Jörg Später

Geschichten und Geschichte

Geschichten und Geschichte Auf der Suche nach wissenschaftlicher Erzählung Von: Jörg Später

Hayden White hatte einst – 1973 war das, die deutsche Übersetzung folgte allerdings erst ein Vierteljahrhundert später – die Geschichtsschreibung zu einer rein narrativen Angelegenheit erklärt, die den Erzählformen von Romanze, Satire, Komödie oder Tragödie folge. Unser Pionier und Hüter der Sozialgeschichte Hans-Ulrich Wehler schleuderte damals, wie gewohnt bei solchen Herausforderungen, seine Blitze und setzte die analytische Geschichtsbetrachtung dagegen.1 Viele Geschichten über den Streit sind eigentlich nicht überliefert, aber ich habe aus Anlass der Veranstaltung über „Geschichte und Geschichten“ mit meiner Kollegin Laetitia Lenel, die im vergangenen Jahr einen Roman vorgelegt hat, im KWI, wo ja Literatur- auf Geschichtswissenschaft trifft, ein paar Gedanken über das Verhältnis von literarischem und wissenschaftlichem Schreiben formuliert – selbstredend aus der Perspektive eines Historikers, der mit Literatur lebt, aber in literaturtheoretischen Dingen kenntnislos ist, wofür ich wegen möglicher Naivität um Nachsicht bitte.2

Was überhaupt ist „Geschichte“? Nun, alles, was vergangen ist. Daher könnte es ein historisch-wissenschaftliches Buch über Goethe genauso geben wie eines über die Schlacht von Stalingrad. Aber nicht alles, was vergangen ist, können wir berücksichtigen oder interessiert uns. Geschichte ist daher immer auch eine Frage der jeweiligen Gegenwart an die Vergangenheit. Deshalb gibt es niemals „das letzte Buch“ über Napoleon (während wir noch immer auf das erste eines Historikers über Goethe warten). Geschichte ist Veränderung in der Zeit, und das betrifft Geschichtsschreibung selbst.

Und was ist „die“ Geschichte? Besteht sie aus lauter kleinen Geschichten, so wie ein Mosaik aus Millionen kleinen Teilchen? Wer von „der Geschichte“ spricht, begibt sich auf das Gelände der Geschichtsphilosophie, worunter ich verstehe, dass Gesetze (wie in der Natur) oder determinierende Logiken über den Verlauf und die Form menschlichen Lebens und Zusammenlebens erkennbar sind. Die Zeit solchen Wissens über die „ersten und letzten Dinge“ ist allerdings längst vorbei. „Geschichte“ ist wie das menschliche Leben, erst recht das soziale Leben, kontingent, wuselig, chaotisch. Jederzeit kann etwas Unvorhergesehenes passieren. Schon deshalb ist es gut, die große Geschichte durch kleine Geschichten zu verflüssigen, sie zum einen aus ihrer Monumentalität und gefühlten Unveränderbarkeit zu befreien und zum anderen den subjektiven Erfahrungen Raum zu verschaffen. Man könnte sagen: Nach dem „Ende der großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard) kommen die „kleinen Erzählungen“. Sie durchbrechen nicht nur geschichtsphilosophische Behauptungen, sondern auch die Objektivitätsillusion und das Vollständigkeitsgebot. Man darf sogar kontrafaktische Überlegungen anstellen, um den Möglichkeitssinn zu aktivieren. Es gibt nur noch Geschichten, keine Geschichte mehr. Allerdings kostet die „storyfication“ ihren Preis, sie kann sogar zu einer Plage werden, da wo der Wunsch nach Authentizität und Aktualität im Vordergrund steht und Geschichtsschreibung zur Reportage wird, um ein Dabeisein zu suggerieren.

Wenn auch die Philosophie der Geschichte aus „der Zeit“ (auch so ein geschichtsphilosophisches Wort) gefallen ist, glaube ich, dass solche metaphysischen Bedürfnisse nach dem Schlüssel oder der Formel der Geschichte weiterbestehen und oft bloß verdrängt werden, denn wir lassen uns ständig von bestimmten unausgesprochenen und nicht thematisierten Grundannahmen über „den Menschen“, „die Zeit“ und „die Gesellschaft“ leiten, über die wir gar nicht weiter nachdenken. Das kann man in historiographischen Texten manchmal an kleinen Konjunktiven erkennen, zum Beispiel „daraufhin“ oder „deshalb“, die Vorgänge, Handlungen etc. miteinander verbinden, ohne dass wir Rechenschaft darüber abgelegt haben, wie wir zu solchen Behauptungen gekommen sind. Auch geschichtsphilosophische Elemente präformieren also Fragen an die Geschichte. Umso mehr wir sie reflektieren, desto eher klären wir darüber auf, was wir tun; wir arbeiten dann „wissenschaftlich“.

