Antonia VillingerDavid KernVictoria HercheKLIMA

Von der Klimakatastrophe erzählen

Von der Klimakatastrophe erzählen Zum Verhältnis von Energie und Klima anhand von Nathaniel Richs Roman "Odds against Tomorrow" Erschienen in: KLIMA Von: Antonia Villinger, David Kern, Victoria Herche

„For all we knew, there might have been, beneath the blooming clouds of ash, an abyss as deep as the center of the earth“

– Nathaniel Rich

Abb. 1: Empire State Building im Rauch, https://en.wikipedia.org/wiki/2023_Canadian_wildfires#/media/File:Empire_State_Building_on_June_7,_2023.jpg (letzter Zugriff: 13.02.2024)
Abb. 2: Überschwemmung in New York, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:09292023_NYC_flash_floods_Flatbush_Brooklyn_Prospect_Park.jpg (letzter Zugriff: 13.02.2024)

Geflutete Straßen, ein Himmel gezeichnet von rot-orangenem Rauch, das Empire State Building, verdeckt von Rauchschwaden. Bilder von außer Kontrolle geratenen Feuerfronten, die vor allem die kanadischen Provinzen British Columbia und Alberta im Sommer 2023 im konstanten Notstand hielten. Diese drastischen Eindrücke sich zusehends intensivierender Feuer- und anschließender Flutkatastrophen in Nordamerika sind nur das rezenteste Bild global sicht- und spürbarer Effekte des menschengemachten, des sogenannten anthropogenen Klimawandels (siehe dazu Abb. 1 und 2). Die Aufnahmen verdeutlichen nicht nur den eklatanten und direkten Einfluss des anthropogenen Klimawandels auf das alltägliche Leben. Sie sind gleichsam ein visuelles Zeugnis – eine Diagnostik – komplexer Wechselwirkungen.

In seinem breit rezipierten Aufsatz The Climate of History: Four Theses zeigt Dipesh Chakrabarty eindringlich auf, dass die Freiheiten und Errungenschaften der industriellen Gegenwart gänzlich auf der exzessiven Nutzung fossiler Energieträger beruhen. Chakrabartys Analyse eröffnet eine unausweichliche Einsicht: „Most of our freedoms so far have been energy intensive.“1 Wenn dies der Fall ist, lesen wir in den Bildern von immer extremeren Umweltkatastrophen – nachweislich eine unmittelbare Konsequenz industrieller Emissionen – einen Spiegel einer national und global steigenden Nutzung fossiler Energien. Daraus lässt sich ableiten, dass die aktuelle Klimadebatte kaum ohne Energie und Extraktion fossiler Ressourcen als Stichworte zu denken ist. Klima, so wie es im Rahmen dieser Blog-Reihe diskutiert wird, muss deshalb im Wechselverhältnis von Energie, gesellschaftlichem Wandel, Risiko und Chancen gedacht werden. Aus diesen Aspekten lässt sich ebenso schlussfolgern, und diesen Punkt möchten wir näher beleuchten, dass Klimaliteratur nicht ohne Energie als zentraler Komponente gedacht werden kann. Kurzum, Klimatexte sind immer auch Energietexte.

Aber wie stehen die zwei in New York City zu beobachtenden Wetterextreme – Rauchschwaden aufgrund von Waldbränden in Kanada und Überflutung evoziert durch starke Regenfälle – in Beziehung zur Literatur? Und welche Rolle kommt Literatur in der Repräsentation solcher wechselnden Extreme und innerhalb der Vermittlung von Energie- und Klimadiskussionen zu? Im Folgenden werden wir anhand des Romans Odds Against Tomorrow (2013) des amerikanischen Autors Nathaniel Rich aufzeigen, dass Literatur eine zentrale Stellung in der Vermittlung und Beschreibung von Klimakatastrophen einnehmen kann. Dafür geben wir zunächst einen kurzen Überblick zum Verhältnis von Energie und Literatur und schließen diesen Ausführungen ein close reading exemplarisch ausgewählter Textstellen aus Richs breit rezipiertem Roman an.

