Martina FranzenSzenen aus dem Wissenschaftsalltag

Bitte bewerte mich!

„Wie hat Ihnen das Publikationserlebnis bei Zeitschrift X gefallen?” Ich bin überrascht. Der wissenschaftliche Großverlag Springer interessiert sich neuerdings für Kundenzufriedenheit. Schön. Ich bin trotzdem überfragt. Hat es mir gefallen? Was genau bewerte ich, wenn ich es bewerte? Wozu?

Kundenbewertungen sind heute an der Tagungsordnung. Jede Buchung bei Amazon, Booking.com oder Airbnb zieht in der Regel eine Bewertungsaufforderung nach sich. In der Rolle des Kunden bildet in der Regel ein faires Preis-Leistungsangebot die Grundlage der Bewertung. Bewertungen dienen somit dem nächsten Kunden, wenn es darum geht, jenseits der Selbstbeschreibungen der Betreiber die Servicequalitäten bspw. eines Hotels zu sondieren. Diese Fremdbeschreibungen sind dann oft sehr persönlich gehalten. Im Falle wissenschaftlicher Zeitschriften ist es anders. Ihre Betreiber sind Verlage. Als Autorin bzw. ‚Kundin‘ habe ich kein persönliches Verhältnis zu ihnen, erst recht nicht, wenn sie von anonymen Großverlagen wie Springer betrieben werden.

Verlage kommen immer erst am Ende ins Spiel, wenn es bei der Darstellung der Ergebnisse um formale Richtlinien geht. Wenn das Klein-Klein des Referenzierungsstils in Anschlag gebracht wird. Wenn man als Autor*in penibel darauf achten muss, dass am Ende nicht noch unnötige Fehler im Manuskript landen, weil ein Copy-Editor aus den Niedriglohnländern die Sprache nicht versteht. Wenn einem kurz vor Schluss das unmoralische Angebot gemacht wird, die Verwertungsrechte des Artikels zu be- oder erhalten, allerdings nur per Zahlung einer nicht geringen Gebühr (Open Choice für Open Access). Egal, wie die Zeitschrift X und ihre Herausgeber*innen im Vorfeld bis zur Publikationsentscheidung agiert haben, der Verlag bleibt ein Ärgernis, ein Systemfehler. Wer sogar einmal versucht hat, bei Springer & Co. einen ganzen Band herauszugeben, der weiß, dass einen die Zusammenarbeit mit einem internationalen Großverlag nah an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen kann. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht angesichts der redaktionellen Willkür ohne Sachverstand. Ist das Buch endlich erschienen, mag man es kaum mehr betrachten: Zu viel unnötige Energie ist reingeflossen, die man dem Endprodukt leider kaum mehr ansieht. Die frustrierenden Erfahrungen, die Lorenz Hilty1 einmal niedergeschrieben hat, teile ich mit ihm. Anders als mit Zynismus lassen sich solche Erlebnisse kaum verarbeiten.

Dieses über die Jahre gesammelte Erfahrungswissen kann ich nicht ausblenden, wenn ich heute nun mein ‚Publikationserlebnis‘ mit Zeitschrift X bewerten soll. Dabei muss ich zugeben, dass es dieses Mal tatsächlich irgendwie anders war, es lief sogar erstaunlich gut. Bereits diese Abfrage zur Kundenzufriedenheit scheint darauf hinzudeuten, dass Verlage beginnen, an dem Problem zu arbeiten. In der begleitenden E-Mail heißt es: „Unser Ziel ist es, Ihnen das bestmögliche Publikationserlebnis zu bieten“. Was müsste konkret besser werden? Da ist zunächst der Zeitfaktor. Die Veröffentlichungszeiten sind zu lang, eine Klage, die auch im digitalen Zeitalter nach wie vor aktuell ist. Dafür gibt es viele Gründe, die nicht dem Verlag allein anzulasten sind. Die Koordination des Peer Reviews braucht Zeit. Das Gutachtersystem ist bei steigenden Anfragen chronisch überlastet. Es müssen heute sehr viel mehr Anfragen seitens der Redaktion getätigt werden, bevor sich mindestens zwei Peers überhaupt bereit erklären, dieses Ehrenamt auszufüllen und das möglichst zeitnah zu erledigen. Im Falle divergierender Einschätzungen braucht es eventuell sogar noch ein drittes Gutachten bis zur finalen Entscheidungsfindung.

