Manuel FördererKLIMA

Inselkomplexe

Inselkomplexe Zur politisch-gesellschaftlichen Dimension der Klima-Literatur Erschienen in: KLIMA Von: Manuel Förderer

Spätestens mit der Verschärfung der Klimakrise wurde deutlich, dass Natur endgültig zur Exemplifikationsfläche sozialer Kämpfe geworden ist. Je mehr Flora und Fauna in ihrer Vielfältigkeit zu verschwinden drohen (oder bereits verschwunden sind), umso mehr wird Natur in allen Bereichen in das Ringen um gesellschaftliche Deutungshoheit und Zugriffsrechte eingegliedert. Sie ist, wie der französische Soziologe und Aktivist Razmig Keucheyan es bereits 2014 formuliert hat, ein Schlachtfeld.1 Das Reden von der Natur, schreiben Bruno Latour und Nikolaj Schultz, eint nicht, sondern trennt und wird so zum Ausgangspunkt einer neuen Konturierung der politischen Landschaft nach ökologischen Kriterien.2 Neue Frontstellungen entstehen, alte Grabenkämpfe verhärten sich, nicht lediglich in den Parlamenten, sondern in Form neuer sozialer Bewegungen auch und gerade auf den Straßen. Das Reden über die Natur hat die politische Kampfzone enorm ausgeweitet.

Dass die ökologische Frage als Erweiterung der sozialen Frage um die Bedingungen der Bewohnbarkeit des Planeten seit einiger Zeit auch den Horizont der Literatur mitdefiniert, ist mittlerweile weithin anerkannt. Nicht nur marktstrategische Entscheidungen, etwa keine Plastikverpackung um Neubücher, und ähnliche Ökologisierungen der Buchproduktion und -distribution, mit denen sich das literarische Feld einen grünen Anstrich gibt, stechen ins Auge; es sind vor allem die thematischen und formalen Neuausrichtungen und Wiederentdeckungen, die eine verstärkte Sensibilität anzeigen. Zwar mag der Mensch im Holozän erscheinen, seine Rolle als Faktor geologischer, klimatologischer und evolutionärer Formung aber reflektiert er im Anthropozän, oder – wenn man die ökonomisch-gesellschaftliche Formation berücksichtigt – im Kapitalozän.3 Und das schlägt sich durchaus in der Literatur nieder.

Dabei rücken nunmehr auch die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Klimakrise stärker in den literarischen Fokus. Selbstverständlich sind Literarisierungen sozialer Kämpfe um die Natur bedeutend älter, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist eine ganze Reihe von Romanen erschienen, die sich etwa spezifischen, durch die beschleunigte Modernisierung der Lebenswelten förmlich ausradierten Landschaftstypen widmen. Vor dem Hintergrund der Klimakrise radikalisieren sich diese Erzählungen zunehmend, bekommen mitunter ein globales Gepräge und weiten sich bisweilen ins Apokalyptische. Es geht ab jetzt beim Kampf um den einzelnen Baum symbolisch um den Kampf für alle Bäume.

Insel der Seeligen? Ernest Callenbachs Ökotopia

In welcher Form sind diese gesellschaftlich-politischen Konflikte nun in der Klima-Literatur präsent? Ein kurzer geschichtlicher Blick zurück soll den Auftakt bilden. 2022 erscheint im Reclam Verlag die Neuauflage eines Romans, der bereits in den 1970ern einen öko-utopischen Gesellschaftsentwurf formulierte, nämlich Ernest Callenbachs Ökotopia.4 Der Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung ist natürlich symptomatisch und einzelne Besprechungen des Buchs lesen dieses unter Verwendung einschlägigen pädagogisch-aufklärerischen Vokabulars („inspirierend“, „erhellend“) geradezu als Handlungsanleitung. Tatsächlich zwingt der Text durch seine Struktur eine solche Lesart auch ein Stück weit auf. Erzählt wird der Besuch eines US-Journalisten in der ‚abtrünnigen‘ Republik Ökotopia, die sich von den USA abgespalten hat und fortan als ökologisch versierter Gegenentwurf zum Karbonkapitalismus der Staaten fungiert. Formal zerfällt der Text in zwei Teile, einmal in jene offiziellen Reportagen, die der Journalist an seine Zeitung in den USA weitergibt, einmal in dessen private Tagebuchaufzeichnungen. Während der Erzähler mehr und mehr über das Leben in Ökotopia erfährt, mildert sich seine anfängliche Ablehnung zu einer freundlichen Skepsis und schlägt schließlich in Begeisterung um; am Ende kehrt er nicht wieder in sein altes Leben in den USA zurück.

