Patrick JungMensch und Tier

Das erdachte Wesen

Drei Beispiele musealer Präsentation von Tieren

Der Arbeitskreis „Mensch und Tier im Ruhrgebiet“ ist ein Zusammenschluss von Museen des Ruhrgebiets und des KWI und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Menschen und Tieren aus historischer, soziologischer, künstlerischer und anthropologischer Perspektive. Mit der Kombination aus geisteswissenschaftlicher Theorie, kultureller Praxis und kunsthistorischer Expertise will der Arbeitskreis ein noch junges kulturwissenschaftliches Forschungsfeld, die Human-Animal Studies, kartieren und zugleich einen bedeutenden, bisher noch unerforschten Teil der Geschichte des Ruhrgebiets aufarbeiten. Das Programm des Arbeitskreises umfasst zudem die Realisierung einer Ausstellung im Ruhr Museum auf Zeche Zollverein sowie weiterer Ausstellungen in der Zeche Hannover in Bochum, in der Textilfabrik Cromford und an weiteren Standorten der Industriemuseen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und des Landschaftsverbandes Rheinland.

Im Kontext der Ausstellung „Mensch und Tier im Revier“ im Ruhr Museum, die bis zum 16. August 2020 verlängert wurde, eröffnet Patrick Jung, Archäologe und seit 2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ruhr Museum, mit seinem Beitrag die Blog-Reihe über „Mensch und Tier“.

Unser Bild vom Tier ist geprägt durch unsere persönliche Erfahrungswelt. Eingebettet in unser kulturelles und gesellschaftliches Umfeld sind wir es gewohnt, unsere individuelle Haltung gegenüber Tieren in Abhängigkeit des selbst Erfahrenen zu gewinnen. Der eigene Schoßhund mag uns emotional näher sein als der Straßenköter, der als unerwünschter Schädling irgendwo auf der Welt eingefangen und getötet wird. Gleichsam ist das Steak auf dem heimischen Esstisch für die meisten von uns greifbarer als das Rind, das vor kurzem in einem anonymen Schlachthof für unser Mittagessen sein Leben lassen musste.1

Mit den Pronomen ‚wir‘ und ‚uns‘ werden diejenigen Individuen der Spezies Homo sapiens angesprochen, die in der Gegenwart sowie in industriellen oder nachindustriellen Gesellschaften leben. Diese Anmerkung erscheint nur vordergründig banal, denn sie macht deutlich: Ausgegrenzt werden sämtliche anderen tierlichen Spezies, Gattungen und Familien der von ‚uns‘ aufgestellten biologischen Systematik.

In ‚unserer‘ weniger von der Natur als durch Kultur bestimmten Alltagswelt bieten nicht zuletzt Ausstellungen und andere Formen musealer Präsentation Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Themen, die sich heute unter dem Oberbegriff der ‚Mensch-Tier-Beziehungen‘ gruppieren lassen.Obwohl zoologische Ausstellungen bereits eine mehrhundertjährige Geschichte haben, erfordert die in jüngerer Zeit allgemein angewachsene Sensibilität für diesen Themenkreis bei der Erarbeitung von Ausstellungs- und Gestaltungskonzepten ein hohes Maß an methodischer Reflexion.

Von der Natur zur Kultur – der Weg der Tiere ins Museum

Seit dem Beginn der Industrialisierung erleben wir durch Phänomene wie der Verstädterung, dem starken Rückgang der Subsistenzwirtschaft oder der fortschreitenden Umweltzerstörung eine wachsende Distanz zu unserer natürlichen Umwelt, die gleichzeitig in immer stärkerem Maß von uns kontrolliert wird. Dies gilt besonders für Ballungsräume wie dem Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte. Die weltweiten Anfänge dieses Prozesses sind aber lange vor der industriellen Revolution zu suchen und können als bedeutendster Meilenstein in der Entwicklung des Homo sapiens vom Natur- zum Kulturwesen gelten: Vor rund 7.500 Jahren begannen die Menschen in Mitteleuropa im Zuge der Sesshaftwerdung und des Übergangs zu Ackerbau und Viehzucht zunehmend ihre Umwelt in Besitz zu nehmen. Seit dieser Zeit klassifizieren wir die mit uns in Beziehung stehenden Tiere in Nutz- und Wildtiere, Haus-, Jagd- oder Schadtiere.

