Claudia KellerKLIMA

Cli-Fi – Bi-Fi?

Cli-Fi – Bi-Fi? Kim Stanley Robinsons Schwierigkeiten, die Biodiversitätskrise zu erzählen Erschienen in: KLIMA Von: Claudia Keller
Abb. 1: Editorial Cartoon, Graeme MacKay, The Hamilton Spectator, 11. März 2020

Wie keine andere Grafik illustriert diese Version eines Cartoons, der ursprünglich von Graeme MacKay stammt,1 die verzerrte Wahrnehmung gegenwärtiger Krisen und unsere Unfähigkeit, angemessen auf sie zu reagieren. Die perspektivische Verzerrung, die verhindert, dass wir die Gefahr des sechsten großen Massenaussterbens deutlich am Horizont erkennen, ist auch in der Literatur und, in Verbindung mit ihr, in der Literaturwissenschaft wiederholt. Wo das Erzählen von der Klimakatastrophe längst als Genre des Cli-Fi etabliert ist, so existiert etwas Entsprechendes für die Biodiversität erst in Ansätzen – einen analogen Begriff, wie etwa Bi-Fi, gibt es nicht.

Zwar kann der 1986 geprägte Begriff ‚Biodiversität‘ auf eine große Erfolgsgeschichte zurückblicken, können doch inzwischen die meisten Menschen zumindest etwas mit ihm anfangen. Aber wie wird Biodiversität erzählt? Wie kann das Erzählen für die Krise sensibilisieren und Lösungsvorschläge für den Erhalt vermitteln oder gar selbst entwickeln?

Anhand des zumeist enthusiastisch rezipierten Romans Das Ministerium für die Zukunft (orig. The Ministry for the Future) von Kim Stanley Robinson (2020) möchte ich zeigen, wie wenig der wissenschaftliche Konsens, dass beide, die Klima- und die Biodiversitätskrise, nur gemeinsam gelöst werden können, in der Literatur abgebildet ist und wie schwer es offenbar weiterhin fällt, die Biodiversitätskrise zu erzählen.

Der Roman vollzieht eine Bewegung von der Dystopie zur Utopie: Die Handlung beginnt im Jahr 2025/26 mit einer Hitzewelle in Indien, in der Millionen Menschen sterben. Frank May überlebt die Katastrophe, leidet fortan unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und dringt, sobald er zurück in Zürich ist, in die Wohnung von Mary Murphy, der Leiterin des jüngst gegründeten „Ministeriums für die Zukunft“, ein. Dabei handelt es sich um ein Organ, das die Ziele der Vertragsstaatenkonferenzen koordinieren und durchsetzen soll. Die Leser:innen folgen der Geschichte dieser beiden Figuren – aber um diese eher konventionelle Romanhandlung herum entfaltet das Buch ein globales Kaleidoskop an Perspektiven, das die Politikerin, den Banker ebenso wie die Ökoterroristin oder die personifizierte Sonne umfasst. Auf über 700 Seiten wird erzählt, wie es der Menschheit gelingt, alle gesellschaftlichen Bereiche so zu reformieren, dass am Ende, etwa im Jahr 2070, zwar noch nicht alles gut ist, die Welt es aber doch geschafft hat, das Schlimmste zu verhindern.

Der Roman ist eine erstaunliche Kombination von utopischer Vision und radikalem Pragmatismus. Vermeintlich ohne ideologische Scheuklappen beschreibt er, was Robinson als eine „all hands on deck“2-Lösung bezeichnet hat: Von der Gleichstellung über Anreize zu einem anderen Wirtschaftssystem, einer regenerativen Landwirtschaft, einer neuen Religion, vielen lokalen Graswurzelbewegungen bis hin zu Geoingeneering wird ein gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess erzählt. Entsprechend folgerichtig ist es, dass Robinson den Begriff der ‚Optopie‘ gegenüber der Utopie ins Spiel bringt, um den Roman zu charakterisieren: Es geht darum, alle verfügbaren Optionen so einzubringen, dass unter den gegebenen Umständen – also ohne science fiction – zwar keine perfekte, aber doch die bestmögliche Gesellschaft erreicht werden kann.3

