Philipp SchlüterKLIMA

Maldivian Memories

Maldivian Memories Öko-Apokalypse und antizipierte Erinnerung in Roman Ehrlichs "Malé" (2020) Erschienen in: KLIMA Von: Philipp Schlüter

Im dystopischen Roman manifestiert sich Judith Meurer-Bongardts zufolge die typische Erzählform des Anthropozäns. Die Literaturwissenschaftlerin rückt dystopisches Erzählen, mit dem sie in diesem Kontext vor allem auf apokalyptische Klimawandelszenarien rekurriert, in die Nähe einer gesellschaftskritischen Praxis, die im Sinne Donna Haraways produktiv ‚unruhig‘ bleibe und den Anthropozentrismus mittels „Angst, Wut und Trauer angesichts der massiven terrestrischen, ökologischen, gesellschaftlichen und psychologischen Transformationen“1 dekonstruiere. Einerseits vermag an und für sich schon die literarische Konstruktion klimaapokalyptischer Szenarien einen ökokritischen Effekt zu erzielen, weil diese die gegenwärtige Ausbeutung unseres Planeten und die Ökonomisierung der Natur schlicht und einfach konsequent weiterdenken. Andererseits verspricht eine tiefergehende Analyse textspezifischer ökokritischer Erzählelemente einen genaueren Blick darauf, wie Klimawandelromane Formen ökologischer Kritik adressieren und welche ökoutopischen Sehnsüchte im Sinne kritischer Theorie darin erkennbar werden.

In diesem Beitrag soll dies schlaglichtartig für Roman Ehrlichs Roman Malé (2020) veranschaulicht werden, der von einer neoromantischen, eskapistischen Aussteigerenklave auf den bereits stark überfluteten Malediven in der Mitte des 21. Jahrhunderts erzählt. Auch wenn der Autor, wie er in einem Interview darlegt, mit Malé keinen „dystopischen Klimawandelroman“2 habe schreiben wollen, so kann diese Etikettierung keineswegs einfach fallen gelassen werden, denn letztlich konstruiert der Handlungsraum des Textes eben genau das: eine dystopische Öko-Apokalypse – oder noch exakter: ein urbanes dystopisches Klimawandelszenario. Mit Blick auf retrospektive Erzählelemente des Textes, die durch eine eher geringe zeitliche Differenz zwischen erzählter Zeit und außerfiktionaler Leser:innengegenwart und somit durch eine konkrete Gegenwartskritik gekennzeichnet sind, lässt sich hier besonders vom Konzept der sogenannten „Kritischen Dystopie“ profitieren. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Lyman Tower Sargent hat diese Unterkategorie dystopischer Welterzeugung in den 1990er-Jahren analog zu Tom Moylans Konzept der „Kritischen Utopie“ entwickelt. 2014 hat die Literaturwissenschaftlerin Susanna Layh die Kritische Dystopie als Sub-Gattung definiert und diese auf Grundlage der bisherigen Dystopie-Forschung produktiv ausdifferenziert.3 Von besonderem Interesse für die hier tentativ angestrebte ökokritische Textlektüre von Malé ist das wirkungsästhetische Verhältnis zwischen innerfiktionalen Rückblenden auf die Zeit vor dem ökologischen Notstand und der damit einhergehenden Ausbildung eines kritischen Leser:innen-Bewusstseins. Layh hat diesen Konnex zwischen einem zukunftsnahen dystopischen Erzählen und dem produktiven Potenzial innerfiktionaler Rückblenden anschaulich auf den Punkt gebracht:

Durch die Extrapolation zeitgenössischer Probleme in eine (zumeist sehr nahe) Zukunft und den innerfiktionalen Rekurs auf die dieser Zukunft vorausgehende Vergangenheit entsteht […] eine zwangsläufige Kontrastierung, durch welche die Kritik an der außerfiktionalen zeitgenössischen Gegenwart von Autor bzw. Autorin wie auch Lesern/Zuschauern erst deutlich wird.4

Dieses narrative Mittel dystopischen Erzählens lässt sich analog auch für das Erzählen von der anthropogenen Klimakatastrophe nutzbar machen. Dieser Kontrastierung von negativer Zukunft und Vergangenheit, bei der es sich um die Gegenwart der Leser:innen handelt, wohnt ein Warnpotential und – so ist zu hoffen – ein umweltethisches Aktivierungspotential inne.