Bis heute unverändert bleibt die große Bedeutung der individuellen sinnlichen Wahrnehmung für die Urteilsfindung des Menschen. Durch die zunehmende, immer stärker als Entfremdung empfundene Distanz der Bauern, Arbeiter und Stadtmenschen zur ursprünglichen Natur entstand schon früh der Wunsch, das wilde, der eigenen Lebenswelt fremd gewordene Tier zumindest durch Abbilder erfahrbar zu machen.

Zunächst waren die Möglichkeiten hierfür begrenzt. Seit dem frühen Mittelalter existierten Zeichnungen in Büchern und später auch auf Flugblättern. Einen aus präsentationsgeschichtlicher Sicht bedeutenden Schritt in die Dreidimensionalität und damit in die Welt der musealen ‚Objekte‘ machten die Bilder der Tiere jedoch erst in der Frühen Neuzeit mit dem Entstehen der sogenannten Kunst-, Wunder- und Naturalienkammern. Unter staunenswerten Dingen aller Arten zeigten dort Fürsten und wohlhabende Bürger Überreste von Tieren – Knochen, Zähne, Geweihe, Muscheln und Schnecken – sowie Präparate unterschiedlicher Herstellungstechniken: ‚ausgestopfte‘ Tiere, Feucht-, Trocken- oder Knochenpräparate.3

Mit diesen Vorformen unserer heutigen Museen beginnt die Geschichte der musealen Präsentation von Tieren.

Erstes Beispiel: Inszenierte Natur – der angriffslustige Igel

Ab dem 19. Jahrhundert standen die neu gegründeten öffentlichen Museen, vornehmlich Naturkundemuseen und Mehrspartenhäuser mit naturkundlichen Sammlungen, vor einem grundsätzlichen Problem: Anders als die üblicherweise ausgestellte tote Materie‘, Ölgemälde etwa oder Gegenstände der Alltagskultur, handelte es sich bei zoologischen Exponaten um die Überreste vormals lebendiger Wesen. Wollte man sich nicht auf die Präsentation von Fossilien oder die eher unvergänglichen Bestandteile von Tieren wie zum Beispiel deren Schalen, Zähne, Geweihe, Hörner oder Knochen beschränken, war man auf Verfahren zur Erhaltung der Tierkörper angewiesen. Um den Ansprüchen an eine Schausammlung gerecht zu werden, strebte man von Anfang an auch eine möglichst lebensnahe und ‚lebendige‘ Rekonstruktion des vergangenen Lebens an.

Einen vermeintlichen Weg zur Erschaffung naturgetreuer Abbilder bot die Tierpräparation.5 Bei der Taxidermie bzw. Dermoplastik wird die zuvor haltbar gemachte Haut auf ein tragendes Gerüst bzw. einen plastisch geformten Träger gespannt. Mit fortschreitender Entwicklung der Verfahren ergab sich die Möglichkeit, auf den ersten Blick lebensecht wirkende Präparate herzustellen, die wie in der Bewegung eingefroren wirken. Deren äußere Form kann jedoch, trotz aller Bemühungen um Naturtreue, stets nur das Produkt des ausführenden Präparators sein und kann daher lediglich die bei der Herstellung intendierten Botschaften übermitteln. Vielfach wollte man durch die Haltung oder den Gesichtsausdruck des Tieres Gefühlszustände wie ‚Angst‘, ‚Liebe‘ oder auch das Wesen der in dem Präparat manifestierten ‚wilden Bestie‘ transportieren. Häufig erzielte man damit auf den heutigen Betrachter dramatisch oder grotesk wirkende Resultate (siehe Abb. 1.). Auch die Versuche mancher Präparatoren, die vermeintlichen moralischen Qualitäten der Tiere zu verdeutlichen – so etwa beim ‚listigen Fuchs‘ oder dem ‚bösen Wolf‘ –, offenbaren vor allem das allein maßgebliche menschliche Vorbild.