Bestandteil dieser Optopie der Nachhaltigkeit ist, neben dem Klima, auch die Biodiversität – zu deren Krise und Möglichkeiten des Erhalts der Roman einen bislang fast immer überlesenen, nicht sehr ausführlichen, aber doch zentralen Erzählstrang enthält. Im 12. Kapitel werden über einen langen Abschnitt hinweg „in jüngerer Zeit ausgestorbene[] Arten“ aufgezählt, wobei einige davon bereits in der Realität des Jahres 2024 ausgestorben sind (wie etwa die Saudi-Gazelle oder der Japanische Seelöwe) und andere aktuell noch existieren (wie etwa der Große Panda oder der Affenadler).4 Wie bereits in Bezug auf den Klima-Diskurs erfüllt der Roman auch hier seine didaktische Funktion, indem er Nachhilfe-Unterricht für all diejenigen gibt, die mit dem Biodiversitätsdiskurs nicht so vertraut sind: „Verglichen mit der geologischen Norm, schreitet das Artensterben mehrere Tausend Mal schneller voran; es ist das bisher sechstgrößte Massenaussterben der Erdgeschichte und damit eindeutig der Beginn des Anthropozäns.“5 Die Diagnose des sechsten großen Massensterbens nach dem Aussterben der Dinosaurier ist Forschungskonsens auch für unsere gegenwärtige Realität; die genannte Geschwindigkeit ist im Roman, der einige Jahrzehnte in der Zukunft liegt, zugespitzt: Aktuell geht die Forschung von einer etwa 100- bis 1000-fach erhöhten Aussterberate aus.6

Und so wie Das Ministerium für die Zukunft für alles eine Lösung entwickelt, so zeigt der Roman auch hier eine Transformation auf – jedoch im Gegensatz zum facettenreich dargestellten Klima-Diskurs mit starken Einschränkungen: Biodiversität und ihre Krise sind auf den Aspekt der Artenvielfalt und das Aussterben beschränkt – um genetische Vielfalt oder um die Vielfalt der Ökosysteme geht es nicht. Und so sind auch die im Roman vorgeschlagenen Maßnahmen wesentlich auf diesen in der diskursiven Darstellung von Biodiversität prominentesten Aspekt ausgerichtet. Das Verfahren der Optopie, wonach pragmatisch die für ein Problem bekannten Lösungen in die Erzählung integriert werden, kommt auch hier zum Zug – jedoch mit dem Unterschied, dass der Biodiversitätsdiskurs so wenig Platz einnimmt, dass nicht viele verschiedene, sondern nur eine Lösung in dieses Patchwork eingewoben wird. Und diese erweist sich, so möchte ich im Folgenden zeigen, als so problematisch, dass der Utopie etwas Dystopisches anhaftet und die Grenzen eines Romans sichtbar werden, der, „all hands on deck“ jede mögliche Lösung aufnimmt und integriert.

Die für die Biodiversität im Roman zentrale Referenz ist Edward O. Wilsons (1929–2021) Vorschlag, die Hälfte des Planeten unter Schutz zu stellen, wie er ihn 2016 in Half-Earth. Our Planet’s Fight for Life ausführlich dargelegt hat. Wilson, Entomologe und Mitbegründer der Soziobiologie, hat den Biodiversitäts-Begriff maßgeblich mitgeprägt und ebenso erfolg- wie einflussreiche Bücher verfasst, wie etwa Biophilia (1984) oder The Creation: An Appeal to Save Life on Earth (2006) sowie die Trilogie The Social Conquest of Earth (2012), The Meaning of Human Existence (2014), deren Schlusspunkt Half-Earth bildet. Die Grundthese lautet: Durch eine salomonisch anmutende Aufteilung der Erde – die Hälfte für die Natur, die Hälfte für den Menschen – können ungefähr 80% der noch vorhandenen Arten gerettet werden, und noch mehr, wenn diese Schutzgebiete in den sogenannten „Hotspots“ der Biodiversität liegen. Nur dadurch könne, so Wilson, eine Stabilisierung der Ökosysteme erreicht werden, die auch für das Leben der Menschen wichtig ist.

