Heilung durch die Himmel
Als Gedankenspiel: Man geht mit einem Magenleiden in die Praxis, man wird hereingebeten und schildert das Problem. Der:die Behandelnde dreht sich nachdenklich zum Fenster, schaut nach draußen in den Himmel und zuckt mit den Schultern. Das Leiden kann gerade nicht behandelt werden, die Sterne stehen ungünstig. Seltsam? Vielleicht. Überspitzt dargestellt? Auf jeden Fall.
Dennoch: Was für den aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts irritierend sein mag, trifft für die Sichtweise der meisten Europäer:innen in der Vormoderne zu.1 Die Astrologie galt bis weit ins 17. Jahrhundert hinein als eine Grundlagenwissenschaft, mit der sich viele Gelehrte beschäftigten, egal ob Juristen, Geographen, Mathematiker oder hier sehr prominent: Mediziner. In der Vormoderne galt als sicher, dass die Gestirne Einfluss auf die Welt ausübten, konnten sie das doch in den Bewegungen des Wassers, verursacht vom Mond, ganz greifbar sehen. Gerade für Mediziner war die Stundenastrologie von enormer Bedeutung, kaum ein Arzt kam ohne Horoskopie und Vorhersagen aus. Schließlich konnte man nur so die idealen Zeiträume für Eingriffe feststellen und den Kreis der Krankheiten effektiv eingrenzen. Sie war schlichtweg nötig zur Wahrheitsfindung in medizinischen Kontexten und galt als unerlässlich.2
Das Torquetum des Melchior Ayrer
Es ist daher nicht wirklich verwunderlich, dass das hier gezeigte Instrument (Abb. 1) für einen Arzt hergestellt wurde. Der Nürnberger Stadtarzt Melchior Ayrer († 1579) hatte es bei Johannes Richter († 1616) in Auftrag gegeben, der unter dem selbstgewählten Nachnamen Praetorius in Nürnberg als Mathematiker und Instrumentenbauer tätig war. Er stand damit in einer jungen, aber eindrucksvollen Tradition, denn gelehrte Instrumentenbauer gab es in Nürnberg einige, wie etwa die vor ihm tätigen Johannes Schöner († 1547) oder Georg Hartmann († 1564), ebenfalls Mathematiker, die unter anderem für ihre Globen bekannt waren.

Ein Torquetum3 ist ein komplexes Gerät, das man zur Berechnung verschiedener astronomischer Parameter wie Sonnenstand oder Sternenpositionen nutzte. Es konnte transportiert und auf den aktuellen Breitengrad eingestellt werden, seine genaue Verwendung musste penibel erlernt werden und war eine Wissenschaft für sich.4 Dieses Exemplar ist besonders aufwändig, auf vier Löwenfüßen stehend, ein kleiner Mikrokosmos wissenschaftlich beglaubigender Symbolik. Es finden sich unter anderem Astronomen und Astrologen auf der Bodenplatte, mit verschiedenen astrologischen Instrumenten ausgestattet, teilweise beim Ausüben ihrer Tätigkeit gezeigt. Das Bildprogramm ist dem „Instrument Buch“ der Geschwister Apian († 1548 und 1552) nachempfunden. Auf der Äquatorialplatte setzt sich diese Darstellung mit weiteren Gelehrten und ihren „Wahrheitswerkzeugen“ fort.
Musen, Jahreszeiten und Werkzeuge
Prominent sind vor allem die Vorder- und Rückseite der senkrechten, gut sichtbaren Scheibe. Hier sind auf der einen Seite die vier Jahreszeiten zu sehen (Abb. 2), die Stichen des Nürnberger Kupferstechers Vergil Solis († 1562) nachempfunden sind. Oben links der Frühling, ein Mann mit Schaufel, der Felder anlegt, rechts daneben der Sommer, ein Mann mit Dreschflegel und Sense: die Ernte, die auf die Saat folgt. Unten links der Herbst, Wein und den entsprechenden Schlauch mit sich führend, während der Winter mit Speer und Messer angetan ist.5 Die vier Jahreszeiten sind hierbei Teil eines kosmologischen Weltbildes, das viele aufeinander aufbauende Viererketten kannte: vier Säfte, vier Temperamente, vier Elemente, vier Lebenszeiten. Hier berühren sich medizinische Humoralpathologie und Astrologie.