Abb. 1. Ein angriffslustiger Geselle? Präparat eines Igels mit unnatürlich gefletschten Zähnen und weit geöffneten Augen, zweite Hälfte 20. Jh.6, Ruhr Museum, Foto: Rainer Rothenberg
Abb. 1. Ein angriffslustiger Geselle? Präparat eines Igels mit unnatürlich gefletschten Zähnen und weit geöffneten Augen, zweite Hälfte 20. Jh.,6 Ruhr Museum, Foto: Rainer Rothenberg

Zweites Beispiel: Anthropomorphismus – der mürrische Uhu

Ist es letztlich unmöglich, Körperhaltung und Gesichtszüge eines Tieres wirklich lebensecht zu rekonstruieren, so bleibt der Versuch, einen originalen Moment seines Lebens festzuhalten. Klassisches Medium hierfür ist die Fotografie. Porträtbilder von Menschen sind geläufig; vergleichbare Aufnahmen von Tieren werden zunehmend in musealen Kontexten verwendet (Abb. 2). Das Tier blickt dem Betrachter unmittelbar ins Gesicht, nimmt scheinbar Kontakt mit ihm auf, und anders als beim Präparat sind alle wahrgenommenen körperlichen Äußerungen genuin. Da aber weder unsere menschlichen Sinne noch unser Verstand ausreichen, um zu erfassen, was im Kopf des Tieres zum Zeitpunkt der Aufnahme vorging, sind wir auf Analogien angewiesen: Wir erdenken uns Anthropomorphismen wie den ‚treu‘ blickenden Hund, den ‚majestätisch‘ schauenden Hirsch oder den ‚mürrischen‘ Uhu. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um Hilfskonstruktionen, um das eigentlich unverstandene Gegenüber zu erfassen und in unsere eigenen Denkmuster einzuordnen.

Abb. 2. Uhu (Zeche Ewald, Herten).7 Der Ausdruck im Gesicht des Tieres verrät nur scheinbar etwas über dessen aktuelle »Stimmung» oder gar seinen »Charakter«. Foto: Stefan Fabritz, Projekt „Wildes Ruhrgebiet“
Abb. 2. Uhu (Zeche Ewald, Herten).7 Der Ausdruck im Gesicht des Tieres verrät nur scheinbar etwas über dessen aktuelle ‚Stimmung‘ oder gar seinen ‚Charakter‘. Foto: Stefan Fabritz, Projekt „Wildes Ruhrgebiet“