Im Ministerium für die Zukunft wird beschrieben, wie vom gegenwärtigen niedrigen Wert von etwa 17% Schutzgebieten sich mit Bezug auf Wilsons Bücher, die „an die Spitze der Bestellerlisten“ schießen, eine veritable Halbe-Erde-Bewegung durchsetzt.7 Die zentrale Maßnahme gegen den Biodiversitätsverlust besteht in der Schaffung sehr großer Schutzgebiete und Wildniskorridore nach dem Y2Y-Vorbild in den USA, in denen Wildtiere sich zwischen den Gebieten bewegen können. Gerade Letzteres ist tatsächlich von großer Bedeutung, wegen der zunehmenden Dezimierung und Fragmentierung von Habitaten, aber auch wegen des Klimawandels, der in Zukunft viele Arten nach Norden und in die Höhe wandern lassen wird. Wie zentral diese Ideen von Wilson und anderen bereits in der Realität der Gegenwart geworden sind, ist daran ersichtlich, dass der 2022 verabschiedete globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal als zentrales Ziel „30 by 30“ formuliert hat, also bis 2030 30% der Erd- und Wasseroberfläche unter Schutz zu stellen.8 Entsprechend verweist Robinson darauf, dass die Realität sein Buch an Radikalität auch in diesem Zusammenhang bereits teilweise überholt habe.9

Mit diesem Ziel fangen die Probleme aber eigentlich erst an: So unumstritten es ist, dass Biodiversität mehr Raum braucht, so politisch kontrovers ist weiterhin die Frage, wie mit dem vorhandenen Platz jeweils konkret umzugehen ist. Daher ist es wichtig, die Parallelen, aber auch die Unterschiede zu sehen, die zwischen Wilson, Robinson und dem „30 by 30“-Ziel bestehen, vor allem in Bezug auf Gerechtigkeitsfragen. Sehr rasch nach dem Erscheinen von Wilsons Vorschlag im Jahr 2016 wurde von verschiedener Seite der möglicherweise negative Impact auf Mensch und Biodiversität herausgearbeitet:10 Wilson fokussiere zu stark auf Bevölkerungswachstum und zu wenig auf Ausbeutung und Überkonsum in Industrienationen als Haupttreiber des Biodiversitätsverlusts; er sei zu stark dem neoliberalen Denken verhaftet; auf naive Weise technologiegläubig; er denke zu wenig darüber nach, inwiefern auch die ‚menschliche‘ Hälfte nachhaltig gestaltet werden könnte; er berücksichtige nicht, dass die Etablierung von Schutzgebieten immer mit Umsiedlungen und sozialen Konflikten verbunden ist; und er beziehe keine indigenen Perspektiven mit ein.

Kim Stanley Robinson hat sowohl in Zeitungsessays11 als auch in Das Ministerium für die Zukunft Wilsons Idee aufgegriffen und teilweise auch weiterentwickelt: Im Gegensatz zu Wilson imaginiert der Roman sehr ausführlich, wie die ‚menschliche‘ Hälfte nachhaltig gestaltet werden kann, und er betont, wie Industrienationen wie die USA oder Kanada vorangehen, um mit den Schutzbemühungen ernst zu machen. Aber auch er kauft sich mit seiner Bezugnahme auf Wilson einige Probleme mit ein – allen voran die Fortschreibung der alten Trennung von Mensch und Natur. Aber auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit bleiben seltsam unterbeleuchtet. So wird im Roman vorgerechnet, dass in Kanada ein „Umzug von zwei Prozent seiner menschlichen Einwohner“ ausreichen würde, um das Halbe-Erde-Ziel zu erreichen. Wie das passieren soll – und vor allem: zu welchem Nutzen – wird jedoch nicht reflektiert.12 Dass gerade bei dieser Frage stärker indigene13 und soziale Perspektiven einbezogen werden müssten, haben sowohl die Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) als auch die Convention on Biological Diversity (CBD) längst erkannt. Hier hat der Roman wenig Visionäres, vielmehr bleibt er hinter den Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte zurück.

