer neuen gemeinsamen Konzeptsprache zu kommen – wie es sich z. B. für einen gemeinsamen Antrag oder einen programmatischen Aufsatz lohnen könnte?

Aus institutioneller Perspektive schießen viele der schon angesprochenen Probleme zusammen, weil es nicht mehr nur um individuelle Motivationen und fachliche Voraussetzungen gilt. Hier ist zuallererst zu fragen, wer sich unter den Bedingungen des gegenwärtigen Wissenschaftssystems gemeinsames Schreiben leisten kann. Nimmt man die gemeinsame Sache ernst, wird sie in unseren Fächern zuerst einmal Zeit kosten, weil die kollaborative Praxis geübt werden muss – und Üben schließt Misslingen und damit Zeitverlust ein. In heterogenen Gruppen wird es sich unterschiedlich darstellen, wer dafür Zeit investieren kann – und wer nicht, weil z. B. in der Qualifikationsphase individualisierte Belohnungs-Parameter wichtiger sind. Wer kann sich unter Bedingungen eines quantifizierten und beschleunigten Wettbewerbs dafür einsetzen, in solidarische Formen von Kollaboration und Kritik ‚zu investieren‘? Wer leistet sich den Einsatz für noch unsichtbare Formen der akademischen Arbeit, die sich nicht direkt in das branding der eigenen akademischen Persönlichkeit überführen lassen? An diesen Punkten verbinden sich philologische Grundfragen nach Autorschaft und Textherrschaft mit systemischen Analysen und politischen Entscheidungen darüber, wie wir unsere Forschung und Lehre weiterentwickeln wollen; wie wir konkret und kollegial die Kriterien wissenschaftlicher Produktion verhandeln wollen.

Am KWI interessieren wir uns dafür, wie sich soziale und epistemische Aspekte kollaborativen akademischen Arbeitens zueinander verhalten. In diesem Jahr organisieren wir eine Tagung für Kolleginnen und Kollegen, die sich in geistes- und kulturwissenschaftlichen Verbundprojekten darum bemühen, neue Praktiken gemeinsamen Schreibens zu erproben. Melden Sie sich gern, falls Sie Erfahrungen beisteuern können! Wir stellen uns darüber hinaus die Frage, wie gemeinsames Schreiben und gemeinsames Lesen zusammenhängen. Könnte es z. B. weiterhelfen, Schreibgruppen und Lesegruppen im akademischen Kontext aufeinander abzustimmen? Welche Forschungsergebnisse gibt es bereits zu diesen Arbeitsformen und ihren historischen Entwicklungen?

Nicht zuletzt stellt auch der neue KWI-Blog ein Experiment kollaborativen Schreibens dar. Dieses wird uns als Institut – auch hier geht es um eine soziale Konstellation von Schreibpraxis – beschäftigen. Und gibt uns die Gelegenheit, herzlich zu Gast-Beiträgen, Kommentaren und Einsprüchen einzuladen, weil auch diese Form von Vielstimmigkeit die Kollaboration in den Geistes- und Kulturwissenschaften in Schwung bringen kann.

References

  1. Vgl. dazu https://www.researchgate.net/publication/237734831_Gemeinsam_schreiben_Das_Konzept_einer_kollegialen_Online-Schreibgruppe_mit_Peer-Feedback; zu weiteren Aspekten Stefanie Stockhorst, Marcel Lepper, Vinzenz Hoppe, Hg.: Symphilologie, Formen der Kooperation in den Geisteswissenschaften. Göttingen: v & r, 2016; und Friedolin Krentel, Katja Barthel, Sebastian Brand, Alexander Friedrich, Anna Rebecca Hoffmann, Laura Meneghello, Jennifer Ch. Müller, Christian Wilke, Hg.: Library Life. Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschend. Milton Keynes: meson press, 2015.

SUGGESTED CITATION: Griem, Julika: Gemeinsam schreiben? in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/gemeinsam-schreiben/], 09.03.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200309-0648

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