„Ich, einfach diskriminiert“?
Über Identitätspolitik wird seit Jahren intensiv gestritten. Immer wieder geht es dabei auch um die Frage, ob das subjektive Erleben, also die Art und Weise, wie Personen bestimmte Situationen wahrnehmen, eine angemessene Grundlage für Wissen über das, was ihnen widerfährt, bieten kann. Kritiker:innen behaupten, dass im Rahmen von Identitätspolitik einzig die persönliche Betroffenheit von Menschen zähle; es gehe bloß noch darum, wie sich Leute fühlen.1 So reiche es heute zum Beispiel schon, sich diskriminiert zu fühlen, um behaupten zu können, dass man diskriminiert werde. Aus Sicht der Kritiker:innen verstößt das gegen allgemein anerkannte Prinzipien, wie wir zu Wissen gelangen. Denn es werde nicht mehr geprüft, was objektiv der Fall ist – obwohl das allein Wissen über die Welt begründen könne.
Prominent geäußert wurde diese Kritik an Identitätspolitik unter anderem von Wolfgang Thierse, dem bekannten SPD-Politiker und ehemaligen Bundestagspräsidenten. In einem Meinungsbeitrag für die FAZ aus dem Jahr 2021 schrieb er: „Die eigene Betroffenheit, das subjektive Erleben sollen und dürfen nicht das begründende Argument ersetzen.“2 Im Deutschlandfunk erläuterte Thierse diese Kritik weiter:
Wissen Sie, es wird inzwischen ein Stil sichtbar, dass derjenige, der sagt, ich bin betroffen, ich fühle mich ausgeschlossen, ich empfinde mich als Opfer, dass der schon recht hat. Aber unsere Tradition seit der Aufklärung ist doch die, nicht die Betroffenheit, nicht das subjektive Empfinden darf entscheidend sein, sondern das vernünftig begründende Argument […].3
Das subjektive Empfinden, die Wahrnehmung einer bestimmten Situation ist nach Thierses Auffassung also das eine – ob jemand damit richtig liegt, also korrekt erkennt, was der Fall ist, etwas ganz anderes. Mit dieser Kritik ist Thierse nicht allein. So fragte auch Jan Fleischhauer in einer Kolumne im Spiegel mit dem Titel „Ich, einfach diskriminiert“:
Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit. Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.4
Der Vorwurf Fleischhauers lautet also: Wann immer man als Mitglied einer Minderheit Widrigkeiten erlebt, sei man aus Sicht der Identitätspolitik schon gerechtfertigt in der Überzeugung, dass Vorurteile im Spiel sind, dass man diskriminiert wurde – obwohl die Widrigkeiten, die man erlebt, objektiv auch ganz andere und viel harmlosere Ursachen haben könnten. Wie Thierse kritisiert auch Fleischhauer, dass von einem bloßen Gefühl oder einem subjektiven Eindruck auf das, was objektiv der Fall ist, geschlossen werde, obwohl dieser Schluss nicht oder nicht so einfach möglich sei.
Im Folgenden möchte ich fragen, ob die Kritik, die sich exemplarisch bei Thierse und Fleischhauer findet, in der Sache gerechtfertigt ist. Mir geht es also nicht darum, ob Kritiker:innen wie Thierse und Fleischhauer die Anliegen der Identitätspolitik richtig wiedergeben. Vielmehr möchte ich inhaltlich prüfen, was sich auf Grundlage des subjektiven Empfindens oder Gefühls, also des eigenen Eindrucks oder der Wahrnehmung einer Situation, wissen lässt und was nicht. Begibt sich jeder, der eine persönliche Erfahrung geltend macht, um eine Überzeugung zu stützen, oder der allgemeiner meint, das eigene Erleben sei eine Quelle von Wissen, erkenntnistheoretisch auf zweifelhaftes Terrain? Thierse und Fleischhauer scheinen das zu behaupten. Um wissen zu können, was objektiv der Fall ist, braucht es nach ihrer Auffassung mehr oder anderes als das eigene Erleben. Doch ist diese Abqualifizierung des subjektiven Erlebens, der Art und Weise, wie Personen Situationen wahrnehmen, gerechtfertigt? Im Folgenden werde ich mich auf drei Punkte konzentrieren.