Auf der anderen Seite der Platte ist oben mittig das Wappen des Besitzers zu sehen, flankiert von Sternen und dem astrologischen Zeichen für Merkur, der die Gelehrsamkeit repräsentiert, die personifizierte Geometrie rechts und zwei Sternenkundige bei der Arbeit links, darunter zwei weitere weibliche Figuren (Abb. 3). Insgesamt ist hier eine umfassende allegorische Darstellung des Quadriviums zu sehen, wobei nur die Astrologie und Astronomie in Form männlicher Figuren wiedergegeben werden, die anderen Künste werden unter Rückgriff auf die zeitgenössischen Normen weiblich dargestellt: Die Geometrie wird durch Zirkel und Globus symbolisiert, die Musik durch ein Streichinstrument und die Arithmetik durch eine Schriftrolle mit Jahreszahl sowie ein Buch mit Rechnungslinien.6
So wie das Bildprogramm verschiedene wissenschaftliche und künstlerische Instrumente zeigt, ist auch das Torquetum Teil einer viel umfassenderen Werkzeugsammlung. Dazu gehörten außerdem noch mindestens ein Astrolab, ein Sonnenquadrant, ein Himmels- und ein Erdglobus. Die Werkzeuge waren allesamt zwar durchaus zur Verwendung gedacht, aber wie das Torquetum in der Gestaltung enorm aufwändig und repräsentativ. Sie mussten sich auch vor den beeindruckendsten Instrumentensammlungen wie der des Kurfürsten August von Sachsen († 1586) nicht verstecken. Praetorius formulierte durch seine Arbeit hier das nach Außen kommunizierte Selbstbild Ayrers, der auch in seiner Arbeit als Mediziner als Experte mit umfassendem Geltungsanspruch in den mathematischen Fächern gelten sollte und wollte, dessen Prognosen und Therapien sich auf den wissenschaftlichen Kanon ihrer Zeit beriefen.
Wirker der Wahrheit
Diese Verflechtung von Medizin und Astrologie erscheint heute eher irritierend, ist aber ganz typisch für eine Zeit, in der Astrologie keinesfalls eine okkulte oder esoterische Spinnerei war, sondern als seriöse Wissenschaft galt. Jeder, der am Ende des Mittelalters oder in der beginnenden Frühen Neuzeit ein Studium aufnahm, kam im Laufe seines Grundstudiums mit der Astrologie und Astronomie in Kontakt und trug diese Künste dann in die Welt hinaus. Diese mathematischen Fächer, die sich in Ayrers Instrumentensammlung und auf dem Bildprogramm des Torquetums wiederfinden und zu denen die Sternenkunde zählte, waren als Quadrivium bekannt. Die Astrologie machte die Beobachtungen der Astronomie, von wenigen Beispielen wie der Navigation abgesehen, erst anwendbar. Die Astrologie war – etwas provokant formuliert – die große Schwester der Astronomie.7 Sie waren und sind zwar voneinander unterscheidbare Wissenschaften, aber galten als derart eng verbunden, dass zwischen ihren Anwendern oftmals nicht differenziert wurde. Da wundert es dann auch nicht, dass der Nürnberger Meistersänger Hans Sachs (†1576) in seinen Gedichten über die verschiedenen Berufsstände Astronomen folgendermaßen mit Versen besang (Abb. 4):
So bin ich ein Astronomus /
Erkenn zukuenfftig Finsternuß /
An Sonn und Mond / durch das Gestirn
Darauß kan ich denn practiciern /
Ob kuenfftig komm ein fruchtbar jahr
Oder Theuwrung und Kriegßgefahr /
Und sonst manicherley Kranckheit /
Milesius den anfang geit8
Obwohl der in traditioneller Gelehrtenrobe Auftretende als Astronom bezeichnet wird, ist das beschriebene Tätigkeitsfeld astrologisch: Die Vorhersage von Kriegen, Krankheiten und Fruchtbarkeit, das sogenannte Praktizieren, würde heute klar in die eher unseriöse Sternendeutung fallen und nicht in die Astronomie.

