Volker M. Heins

„Hey white people, how are you?“

Johannesburg in Schwarz und Weiß

Wie in anderen Städten Südafrikas kommt man in Johannesburg nicht umhin, darüber nachzudenken, was es heißt, eine Weiße oder ein Weißer zu sein. Man fragt sich, wie sich Bedeutungspraktiken rund um das soziale Konstrukt der Hautfarbe verändern. Auffällig ist zunächst, dass Weiße, anders als in anderen Regionen des globalen Südens, wo sie meistens als ausländische Tourist*innen oder Geschäftsreisende wahrgenommen werden, in Südafrika leicht als Einheimische durchgehen. Ein deutscher Akzent im Englischen wird als Afrikaans gedeutet und schon ist man kommunikativ eingebürgert. Hinzu kommt, dass man gelegentlich direkt als Weißer angerufen wird. „Hey white people, how are you?“ ruft uns ein vieldeutig grinsender Lastwagenfahrer aus seiner Kabine zu, als ich mit Mechtild Manus vom Goethe-Institut und dem britischen Journalisten Jonny Ball durch Hillbrow laufe, ein verarmtes und berüchtigtes Stadtviertel im Zentrum der Stadt, das zahllose Schwarze aus den Townships und seit einiger Zeit auch viele Flüchtlinge aus anderen Ländern Afrikas beherbergt. Weiße – besonders solche, die zu Fuß gehen – sind in diesem Viertel eine Sensation. Vielleicht auch eine Provokation.

Südafrika ist ein Laboratorium für das, was passiert, wenn Weiße als Weiße die politische Macht verlieren und zu einer Minderheit unter anderen werden. Das Land macht im nationalen Maßstab durch, was der Welt insgesamt bevorsteht, wenn in nicht allzu ferner Zukunft die weiße Vorherrschaft auch im globalen Maßstab gebrochen wird. In Johannesburg liegt der Anteil derer, die sich selbst als „weiß“ klassifizieren, bei ungefähr 13 Prozent der Bevölkerung. Das sind einige Prozent mehr als im Landesdurchschnitt, entspricht aber ziemlich genau dem Anteil der Weißen an der Weltbevölkerung. Johannesburg als Spiegel der Menschheit: Unvergleichlich stärker als in den multikulturellen Metropolen des Westens erfährt man die vielfach segregierte südafrikanische Viermillionen-Stadt so, als würde man die Welt als ganze mit Siebenmeilenstiefeln durchqueren.

Die „Critical Whiteness“-Forschung macht darauf aufmerksam, dass Weißsein eine soziale Konstruktion ist, die Weiße zur universellen Norm gemacht haben und zugleich verleugnen. Eine Farbe haben demnach immer nur die anderen. Daher die westliche Rede von „visible minorities“, also Gruppen, die, weil sie nicht weiß sind, besonders sichtbar sind oder gemacht werden. Das fängt bei Haut und Haaren an und erstreckt sich auf Kopftücher und alles Übrige. „Critical Whiteness“ ist ein akademisches Produkt „weißer“ Länder. Anders als in diesen Ländern ist es in Südafrika für Weiße aber schwer, sich nicht als solche wahrzunehmen und nicht über die Bedeutungsschichten der Zuschreibung „weiß“ nachzudenken. Die Apartheid hat Weißsein ganz offen und legal zur Quelle von Privilegien gemacht. Entsprechend sind heute „weiße Scham“ und der richtige Umgang mit ihr ein großes Thema in Südafrika.1 Weißsein ist spürbar nicht-universell und befrachtet mit der Erinnerung an die Bedeutungspraktiken der Apartheid, in der alle guten Dinge einschließlich der Macht „for whites only“ sein sollten.

Alle guten Dinge? Nicht ganz. Tabu waren nämlich die Körper der Schwarzen, jedenfalls sofern diese Körper mehr als nur Arbeitskräfte waren. Der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee hat argumentiert, dass die Apartheid ein buchstäblich „wahnsinniges“ System war, in dem das Gesetz gegen das Begehren wütete und alles darangesetzt wurde, den Weißen wie den Schwarzen (sowie den indischstämmigen und anderen Gruppen) den Spaß aneinander und das elementare Recht auf Interaktion und Intimität zu nehmen.2

Ponte Tower, Südafrika
Ponte Tower, Südafrika. Foto: www.eurocles.com

Die Wahrheit dieses Satzes kann man am Beispiel des Ponte Tower im heute schwarzen Stadtteil Berea verdeutlichen. Das 55-stöckige, zylinderförmige Apartmenthochhaus wurde in den Siebzigerjahren für die gehobene weiße Mittelschicht gebaut, wobei die obersten beiden Stockwerke dem schwarzen Dienstpersonal vorbehalten waren. Es galten die strengen Regeln der Apartheid: keine gemeinsame Nutzung der Fahrstühle, getrennte Reinigung der Wäsche und natürlich kein Sex. Weder die schwarzen Dienstmädchen und Hausmeister noch die urbane Mieter- und Käuferschar der schicken Apartments hielten sich jedoch an die Regeln. Wiederkehrende Verstöße insbesondere gegen das Beziehungsverbot zwischen Weißen und Schwarzen führten schließlich dazu, dass die Stadtverwaltung die Versorgung des Gebäudes mit Strom und Wasser einstellte und irgendwann auch die Müllabfuhr nicht mehr kam. Die Weißen ergriffen die Flucht in die Vororte. Das Gebäude fiel in die Hände von Drogendealern, Prostituierten und bewaffneten Gangs, die nun im Herzen der Stadt ein weithin sichtbares Hauptquartier hatten. Der Müll wurde in den Innenhof des Hochhauses geworfen und türmte sich irgendwann bis auf die Höhe des vierzehnten Stockwerks. Angeblich befanden sich in dem Müllberg auch die Leichen von Selbstmördern, die vom Dach des Hochhauses gesprungen waren. Kein Wunder, dass Südafrikas „Tower of Trouble“ – wie überhaupt die ganze inner city von Johannesburg – längst zur begehrten Kulisse für Gangster- und Zombiefilme und zu einem Bestandteil des urbanen Imaginären geworden ist.3