An seinem Ende im Jahr 2070 gibt es riesige, menschenfreie Wildnisgebiete. Die Menschen kommen mit den darin lebenden Tieren – Pflanzen spielen in der gesamten Erzählung keine Rolle – auf zwei Weisen in Kontakt: Die Mobilität hat sich so grundlegend geändert, dass man mit Luftgondeln CO2-neutral um die Welt segeln kann – wobei die Leser:innen jedoch nur von einer Handvoll offensichtlich privilegierter Menschen erfahren, die mit einem solchen Luftfahrtschiff seltene Vielfraße besuchen und beobachten können. Wie bereits bei Wilson angedacht, ermöglicht ein „Internet der Tiere“14, in dem viele Tiere mit Sendern und Schutzgebiete mit Kameras ausgestattet sind, die gesuchte Art einfach aufzufinden. Die Mehrheit der Menschen nutzt jedoch wohl meistens die zweite, mit dem Internet der Tiere verbundene Möglichkeit. Sie beobachten sie aus der Ferne auf den Bildschirmen ihrer Stadtwohnungen, was mit einer Veränderung der Einstellung verbunden wird: „Das Leben und Sterben von Wildtieren ist etwas, von dem die Menschen jetzt Notiz nehmen.“15 Die Entfremdung von der Natur, die im Biodiversitätsdiskurs immer wieder als Ursache für den mangelnden Schutz der Natur erscheint, ist hier dank digitaler Technik gelöst – trotz viel größerer räumlicher Entfernung. Von der hier aufscheinenden sozialen Zweiklassengesellschaft einmal abgesehen, scheinen mir diese Prämissen auf wackeligen Füßen zu stehen: Ist es wirklich so, dass über das Beobachten von Tieren auf dem Bildschirm eine größere Akzeptanz von Naturschutz erreicht werden würde?

Dass mit der Halbe-Erde-Idee weniger eine Verbindung zwischen Mensch und Biodiversität gefördert, sondern die Dichotomie Natur/Kultur fortgeschrieben wird, zeigt sich auch in dem Abschnitt, der die Zunahme der Wildtiere mit der Abnahme der Bevölkerung kontrastiert: 60 Milliarden Vögel haben, so heißt es ebenfalls im 97. Kapitel, „das renaturierte Land zurückerobert und sich verbreitet“ – ergänzt mit dem normativen Zusatz: „eine gute Zahl, eine gesunde Zahl“.16 Der Biodiversitätsverlust wurde also nicht nur aufgehalten, sondern es gibt mehr Vögel als die weltweit aktuell 50 Milliarden.17 Im Roman ist die Welt wieder von Prädatoren und Herbivoren bevölkert; die wiederhergestellte Biodiversität umfasst sogar die Wiederbelebung ausgestorbener Arten wie das Wollhaarmammut18 – womit auch die am Ende des Romans formulierte Aussage revidiert wird, wonach „die einzige Katastrophe, die sich nicht rückgängig machen lässt, das Aussterben“19 sei. In einem direkten und umso schrofferen Kontrast wird die Zunahme der Wildtiere direkt mit einer Abnahme der menschlichen Bevölkerung verbunden und mit der gleichen ethischen Wertung von „gut“ und „gesund“ verbunden:

Gut ist, was gut für das Land ist. Es gibt weniger Menschen als früher. Das demografische Maximum liegt in der Vergangenheit, die Weltbevölkerung hat leicht abgenommen und ist weiter im Rückgang begriffen. Inzwischen ist von einer optimalen Zahl die Rede; manche sprechen von zwei Milliarden, andere von vier, Genaueres weiß niemand. Es wird ein Experiment. Alle im Gleichgewicht, das heißt, alle Lebewesen in einem einzigen Ökosystem, dem Planeten. Weniger Menschen, mehr Wildtiere. Im Moment fühlt es sich an wie die Erholung nach einer Zeit der Krankheit. Wie Gesundwerden, wie allmähliches Heilen.20

Die Vorstellung des Menschen im Kollektivsingular, der als Krankheit das Land, ebenfalls im Kollektivsingular, ‚überwuchert‘ und deshalb im Umfang von den heutigen 8 Milliarden auf das Niveau vor 1960 reduziert werden müsse,21 ist von einer Kombination von Menschenfeindlichkeit und Idealisierung der Natur geprägt, wie sie leider immer noch oft im ökologischen Diskurs vorkommen. Die ‚Heilung‘ basiert auf dem Kontrast zwischen einer Kontrolle des Bevölkerungswachstums und einer an einem vergangenen Ideal orientierten Vorstellung, die ‚Natur sich selbst zu überlassen‘. So verbreitet dieses Narrativ ist, so wenig wird es den Bedingungen des Anthropozäns gerecht, in denen der Mensch bereits die tiefsten Ozeane und die entlegensten Winkel der Welt verändert hat: Die Biodiversität nimmt aktuell auch in Schutzgebieten ab, weil beispielsweise auch hier der anthropogen verursachte Stickstoffeintrag zunimmt und sich gebietsfremde, vom Menschen eingebrachte Arten ausbreiten. Und da die Prädatoren und die großen Herbivoren, die einst die Landschaft gestaltet haben, weitgehend aus der sogenannten Wildnis ausgerottet wurden – woran auch ein paar auferstandene Wollhaarmammuts nichts ändern würden –, sind die ‚natürlichen‘ Prozesse heute völlig verändert.