Obwohl die Astrologen sich besonders der Wahrheit verpflichtet sahen, mussten Anhänger der Sternenkunde erkennen, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, sich zu irren. John Ashenden († um 1368), ein englischer Hofastrologe, warnte, dass Liebe und Hass astrologische Vorhersagen verfälschen konnten. Guido Bonatti († um 1300), ein italienischer Astrologe, legte nahe, bei der Interpretation himmlischer Zeichen Vorsicht walten zu lassen und die Ergebnisse umsichtig zu kontextualisieren. Lorenz Beheim († 1521), ein aus Nürnberg stammender Geistlicher, Ingenieur und Astrologe, musste nach einer fehlgeschlagenen Vorhersage einsehen, dass er kein Prophet sei, sondern nur ein fehlbarer Mensch, der von seinen eigenen Meinungen und Launen geleitet wird.9
Astrologen durften scheitern, ohne dass dabei die grundlegende Validität ihrer Disziplin infrage gestellt wurde.10 Dabei gab es schon seit christlicher Frühzeit Kritik an der omnipräsenten Astrologie. Bereits Augustinus von Hippo († 430) fand scharfe Worte für die Sternendeutung, auch wenn es noch bis weit ins 17. Jahrhundert dauerte, bis sie ihren Glanz und ihre Position im Wissenschaftskanon verlieren sollte. In der Zwischenzeit fanden sich auf den skeptischeren Plätzen namhafte Denker wie der italienische Humanist und Fürst Pico della Mirandola († 1495). Aber auch diese kritisierten nicht die grundlegende Position der Astrologie, sondern wandten sich vor allem gegen die Praxis der Individual- und Stundenastrologie. Völlig einleuchtend war auch für sie, dass die Welt insgesamt durch die Gestirne beeinflusst wurde, nur die Gewohnheit bei vielen Alltagsfragen zunächst die Astrologen zu konsultieren, stieß ihm auf.11 Dass die grundlegende Validität der Astrologie über diese Bewegungen und Probleme hinweg so lang ihre Position bewahren konnte, spricht für die Effektivität des astrologischen Wahrheitsanspruchs.
Astrologie in Nürnberg
Zurück aber in die Praxis des Melchior Ayrer: Dass Ayrer ein so repräsentatives Werkstück anstelle eines simplen Torquetums anfertigen ließ, wie wir es auf Darstellungen Peter Apians sehen können (Abb. 5), hatte diverse Gründe. Ayrer war Arzt in einer der wichtigsten Städte des Heiligen Römischen Reiches. Nürnberg war ein Zentrum der Metallverarbeitung und als solches die Wirkungsstätte vieler Instrumentenbauer. Zwar war Nürnberg keine Universitätsstadt (die Gründung der Universität Altdorf sollte erst 1580 folgen), doch war es ein Zentrum des deutschen Humanismus und eine Stadt voller Gelehrter.12 Ayrer war als Stadtarzt bis zu einem gewissen Grad auch Repräsentant dieser Stadt.

1470 hatte sich der berühmte Astronom Regiomontan († 1476) hier niedergelassen, der hier eine Tradition der Sternenbeobachtung begründete, die durch verschiedene Gelehrte wie Bernhard Walther († 1504), Johannes Werner († 1522) oder Johannes Schöner fortgesetzt werden sollte. Viele astronomisch-astrologische Schriften wurden hier gedruckt und herausgegeben. Da die Iathromathematik, also die medizinische Astrologie, fest in der Heilkunde verwurzelt war, wurden gewisse Erwartungen an den Stadtarzt dieses intellektuellen Zentrums gestellt, die dieser zu erfüllen hatte. Himmelsglobus, Astrolab und Torquetum waren dabei Instrumente, die die Kompetenz und das Prestige des Praktizierenden repräsentierten, umso mehr, da die Astrologie eine Kunst mit einem praktischen, abrufbar performativen Anteil war.13 Für Ayrer fungierten seine Werkzeuge, von denen das Torquetum das am reichsten ausgestattet ist, als Repräsentationsobjekte seiner Künste und Fähigkeiten. Die Instrumente waren des Stadtarztes einer der wichtigsten Reichsstädte nur angemessen. Sie waren nicht nur Dinge, die zu Berechnung oder Anwendung gedacht waren, sondern auch Objekte, die durch ihre Aufmachung und Existenz einen Wahrheitsanspruch generieren konnten. Oder anders gesagt: Wahrheitsdinge.
References
- Achtung: Das ist nicht exklusiv, auch verschiedene asiatische und arabische Kulturkreise kennen und kannten verschiedene Spielformen der Astrologie.
- Eine Übersicht verschaffen kann hier etwa Astro-Medicine: Astrology and Medicine, East and West, hg. v. Anna Akasoy, Charles Burnett und Ronit Yoeli-Tlalim (Sismel, 2008).
- Von lat. „torquere“, „drehen“, vgl. grundlegend Richard P. Loch, „Art. Turquetum“, in Lexikon des Mittelalters 8, 1120.
- Das Torquetum war komplex, seine genaue Verwendung ist nur aufwändig zu rekonstruieren, an Genauigkeit konnte es mit anderen, klassischen Instrumenten nicht mithalten, wohl auch daher wurde es im 16. Jahrhundert vor allem repräsentativ genutzt, vgl. Jarosław Włodarczyk, „The Torquetum (or Turketum): Was It an Observing Instrument?“, Journal for the History of Astronomy 53.3 (2022), 266–299, https://doi.org/10.1177/00218286221105653.