Der utopische Gehalt des Erzählten konzentriert sich in dem von den Ökotopiern verwirklichten Wechsel vom physikalischen zum biologischen Zeitalter – ein Paradigmenwechsel, der alle Lebensbereiche umfasst und dementsprechend umkämpft ist. Neben einer weitreichenden Deindustrialisierung und Dekarbonisierung aller wirtschaftlichen Aktivitäten sowie einer Neuausrichtung der Wissenschaften, die sich fortan an Nachhaltigkeitskriterien orientieren, verschwinden mit dem ‚alten‘ Kapitalismus fordistischer Prägung auch die immensen sozialen Ungleichheiten. Stattdessen wird der Wert der Allmende neu entdeckt und die Arbeitswelt restrukturiert – mit fortan lediglich 20 Stunden lohnabhängiger Erwerbstätigkeit pro Woche (eine Zahl, die sich heute in den Überlegungen zu einer Postwachstumsökonomie etwa bei Niko Paech findet5). Die Hegemonie ökonomischer Begriffe und Leitziffern wurde zugunsten eines Biozentrismus überwunden, die Befreiung vom Diktat des Kapitals ist zugleich eine individuelle erotische Emanzipation, es herrscht eine Art Erziehungssozialismus und das Reden über Sex und Gefühle genießt einen hohen Stellenwert. Callenbachs Roman changiert somit, durchaus gattungstypisch, zwischen kritischer Zeitdiagnostik und normativen Zielvorgaben und legitimiert den vorgestellten Gesellschaftsentwurf Ökotopias durch die, wie Richard Saage in seinem Klassiker zu Sozialutopien schreibt, „Harmonie der gesellschaftlichen Beziehungen“.6 Es geht, anders als in den technisch-wissenschaftlich inspirierten Sozialutopien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aber nicht mehr um eine rational begründete Beherrschung der Natur, sondern um das Projekt einer Harmonisierung gesellschaftlicher Bedürfnisse mit natürlichen Prozessen und Voraussetzungen. Keine Hierarchie also, sondern eine Egalität von Erhaltungs- und Entfaltungsansprüchen.

Alles läuft also ziemlich gut in Ökotopia. Allerdings: Schritt für Schritt zeigen sich die Narben der vorangegangenen sozialökologischen Transformation. Zum einen existieren weiterhin gesellschaftliche Kräfte, die die schiere Existenz des ökologischen Musterstaates von innen bedrohen, zum anderen fällt die Geburt Ökotopias mit einem Abspaltungskrieg gegen die USA zusammen – der so geschickt vertuscht wurde, dass er in den Staaten nicht einmal zum erinnerungspolitischen Reservoir gehört. Der Bruch mit der alten Ordnung gelingt nur um den Preis langwieriger Kämpfe und außenpolitischer Isolation. Und gerade dieser Isolationismus, sei er selbst gewählt oder von außen aufgezwungen, ist ein wiederkehrendes Element, wenn man Klima-Literatur hinsichtlich ihrer Thematisierung gesellschaftlich-politischer Konflikte liest. Bei Callenbach emigrieren schließlich jene, die die konsequente Ökologisierung ihres Gemeinwesens nicht mittragen wollen; die Harmonie Ökotopias ist eine, die durch eine Homogenisierung gesichert wird, sei sie auch von geteilten Werten und Haltungen getragen. Ökotopia ist eine Insel.

Abb. 1: Sinnbild von Ordnung und Isolation: Holzschnitt aus Thomas Morus „Utopia“; Löwen 1516, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:41.9_Thomas_Morus_Utopia.png

Konfliktfeld Ecological-Engineerings: T.C. Boyles When the killing is done

Eine Ausformulierung konkreter öko-sozialer Kämpfe liefert T. C. Boyle, der schon in seinem frühen Sci-Fi-Roman A Friend of the Earth (2000) das Agieren einer Gruppe von Umweltschützern thematisiert hat. Im Zentrum des gut zehn Jahre später publizierten Romans When the killing is done (2011)7 steht der Konflikt um die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts einer Inselgruppe an der Küste Kaliforniens, das durch den Eintrag von Ratten und Schweinen im Gefolge von Menschen aus den Fugen geraten ist. Der zuvor erwähnte Isolationismus ist hier also bereits durch die Topographie präsent – die Insel ist längst zu einem der bevorzugten Raumbilder zur Veranschaulichung klimarelevanter Mensch-Umwelt-Beziehungen avanciert. Trotz interstellarer Fluchtfantasien aus dem Ideenkosmos technologieaffiner Tech-Milliardäre ist „This Island Earth“ – so der Titel eines Sci-Fi-Klassikers aus dem Jahr 1955 – bis auf weiteres und wahrscheinlich auch endgültig der Entfaltungsort menschlichen Lebens. An der insularen Situation des Menschen wird sich so schnell nichts ändern.