Drittes Beispiel: Leere statt Materie – der Fleischwolf

Um Mensch-Tier-Beziehungen in einem Ausstellungszusammenhang anzusprechen, muss das betroffene Tier als solches keineswegs präsent sein. Oftmals ist ein Werkzeug, Gerät oder auch ein Erzeugnis, über das ein Mit- oder Gegeneinander der Spezies zum Ausdruck kommen kann, sogar sprechender. Ein Fleischwolf etwa ist ein zumindest älteren Menschen vertrautes Küchenutensil, mit dessen Hilfe sich – neben anderen Verwendungsmöglichkeiten – vor allem das Fleisch tierlicher Muskeln zu Hackfleisch verarbeiten lässt (Abb. 3). Ein Vorgang, der in Privathaushalten von Frauen und Männern über viele Jahrzehnte hinweg unzählige Male durchgeführt, aber wegen emotionaler Distanz kaum reflektiert wurde: Dabei findet beim Schlachten eine Transformation des Nutztieres von einem Lebewesen in ein Nahrungsmittel statt. Steht am Ende des Prozesses ein Fleischwolf, wird das Muskelfleisch, das durchtränkt mit Resten von Blut und anhaftenden Sehnen immer noch an das ursprüngliche Tier erinnert, zu Hackfleisch ‚gewolft‘ und damit vollends zum Lebensmittel verdinglicht. Nur bei der Wurstherstellung ist eine weitere Steigerung der Entmaterialisierung möglich: In modernen fleischverarbeitenden Betrieben werden beim sogenannten ‚Kuttern‘ sogar die Zellmembranen und -strukturen zerstört, um möglichst feines Wurstbrät zu erzeugen. Der Fleischwolf berichtet von diesem Vorgang, bei dem vom ursprünglichen Lebewesen so gut wie nichts mehr erhalten bleibt.

Abb. 3. Fleischwolf der Firma Alexanderwerk in Remscheid, 1930er/40er Jahre.8 Ruhr Museum, Foto: Rainer Rothenberg
Abb. 3. Fleischwolf der Firma Alexanderwerk in Remscheid, 1930er/40er Jahre.8 Ruhr Museum, Foto: Rainer Rothenberg

Letztlich ist es unmöglich, in Ausstellungen oder ähnlichen Kontexten Tiere ihrer Natur getreu zu erfassen; ausgestellt werden immer nur von uns ‚erdachte Wesen‘. Objekte, die mit Mensch-Tier-Beziehungen verknüpft sind, eignen sich hingegen für eine neutrale und möglichst unvoreingenommene Darstellung tierbezogener Thematiken oft besser. Sie können, entsprechend befragt, über weit mehr als nur ihre vordergründige Funktion berichten. 

References

  1. Francione, Gary L.: Introduction to Animal Rights. Your Child or the Dog?, Philadelphia ²2007, bes. S. XXII–XXXI, 151–166.
  2. So etwa in der Ausstellung »Mensch und Tier im Revier«, die vom 8. Juli 2019 bis 16. August 2020 im Rahmen des Projektverbundes »Mensch und Tier im Ruhrgebiet« im Ruhr Museum, Essen, gezeigt wurde (begleitender Exponatkatalog: Grütter, Heinrich Theodor/Stottrop, Ulrike (Hg.): Mensch und Tier im Revier, Essen 2019).
  3. Beßler, Gabriele: Wunderkammern. Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst der Gegenwart, Berlin 2009; Roscher, Mieke: Wie viel Akteur steckt im gesammelten und bewahrten Tier?, in: Förschler, Silke/Mariss, Anne (Hg.): Verfahrensweisen der Naturgeschichte in der Frühen Neuzeit, Köln u. a. 2017, S. 245–252. https://doi.org/10.7788/9783412508678-015.
  4. Köstering, Susanne: Natur zum Anschauen. Das Naturkundemuseum des deutschen Kaiserreichs 1871–1914, Weimar/Wien 2003, bes. S. 75–222; Stottrop, Ulrike: Naturmuseen, in: Walz, Markus (Hg.): Handbuch Museum. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 117–123. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05184-4_26.
  5. Martin, Philipp Leopold: Die Praxis der Naturgeschichte, Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, Weimar 1870.
  6. Grütter/Stottrop 2019 (s. Anm. 2), S. 214 f., Kat.-Nr. 85 (Michael Lorenz).
  7. Ebd., S. 275, 279, Kat.-Nr. 85 (Ulrike Stottrop).
  8. Ebd., S. 70 f., Kat.-Nr. 16 (Patrick Jung).

SUGGESTED CITATION: Jung, Patrick: Das erdachte Wesen. Drei Beispiele musealer Präsentation von Tieren, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/das-erdachte-wesen/], 13.07.2020

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20200713-0900

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