Wenn es „die Geschichte“ also nicht mehr gibt (es gab übrigens auch eine Zeit, bevor es „die Geschichte“ gab, siehe Reinhart Koselleck3), können wir uns vielleicht darauf einigen, dass Geschichte im Sinne von Geschichtsschreibung eine Konstruktion ist, natürlich eine soziale Konstruktion (um den:die „Autor:in“ gleich auf den rechten Platz zu verweisen). Damit ist allerdings nicht gemeint, dass alle sozialen Phänomene nur „Texte“ seien, die alle gleichberechtigt zählen, oder dass es keine Tatsachen gäbe, alles vielmehr relativ sei, mithin dass zwischen Geschichte und Geschichten, Wissenschaft und Literatur kein wirklicher Unterschied auszumachen ist. Zwar bestimmen Perspektiven auf Vergangenes die Geschichtsschreibung und vieles andere Subjektive mehr, doch dürfen wir nicht übersehen, dass Geschichte wirklich stattgefunden hat. Die Leugnung des Holocaust ist eine Lüge und gilt als Volksverhetzung. Aber man kann, wie auch von Primo Levi bis Imre Kertész geschehen, verschiedene Geschichten über das Lager Auschwitz erzählen.

Idealtypisch und etwas pathetisch würde ich trotz aller Unübersichtlichkeit im Grenzgebiet darauf bestehen, dass die wissenschaftliche Geschichte der „Wahrheit“ verpflichtet ist: damit meine ich im postmetaphysischen und säkularen Sinne, eine der realistischen Tendenz folgende Rekonstruktion von (vergangener) Wirklichkeit; während literarische Geschichten ästhetischen Kriterien verpflichtet sind und damit einem formgebenden Impuls, der nicht unbedingt auf den Anspruch ausgerichtet ist, „wahr“ zu sein. Das heißt nicht, dass sie nicht dem Drang zur Realität folgen dürfen, sie müssen es bloß nicht. Sie dürfen erfinden, während der:die Historiker:in erstmal finden und belegen muss. Für ihn oder sie gilt das „Vetorecht der Quellen“. Die Wissenschaftlichkeit besteht allerdings keineswegs darin, unanschaulich zu schreiben, sondern das, was dargeboten wird, nachvollziehbar und damit überprüfbar zu machen, so dass jemand anderes später Einspruch erheben und die Geschichte anders erzählen kann. Für die literarische Erzählung gilt womöglich (ein Gedanke von Hanna Engelmeier, die das Gespräch im KWI mit Lenel und mir moderiert hat) das Vetorecht der Figur, nicht so für die geschichtswissenschaftliche Erzählung, denn ihr Autor darf die Figur nicht nach dem eigenen Bild gestalten (wenngleich natürlich alles Material durch den Kopf der Autorin hindurchmuss); ebenso hat die Figur keinen Selbstzweck, sondern dient in der Regel als Reiseführerin durch eine fremde Zeit.