Beide Konfliktparteien, jene, die die Schweine und Ratten gezielt vertilgen wollen, und jene, die dies um jeden Preis zu verhindern trachten, berufen sich auf öko-ethische Normen; beiden geht es um den Schutz von Natur und nicht-menschlichem Leben. Boyles Roman ist damit ein gutes Beispiel, wie anhand eines überschaubaren Rahmens (kleine Inselgruppe, wenige ökologische Parameter) die immens komplexen Entscheidungszwänge und gesellschaftlichen Kämpfe des „Ecological-Engineerings“ in Erscheinung treten; beide Gruppen mobilisieren Anhänger und Medien, beide halten die jeweils andere Gruppe für unbelehrbar und dogmatisch. Die Natur ist das Kampffeld verschiedener gesellschaftlicher Positionen und Vorstellungen, wie erwähnt noch dadurch akzentuiert, dass sich mit den beiden Gruppierungen zwei Akteure begegnen, die jeweils dem Naturschutzgedanken verpflichtet sind. Trotzdem lässt sich keine Einigkeit herstellen, sondern es kommt zu einer immer stärkeren Polarisierung, schließlich zu Übergriffen und Sabotageakten. Damit stellt Boyle ein wesentliches Moment der politischen Dimension der Klimakrise in den Mittelpunkt seines Textes, nämlich das Versanden gesellschaftlicher Kommunikationskanäle und Verständigungspotentiale. Das agonale Spiel der politischen Kräfte radikalisiert sich zu einem neuen Freund-Feind-Schema. Allerdings dampft die formalästhetische Entscheidung Boyles, diesen Kampf vor allem als Auseinandersetzung zwischen zwei Figuren mit privater Vorgeschichte zu gestalten, den gesellschaftlichen Konflikt weitestgehend auf eine persönliche Fehde ein. Nichtsdestotrotz lässt sich festhalten: Boyle konturiert den plot seines Romans entlang des gesellschaftlichen Ringens um Deutungshoheit und Handlungsmacht.

Der Text liefert hinsichtlich der Möglichkeiten, diesen und ähnliche Konflikte nachhaltig zu lösen, eine eher pessimistische Perspektive. Er ist durchzogen von Schiffbruchereignissen, denen die Leserschaft zwar in sicherer Distanz zuschaut, deren symbolischer Überschuss den Text aber mit einer umfassenderen Bedeutungsdimension menschlichen Scheiterns versorgt; weder lassen sich die gesellschaftlichen Verwerfungen befrieden (bezeichnenderweise lässt Boyle einen der Kontrahenten ertrinken), noch vermag der ökologisch geschulte Blick alle Unwägbarkeiten zu eliminieren. Die Bemühungen um ein neues Gleichgewicht finden weder gesellschaftlich noch ökologisch einen stabilen Widerhall.