Zunächst einmal möchte ich etwas Offensichtliches feststellen: Das Erleben oder die Wahrnehmung einer bestimmten Situation allein erlaubt es uns nicht immer, ganz genau zu wissen, was in dieser Situation der Fall ist. Es ist allerdings hilfreich, sich klarzumachen, warum das so ist. Fleischhauer führt in der Kolumne, aus der ich bereits zitiert habe, das Beispiel einer jungen Frau ein, die ein Kopftuch trägt und von einem Busfahrer unfreundlich behandelt wird. Es ist instruktiv, dieses Beispiel etwas näher zu betrachten. Fleischhauer fragt: „Ist der Busfahrer, der die junge Kopftuchträgerin anraunzt, weil sie nicht schnell genug das Wechselgeld parat hält, ein Fremdenhasser? Oder ist er nur ein deutscher Muffkopp, der gleichermaßen unfreundlich zu allen ist, die seinen Bus betreten?“5 Worauf Fleischhauer mit dieser Frage hinauswill, ist klar: Was genau in dieser Situation der Fall ist, kann die Frau auf Basis ihrer Wahrnehmung der Situation allein nicht wissen. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Wahrnehmung der Frau in der Situation als Quelle von Wissen zu unzuverlässig ist oder dass Wahrnehmung insgesamt zu subjektiv ist, um von ihr zu Wissen über die Welt zu gelangen. Vielmehr ist das Beispiel von Fleischhauer so angelegt, dass der Wahrnehmung der Frau hier überhaupt nur wenige Tatsachen über den Busfahrer zugänglich sind, sodass sie nur begrenzt Wissen erwerben kann. Dass der Fahrer sie unfreundlich behandelt, kann sie auf Basis ihrer Wahrnehmung der Situation durchaus wissen (was ja auch Fleischhauer nicht bestreiten würde), aber dazu, warum der Busfahrer sie unfreundlich behandelt, gibt es in dem Beispiel schlicht und ergreifend keine Hinweise. Würde der Busfahrer zusätzlich zu seinem unfreundlichen Verhalten noch einen abwertenden Kommentar über Menschen muslimischen Glaubens machen, hätte die Frau auf Basis ihrer Wahrnehmung der Situation hingegen einen sehr guten Grund zu denken, dass sie als Frau mit Kopftuch vom Busfahrer anders und schlechter behandelt wird als andere. Der erste Punkt ist also dieser: Auf Basis ihrer Wahrnehmung können Personen einiges, wenn auch häufig nicht alles darüber wissen, was ihnen in einer bestimmten Situation widerfährt.
Der zweite Punkt: Beispiele wie das mit der jungen Frau können es so wirken lassen, als würde es im Kontext der Diskussion über das, was Personen auf Basis ihrer Erfahrung wissen können, vorrangig um einmalige Situationen gehen. Auch Thierse beschreibt in dem eingangs zitierten Interview im Deutschlandfunk, wie Personen von ihrer persönlichen Betroffenheit berichten, und hält fest, dass das Gefühl der Betroffenheit ihnen nicht schon recht gebe. Das legt nahe, dass Menschen isolierte Erfahrungen machen, von denen nicht unbedingt klar ist, was sie bedeuten – was sie aber nicht davon abhält, sofort der Meinung zu sein, dass sie von Rassismus, Sexismus oder Ähnlichem betroffen sind. Doch dieses Bild ist irreführend. Menschen erleben bestimmte Situationen nicht nur einmal, sondern in Variationen immer wieder, und häufig sind es ihre gesammelten Eindrücke oder Wahrnehmungen, die die Grundlage für ihre Überzeugungen bilden. Zwei Auszüge aus einem autobiographischen Text von Enrico Ippolito mögen das verdeutlichen:
In der Grundschule wurde schnell klar, dass er anders war… Nicht weil er sich so fühlte, sondern weil sie ihn jedes Mal darauf aufmerksam machten. Sie gaben ihm den Spitznamen ‚Spaghettifresser‘. Später, als er auf das Gymnasium kam, folgte ihm auch sein Spitzname… Erst viele Jahre später, er war sechzehn oder vielleicht etwas jünger, erkannte er, wie man das nannte, was ihn sich fremd fühlen ließ: Rassismus.6
An der Uni, es waren die Post-Neunzigerjahre, war ‚multikulti‘ das neue Schlagwort. Niemand nannte ihn mehr Spaghettifresser… [Aber; K.L.] [e]r war es, den die Security-Leute im Supermarkt auscheckten. Und er war es auch, der sah, wie die Menschen ihre Taschen umklammerten, wenn er an ihnen vorbeilief.7
Der Erzähler stellt sich die Frage, was seine wiederkehrenden Erfahrungen am besten erklärt: Sind manche Menschen einfach unfreundlich bzw. besonders unsicher im Kontakt mit anderen? Oder hat ihr Verhalten damit zu tun, wen sie jeweils vor sich haben, und mit den Bildern oder Annahmen, von denen sie sich dabei leiten lassen? Dass die Julias und Michaels in der Klasse nicht „Spaghettifresser“ genannt werden und dass er aus dem Bekanntenkreis an der Universität stets die einzige Person ist, die im Supermarkt kontrolliert wird, zeigt dem Erzähler, dass Menschen nicht generell unfreundlich und unsicher sind, sondern dieses Verhalten spezifisch ihm gegenüber an den Tag legen. Die beste Erklärung dafür ist, dass er von anderen als fremd gesehen wird, als anders und irgendwie schlechter, sowie als möglicherweise kriminell. So kommt er zu dem Schluss, dass ihm Rassismus widerfährt. Den zweiten Punkt kann man vor diesem Hintergrund wie folgt zusammenfassen: Wiederkehrende Erfahrungen einer bestimmten Art können Wissen über das, was einem da immer wieder widerfährt, begründen. In jeder einzelnen Situation kann es aus Gründen, die wir bereits kennengelernt haben, schwierig sein, genau zu wissen, ob einem gerade Rassismus oder Sexismus widerfährt. Aber jemand wie Ippolitos Erzähler kann auf der Grundlage vieler ähnlicher Erfahrungen wissen, dass ihm in seinem Leben immer wieder Rassismus widerfährt – weil es schlicht die beste Erklärung für das allgemeine Muster ist.