- Die dazugehörigen Stiche des Vergil Solis wurden u.a. behandelt von Ilse O’Dell-Franke, Kupferstiche und Radierungen aus der Werkstatt des Virgil Solis (Franz Steiner, 1977), 98f.
- Ein ganz herzlicher Dank an Christina Lechtermann für das Nahelegen dieser Lesart.
- Die Literatur hier ist vielfältig, vgl. etwa Monica Azzolini, The Duke and the Stars. Astrology and Politics in Renaissance Milan (Harvard University Press, 2013), 26–28; Claudia Brosseder, Im Bann der Sterne: Caspar Peucer, Philipp Melanchthon und andere Wittenberger Astrologen (de Gruyter, 2004), 165–234, https://doi.org/10.1524/9783050082172; Michael H. Shank und David C. Lindberg: „Introduction“, in The Cambridge History of Science, Bd. 2: Medieval Science, hg. v. dens. (Cambridge University Press, 2013), 1–28, https://doi.org/10.1017/CHO9780511974007.002.
- Sinngemäß etwa: Ich bin der Astronom, erkenne zukünftige Finsternis. An Sonne, Mond und den Gestirnen kann ich vorhersagen, ob künftig ein fruchtbares Jahr kommt oder Teuerung und Kriegsgefahr und manche Krankheit. Thales von Milet (ein früher Astronom und Astrologe der Antike) ging uns voran, vgl. Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Lit.Germ.rec.B.2039, 37.
- Emil Reicke (Hrsg.), Willibald Pirckheimers Briefwechsel, Bd. 2 (C.H. Beck, 1956), 44: „Et non loquuntur nisi ad aerem. Et si contrarium opinioni meae evenerit, non mirum est, propheta non sum, sed opionione saepius ducor. Mundus enim opinionibus regitur.“ Sinngemäß etwa: „Aber das ist in den Wind gesprochen. Wenn das Gegenteil meiner Meinung passiert, ist es kein Wunder, denn ich bin kein Prophet und werde oft von Meinungen geleitet. Die Welt wird nämlich von Meinungen regiert.“ Vgl. außerdem etwa Friederike Pfister, Future Experts? Self-Fashioning and the Image of Astrologers in the Thirteenth and Fourteenth Centuries (Dissertation, Ruhr-Universität Bochum, 2023), 179–186.
- Vgl. Klaus Oschema, „Irren ohne zu scheitern. Warum (spät-)mittelalterliche Astrologen nicht immer Recht haben mussten“, in Praktiken und Räume des Wissens. Expertenkulturen in Geschichte in Gegenwart, hg. v. Marian Füssel, Frank Rexroth und Inga Schürmann (Vandenhoeck & Ruprecht, 2019), 145–172, https://doi.org/10.13109/9783666370731.145.
- Zur Kritik an der Astrologie vgl. etwa Ovanes Okopayn, Debating the Stars in the Italian Renaissance: Giovanni Pico Della Mirandola’s Disputationes Adversus Astrologiam Divinatricem and Its Reception (Brill, 2020).
- Vgl. etwa Carla Meyer, Die Stadt als Thema. Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 (Jan Thorbecke, 2009), 320; Thomas Eser, „‚Deutschlands Nabel‘ und ‚Europas Mitte‘: Nürnbergs Ruf und Stellung in Spätmittelalter und Früher Neuzeit“, in Krakau und Nürnberg in der europäischen Zivilisation. Materialien der internationalen Tagung im Internationalen Kulturzentrum Krakau, 6. –7. Dezember 2004, hg. v. Jacek Purchla (Antykwa, 2006), 27–61.
- Dabei ist gerade die performative Ebene der Astrologie schwer greifbar, vgl. Klaus Oschema, „Heaven Can Tell… Late Medieval Astrologers as Experts – and what they can Teach us about Contemporary Financial Expertise“, in Making the Medieval Relevant: How Medievalists Are Revolutionising the Present, hg. v. Chris Jones, Conor Kostick und Klaus Oschema (de Gruyter, 2020), 191–210, insb. 197f., https://doi.org/10.1515/9783110546316-009.
SUGGESTED CITATION: Köhli, Stephan: Heilung durch die Himmel. Ein astrologisches Instrument eines vormodernen Arztes, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/heilung-durch-die-himmel/], 18.05.2026