Trotz dieser Trennungslinie zwischen wissenschaftlicher Geschichte und literarischer Geschichte, history und story, ist es nicht so, dass diese beiden Genres exakt voneinander zu trennen sind. Überhaupt sind Inhalt und Form nicht zwei Bereiche, die nichts miteinander zu schaffen hätten. Ich weiß aus der eigenen Praxis, dass ästhetische Vorentscheidungen durchaus auf die wissenschaftlich produzierte Erkenntnis Auswirkungen haben. Wenn ich mich dafür entscheide zu „erzählen“, werde ich kein Buch über Strukturen oder Diskurse schreiben, einfach, weil man die nicht erzählen kann, sondern analysieren muss. Ich werde mir Menschen suchen, die handeln und hoffen, scheitern und leiden, sich Tolles oder Dummes ausdenken, die frei sind, dieses oder etwas anderes zu tun, freilich unter Verhältnissen, die sie vorgefunden haben (und die man auch schildern muss), die irgendwie besonders sind, auch da, wo sie von etwas getrieben werden, was sie selbst nicht verstehen mögen. (Sie sehen übrigens, wie viele Vorannahmen mich im letzten Satz geleitet haben, so wie allerdings auch die angenommene Existenz von Diskursen und Strukturen eine Setzung ist. Wissenschaftlich daran ist, solche Faktoren transparent zu machen, nicht unbedingt zu beweisen, dass zum Beispiel Diskurse das menschliche Dasein bestimmen.) Wenn ich also den Schülern Adornos auf ihren Lebenswegen folge,4 erhalte ich ein ganz anderes Buch über die Frankfurter Schule, als wenn ich Ähnlichkeiten und Unterschiede ihrer epistemischen Produktionen mit denen der Systemtheorie oder anderer soziologischer Schulen vergleiche. Wenn ich Lust am Erzählen habe (dabei darf ich natürlich nicht zu undiszipliniert sein), suche ich von vornherein nach anderem Material, mit dem ich arbeite, als wenn ich den Denkstil eines Denkkollektivs im wissenschaftspolitischen Feld beleuchte oder zeigen möchte, dass die Akteur-Netzwerktheorie ein nützliches Instrument ist. Schon allein das vermeintliche Oxymoron „Kritische Theorie erzählen“ ist ein Schlüsselreiz für mich gewesen, überhaupt mit einem solchen Projekt zu beginnen, und ein Spannungsmoment geblieben, denn Theorie und Erzählung gelten ja wie Feuer und Wasser.

Für mich als relativ theorielosen Historiker, der, spöttisch gesagt, der historisch-kritischen Methode verbunden ist (also freischwebender Spontanität), ist die doch eher konservative „historische Erklärung“ eine Orientierung.5 Eine historische Erklärung ist nicht wie eine naturwissenschaftliche angelegt, die Kausalbeziehungen feststellt: aus a folgt b. Monokausalität steht bei Historiker:innen, die immer verschiedene Ursachen und Ursprünge anführen, oft eine Gemengelage, unter dem Verdacht des Dogmatismus. Eine historische Erklärung will etwas Vergangenes verständlich machen, ja, ihm durchaus einen Sinn geben, hat also bereits ein hermeneutisches Moment in sich, nämlich Verstehen, ein zutiefst menschliches Verlangen: Wie und warum ist etwas geschehen? Aber sie will auch Analyse sein, in Form präziser Fragen oder indem das Besondere mit dem Allgemeinen vermittelt wird (da kommt dann auch wieder das geschichtsphilosophische Element ins Spiel). Die historische Erklärung beruht auf einer dichten Beschreibung, die auch eine Erzählung sein kann und darf. Diese muss eine „realistische Tendenz“ aufweisen, also „Wahrheit“ soll stärker sein als „Schönheit“. Nicht jedes historische Geschehen ist erklärbar, aber Erklärung ist ein wichtiges Mittel, um Komplexität zu reduzieren. Ultra-Narrativismus ist in jedem Fall zu vermeiden, denn Geschichte ist wie erwähnt nicht nur ein Narrativ. Zu beachten ist auch: Wie wir erklären, hängt von dem ab, was wir erklären, denn Ideen sind etwas anderes als Wirtschaft. Das heißt: Es hängt auch von der Sache ab, in welcher Weise wir darüber berichten und erzählen, wobei ja gerade auch der Gegensatz den Witz ausmachen kann. Im Grunde genommen geht es immer um Plausibilität der Argumentation und, wie gesagt, um Wissenschaftlichkeit im Sinne der Regeleinhaltung und Nachprüfbarkeit. Erklären und Erzählen haben in der „historischen Erklärung“ beide ihren Platz. Sie sehen, das ist einigermaßen luftig gehalten. Und genau deshalb mag ich sie, die „historische Erklärung“.