Die Insel als Bollwerk: John Lanchesters The Wall

Eine andere Form gesellschaftlicher Stabilisierung und Isolierung erzählt John Lanchesters Dystopie-Roman The Wall (2019).8 Lanchester greift multiple Konfliktszenerien der publizistischen Gegenwart des Textes auf und erweitert sie fiktiv ins Katastrophische. Von der ‚alten‘ Welt ist nicht viel mehr geblieben als eine vage Erinnerung der älteren Generationen, nachgerade ins Mystische spielende Reminiszenzen einer fernen Welt, von der die jüngere Generation nichts mehr weiß. Die ökologische Katastrophe, die den Ereignishintergrund für Lanchesters Roman liefert, wird dabei nicht selbst erzählt; die Katastrophe ist einfach da, das „Ereignis“, wie es lapidar genannt wird. Dieses Ereignis hat eine Reihe brutaler Konsequenzen zur Folge. Nicht nur militarisiert sich die erzählte Gesellschaft und erschafft mit der titelgebenden Mauer um das an England erinnernde Festland ein tödliches Bollwerk gegen Schutz suchende Menschen; die ‚neue‘ Welt erzwingt ihren Fortbestand unter den Bedingungen deutlich verknappter Ressourcen, massiv eingeschränkter Mobilität, außerdem durch einen militärischen Zwangsdienst auf der Mauer. Dieser als Heimatschutz gerahmte Dienst an einer neuen Frontlinie, die eine noch bewohnbare Insel von einem unabsehbaren Meer trennt, brutalisiert nicht nur die Diensthabenden, sondern dehumanisiert alle Fluchtsuchenden, die man sprachlich nurmehr als die „Anderen“ adressiert. Ihnen droht der Tod an der Mauer oder bei einer späteren, sehr wahrscheinlichen Festnahme (das erzählte England ist ein astreiner Überwachungsstaat) die nachträgliche Ermordung oder Versklavung. Lanchesters Mauer ist vor dem Hintergrund einer realexistierenden Grenzpolitik, mittels derer sich der globale Norden gegen die von ihm zum großen Teil mitverschuldeten Migrationsströme abschirmt, nicht nur literarischer Ausdruck jener Verantwortungsfrage, die sich mit dem Stichpunkt der Klimagerechtigkeit verbindet; der Text verlängert die Frage nach der Verantwortlichkeit, indem er den Mauerdienst als Ausdruck eines generationellen Zerwürfnisses inszeniert. Diese gleichermaßen zeitliche wie räumliche Achsenbildung greift damit zwei Aspekte des Klimadiskurses der Gegenwart auf und führt sie – für die besprochene Textgattung nicht unüblich – ins Extreme. Zwischen den Generationen gibt es keine geteilte Weltwahrnehmung mehr, der klimatische Kollaps ist absoluter Trennpunkt und verunmöglicht fortan eine Verständigung beider Generationen, die über naives Geplänkel hinausgeht. Zugleich zerbricht die Welt in moralisch-ethischer Hinsicht; die Frage danach, ob die Mauer gut ist, wird substituiert durch den radikalen Zweck, dem sie dient: Die Aufrechterhaltung einer Biosphäre um den Preis des Lebens jener, die an ihr nicht teilhaben können. Der Isolierung nach außen entspricht dabei die Isolierung nach innen; die Gesellschaft hat nurmehr wenig, worüber sie sich politisch verständigen könnte. Sinnbildlich dafür steht das Ende des Romans. Ausgerechnet auf einer Bohrinsel, spätestens seit der Deepwater Horizon Katastrophe von 2010 Sinnbild einer ökologisch verheerenden Ressourcenpolitik, finden die überlebenden Protagonist:innen ihren letzten Unterschlupf – umgeben von nichts als Wasser komplettiert die Szenerie die insulare Dimension des Romans.

Zwischen Beschaulichkeit und Überschaubarkeit: deutschsprachige Klima-Romane

Auch die deutschsprachige Klima-Literatur greift diese Melange aus Isolierungstendenzen und Generationenkonflikt auf, um die gesellschaftlich-politische Komponente der Klimakrise zu erzählen. In den Romanen Jahresringe (2020)9 von Andreas Wagner, Der brennende See (2020)10 von John von Düffel oder Wut (2023)11 von Raphael Thelen stehen Frage generationeller Konflikte und Entfremdungen im Vordergrund, während die Inselbildung vor allem den thematischen Zuschnitt betrifft; diese Texte erzeugen das Insulare durch die Verkleinerung des Problemkontextes. Es geht ihnen um isolierte Teilprobleme, um sehr überschaubare Konflikte. Sie erzählen von einem globalen Phänomen in lokalen Kontexten, in denen die planetare Dimension zumeist nur in Stichworten und argumentativen Versatzstücken präsent ist.

Abb. 2: Die Ökologie auf der Straße. Lizenzfreies Foto von Dominic Wunderlich, https://pixabay.com/de/photos/demonstration-fridays-for-future-4891276/