Inzwischen ist der Turm wieder bewohnbar gemacht worden, ein Symbol der Hoffnung für Johannesburg nach dem Ende der Apartheid vor 26 Jahren.4 Junge schwarze Familien bestimmen das Bild im schwer bewachten Eingangsbereich des Gebäudes, wo sich die Bewohner und Bewohnerinnen mit biometrisch erfassten Fingerabdrücken oder Besucherausweisen identifizieren müssen. Drei bis vier Prozent der Mieter sind Weiße, erklärt mir Khalifa von der Initiative Dlala Nje (Zulu für „Lasst uns spielen“).

Maboneng, Johannesburg. Foto: Volker Heins.
Maboneng, Johannesburg. Foto: Volker Heins.

Der weiße Rassismus hat seinen Anker in den Institutionen des Landes verloren und äußert sich heute in der Abwehr weißer Scham. Rassistische Vorfälle und Übergriffe auf Schwarze sind nach Angaben der südafrikanischen Menschenrechtskommission selten. Im öffentlichen Diskurs dominiert eher die Rede vom umgekehrten Rassismus der Schwarzen gegenüber den Weißen. Das rassistische Unwort für Schwarze ist kaffir, das dem euroamerikanischen N-Wort entspricht. Umgekehrt sagen Schwarze manchmal umlungu zu Weißen. Das ist Zulu und heißt „weißer Mann“, meint aber auch den weißen (Ab-)Schaum, den die Wellen am Meer hinterlassen. Spuren solcher anti-weißen Feindseligkeit finden sich hier und da im öffentlichen Diskurs. Es gibt einen schwarzen Populismus, einen identitären Bantu-Nationalismus und, man glaubt es kaum, eine kleine „Black First“-Bewegung, die die weiße durch eine schwarze Vorherrschaft ersetzen möchte. In dem Lokal The Roving Bantu Kitchen in der Caroline Street habe ich mit einem stadtbekannten Aktivisten gesprochen, der nach einigen Bieren der Marke „Soweto Gold“ von glorreichen Zulu-Königen schwadronierte und Nelson Mandela zu einem Weißen erklärte. Solche Stimmungen werden ebenso wie die Kriminalität seit Jahren von kontroversen Künstlern wie dem Musiker Steve Hofmeyr und rechtsextremen Zirkeln ins Maßlose übertrieben und zum Angstbild eines drohenden „weißen Genozids“ verdichtet.5

Ein wirklich ernstes Problem sind demgegenüber die wachsenden sozialen und ethnischen Spannungen innerhalb der schwarzen Gesellschaft. Angesichts zahlreicher, nicht selten tödlicher Angriffe auf Migranten aus Zimbabwe, Somalia, Malawi oder Mosambik hat der Philosoph Achille Mbembe neulich in Johannesburg sogar von „black-on-black racism“ gesprochen.6 Mitarbeiterinnen des African Centre for Migration & Society an der Universität Witwatersrand finden das Wort jedoch falsch und sprechen lieber von politisch erzeugter und instrumentalisierter Xenophobie.

Das Land gehört allen, die in ihm leben, heißt es in der Präambel der Verfassung Südafrikas, der vielleicht progressivsten der Welt. Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis dieses Versprechen eingelöst worden ist und alle, wie es im Ponte Tower heißt, „miteinander spielen“.

References

  1. Vgl. z. B. Christi van der Westhuizen (2017), Sitting Pretty: White Afrikaans Women in Postapartheid South Africa, Pietermaritzburg: University of KwaZulu-Natal Press.
  2. Vgl. J. M. Coetzee (1991), “The mind of apartheid: Geoffrey Cronjé (1907‐)”, in: Social Dynamics, Vol. 17, No. 1, S. 1-35. https://doi.org/10.1080/02533959108458500.
  3. Vgl. z. B. den Roman von Phaswane Mpe (2011), Welcome to Our Hillbrow: A Novel of Postapartheid South Africa (Erstveröffentlichung 2001), Athens, Ohio: University of Ohio Press.
  4. Vgl. “South Africa’s Tower of Trouble” (2014); https://youtu.be/3EIKmmSifqw
  5. Vgl. Andile Zulu (2019), “Dissecting White Genocide: What is to be feared and why?”, in: Daily Maverick (Johannesburg), 1. April; https://www.dailymaverick.co.za/opinionista/2019-04-01-dissecting-white-genocide-what-is-to-be-feared-and-why/
  6. Achille Mbembe (2019), “Blacks From Elsewhere and the Right of Abode (Ruth First Memorial Lecture 2019)”, in: New Frame (Johannesburg), 4. Oktober; https://www.newframe.com/ruth-first-memorial-lecture-2019-achille-mbembe/

SUGGESTED CITATION: Heins, Volker M.: „Hey white people, how are you?“ Johannesburg in Schwarz und Weiß, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/hey-white-people-how-are-you/], 09.03.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200309-0647

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