All dieser Hektik zum Trotz scheinen sich Verlage ihrerseits stets unverhältnismäßig viel Zeit zu nehmen, um ihren Job zu machen. Die Druckfahne kommt meist aus heiterem Himmel, viele Monate nach der Einreichung, wenn man den Artikel schon fast vergessen hat. Als Autor*in werden mir in der Regel nur ein paar Tage für die Durchsicht eingeräumt, um – so die gängige Sprachformel – „die Publikation nicht zu gefährden“. E-Mail alerts erinnern von nun an täglich an die Rücksendung bis zur Deadline. Hier greift Murphys Gesetz: Druckfahnen kommen immer dann, wenn man gerade in den letzten Zügen eines wichtigen Antrags steckt, gerade im Begriff ist, sein Buchmanuskript einzureichen oder – ausnahmsweise – einmal im Urlaub ist, ohne stabiles Internet und mit dem Vorsatz oder gar einem Familienratsbeschluss, nicht zu arbeiten. Glücklicherweise ist der Arbeitslaptop meist dann doch dabei, wenn man ihn braucht. Und das ist der Vorteil im Vergleich zu früher, als die Druckfahnen noch per Post kamen. Die Fehleranfälligkeit für die externe Übertragung der Korrekturen ist ungefähr gleich, nur die Geschwindigkeit der Übermittlung ist gestiegen. Aber auch in dieser Hinsicht hat Springer Neues zu bieten. Statt PDFs gibt es nun eine Online-Umgebung, die ausstehende Aufgaben anzeigt und live abhakt. Selbst die Rückfragen des Copy Editors waren in diesem Fall sogar auf den ersten Blick nachvollziehbar und akkurat. Besser noch: Ich konnte die erforderlichen Korrekturen eigenmächtig in meinen Text elektronisch eintragen statt darauf hoffen zu müssen, dass der Übertrag reibungslos gelingt. Wenn ich also das entsprechende ‚Publikationserlebnis‘ reflektiere, dann ist es tatsächlich überdurchschnittlich gut gewesen. Aber fünf Sterne rechtfertigt das sicher nicht. Für die Topbewertung fehlen die ganzen Extras der Kundenbetreuung wie man sie aus anderen Branchen kennt: Sonderkonditionen, Proben, Rabatte – ach, überhaupt, der persönliche Bezug. Ein Großverlag arbeitet mit standardisierten Mails, mit automatischer Versendung. Rückfragen finden, wenn sie entstehen, in der Regel keine Adresse. Verantwortungsdiffusion zwischen Copy Editoren, Herausgebern, Redakteuren scheint im Großverlag Prinzip und irgendwann gibt man das Hin- und Herleiten der E-Mails auf und muss dann mit dem Ergebnis leben.

Der prüfende Blick auf das Endprodukt zeigt in diesem Falle, dass selbst die Fehlerrate gering ausfällt. Zwar wurden die Metainformationen im System nicht wie gewünscht aktualisiert. Ein Absatzmarker wurde vergessen. Es wird dem Leser aber kaum auffallen, Formatierungsfehler ist man gewohnt. Die Ästhetik einer Publikation ist den ökonomischen Interessen einer global wachsenden Publikationsindustrie zum Opfer gefallen. Wissenschaftliche Publikationen sind Massenware. Aktuell steigt die globale Publikationsrate laut der von der amerikanischen National Science Foundation erhobenen Science & Engineering Indicators jährlich um 3,9 Prozent. Wie lässt sich da die Spreu vom Weizen trennen, vor allem für die Leser*innen? Der Erfolg liegt auch hier in der Rille, am Ende geht es doch um Inhalte und die hat nicht der Verlag, sondern jede(r) Wissenschaftler*in selbst zu verantworten. Der Verlag kann höchstens per Marketing die Rezeptionswahrscheinlichkeit ankurbeln. Aber auch das kann ich dank sozialer Medien inzwischen selbst übernehmen, wenn ich denn will.2

Falls ich der Aufforderung nun tatsächlich nachkomme, mein ‚Publikationserlebnis‘ mit Zeitschrift X zu bewerten, bewerte ich dann schlussendlich nicht meinen eigenen Text? Kann ich den Publikationsprozess solo, das Verfahren, die Form von dem Inhalt lösen? Vermutlich kann ich das, wenn ich mir nur die Fragen genauer anschaue, die nach Kategorien vorgegeben sind. Es geht um die Geschwindigkeit im Publikationsprozess, um die Kommunikation mit der Redaktion, um den Vergleich der Zeitschrift X mit anderen Zeitschriften aus dem Sortiment von Springer Nature oder der Konkurrenzverlage. Eine der Antwortmöglichkeiten ist besonders interessant. „Was waren die drei zentralen Gründe bei Zeitschrift X zu veröffentlichen?“ Antwortoption 5: „Veröffentlichung des Artikels durch Springer“. Ob dies irgendjemand ankreuzen wird? Ich jedenfalls nicht, da müsste Springer schon etwas drauflegen. Wenn ich zur Imageverbesserung beitragen soll, dann, ja was dann? Dann müsste mir Springer schon wissenschaftlich etwas bieten, ich meine, was soll ein Verlag mir dafür schon bieten? Garantiert 20 Zitierungen im ersten Jahr, mindestens zehn p.a. in den fünf Folgejahren? Sprechen Wissenschaftler*in und Verlag überhaupt dieselbe Sprache, agieren wir in der gleichen Währung?