Neben Wilson gäbe es durchaus andere, auch weniger misanthrope Vorschläge, auf die man sich ebenfalls beziehen könnte, etwa die Ansätze einer Convivial Conservation22, wie sie Wilsons Kritiker Bram Büscher und Robert Fletcher in The Conservation Revolution. Radical Ideas for Saving Nature beyond the Anthropocene (2020) formuliert haben. Anstatt an der Vorstellung einer „ursprünglichen“ Natur festzuhalten, steht hier die Frage nach einem neuen Natur-Mensch-Verhältnis durch Umstrukturierung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems im Zentrum. Dies ist nicht nur sozial gerechter, sondern könnte sich auch als positiv für die Biodiversität erweisen: Da Biodiversität nicht als das dem Menschen Gegenüberstehende gedacht wird, ist man gezwungen, nicht immer nur nach „Nature’s Contributions to People“23, sondern umgekehrt auch nach dem Beitrag des Menschen zur Natur zu fragen.

Dass die Biodiversitätskrise und Naturschutzmaßnahmen überhaupt in Robinsons Cli-Fi adressiert werden, ist ihm hoch anzurechnen – dass dies nur sehr marginal geschieht, ist nicht zuletzt auch ein Abbild des Ungleichgewichts zwischen Klima- und Biodiversitätsrepräsentation, zwischen Cli-Fi und Bi-Fi. Und auch die Tatsache, dass Robinson mit Wilsons Vorschlag eine ebenso radikale wie provokative und populäre Idee fiktional verarbeitet, ist grundsätzlich begrüßenswert. Doch während Robinsons Optopie in Bezug die Bewältigung der Klimakatastrophe ein ganzes Panoptikum an unterschiedlichsten Lösungen präsentiert und so viel neues Wissen schafft – ich habe von kaum einem Roman so viel gelernt wie von diesem –, so ist sie in Hinblick auf die Darstellung und Rechtfertigung von Biodiversität sowie der Maßnahmen, sie zu erhalten, sehr beschränkt. Dass sich Robinson mit dem starken Bezug auf Wilson auch dessen Probleme einhandelt, und ihnen keine Korrektur durch ein anderes Narrativ entgegenbringt, verweist auf ein grundsätzliches Problem der Optopie und ihrer Umsetzung im Roman.

Zum einen sind die Bedingungen im Roman dann doch zu utopisch: Ganz im Gegensatz zur aktuellen politischen Entwicklung gibt es hier keine rechten Populisten oder gar Diktatoren und alle sind irgendwie für den Wandel. Zum anderen erhält auch die Dystopie leicht wieder Einzug durch die Dystopie: Der Pragmatismus von Robinsons Optopie integriert unbesehen alles, was nach einer Lösung des Problems aussieht, ohne eine kritische Reflexion der damit verbundenen Implikationen zu leisten – was gerade für die Vermittlung des unterbeleuchteten, aber sehr komplexen Bereichs der Biodiversität an ein breites Publikum von großer Bedeutung wäre. Die unreflektierte Übernahme von Wilsons Halbe-Erde-Vorschlag birgt, zugespitzt formuliert, auch die Gefahr, dass Erzählungen über den Schutz von Biodiversität nicht nur Teil der Lösung, sondern ebenso Teil des Problems sein können, indem sie auf fragwürdigen Prämissen aufbauen, diese aber in der Strahlkraft utopischer Visionen ausblenden. Während im Roman alle, sich teilweise widersprechenden Lösungen unproblematisch nebeneinander existieren, so bewahrt sich in der Realität oftmals das Sprichwort, wonach der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist.

Es braucht neben den Katastrophenerzählungen gerade im Biodiversitätsbereich auch positive Visionen für die Zukunft – und eine wildere Welt ist sicherlich keine falsche Richtung. Aber gerade weil die Biodiversität und ihre Krise aufgrund ihrer Komplexität vielleicht noch schwieriger zu erzählen sind als die Klimakrise, die sich an einem Faktor messen lässt, so ist es bei der sich erst langsam etablierenden Bi-Fi umso wichtiger, zu untersuchen, mit welchen Darstellungs- und Legitimationsformen Biodiversität erzählt und mit welchen Narrativen welche Naturschutz-Positionen popularisiert werden.