Während Wagner den in eine Familienbiographie eingelassenen Konflikt um den Hambacher Forst erzählt und bei von Düffel die Klimakrise eher zum thematischen Hintergrundrauschen degradiert wird, erzählt Thelens (selbst Klimaaktivist) Debüt aus der Innenperspektive des organisierten Klimaaktivismus. Im Zentrum des Romans steht eine Protestaktion, bei der es – bedingt durch das Gefühl, dass aller Protest letztlich zu nichts führe – zu einer spontanen Besetzung des Hauptsitzes eines Energieversorgers kommt. Es sind nicht lediglich die biographischen Analepsen einiger Protagonist:innen, die die Klimakrise als generationellen Konflikt rahmen; der ganze Roman ist die Erzählung eines vergifteten Erbes, das die jüngere Generation nicht ausschlagen kann. Der Text wird dominiert von der Opposition zwischen jungem Widerstand und (altem) technokratischen Weltbild. Eine politisch-gesellschaftliche Ebene stellt der Text vor allem durch die Präsenz von Protestslogans und Versatzstücken themenrelevanter Argumentationsketten antikapitalistischer Couleur (Geiselung von Profitgier, Aufrechterhaltung ökonomischer Privilegien, internationale Klimaabkommen) her, erzählt auch vereinzelt vom Stiften neuer Allianzen im politischen Kampf, verfährt aber letztlich auffallend verkürzt und vereinfachend. Thelen erzählt auf sehr wenigen Seiten von der longue durée politischen Aktivismus und von seinem – trotz Wut, Frust und Rückschlägen – Triumph. Der Schlussteil des Romans gerinnt dadurch zum Pamphlet; eine (aus ästhetischer Sicht) prinzipielle Gefahr engagierter Literatur, zu der man Thelens Debüt zählen muss.

Allerdings: Wirklich konkrete politische Kämpfe erzählen die Romane nicht oder doch zumindest kaum – mit Ausnahme von Callenbach, der sich diese thematische Breite durch eine ziemlich moderate Spannungskurve erkauft. Ansonsten tauchen Fragen der Vergesellschaftung jenseits der kapitalistischen Marktlogik kaum auf, überhaupt werden Verteilungsfragen und Prozesse ökonomischer Restrukturierungen nicht aufgegriffen, obwohl man sie getrost zu den Herzstücken einer politisch-gesellschaftlichen Diskussion der Klimakrise zählen kann. Der politischen Ökologie scheint die Literatur hier noch hinterherzuhinken. Was allerdings immer wieder auftaucht, ist die Logik der Insel, der Abkapselung und Isolierung. Dem Isolationsfrust bei Lanchester ließe sich eine Art Isolationslust in Paolo Giordanos Roman Tasmanien (2022)12 zur Seite stellen. Dort wird die Insel Tasmanien zum Sinnbild eines Ortes, wo es sich noch verhältnismäßig lange überleben lässt, abgetrennt vom Elend und den Katastrophen der restlichen Welt. Tasmanien ist damit auch Symptom eines Denkens aus der prätraumatischen Zeit, wie es im Text heißt, einer Ära, die das traumatische Potential der kommenden Veränderungen (noch) nicht begriffen und sich in der medialen Dauerberieselung eingerichtet hat.

Diese Beispiele zeigen: Die Insel ist ein ambivalenter Ort, einer der Verbannung und einer des privilegierten Daseins. Inselbilder artikulieren ein zeitspezifisches Wunschdenken und Sekuritätsbedürfnis, ignorieren aber den Umstand, dass es auf einem sterbenden Planeten keine Inseln der Seligen geben wird. Utopia ist entweder der ganze Planet – oder es ist nicht.

References

  1. Vgl. Keucheyan, Razmig (2014): La nature est un champ de bataille. Essai d’écologie politique, Paris: La Découverte.
  2. Latour, Bruno und Nikolaj Schultz (2022): Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Übers. v. Bernd Schwibs. Berlin: Suhrkamp, S. 11.
  3. Altvater, Elmar (2017): Kapitalozän. Der Kapitalismus schreibt Erdgeschichte, in: Luxemburg. Gesellschaft und linke Praxis, Heft 2, S. 108–117.
  4. Callenbach, Ernest (2022): Ökotopia, Ditzingen: Reclam.
  5. Vgl. Paech, Nico (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München: Oekom, https://doi.org/10.14512/9783865816344.
  6. Saage, Richard (1991): Politische Utopien der Neuzeit, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 239.
  7. Boyle, T. C. (2011): When the killing is done, New York: Viking Press.
  8. Lanchester, John (2019): The Wall, London: Faber & Faber.
  9. Wagner, Andreas (2022): Jahresringe, München: Droemer.
  10. Düffel, John von (2020): Der brennende See, Köln: DuMont.
  11. Thelen, Raphael (2023): Wut, Zürich: Arche.
  12. Giordano, Paolo (2023): Tasmanien. Übers. v. Barbara Kleiner. Berlin: Suhrkamp.

SUGGESTED CITATION: Förderer, Manuel: Inselkomplexe. Zur politisch-gesellschaftlichen Dimension der Klima-Literatur, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/inselkomplexe/], 06.05.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240506-0830

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