Joela JacobsKLIMA

Poetisierte Pflanzen

Poetisierte Pflanzen Wie wir über die Natur sprechen (dürfen) Erschienen in: KLIMA Von: Joela Jacobs
Abb. 1: Skulptur von V. meer (Vera Meyer) namens „The Trees Will Stand Like Pleading Hands“ (2022); Hut aus Parasolpilz (Macrolepiota procera), von Hummeln ausgehöhlter Apfel, wilder Kreuzkümmel, Gold, Rost, 25 x 13 x 13 cm, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%27The_trees_will_stand_like_pleading_hands%27_(2022)_parasol_mushroom_sculpture.jpg

Pflanzen, Pilze, Mikroben… der Blick auf diese bisher meist weniger beachteten Organismen hat Konjunktur. Ob Accessoires mit Waldmotiven oder Farntattoos, Mushroom-Musikalben (Björk ist momentan in ihrer Pilzphase), Dokumentarfilme namens Intelligent Trees oder Fantastic Fungi und Bücher wie Brilliant Green, Entangled Life, I Contain Multitudes und Microbium – der ehemalige Hintergrund steht im Zentrum und das mikroskopisch Kleine ist plötzlich ganz groß. Können niedliche Tierbabies und Delphine also einpacken?

Abb. 2: I IZ SAD, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SadCat1.jpg

Während die Darstellung der Natur in literarischen Texten unhinterfragt mit metaphorischen und poetischen Wendungen einhergeht, werden populärwissenschaftliche Texte von zeitgenössischen Naturwissenschaftler:innen, die Bilder und Metapher benutzen, um andere Lebensformen verständlicher zu machen und in die menschliche Nähe zu rücken, vielfach kritisiert, was momentan v.a. im Bereich der Pflanzen zu beobachten ist. Intelligenz, Begierde, Erinnerung, Sprache – können Pflanzen das oder sollte man das besser anders ausdrücken? Wenn den Pflanzen solche traditionell als rein menschlich verstandene Eigenschaften zugeschrieben werden, protestieren die naturwissenschaftlichen Kolleg:innen von Peter von Wohlleben, Suzanne Simard, Monika Gagliano und Stefano Mancuso – meist nicht, weil die Fakten angezweifelt werden, sondern weil die Formulierung als irreführend gesehen wird.1 Dies geschieht sicherlich u.a. auch aufgrund des mittlerweile 50 Jahre alten Bestsellers The Secret Lives of Plants (Buch 1973, Film 1979), dem einerseits viele Topfpflanzen im globalen Norden ihre klassische Musikerziehung verdanken (was auf Jagadish Chandra Boses Experimente mit dem Effekt von Musik auf Pflanzenwuchs zurückgeht), aber dessen Entlarvung als Pseudowissenschaft andererseits Botaniker:innen in Bezug auf anthropomorphisierende Aussagen extrem vorsichtig gemacht hat (ein CIA-Beamter, der einen Lügendetektor an seine Zimmerpflanzen anschließt und sie dann mit einem Feuerzeug malträtiert, sollte allerdings auch etwas Misstrauen erregen).

Abb. 3: Der CIA-Verhörspezialist Cleve Backster schließt einen Lügendetektor an einen haushaltsüblichen Philodendron an, um zu zeigen, dass Pflanzen Schmerzen empfinden, https://en.wikipedia.org/wiki/Cleve_Backster#/media/File:Cleve_Backster_1969.png

Sprache ist spätestens seit der Einführung der sogenannten Plant Neurobiology wieder zum Mittelpunkt solcher Diskussionen um Pflanzenbeschreibungen geworden, wie Michael Pollan 2013 in seinem New Yorker-Artikel The Intelligent Plant darlegte, jedoch hat sich diese „Art Sprachkrise innerhalb der Botanik“ (Christina Becher)2 seitdem nur noch zugespitzt. Abwechselnd bemängeln journalistische Stücke und wissenschaftliche Papers diese anthropomorphisierenden Ausdrucksweisen oder aber verwenden sie selbst. Werden solche Beschreibungen der oft betonten radikalen Andersartigkeit (Radical Alterity) vegetabiler Lebensformen nicht gerecht?3 Oder werden diese Ausdrucksweisen gerade gebraucht, weil der Begriff der ‚Pflanzenkommunikation‘ potenziell affektivere Reaktionen hervorruft als die wissenschaftliche Beschreibung ‚chemische Signale‘, was im Kontext der Klimakrise vielleicht zu einem veränderten Bild der Natur und des zu rettenden Planeten beiträgt?

