Mirjam WittigLetzte Sätze

Letzte erste Sätze ODER Warum man etwas nicht aufgibt ODER Was man nicht aufgeben darf ODER Vom Dranbleiben

Letzte erste Sätze ODER Warum man etwas nicht aufgibt ODER Was man nicht aufgeben darf ODER Vom Dranbleiben Erschienen in: Letzte Sätze Von: Mirjam Wittig

1.

Hier zum Anfang eine Reihe von Sätzen, die ich mir schwer erarbeitet habe:
Alle unternommenen Versuche, von der Welt zu erzählen, finden in der Welt statt.
Diese Welt verändert sich ständig und nicht immer „zum Besseren“.
Angesichts einer sich mit jeder Veränderung katastrophischer anfühlenden Welt erscheinen die unternommenen Versuche, in einem Buch von der Welt zu erzählen, von Zeit zu Zeit sinnlos.
Etwas erzählen wollen bedeutet, eine Haltung mit Kipppotenzial einzunehmen: sich dauerhaft weit genug offen zu halten für veränderte Realitäten, ohne mit jeder Veränderung in der Realität alles verwerfen zu müssen, was für die Erzählung galt.

An meinem zweiten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Wechselfeuchte“ arbeite ich seit vier Jahren, ein Ende scheint nicht in Sicht. Die ersten Seiten schrieb ich 2021, als vor allem die Pandemie die Realität bestimmte. Ich wohnte damals temporär in Wien, in einem Raum mit einem Fenster, durch das man in einen engen Schacht hinaussah. Im Sommer dieses Jahres, kurz vor meiner Abreise, wurden die Beschränkungen kurzzeitig gelockert – ich ging auf meine erste Pride Parade und zeigte wenig später in der Uni die neuen Seiten zum ersten Mal her. An die Rückmeldung denke ich seither in regelmäßigen Abständen:
Ich habe den Eindruck, du weißt noch nicht genau, was du erzählen willst.

Der Ordner, in dem ich kontinuierlich arbeitete, wechselte immer etwa nach einem Jahr seinen Namen. Anfang 2022 hieß der Ordner gerade „Moor“ (denn vom Moor, immerhin so viel weiß ich, will ich seit 2021 erzählen).
Ende 2022 hieß der Ordner gerade „Sima“ (denn auch von Sima und einer unmöglichen Begebenheit will ich erzählen).
Im Herbst 2023 hieß der Ordner gerade „MOOR & SIMA“.
Im Frühsommer 2024 hieß der Ordner gerade „NEU ANSETZEN“.
Im Hintergrund meines Laptops sieht man in einem geöffneten Fenster den Browser, über den sich die nicht abreißende Spur von Nachrichten aus aller Welt abspult, Anfang 22, Ende 22, Herbst 23, Sommer 24. Die Realität der Quarantäne wurde abgelöst von Neuigkeiten vom Krieg, von Wahlergebnissen, von Flutkatastrophen, von Wahlergebnissen, von Protesten, von Erdbeben, von Kriegsausbrüchen, von Großbränden.

Jedes Mal, wenn der Ordner, in dem ich arbeitete, für zwei Liebeskummer-Wochen vom Desktop verbannt, dann zurückgeholt, leergeräumt und umbenannt wurde, war da dieses Gefühl, doch wieder gegen eine der Wände des Schachts gelaufen zu sein, den ich längst nicht mehr bewohnte. Im Winter 2022 war es so weit, im Herbst 2023 war es wieder so weit: Irgendwas stimmte nicht, irgendwas stimmte immer noch nicht. Was ist die richtige Reihenfolge? Wer soll aus welcher Distanz wovon erzählen? Was fehlt, was ist zu viel?
Die bereits verworfenen Gedanken bildeten mit der Zeit eine dicke Mudde. Noch dicker aber wurde der Schlick alter Szenen, die doch immer wieder ihren Weg in den neuen Entwurf fanden.
Warum konnte ich das Projekt nicht aufgeben? Ich konnte es ja ganz offensichtlich nicht – oder noch nicht – schreiben.

In den letzten Jahren wurde die Wiedervernässung entwässerter Moore als relevanter Baustein im Kampf gegen die sich heftig beschleunigende Klimakatastrophe entdeckt. Dafür muss das Grundwasser in einem ausgebeuteten Boden wieder angehoben werden. Trockener Grund muss aufgeschwemmt – ent-festigt werden. Was mich besonders fasziniert: Eine historische Kulturleistung, etwas, das ein Fortschritt und Siegeszug der Zivilisation war, hat sich als Irrtum herausgestellt. Flüsse, die einmal zur Entwässerung in Gebiete umgeleitet wurden, werden nun wieder aus den Gebieten herausgelegt. Begradigtes muss ent-gradigt werden. Nach der Kolonisierung muss jetzt der Rückzug angetreten werden.

Beim Weiterarbeiten an meinem Projekt verwandelte der Satz Ich habe den Eindruck, du weißt noch nicht genau, was du erzählen willst sich in eine quälende Frage: Warum kann ich es nicht einfach aufgeben?

Im Verlauf meiner Recherchen über Moorschutz und Wiedervernässung erhielt ich Antworten auf die Frage, warum die Leute, die „im Feld“ arbeiten, ihre mühsamen, kleinteiligen und unglaublich langwierigen Kämpfe nicht aufgeben; gegen eine Agrarpolitik, die die Entwässerung und Ausbeutung von Böden subventioniert, gegen schlechte hydrologische Bedingungen – und warum sie die Konflikte um winzige Flächen tapfer weiterführen, mit Landwirt:innen und manchmal sogar mit Naturschützer:innen, die bei nasserem Boden einzelne Arten bedroht sehen.

Den Moorwissenschaftler:innen hilft der Zeithorizont ihrer Disziplin: Sie sind es gewohnt, durch eine Linse mit dem Weitwinkel von hunderttausenden Jahren zu blicken. Innerhalb dieses Rahmens wird sich der Verhandlungsprozess um einen einzigen Acker, der sich nun schon unverhältnismäßige vier Jahre zieht, immer lohnen.
Meine liebste Antwort ging so: Wenn wir hier einen Staudamm bauen, ist das kein Großes und Ganzes. Aber ich bin Generalist: Irgendein Leben wird schon dabei rauskommen.

Im Herbst 2023 war ich auf mehreren Ebenen meines Lebens verzweifelt und festgefahren. Am frühen Abend ging ich mit meiner Gastgeberin spazieren. Ich wohnte wieder temporär, diesmal im Herrenhaus Edenkoben in der Pfalz. Für ein paar Monate zeigte der Blick aus dem Fenster mir idyllisch bunt werdende Weinberge und alle zwei Tage einen spektakulären Regenbogen. Von den Regenbögen eher bedrängt als ermutigt, versuchte ich mich abzulenken, indem ich Barbara von meinen Zweifeln und dem Gefühl erzählte, das Moor, oder die richtige Erzählweise für das Moor, würde sich mir ständig entziehen. Um uns tobte ein Sonnenuntergangsspektakel, für das wir alle paar Meter innehalten und das Gespräch unterbrechen mussten.
Auf mehreren Ebenen gleichzeitig verzweifelt, wie ich war, und in dieser Kulisse, ließ ich mich zu ein bisschen Drama hinreißen. Ich sagte:
Ich habe Angst, auch dann nicht aufgeben zu können, wenn ich sollte, wegen der Hoffnung, dass es besser und anders wird. Das heißt, ich habe Angst vor meiner eigenen Hoffnung.
Du weißt da etwas.
Der Satz, den Barbara nach kurzem Nachdenken beim Weitergehen sagte, wurde zu einem Fixpunkt, zu dem ich seither oft zurückgekehrt bin: Wenn es dich nicht loslässt, dann heißt das, dass du etwas weißt. Vielleicht ist noch nicht klar, wie es raus kann, aber es ist da.

2.

Heute ist 2025 und ich schreibe diese Sätze wieder in Wien. Diesmal zeigt der Blick aus dem Fenster meiner temporären Bleibe vor allem die Pflastersteine im Hof des Museumsquartiers. Manchmal sammeln sich dort Teenies zum Rauchen und Knutschen, manchmal nehmen dort Männer im Anzug Porträtfotos voneinander auf. An meinem ersten Donnerstag hier findet eine Großdemonstration vor dem österreichischen Kanzleramt statt. Das Ziel: Unbedingt verhindern, dass eine Regierung unter Herbert Kickl und seiner FPÖ zustande kommt. Mit der Beauftragung des rechtsextremen Kickls zur Regierungsbildung nimmt die Realität wieder eine der schnellen Wendungen, die sich inzwischen vertraut, aber noch immer bedrohlich anfühlen. Ich stehe vor dem Volkspark mit anderen, die die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte nicht verlieren wollen. Auf den Schildern geht es um Asylpolitik, NGOs, Antirassismus, um Klimaschutz und queere Rechte.
Ich denke, dass die politische Gegenwart allerspätestens seit Trumps Inauguration eine Art begehbare Doomscrolling-Installation ist – und empfinde echte Angst vor der deutschen Bundestagswahl, die meinen Arbeitsaufenthalt in Wien beenden wird.
Du weißt da etwas.
Plötzlich kommt mir dieser mein ganz privater Ankersatz in den Sinn – mein Wunsch, aufzugeben, und dieser Satz. Du weißt da etwas.
Ich weiß, und alle, die wir hier stehen, wissen, dass die auf den Postern hochgehaltenen politischen items – Recht auf Asyl, NGOs, Antirassismus, Klimaschutz, queere Rechte – zuerst bedroht sein werden in Zeiten rechter Regierungen. Ich und alle, die wir hier stehen, wissen aber auch, wie viel mehr als Schilder diese items sind, dass sie Zeugnisse sind von etwas, das die Philosophin Corine Pelluchon als Wunsch formuliert,

eine Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt zu haben, die keine Herrschaftsbeziehung ist.1

Wir stehen hier und wir wissen mit Bestimmtheit, dass diese Schritte in die richtige Richtung gingen. Das hier ist, was es auf keinen Fall aufzugeben gilt, gerade jetzt, da die äußeren Bedingungen sich so schnell verändern, dass sie die Zukunft zu verschlucken scheinen.

In ihrem Buch Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe streicht Corine Pelluchon die besondere Bedeutung heraus, die Verzweiflung für das Aufkommen von Hoffnung hat.

Es gibt keine Erfahrung von Hoffnung ohne die vorherige Erfahrung eines kompletten Horizontverlusts.2

Wie eine säkulare Version von Gnade erscheint diese Hoffnung, sie lässt sich nicht erzwingen und unterscheidet sich von Optimismus. Als Ja-trotz-alledem ereilt sie einen gerade in Momenten der Ohnmacht, wie mich privat der Satz Du weißt da etwas ereilt hat.

Die Hoffnung ermöglicht es, im Jetzt zu leben und dabei auf das zu achten, was die Gegenwart zu bieten hat, aber sie ist vor allem in der Lage, das zu sehen, was in der Gegenwart untergründig bereits am Werk ist und einen Erwartungshorizont bildet, der über die aktuellen Errungenschaften und sogar über die Vorstellung eines Umschwungs hinausgeht.3

Während in den USA vor dem Weißen Haus der Schriftzug Black Lives Matter aus dem Boden gerissen wird, gilt es, wo wir stehen, alle diese Zeichen hochzuhalten: Die T-Shirts mit Leave No One Behind und Refugees Welcome nicht in vorauseilender Angst im Schrank zu lassen. Die Regenbögen zu verteidigen. Sätze, die sich wie letzte Sätze anfühlen, als erste Sätze auszusprechen.

3.

Zurück in Berlin in meiner Wohnung, aus der ich, weil es Berlin ist, leider bald ausziehen muss, habe ich zumindest vor meiner Hoffnung keine Angst mehr. Im letzten Sommer lag das Romanprojekt zum ersten Mal für ganze 70 Tage unberührt und losgelassen da. Ich dachte, ich würde es vielleicht nie wieder aufnehmen.
Seit wenigen Monaten gibt es nun den aktuellen Ordner – Neu3000 – und darin findet sich beinahe kein recycelter Text mehr. Sogar die lange Zeit noch mitgeschleppten ersten Seiten aus Wien liegen seitdem bei den anderen verworfenen. Ich stelle mir vor, alle im Laufe der Arbeit an diesem Projekt aussortierten Seiten hätte ich ausgedruckt und in jenen Schacht geworfen, den ich 2021 bewohnte. Mit Regen, Schnee, Hagel, Taubendreck und Zeit ist diese Matsche zu dem Boden geworden, auf dem ich jetzt stehe – und immer noch ans Moorprojekt glaube.

Die Hoffnung wurzelt in dem, was uns mit dem Leben verbindet.4

Und ich stelle mir vor, dass es eine tiefe Verbindung gibt zwischen dem Text Wechselfeuchte und dem Moor, von dem er erzählen will. Moor entzieht sich gerade durch seine Wechselfeuchte der vorschnellen Festschreibung in eine bestimmte Form. Moor ist ein Gestaltwandler. Und: Es entsteht unfassbar langsam. Ein intaktes Moor bildet nur einen einzigen Millimeter Torf im Jahr.
I am in it for the long run.

References

  1. Pelluchon, Corine (2023): Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe, München: C.H.Beck, S. 89, https://doi.org/10.17104/9783406807558.
  2. Ebd., S. 9.
  3. Ebd., S. 76.
  4. Ebd., S. 43.

SUGGESTED CITATION: Wittig, Mirjam: Letzte erste Sätze ODER Warum man etwas nicht aufgibt ODER Was man nicht aufgeben darf ODER Vom Dranbleiben, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/letzte-erste-saetze-oder-warum-man-etwas-nicht-aufgibt-oder-was-man-nicht-aufgeben-darf-oder-vom-dranbleiben/], 31.03.2025

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20250331-0830

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