Zum Verhältnis von Energie und Literatur

Die globale Klimakrise und die (inter-)national geforderte Energiewende prägen den gegenwärtigen wirtschafts-, gesellschaftspolitischen und öffentlichen Diskurs maßgeblich. Die besondere Bedeutung von Energie „as a fundamental element of human life“2 stand folglich auch im Mittelpunkt der vergangenen Weltklimakonferenz in Dubai (COP 28). Das für literarische und kulturelle Produktion (trans-)formative Potential von Energie fasst der kanadische Kulturwissenschaftler Imre Szeman wiederum wie folgt zusammen: „Leaving energy out of our picture of modernity has meant that we lack a full understanding of the forces and practices animating its politics and economics, as well as its social and cultural life.“3 Die Literatur unserer Gegenwart ist unausweichlich von ebendiesen Klima- und Energiefragen geprägt, auch wenn, so unsere Beobachtung, Energie bereits seit mehreren Jahrhunderten eine bedeutsame Stellung in literarischen Texten einnimmt.

Denn nicht erst seit der Entwicklung moderner Technologien ist Energie ein zentrales Element; schon immer sind menschliches Leben und menschliche Kultur von verschiedenen Formen der Energie abhängig. In vorindustriellen Gesellschaften prägen insbesondere Holz, Torf, Tran, Wasser und Wind das tägliche Leben. Mit Beginn der industriellen Revolution werden diese von anderen Energieträgern wie Gas, Öl und Kohle abgelöst, ab Mitte des 20. Jahrhunderts wird vermehrt Uran zur Energiegewinnung verwendet. Wirkmächtige Texte der Weltliteratur – wie u.a. Novalis’ Heinrich von Ofterdingen (Deutschland, 1802), Herman Melvilles Moby Dick (USA, 1851), Émile Zolas Germinal (Frankreich, 1885), Bram Stokers The Snake’s Pass (Irland, 1890) sowie Upton Sinclairs King Coal (USA, 1917) und Oil! (USA, 1927) – zeichnen diese parallele Entwicklung von Energie und Kultur nach und setzen sich mit Energiefragen auseinander. Diese Texte zeugen von einer Beschäftigung mit sozialpolitischen und ethischen Fragen, die u.a. von Themen wie Energiegerechtigkeit, ökologische Ausbeutung und Ressourcenknappheit, Arbeitsrecht und -bedingungen sowie Machtstrukturen durchzogen sind. Hier fungiert Literatur als Nachweis einer sich verändernden Energiepolitik und -wirtschaft. Zugleich zeigen diese Texte eine gemeinsame Traditionslinie im anglophonen und kontinental europäischen Kontext auf, in welcher Energie als zentrales Movens von Textproduktion hervortritt.

Mit Blick auf die aktuellen Ausmaße der weltweiten Klimakrise scheint das verstärkte Aufkommen von Energie in gegenwärtiger Literatur kaum überraschend. Aufgrund der wechselseitigen Beziehung von Energie und Gesellschaft, vermittelt durch kulturelle Produktion, plädieren wir – auch innerhalb des von uns gegründeten und von der DFG geförderten Netzwerks „Energie und Literatur: Texte, Theorien und Methoden aus komparatistischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive“ – für eine systematische Auseinandersetzung mit Energie, besonders in Kunst und Kultur.