Nicht alle historischen Erklärungen haben dieselbe Qualität. Das gilt natürlich auch für die literarische Seite, die wiederum durchaus auch die Potenz der wissenschaftlichen Seite beeinflusst. Das ist nicht voneinander zu trennen. Niemand ist verpflichtet, sich zu langweilen, nur weil die Sache wichtig sei; nicht alles, was der Wissenschaft dient, muss gedruckt publiziert werden. Vermittlung und Vergegenwärtigung von Geschichte mittels Geschichten sollten selbstverständliche Ziele sein, auch um der Legitimität der Geschichtswissenschaft willen, aber Obacht vor dem Sog der Kulturindustrie! Was zuerst originell ist, wird schnell eine Plage. Die Geschichte ist kein Roman, sodass man sie romanhaft wiedergeben könnte. Histotainment: Hauptsache „gut geschrieben“, reicht nicht aus. Gleichwohl ist Historiographie immer auch Poesie, die dabei eine Kunst mit realistischer Tendenz sein muss: Das altbackene „wie es eigentlich gewesen ist“ ist für mich durchaus eine Richtschnur, natürlich im Wissen, das Objektivität nicht zu erreichen ist. Es kommt, wie so oft, auf ein gutes Mischungsverhältnis an. Wie bei einem Film, für den Kracauer eine Kombination aus Close-ups und Long-shots schätzte, freilich mit Übergewicht der Bodenaufnahmen und von Bewegungsbildern. Auch für Geschichtsbücher gab er vor: von unten nach oben erzählen, von der beschränkten Perspektive in Richtung Panoramablick. Das war sowohl epistemisch als auch ästhetisch gemeint.

Nicht zuletzt sei auf eine substanzielle Gemeinsamkeit von wissenschaftlichem und literarischem Schreiben hingewiesen, die ich als eine philosophische verstehe: Letztendlich geht es doch um menschliche Existenzbewältigung – sich im Schreiben (und Lesen) orientieren, die vorgefundene Wirklichkeit erfassen und beschreiben, erklären und verstehen. Schreiben, literarisches wie wissenschaftliches, sollte Partei für die „Subjektivität“ gegen die „Großmacht Objektivität“ ergreifen, was heißt: „Erfahrungen“ des Einzelnen und Besonderen in der Konstellation mit den Kollektiven und dem Allgemeinen zu ihrem Recht zu verhelfen.6 Der gerade verstorbene Micha Brumlik hat es einmal auf den Punkt gebracht: Prozesse und Strukturen sind die notwendigen Bedingungen von Geschichte, aber sie sind nicht die Geschichte selbst. Das Erzählen von Menschen und Ereignissen ist eine Verhaltensform zur Wirklichkeit. 

References

  1. Hayden White, „Metahistory“. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, übers. v. Peter Kohlhaas (S. Fischer, 1991); Hans-Ulrich Wehler, Die Herausforderung der Kulturgeschichte (C.H. Beck, 1998).
  2. https://www.kulturwissenschaften.de/veranstaltung/geschichte-und-geschichten/. Der Roman von Laetitia Lenel heißt Eine liebe Frau und ist 2024 im Berliner Gutkind Verlag erschienen. Der Text dieses Blogs ist auf Basis von Notizen aus relevanten Kolloquien, Vorlesungen und Workshops entstanden, und nicht aus systematischer Lektüre. Ich führe an: zuallererst das Forschungskolloquium Neuere und Neueste Geschichte von Ulrich Herbert am Historischen Seminar der Universität Freiburg zwischen 1999 und 2019; dann auch die Poetik-Vorlesungen von Alexander Kluge in Frankfurt am Main im Juni 2012 („Theorie der Erzählung“); schließlich die Tagung „Geschichte(n) erzählen. (Re-)Konstruktion und Reflektion einer geisteswissenschaftlichen Praxis“, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für deutsche Literatur, Mai 2023. Nicht zu übersehen ist, dass ich das hier Dargestellte in erster Linie von Kracauer, dem Philosophen, Filmästhetiker und Geschichtstheoretiker, gelernt habe.
  3. Reinhart Koselleck, „Geschichte, Geschichten und formale Zeitstrukturen“, in Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 4. Aufl. (Suhrkamp, 2000), 130–143; „Wozu noch Historie?“, in Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hg. u. mit einem Nachwort v. Carsten Dutt (Suhrkamp, 2010); „Geschichte, Historie“, in Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Bd. 2, 3. Aufl. (Klett-Cotta, 1994), 593–717.
  4. Siehe Jörg Später, Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik (Suhrkamp, 2024).
  5. Siehe Jürgen Osterhammels Beitrag „Explanations: The Limits of Narrativism in Global History“, in Rethinking Global History, hg. v. Stefanie Gänger und Jürgen Osterhammel (Cambridge University Press, 2024), https://doi.org/10.1017/9781009444002.002.
  6. Alexander Kluge, Theorie der Erzählung. Frankfurter Poetikvorlesungen, 2DVDs (Suhrkamp, 2013).

SUGGESTED CITATION: Später, Jörg: Geschichten und Geschichte. Auf der Suche nach wissenschaftlicher Erzählung, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/geschichten-und-geschichte/], 23.02.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260223-0830

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