Ich komme damit zum dritten und letzten Punkt. Bisher habe ich die unter anderem von Thierse und Fleischhauer geäußerte Skepsis gegenüber dem, was man auf Basis des subjektiven Erlebens wissen kann, auf eine bestimmte Weise aufgefasst, nämlich so, dass angezweifelt wird, ob das Erleben hinreichend ist, um bestimmte Überzeugungen zu stützen – etwa die Überzeugung, man werde rassistisch diskriminiert. Dem habe ich entgegengesetzt, dass Personen auf Basis ihres Erlebens häufig einiges, wenn auch nicht immer alles über das, was ihnen widerfährt, wissen können und dass sie insbesondere auch Wissen über wiederkehrende Erfahrungen erlangen können. Allerdings finden sich in der aktuellen Debatte auch Spuren einer deutlich fundamentaleren Skepsis. Indem zum Beispiel Thierse „das subjektive Empfinden“ mit dem „vernünftig begründenden Argument“ kontrastiert, legt er nahe, dass das subjektive Empfinden gar nicht Teil einer Begründung für bestimmte Überzeugungen über das, was der Fall ist, sein könnte. Noch deutlicher tritt diese fundamentale Skepsis bei Fleischhauer zutage, wenn er schreibt, dass beim subjektiven Erleben unklar sei, „was Wahn und was Wirklichkeit ist“. Damit wird die Wahrnehmung in die Nähe von mentalen Zuständen wie der Illusion oder der Halluzination gerückt und nahegelegt, dass sie in keinem stabilen Zusammenhang mit den Tatsachen in der Welt stehe und somit auch keinerlei Grundlage für die Gewinnung von Wissen über das, was objektiv der Fall ist, bilden kann. Doch eine solche fundamentale Skepsis erscheint völlig fehl am Platz. Wenn ich wissen will, wie viel Uhr es ist, ist es eine gute Idee, auf eine Uhr zu schauen. Und eine Person, die einen Bus betritt, kann selbstverständlich wissen, dass sie gerade einen Bus betritt, ebenso wie sie auch erkennen kann, wenn der Busfahrer sie unfreundlich behandelt. Statt uns dazu hinreißen zu lassen, radikal Erfahrung als Quelle von Wissen infrage zu stellen, sollten wir vielmehr anerkennen, wie viel sich tatsächlich aufgrund von Erfahrung wissen lässt – auch wenn es unbequem ist.
References
- Für einen informativen Überblick über die Vorläufer der aktuellen Kritik an Identitätspolitik, vgl. Florian Hannig, „Eine kurze Geschichte der Betroffenheit(skritik) in der Bundesrepublik“, Merkur 871 (2021): 28–37.
- Wolfgang Thierse, „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“, FAZ, 22. Februar 2021.
- Wolfgang Thierse, „Ziemlich demokratiefremd“, Deutschlandfunk, 25. Februar 2021, https://www.deutschlandfunk.de/wolfgang-thierse-spd-ueber-identitaetspolitik-ziemlich-100.html.
- Jan Fleischhauer, „Ich, einfach diskriminiert“, DER SPIEGEL, 4. April 2019, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/diskriminierung-deutschland-sucht-das-superopfer-kolumne-a-1261244.html.
- Ebd.
- Enrico Ippolito, „Beleidigung“, in Eure Heimat ist unser Albtraum, hg. v. Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Ullstein, 2020), 82–100, hier 84.
- Ippolito 2020, 86–87.
SUGGESTED CITATION: Lepold, Kristina: "Ich, einfach diskriminiert"? Vom subjektiven Erleben und dem Wissen darüber, wie es wirklich ist, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/ich-einfach-diskriminiert/], 09.03.2026