Während es Verlagen wie Springer heute um Shareholder-Value geht, geht es mir wie allen der Sache nach um wissenschaftliche Beachtung, das ist der Grund des Publizierens. Hierbei hilft mir der Name einer Zeitschrift. Aber kaum jemand weiß heute noch, in welchem Verlag eine Zeitschrift aktuell vertrieben wird, das ist nicht entscheidend, zumal sich mit der Kolonialisierung der Zeitschriftenwelt durch die börsenorientierten Verlage wie Springer oder Elsevier die Eigentümerpositionen der Fachzeitschriften laufend ändern. Wenn ich also beantworten will, ob ich mir eine Zeitschrift ausgesucht habe, weil sie dem Verlag I gehört, dann müsste ich meine Erfahrungswerte mit Verlag I ja erstmal datieren: War das z. B. in der Zeit, bevor Springer zu Springer Nature wurde? Und hat sich der Verlag Springer seit dem Zusammenschluss mit der Nature Publishing Group 2015, die zuvor von Macmillan Publishers Ltd. übernommen wurde, nicht bereits optimiert oder doch eher gegenteilig entwickelt wie der Verlag II, der inzwischen auch zum Imperium der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört? Aber nein, wenn ich ehrlich bin, durchblicke ich das Spiel gar nicht mehr, wer zu wem gehört, wer von wem übernommen wurde. Der Logik der letzten Jahre nach, müsste am Ende alles an Clarivate Analytics gehen – eine neugegründete Firma, dessen Profil keiner genau kennt, die sich aber mit der Übernahme des Web of Science von Thomson Reuters und der Review-Plattform Publons gerade zu einer der größten Datenkraken im Wissenschaftssektor entwickelt. Clarivate Analytics weckt in mir die Assoziation von Pac-Man. Pac-Man als Symbol für die gefräßige Datenkrake, die alles auf ihrem Weg mitnimmt. Eine weise, ikonische Vorschau aus den 1980er Jahren auf das digitale Zeitalter, denn Pac-Man lebt von Pixeln, von Datenpunkten.

Bei Clarivate Analytics erinnert den User nur niemand daran, dass im Hintergrund Pac-Man lauert. Pac-Man weiß schon aus vielen anderen digitalen Zusammenhängen wie ich ticke, was mir gefällt. Hätte ich z. B. meine Manuskriptgutachten für diverse Journale bei Publons hochgeladen, würde Clarivate Analytics meinen wissenschaftlichen Geschmack leicht auslesen können. Seitdem die wissenschaftliche Begutachtung in Online Editorial Management-Systemen wie ScholarOne (inzwischen übrigens ebenfalls im Portfolio von Clarivate Analytics) praktiziert wird, wissen die Verlage bereits um die Tageszeit der Begutachtung, besser gesagt, um die Nachtschicht, die für den community service des Peer Reviews in der Regel draufgeht. Sie wissen, wen und was ich wie und warum bewerte und könnten mich praktisch danach klassifizieren.

Pac-Man aber steht genauso parat, wenn es darum geht, Forschungsfronten zu identifizieren. Die beiden Online-Plattformen ResearchGate und Academia.edu sammeln u. a. meine Publikationsdaten, meine Texte, mein typisches Frage- und Antwortverhalten zu Forschungsproblemen, mein soziales Netzwerk. Plattformen dieser Art kennen die Resonanzquote auf meine Publikationen und sie kennen die Vergleichswerte. Sie könnten Prognosen über den Impact meiner Forschung in fünf oder zehn Jahren abgeben. Sie kennen die wissenschaftlichen Trends und sie kennen mich. Aus diesen zahlreichen Datenpunkten müssten sie sich selbst eigentlich die Antwort geben können, wie es mir persönlich bei Zeitschrift X gefallen hat.

Ich bin auf die Einschätzung der inzwischen zu Datenunternehmen transformierten Wissenschaftsverlage bzw. -plattformen gespannt, denn vermutlich wissen sie mehr über meine wissenschaftlichen Präferenzen als ich selbst. Falls die Antwort mir gefällt, werde ich sie vielleicht auch in anderen Entscheidungen konsultieren, um passende Empfehlungen für meine anstehende Hotelsuche, den günstigsten Handytarif oder die nächste Urlaubsreise einzuholen.

References

  1. Hilty, Lorenz (2015): Was leisten Wissenschaftsverlage heute eigentlich noch? auf: https://netzpolitik.org/2015/was-leisten-wissenschaftsverlage-heute-eigentlich-noch/
  2. Das Konzept von Altmetrics honoriert die Resonanz wissenschaftlicher Publikationen in den sozialen Medien inzwischen sogar, doch eine Frage bleibt offen: „Für den Wissenschaftler als Person heißt es daher, die Anteile zu klären, die sie oder er statt in die Forschung in die Partizipation am Web 2.0 und die Selbstvermarktung seiner Forschungsarbeiten stecken will und muss, um im Kampf um Aufmerksamkeit nicht unterzugehen.“ (in: Franzen, Martina 2015: Der Impact Faktor war gestern. Altmetrics und die Zukunft der Wissenschaft. Themenheft: Der impact des impact factors, Soziale Welt 66 (2), S. 225–242, hier: S. 239).

SUGGESTED CITATION: Franzen, Martina: Bitte bewerte mich! in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/bitte-bewerte-mich/], 23.03.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200323-0900

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