Nathaniel Richs Odds Against Tomorrow als (Klima-)Krisenroman

Inwiefern zeitgenössischer Literatur mit Blick auf Klimafragen eine zukunftsweisende Funktion zukommt, zeigt besonders der 2013 publizierte Roman Odds Against Tomorrow. Richs Text wird nicht selten als ein moderner ‚Klassiker‘ innerhalb eines sich bildenden Kanons zeitgenössischer Klimaliteratur gelesen. Zentraler Handlungsort ist das gegenwärtige New York City, welches im Verlauf des Textes Schauplatz extremer Wetterereignisse wird: in einer dramatischen Wechselbewegung von extremer Hitze hin zu einer katastrophalen, Hurricane-bedingten Sturmflut. Lesende folgen dem Protagonisten Mitchell Zukor – einem begnadeten Mathematiker mit einer Obsession für (historische) Desaster-Szenarien und fasziniert von gigantischen Datenmengen, Erklärungsmustern und Wahrscheinlichkeiten. Kern der Handlung ist Mitchell Zukors Leben als Top-Analyst bei FutureWorld, einer fiktiven Versicherungsagentur mit Spezialgebiet in extremer Risikoversicherung für Konzerne und die Oligarchen dieser Welt. Zukors Arbeitsgebiet ist das Geschäft mit dem ewig Hypothetischen, dem allzeit Möglichen sowie mit existenzieller Angst und dem menschlichen Überlebenstrieb im Angesicht einer immer chaotischeren und zusehends als gefährlich empfundenen Welt. Sicherheit vor dem Chaos der Außenwelt wird zum Kern einer Erzählung über die Ambivalenzen und Brüchigkeiten einer technologisierten Gegenwart. Das Wechselspiel von Fortschritt und Risiko, Chance und Katastrophe kennzeichnet sowohl die narrative Struktur des Romans als auch die Persönlichkeitsstruktur seines Protagonisten:

He would force them to look out the windows of their skyscrapers and see what was going on. Inside the glass towers it was the twenty-first century – fiber optics, silent supercomputers, temperature control to the tenth of a degree Fahrenheit. But just outside, where the thermostat was wildly out of control, it was still the Dark Ages: pantomiming prophets, barefoot beggars, plague and pestilence.4

Der Roman konstruiert eine als unberechenbar gelesene Natur und Umwelt als Gegensatz zur technologisch-industriellen Zivilisation. Dadurch formuliert er eine tiefgehende Kritik am sogenannten Anthropozän: Technologische Präzision und gesellschaftliche Fähigkeiten zur Manipulation stehen hier im Kontrast zu einer letztlich übermächtigen natürlichen Gewalt. FutureWorlds Geschäftsmodell (und Zukors Arbeit als Analytiker) sind tief geprägt von der kapitalistischen Ausschlachtung tiefsitzender Ängste, eine Betriebskultur erbaut auf etwas, das Richs auktorialer Erzähler in einem frühen Kapitel als „a future-affected anxiety disorder“ beschreibt.5 Abseits von Profit motiviert ihn ein scheinbar intuitives Gespür für die Realität hinter Daten und Spekulation: „He could feel it intuitively: disaster was real, and it was coming fast, like an asteroid plummeting from the sky.“6

Zukors intuitives Gespür für Gefahr erweist sich im Zuge sich zuspitzender Wetterextreme als täglich rentabler für FutureWorlds Geschäftsstrategie, speziell im Kontext einer extremen Hitzewelle, welche Klima, Krise und nicht zuletzt Energie thematisch mit Ressourcenknappheit verbindet:

Garbage burst into flames spontaneously, but the fire department had been ordered to let these small fires burn themselves out. There was no water to spare. They had to save the water for the expensive fires, the ones that threatened full city blocks and office towers and glassy high-rises. […] If only a big storm came along, said the meteorologists. Better yet, a series of big storms. If only.7

Richs Roman präsentiert extreme Wetterphänomene innerhalb eines kapitalistischen Gesellschaftssystems. Wasser als lebensnotwendige Ressource erweist sich als knappes Gut. Feuer, welche den Himmel mit Rauchschwaden bedecken, können aufgrund der Wasserknappheit kaum gelöscht werden und ein sich von Innen selbst aufheizendes New York findet sich im Zustand sozialer Triage. Nur eine nächste Katastrophe, die ihrerseits neue Extremformen von Risiko birgt, vermag die Hitze aufzulösen. Richs Auseinandersetzung mit extremen Wetterphänomenen (als lokale Symptome eines massiv verschobenen Weltklimas) konstruiert somit in den Worten Eva Horns ein ambivalentes „paradigm for a future awaited full of hope and fear“.8 Dieses ist eng an eine urbane, industrielle Welt gekoppelt, die buchstäblich von den materiellen Spuren exzessiver Nutzung fossiler Energie gezeichnet ist:

For months the earth had been drying out and flaking away. The land had been starved to death, abused, murdered. He realized that, having dedicated his research to extreme drought scenarios, he’d suffered a failure of the imagination. He hadn’t considered what might happen in the case of deluge. There were precedents, he quickly discovered. Most recently the 2011 Queensland floods, which drowned nearly a quarter of Australia, had followed a decade of drought.9

Die vom Text gewählten Bilder einer sterbenden Erde verdeutlichen den katastrophalen Effekt des menschlichen Umgangs mit Ökosystemen. Doch die im Text beschriebene Misshandlung sowie ‚Ermordung‘ der Erde bleiben nicht ohne Konsequenzen: Flut folgt der extremen Hitze. Als Beispiel fungiert die in dem Zitat genannte desaströse Flut im australischen Bundesstaat Queensland von 2011 als zusätzliche, realweltliche Referenz; eine weitere Referenz sind die eben genannten Überflutungen von New York im Jahr 2023. Auch in Richs Text hält eine ähnliche Überflutung Einzug:

Third Avenue was now a canal, the water so high it had begun to spill over the curb. The ramp that led from the avenue to the Queens Midtown Tunnel was a cascading stream, the water leaping over itself as it rushed down the incline. The wind levitated the crushed skeletons of umbrellas, garbage cans, chunks of scaffolding. Bricks blurred through the air, hurtling like poorly thrown footballs until they pulverized against the sides of buildings. Or shot through windows.10

Die rapide voranschreitende Zerstörung New Yorks durch die Sturmflut Tammy bildet den Kern von Richs Auseinandersetzung mit Klima, Krise und den katastrophalen Konsequenzen fossiler Abhängigkeit. Dabei liegt die besondere Schlagkraft des Textes in seiner unbeschönigten bildlichen Klarheit sowie der konsequenten Radikalität, mit welcher die Sturmflut als ein lokales Wetterextrem in seinen disruptiven und transformativen Potentialen rigoros ausbuchstabiert wird:

Through the hole in the window he peered out at a new world. The sun touched lightly upon the balustrade of the tenement buildings across the street. Most of the windows were shattered or blown out entirely; one had been plugged with a waterlogged queen-size mattress. A white spotlight advanced north along the river that was once, very long ago, Third Avenue. The waters of the flood were upon the earth.11

References

  1. Chakrabarty, Dipesh (2009): The Climate of History: Four Theses, in: Critical Inquiry, Bd. 35, Heft 2, S. 208, https://doi.org/10.1086/596640.
  2. Szeman, Imre (2017): Conjectures on World Energy Literature: Or, What Is Petroculture?, in: Journal of Postcolonial Writing, Bd. 53, Heft 3, S. 277, https://doi.org/10.1080/17449855.2017.1337672.
  3. Ebd.
  4. Rich, Nathaniel (2013): Odds against Tomorrow, New York: Picador, S. 63.
  5. Ebd., S. 51.
  6. Ebd., S. 106f.
  7. Ebd., S. 102f., Hervorh. i.O.
  8. Horn, Eva (2018): The Future as Catastrophe: Imagining Disaster in the Modern Age, New York: Columbia University Press, S. 57, https://doi.org/10.7312/horn18862.
  9. Rich 2013, S. 122f.
  10. Ebd., S. 153f.
  11. Ebd., S. 160f.

SUGGESTED CITATION: Herche, Victoria; Kern, David; Villinger, Antonia: Von der Klimakatastrophe erzählen. Zum Verhältnis von Energie und Klima anhand von Nathaniel Richs Roman "Odds against Tomorrow", in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/von-der-klimakatastrophe-erzahlen/], 18.03.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240318-0830

Write a Reply or Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *