Evelyn RungeKLIMA

„Ja, ich möchte eine Insel sein.“

„Ja, ich möchte eine Insel sein.“ Landkrankheit, Ethnografiktion und visuelle Climate Fiction Erschienen in: KLIMA Von: Evelyn Runge

We don’t carry the Water.
The Water carries Us.

Sprichwort der Beduinen, Sinai 2018

Abb. 1: We don’t carry the water I. Lissabon 2023 © Evelyn Runge, alle Rechte vorbehalten

Durch eine Luke blickt man ins Blaue, aufs Wasser, links ein Kai, vor der Luke ein Geländer; oder eine Leiter. Ein Bullauge ins Blaue, Assoziationen, die durch die Unschärfe der Konturen im Blau sich selbst schärfen können: die Möglichkeiten einer Insel? Abfahrt einer Fähre? Ankunft? Ein Hereinkommen ins Offene, ein Abschied von Allem?

Dieses Foto ist Teil meines visuellen Essays „We don’t carry the water“, entstanden im Juni 2023 in Lissabon während eines Workshops mit Newsha Tavakolian, Mitglied der Fotoagentur Magnum. Ich erarbeitete ein Visual Climate Fiction der Dürre, eine Visualisierung, die das Wasser als Basis menschlichen Lebens, dörrende Büsche, Sonnenschirme, die keine Hitze abhalten, abgewrackte Boote, die niemanden mehr tragen, zu einer Dystopie in den schönsten Farben Portugals absteckte.

Später las ich Landkrank, ein Buch des dänischen Soziologen Nikolaj Schultz, das wahlweise als Essay oder Travelogue bezeichnet wird, für Schultz selbst eine Ethnografiktion ist. Der Ich-Erzähler – Schultz‘ Alter Ego? – flieht aus Paris, vor einer „normal oder zumindest vertraut“1 erscheinenden Hitzewelle, die ihn nicht schlafen lässt; der Ventilator steht für den Bumerangeffekt: Er sorgt scheinbar für Kälte, heizt durch seinen Energieverbrauch jedoch den CO2-Gehalt der Atmosphäre an, sodass es noch heißer wird. Diese Reflexion, die Verbindung eigenen Verhaltens mit der Schädigung des Klimas, im Schatten der Ersten Großen Pandemie des 21. Jahrhunderts, trägt durch das Buch und spricht die Verbindungen aller großen Fragen, aller Lebewesen, allen Verhaltens, aller Natur, Kultur und Technik an. An Bord eines Segelbootes reist der Ich-Erzähler übers Mittelmeer auf die Insel Porquerolles; während der Überfahrt sinniert er über den Verlust von Säugetieren, Fischarten, Seegras und Anemonen. Die Überfahrt ist eine Metapher für das Neue Land, das der Mensch erschaffen muss, will er die Klimakatastrophe überleben. Und auch die Insel, jahrhundertealter Topos der Dys- und Utopien, bietet keine Isolation; diejenigen, die als Tourist:innen anreisen, hinterlassen in ihrer Suche nach Einsamkeit so viele Spuren, dass die Inselbewohner:innen keinen Platz, kein Trinkwasser mehr für sich finden.

Falls ich jemals gehofft hatte, dieser Ort könnte mir Trost, Einsamkeit oder Distanz bieten, lag ich falsch. Solch eine perfekte Insel gibt es nicht, und es gibt keine Isolation. Flucht ist nur eine Einbildung, die der Probe der Realität nicht standzuhalten vermag. Es gibt für diese Probleme schlicht kein Außerhalb.2

Der Ich-Erzähler fühlt sich, als schwanke die Erde unter seinen Füßen, und sein Skipper sagt, das sei die Landkrankheit. Anders ausgedrückt: Wir bewohnen die Erde nicht wirklich, sonst würden wir uns um sie kümmern, sie nicht beherrschen, sondern neu unser Zusammenleben mit ihr kalibrieren.

In seinem Nachwort zu Landkrank bezeichnet Schultz seinen Text als ethnografiktiv: „Gestützt auf eigenen Begegnungen, Beobachtungen, Emotionen und Gedanken, versucht die Erzählung, einige Rätsel und Vorstellungen aus Philosophie und Soziologie zu entfalten und zu reformulieren, getragen von der Überzeugung, dass wir neue analytische, stilistische und narrative Ansätze benötigen.“3 In der angloamerikanischen Literatur wird der Wert kreativen Schreibens in der Anthropologie bereits seit einigen Jahren diskutiert. Wiles schreibt:

I am resistant to the idea that there is, or needs to be, a clear boundary line between fiction and non-fiction; or between literary non-fiction and ethnography. While these conceptual categories are useful, they can never be absolute. There is a rich seam of narrative categorized as creative non-fiction, for instance, that is ethnographic in sentiment and ambition, and that is profoundly moving, partly through engaging with characters and deploying immersive language and inventive forms in novelistic ways. […] All forms of writing can lend something different to ethnographic endeavours; not just overtly ‘creative’ one – and it is also important to remember the extent to which the act of reading adds new layers of meaning to a text. The genre labelling of a narrative, when it is published, as ‘ethnography’, ‘memoir’, ‘non-fiction’, ‘fiction’ or even ‘ethnografiction’, can function as a useful guide to how the author or publisher, conceived the narrative when it was released to the world – but it is limiting to see such labels as determinative.4

Das Visuelle löst diese scheinbaren Grenzen einfacher auf. Als ich im November 2023 nach Saint Malo in der Bretagne reiste, um meine Fotografien der imaginierten Leben in der Dürre mit den Magnum-Fotografen Alex Webb und Rebecca Norris Webb zu editieren und in einen ersten Fotobuch-Dummy zu bringen, erschien ihnen meine Herangehensweise überraschend. Ihre Kommentare begleiteten mich durch den Workshop und bis heute: „A fable! An interesting way to tackle climate catastrophe and where we are right now“, „this is something else than the news“, „we kind of know what it looks like, but we don’t know what it feels like“, und: „photography can help us with grief and loss“.

Abb. 2: We don’t carry the water II. Lissabon 2023 © Evelyn Runge, alle Rechte vorbehalten

Was bei Schultz‘ Landkrank eine verbale und schriftliche Schnittstelle von Fakten, Erleben, Reflektieren und Fiktionalisieren ist, ist in meinem Foto-Essay das visuelle Analogon, um auszuloten, was Webb und Norris Webb als Zwischen-Raum des Wissens und des Nicht-Fühlens bezeichnet haben. Und dieses Nicht-Fühlen ist Teil des globalen Problems.

In den vergangenen Jahren berichteten deutsche und internationale Nachrichten über wochenlange Waldbrände auf verschiedenen Kontinenten (bspw. Kanada, Russland, Griechenland), verheerende Fluten (Deutschland, Libyen, Brasilien), monatelange Dürre (Mexiko, Europa, Afrika), steigende Temperatur der Ozeane – diese aktuelle Berichten zitieren auch Ergebnisse internationaler renommierter Wissenschaftler:innen: Ihre Forschungen zeigen, dass diese Ereignisse nicht mehr als singulär zu betrachtende Ausreißer, sondern als handfeste und belegte Ereignisse der Klimakatastrophe zu bewerten sind. Wir sind schon mittendrin: Bereits 1990 haben wir die sicheren und lebensmöglichen Gefilde verlassen, als 350ppm überschritten wurden (ppm = parts per million; das Verhältnis von CO2-Molekülen zu allen anderen Molekülen in der Atmosphäre). 2024 liegt der Wert bei 425ppm, Tendenz rasant steigend.

Wir sind mittendrin und begreifen es doch nicht.

„Climate Change is an ethical failure“, sagt Catriona McKinnon, Professorin für politische Theorie an der University of Exeter. Über Brände, Überschwemmungen, Dürren, sogenannte extreme Wetterereignisse und deren Nachwirkungen wie zerstörte Städte, ertrunkene oder verhungerte Nutztiere und aus ihren Häusern vertriebene Menschen wird fast täglich in journalistischen und sozialen Medien berichtet. Die Veränderungen von Wetter und Klima sind auf visueller Ebene sichtbar, denn Fotos, Videos, Satellitendaten und Infografiken – um nur einige mögliche Visualisierungen zu nennen – sind Teil der Medienlandschaft, sowohl regional als auch global.

Die Begriffe Klimavisualisierungen und Klimabilder sind weit gefasst. Studien bezeichnen Klimavisualisierungen auch als affektive Bilder, da die Reaktionen auf ihre Inhalte sehr emotional sind (Lehman et al., 2019; O’Neill & Smith, 2014). Das Konzept der Klimavisualisierungen wird in Forschungsarbeiten sowie von Nichtregierungsorganisationen (NROs/NGOs), Journalist:innen, Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und anderen verwendet, um die Öffentlichkeit über die Klimakrise zu informieren. Daher können Klimabilder professionellen und nicht-professionellen Ursprungs sein und von Menschen (Fotojournalisten, Dokumentaristen usw.) und Nicht-Menschen (Satelliten, Drohnen usw.) erstellt werden. Sie können Menschen und Tiere in Gefahr darstellen (Dürre, Überschwemmungen, Wirbelstürme, Hungersnöte), aber auch Hoffnung geben, indem sie Lösungen aufzeigen (Solar- und Photovoltaikpaneele, innovative Nutzung als schwimmende Einheiten wie in Singapur, Solar-Öfen in Afrika, um den Verbrauch von Brennholz zu reduzieren usw.). In der Klima- und Medienpsychologie bitten Forscher:innen Studienteilnehmer:innen, Klimabilder zu bewerten, um ihre affektiven Reaktionen zu untersuchen, verbunden mit persönlichem Interesse an der Umwelt: „[…] images that were rated as highly relevant to climate change also tended to be rated as highly arousing and low in valence, while images that were rated high in arousal tended to be rated as low in valence in general.“5 Eine länderübergreifende Studie (Großbritannien, USA, Deutschland) kam indes zu dem Ergebnis:

The qualitative research pointed to the importance of the perceived authenticity and credibility of the human subjects in climate images, as well as widespread negativity towards images depicting protests and demonstrations. Images of climate ‘solutions’ produced positive emotional responses in the survey and were less polarizing for climate change skeptics, but they were also the least motivating of action.6

Beide hier genannten Studien haben ihre Klimavisualisierungen veröffentlicht, damit Menschen auf diese Datenbanken zugreifen können (Studie 1: Climate Visuals, Studie 2: Affective Climate Images). Diese Bild-Datenbanken sind vorbildlich nachhaltige Forschungsrepositorien: Sie können frei genutzt und neu befragt werden.

Können Ethnografiktionen, visuelle (Auto-) Ethnografien und künstlerische Forschung etwas dazu beitragen, Klimabilder zu nutzen, um die Klimakatastrophe so zu fühlen, dass wir ins Handeln kommen? Das Journal Visual Studies der International Visual Sociology Association IVSA veröffentlichte im Juli 2022 eine Special Issue in Zusammenarbeit mit der Open Eye Gallery, in der Niina Uusitalo aus Finnland eine „autobiographical exploration of my own fossil fuel dependencies“ beschreibt, u.a. durch autobiografisches Video sowie teilnehmende Forschung durch rückbesinnende Interviews von Galeriebesucher:innen als Forschungsmethode der a/r/tography an der Schnittstelle zwischen ‚art‘ und ‚research‘, Forschung und Kunst.7 Zugleich stellen mehr und mehr Berichte der Klima- und Medienpsychologie fest, dass wir als Menschen viel langsamer reagieren, als wir müssten, um unseren Planeten für uns bewohnbar – und damit uns selbst als Art – zu erhalten. Selbst-explorierende Verfahren in Kunst und Forschung und ihren bewusst gewählten und gesuchten Zwischenräumen können handlungsleitend sein. Weil sie – wie am Beispiel von Uusitalos Schreiben – binäres Denken auflösen und einen tieferen Zugang zu eigenen Vor- und Nachteilen durch Petrokultur ermöglichen.8 (Deshalb fährt Schultz‘ Alter Ego auf einem Segelboot nach Porquerolles.) Weil Verfahren wie visuelle Autoethnografie und visuelle Ethnografiction auch einem breiteren Publikum Sichtbarkeit, Anschaulichkeit, Versinnbildlichung, Visibilität bieten können. Weil diese Methoden jedem zur Verfügung stehen, auch für die private Annäherung an eigene Abhängigkeiten und bislang unhinterfragte, aber unhintergehbare Verstrickungen zu fossilen Brennstoffen.

In fiktionaler Literatur ist das Genre der Climate Fiction in dystopischen Romanen seit Jahrzehnten präsent – in JG Ballards Die Flut (1962) und Die Dürre (1965; 1964 als The Burning World veröffentlicht), in Maja Lundes Klimaquartett (Die Geschichte der Bienen, 2015; Die Geschichte des Wassers, 2017; Die Letzten ihrer Art, 2019; Der Traum von einem Baum, 2022) oder in T.C. Boyles Blue Skies (2023). Die Autor:innen beschreiben Welten, die stark durch die Klimakatastrophe verändert sind, sei es wie in Ballards Büchern in eine postapokalyptische Welt mit einigen Überlebenden, sei es wie in Boyles Werk in eine Welt am Rande des Zusammenbruchs, der Überschwemmungen und tödlicher Begegnungen mit invasiven Arten aus einem sehr zeitgenössischen Blickwinkel betrachtet, oder sei es wie in Lundes Quartett eine Mischung aus beiden Perspektiven: Diese Bücher zeigen die Verzweiflung und Lethargie der Menschen, und alle enden mit einem winzigen Schimmer der Hoffnung auf ein menschliches Überleben. Schultz bietet dies gleich dreifach an: im Schlusszitat von Marco Polo, der fordert, nicht die Hölle zu akzeptieren „und so sehr Teil davon zu werden, dass man sie nicht mehr erkennt“ – sondern Raum und Bestand zu suchen und zu vermehren, „was inmitten der Hölle nicht Hölle ist“.9 Zweitens, in Dipesh Chakrabartys Nachwort, das individuelle Verantwortung der „im Überfluss Lebende[n]“ fordert und Schultz‘ Buch als „anregende[n] Wegweiser“ feiert.10 Und drittens, Schultz‘ Widmung des Buches an seinen Patensohn und damit einer nächsten, hoffentlich weiseren Generation.

Wird es im wirklichen Leben ein Happy End geben? Wissenschaftliche Untersuchungen wie der Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) werden von Politiker:innen, Unternehmensführer:innen und/oder der Öffentlichkeit offensichtlich nicht ernst genommen. Als seien das Klima, das Artensterben, der Rückgang der Biodiversität losgelöst von Menschen, sowohl im Entstehen als auch in den Auswirkungen. Noch ist Zeit, zu handeln; je länger wir warten, desto radikaler und schneller müssen Änderungen geschehen. McKinnon rät uns aus der Perspektive einer politischen Philosophin: „For now, we should take hear: all is not yet lost. If we take climate change seriously as an ethical challenge, requiring the reduction of injustice, how should we tackle the climate crisis? The first step is to think about the victims of climate change.“11

Abb. 3: We don’t carry the water III. Lissabon 2023 © Evelyn Runge, alle Rechte vorbehalten

References

  1. Schultz, Nikolaj (2024): Landkrank: ein Essay. Übers. v. Michael Bischoff. Berlin: edition suhrkamp Sonderdruck, S. 17.
  2. Ebd., S. 51.
  3. Ebd., S. 121.
  4. Wiles, Ellen (2020): Accidental ethnografiction: reflections on the value of creative writing in anthropology, in: Irish Journal of Anthropology, Bd. 22, Heft 1, S. 254–261; siehe auch Wiles, Ellen (2020): Three Branches of Literary Anthropology: Sources, Styles, Subject Matter, in: Ethnography, Bd. 21, Heft 2, S. 280–295, https://doi.org/10.1177/1466138118762958 (letzter Zugriff: 09.04.2024); Wulff, Helena (2016, Hg.): The Anthropologist as Writer: Genres and Contexts in the Twenty-First Century, New York: Berghahn Books, https://doi.org/10.2307/j.ctvgs09jj.
  5. Lehman, Betsy et al. (2019): Affective Images of Climate Change, in: Frontiers in Psychology, Heft 10, S. 960, https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.00960 (letzter Zugriff: 31.08.2023).
  6. Chapman. Daniel A. et al. (2016): Climate Visuals: A Mixed Methods Investigation of Public Perceptions of Climate Images in Three Countries, in: Global Environmental Change, Bd. 41, S.172–182, https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2016.10.003 (letzter Zugriff: 31.08.2023).
  7. Uusitalo, Niina (2022): Coming off Fossil Fuels: Visual Recollection of Fossil Fuel Dependency, in: Visual Studies, Bd. 37, Heft 3, Mai 2022, S. 185, https://doi.org/10.1080/1472586X.2022.2090124 (letzter Zugriff: 29.04.2024).
  8. Vgl. auch Daggett, Cara (2018): Petro-Masculinity: Fossil Fuels and Authoritarian Desire, in: Millennium: Journal of International Studies, Bd. 47, Heft 1, S. 25–44, https://doi.org/10.1177/0305829818775817 (letzter Zugriff: 27.05.2024); Nelson, Joshua (2020): Petro‐masculinity and Climate Change Denial among White, Politically Conservative American Males, in: International Journal of Applied Psychoanalytic Studies, Bd. 17, Heft 4, Dez. 2020, S. 282–295, https://doi.org/10.1002/aps.1638 (letzter Zugriff: 27.05.2024).
  9. Schultz 2024, S. 99.
  10. Ebd., S. 119.
  11. McKinnon, Catriona (2022): Climate change and political theory, Cambridge, UK/Hoboken, NJ: Wiley & Sons, S. 34.

SUGGESTED CITATION: Runge, Evelyn: „Ja, ich möchte eine Insel sein.“ Landkrankheit, Ethnografiktion und visuelle Climate Fiction, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/ja-ich-moechte-eine-insel-sein/], 24.06.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240624-0830

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