References

  1. Vgl. die Chronologie auf: https://mackaycartoons.net/tag/biodiversity-collapse/ (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  2. Cohen, Daniel Aldana (2021): How will humanity endure the climate crisis? I asked an acclaimed sci-fi writer, in: The Guardian [https://www.theguardian.com/commentisfree/2021/dec/09/climate-crisis-kim-stanley-robinson], 09/12/2021 (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  3. Mikes, Annette u. Steve New (2023): How to Create an Optopia? – Kim Stanley Robinson’s “Ministry for the Future”  and the Politics of Hope, in: Journal of Management Inquiry, Bd. 32, Heft 3, S. 228–242, https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/10564926231169170.
  4. Robinson, Kim Stanley (2021): Das Ministerium für die Zukunft. Übers. von Paul Bär, München: Heyne, S. 60.
  5. Ebd.
  6. Ceballos, G. et al. (2015): Accelerated Modern Human–Induced Species Losses. Entering the Sixth Mass Extinction, in: Science Advances, Bd. 1, Heft 5, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.1400253.
  7. „Die großartigen Bücher von E. O. Wilson schossen an die Spitze der Bestsellerlisten, und wir konnten unsere Arbeit mit mehr Verständnis und Unterstützung der Öffentlichkeit fortsetzen. Als Nächstes steht Halberde auf dem Programm“ (Robinson 2021, S. 467).
  8. Vgl. den finalen Text des Abkommens: https://www.cbd.int/article/cop15-final-text-kunming-montreal-gbf-221222 (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  9. „Why do you have these things happening in the 2030s, or the 2040s? They are happening now“, Robin, Vicki u. Kim Stanley Robinson (2021): What Could Possibly Go Right? Episode 32 Kim Stanley Robinson, in: Resilience [https://www.resilience.org/stories/2021-03-23/what-could-possibly-go-right-episode-32-kim-stanley-robinson], 23/03/2021 (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  10. Vgl. u.a. Büscher, B. et al. (2017): Half-Earth or Whole Earth? Radical ideas for conservation, and their implications, https://doi.org/10.17863/CAM.6551.
  11. Robinson, Kim Stanley (2018): Empty half the Earth of its humans. It’s the only way to save the planet, in: The Guardian [https://www.theguardian.com/cities/2018/mar/20/save-the-planet-half-earth-kim-stanley-robinson], 20/03/2018 (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  12. Robinson 2021, S. 461.
  13. Vgl. Cohen 2021: „Robinson could learn from the positions of activists of color, especially Indigenous and environmental justice groups, who fight against ‚false solutions‘ based on centuries of exploitation and sacrifice.“
  14. Vgl. bspw. https://www.nature.com/articles/d41586-018-07036-2 (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  15. Robinson 2021, S. 639.
  16. Ebd., S. 638
  17. https://science.orf.at/stories/3206621/#:~:text=Es%20gibt%20etwa%20sechsmal%20so,haben%20hingegen%20nur%20hundert%20Vertreter. (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  18. https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2023/12/wie-ein-bluttest-zu-einem-laengeren-leben-verhelfen-koennte-alter-organe-medizin-krankheiten (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  19. Robinson 2021, S. 715.
  20. Ebd., S. 639.
  21. Für eine kritische Erwähnung dieser Position von Robinson, vgl.: Luwstein, J., C. Cavanagh u. R. Fletcher (2023): Securing conservation Lebensraum? The geo-, bio-, and ontopolitics of global conservation futures, in: Geoforum, https://doi.org/10.1016/j.geoforum.2023.103752.
  22. Vgl. https://www.convivialconservation.com (letzter Zugriff: 21.12.2023).
  23. https://www.ipbes.net/glossary-tag/natures-contributions-people (letzter Zugriff: 21.12.2023).

SUGGESTED CITATION: Keller, Claudia: Cli-Fi – Bi-Fi? Kim Stanley Robinsons Schwierigkeiten, die Biodiversitätskrise zu erzählen, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/cli-fi-bi-fi/], 22.01.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240122-0830

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