Abb. 4:  Lächelnde Hunde und andere Geschäfte, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Smiling_dog.jpg

Ähnliche Diskussionen werden schon länger auch in Bezug auf Tiere geführt, was Frans de Waals Buchtitel Are We Smart Enough to Know How Smart Animals Are? auf den Punkt bringt, aber hier ist die Verwandtschaft zum Menschen besonders bei Säugetieren grundsätzlich näher. Während das einerseits heißt, dass es durchaus viele gerechtfertigte Mensch-Tier-Parallelen gibt, sind andererseits viele Anthropomorphismen weit verbreitet, die sich nicht mit Forschungsergebnissen verifizieren lassen. Hier kann es zu folgenreichen Missverständnissen im Zusammenleben kommen, denn ein Hund, der die Zähne zeigt, lächelt nicht unbedingt (s. Abb. 4) – auch wenn er das selbst behauptet. Das Verständnis der dem Menschen weniger ähnlichen Lebensformen kann dagegen von Beschreibungen profitieren, die beispielsweise den falschen Eindruck stummer, unbeweglicher Leblosigkeit der Pflanzen unterwandern – zumindest, wenn sie der Spezifik der Spezies so gerecht werden, dass es potenziell ihr Überleben oder ihren Lebensraum schützt. So lange die sprachlich so aufbereiteten Verbindungen auf Forschungsergebnissen beruhen, können populärwissenschaftliche Bestseller, journalistische Wissenschaftskommunikation oder poetische Naturkunden bzw. Nature Writing deshalb durchaus positiv auf die Klimakrise einwirken, da sie zu mehr Plant Awareness führen.

Abb 5: Nature Writing, oder das Beschreiben der Natur, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Writing_in_the_grass_%2814342567734%29.jpg

Die westliche Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass sich poetische von botanischer Sprache historisch kaum trennen lässt, wie beispielhaft an den Werken Carl von Linnés, Johann Wolfgang von Goethes und Erasmus Darwins deutlich wird. Die Poetik ist also nicht allein die Domäne der Literatur, so z.B. auch in der Form von Phytopoetics, die den Einfluss der Pflanzen auf die menschliche Kultur bezeichnet.4 Auch naturwissenschaftliche Darstellung ist immer schon eine Interpretation, die sprachlich gefasst wurde. In den Beschreibungen von Pflanzen geht es also um mehr als nur botanisches Wissen. Wenn die drei o.g. Autoren im 18. Jahrhundert allegorisch oder metaphorisch über die Liebesheiraten der Pflanzen sprechen, so sagen sie gleichzeitig auch etwas über menschliche Beziehungen und Sexualität aus. Und wenn Suzanne Simard ihr zentrales Forschungsergebnis als Mother Trees bezeichnet oder Peter Wohlleben das Wood Wide Web beschreibt, geht es auch um Genderrollen und Care Work sowie den Zusammenhalt von Gemeinschaften und gegenseitige Hilfe in Krisensituationen (wie die sogenannte Flüchtlingskrise, die mit Wohllebens Veröffentlichung korrelierte). Dieser Mehrwert an sozialen Botschaften, der sich aus solchen Beschreibungen der Fähigkeiten von Pflanzen und anderen Organismen ergibt, weist darauf hin, dass die Klimakrise nicht separat von sozialer Gerechtigkeit betrachtet werden kann. So wie Pflanzen nicht isoliert von Ökosystemen und außerhalb von sprachlicher Vermittlung existieren, sind diese Diskurse und wir als Lebewesen miteinander verbunden oder entangled. Hinweise auf verwandtes Verhalten, Parallelen und Gemeinsamkeiten kann uns deutlich machen, dass wir Teil der Natur sind, und das (Miss)Verständnis der menschlichen Sonderstellung produktiv unterwandern, die die Klimakrise im Anthropozän ja erst verursacht hat.

Abb. 6: Entangled, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Entangled.jpg

Im Endeffekt spricht die Rezeption solcher Beschreibungen für sich selbst. Die momentane Beliebtheit von Perspektiven auf Pflanzen, die sie dem Menschen näherbringen, ist unbestreitbar. Auch wenn dabei vielleicht nicht jedes Detail richtig verstanden wird, so kann sich doch eigentlich keine Biologin und kein Botaniker darüber beschweren, wenn das Gespräch auf ihr Forschungsgebiet kommt, zudem solchem Interesse oft auch Forschungsgelder folgen. Details und Nuancen kann man dann immer noch hinzufügen, aber man wird auch schnell merken, wie schwierig die Wissenschaftskommunikation tatsächlich ist. Zudem entwickeln sich wissenschaftliche Erkenntnisse dauernd weiter, während die Öffentlichkeit dies oft nicht zur Kenntnis nimmt. Auch Literaturwissenschaftler:innen können sich nur freuen, wenn gelesen wird – egal ob nun der Naturalist Goethe oder der Förster Wohlleben. Denn auch von dieser Seite kommt natürlich die Kritik: Können Naturwissenschaftler:innen ‚gute Bücher‘ schreiben? Das können wir Literaturwissenschaftler:innen ja dann in langen Ausführungen beurteilen, die nur unsereins liest. Fest steht, dass es eine Leistung ist, eine breite Öffentlichkeit für ein hochspezialisiertes Thema zu interessieren und ihr Wissen und Lesefreude zu vermitteln, sodass sie selbst über das Thema sprechen. Also poetisiert die Pflanzen und Pilze, metaphorisiert die Mikroben und Mykorrhiza, allegorisiert die Landschaften und die Natur, denn diese altvertraute Tradition funktioniert jedes Jahrhundert wieder aufs Neue und sagt mindestens genau so viel über uns selbst aus wie über diese Organismen. Aufmerksamkeit für andere Lebewesen, die wir mit unserem Verhalten gefährden (nicht nur Keystone Species und Charismatic Megafauna), und eine neue Generation literarisch interessierter Naturforscher:innen können der Klimakrise nur guttun, da wir noch lange nicht genug dazu wissen, welche Rolle all diese Organismen genau in unseren Ökosystemen spielen.

Abb. 7: Ceci n’est pas une métaphore; Kakteen (Cactaceae) in Brockhaus’ Konversations-Lexikon von 1892, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Various_Cactaceae.jpg

References

  1. Zu Wohllebens Sprachwahl vgl. Wankhammer, Johannes (2017): Anthropomorphism, Trope, and The Hidden Life of Trees. On Peter Wohlleben’s Rhetoric, in: Literatur für Leser:innen, Bd. 40, Heft 2, S. 139–152, https://doi.org/10.3726/LFL022017k_139. Siehe auch Nitzke, Solvejg (2021): Baumkunden. Erzählte Ökologien des Waldes zwischen Wissenschaft und Nature Writing, in: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen, Bd. 16, Heft 1, S. 271–298 und Keller, Claudia (2023): Fungimorphismus: Merlin Sheldrakes Entangled Life als Experiment zukünftiger Beziehungen, in: Transpositiones, Bd. 2, Heft 2, S. 13–30, https://doi.org/10.14220/9783737015257.13. Robin Wall Kimmerer scheint von dieser Kritik weitestgehend ausgenommen zu sein, was auf ein kompliziertes und sich veränderndes Verhältnis der westlichen Wissenschaften gegenüber indigenen Stimmen verweist. Kritik an Metaphern in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen kommt allerdings auch aus den Critical Plant Studies, vgl. Sandford, Stella (2022): Vegetal Sex. Philosophy of Plants, London: Bloomsbury, Kap. 1, https://doi.org/10.5040/9781350274969.
  2. Vgl. Becher, Christina (2023): Zwischen Mensch und Pflanze. Hybride Figurationen des Vegetabilen in literarischen und graphischen Texten des 20. und 21. Jahrhunderts, Dissertation, Universität zu Köln/University of Arizona, S. 166. Christina Becher verdanke ich auch den Hinweis auf den im Anschluss verlinkten FAZ-Artikel.
  3. Zur „alterity“ der Pflanzen vgl. Marder, Michael (2013): Plant-Thinking. A Philosophy of Vegetal Life, New York: Columbia University Press.
  4. Vgl. dazu auch das bei Brill erscheinende Buch Plant Poetics. The Literary Forms and Functions of the Vegetal, herausgegeben von Joela Jacobs, Isabel Kranz und Solvejg Nitzke. Darin befindet sich zudem ein Beitrag von Susan McHugh, der ebenfalls die Konflikte um Nature Writing anschneidet.

SUGGESTED CITATION: Jacobs, Joela: Poetisierte Pflanzen. Wie wir über die Natur sprechen (dürfen), in: KWI-Blog, [https://blog.kulturwissenschaften.de/poetisierte-pflanzen/], 29.01.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240129-0830

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