Antizipierte Erinnerung als ökologische Verlusterzählung

In einer zentralen Szene des Textes statten drei der Hauptfiguren dem bereits stark zerstörten Nationalmuseum der Malediven einen nächtlichen Besuch ab. Dort stoßen sie auf Reiseführer und Broschüren der Tourismusindustrie, welche die Schönheit und Einmaligkeit des maledivischen Ökosystems akzentuieren.5 Diese fiktiven Schriftzeugnisse erfüllen unter den Vorzeichen der sich auf Malé ereignenden Öko-Apokalypse eine an die Leser:innengegenwart angeschlossene mahnende Funktion. Dass die ökologische Einzigartigkeit der Malediven in der erzählten Zeit von Malé zur Mitte des 21. Jahrhunderts unwiederbringlich verloren ist, macht in diesem Zusammenhang weiterhin eine spezifische Passage aus einem Reiseführer deutlich, welcher von einer der Frauenfiguren zur Hand genommen hat. Drastisch wird hier der extreme Biodiversitätsverlust antizipatorisch mit der Vergangenheit kontrastiert und die Figur kann mit Blick auf die Meerestiere nur noch von einer „Totenliste der Vielen [sprechen], die längst nicht mehr im Wasser um die Atolle entdeckt und beobachtet werden können“.6 Diese „Totenliste“ bleibt allerdings nicht namenlos; die ausgestorbenen Tierarten werden über die ihnen vom Menschen zugeordneten Namen erinnert. Über das Medium der Liste, die die anthropogen zerstörte Vielfalt dieses Ökosystems adressiert, kann potenziell eine ökologische Sensibilisierung der Leser:innen für die Einmaligkeit und somit Schutzbedürftigkeit dieser wunderbaren Ökosysteme stattfinden:

Hier bilden die Korallen den Grundstock allen Lebens. Im flachen Wasser, am Riffrand und am Außenriff lassen sich außerdem Barben, Äschen, Grundeln, Barsche, Anemonenfische, Chirurgen- und Doktorfische, Drückerfische, Falterfische, Fledermausfische, Kaiserfische, Korallenfische, Kugelfische, Nasenfische, Nashornfische, Papageienfische, Pfauenkaiserfische, Phantom-Wimpelfische, Putzerfische, Soldatenfische, Schiffshalter, Schmetterlingsfische, Schnapper, Schwertgürtel, Süßlippen, Schwarzfeuerfische, Steinfische, Rochen, Muränen, Seesterne, Seeigel, Tintenfische, Kraken, Langusten, Schnecken, Stachelrochen, Makrelen, Bonitos, Thunfische, Sperrfische, Barrakudas, Pfeilhechte, Ammenhaie, Weißspitz-Hundshaie, Schwarzspitzen-Riffhaie, Karett- und Suppenschildkröten und mit sehr viel Glück auch einmal ein ausgewachsener Walhai beobachten.7

Abb. 1 u. 2: Ökologische Kontrastierung mit Trauerpotential: wenn die ökologische Schönheit und Einzigartigkeit der Erde im Klimawandelroman nur noch eine schmerzende Erinnerung darstellen (die Bilder wurden mit der KI-Toolbox der TU Braunschweig generiert).

Der Literaturwissenschaftler Stef Craps spricht mit Blick auf extrapolierte Klimawandelromane in Anlehnung an andere Konzepte proleptischer, ökologischer Trauer vom antizipatorischen Gedächtnis bzw. von antizipatorischer Erinnerung (Anticipatory Memory),8 das/die aus einer düsteren Zukunftsperspektive den Zustand der sich aktuell größtenteils noch in einem Gleichgewicht befindenden Ökosysteme erinnert. Die trauernde Erinnerung an die Einzigartigkeit und Schönheit des maledivischen Naturraumes wird auch in Ehrlichs Malé als eine ökologische Verlusterzählung fiktiv vorweggenommen. Derartige Romanpassagen einer erinnernden, elegisch kolorierten Rückschau haben im ökodystopischen Roman das Potential, im Modus eines zukünftigen ‚Nicht-Mehr‘ ökoutopische Energien zu mobilisieren. Raffaella Baccolini beispielsweise sieht im Phänomen menschlicher Nostalgie die Sehnsucht nach einem verlorenen Zustand bzw. einer verlorenen Zeit am Werk,9 die in dieser Museumsszene dezidiert ökokritisch gerahmt ist. Die affektive Wirkung, welche die erwähnten kulturellen Artefakte aus der präapokalyptischen und somit ökologisch noch unversehrten Zeit10 auf die drei Figuren haben, spiegelt sich in Craps‘ ökokritischem Konzept antizipierter Erinnerung wider:

[it] aim[s] to ward off the imagined catastrophe by sensitizing readers to the enormity of the losses they or later generations will face if the current state of affairs continues, by making them feel ashamed about their inaction, and by inviting them to consider how they could prevent the apocalyptic outcome.11

In diesem Zusammenhang lässt sich die „Totenliste“ als Synekdoche für den gesamten Untergang der maledivischen Inselwelt sowie darüber hinaus auch anderer Ökosysteme lesen. Mit Baccolini gedacht, die Nostalgie und utopisches Bewusstsein als phänomenologisch verwandt adressiert, vermögen solche Perspektivierungen einer ökologischen Trauerarbeit, auf der Rezeptionsebene ein ökoutopisches Bewusstsein zu initiieren. Aus dem simulativ vorweggenommenen Verlust kann die Sehnsucht einer Bewahrung der Natur erwachsen, die sich sodann ökoutopisch manifestiert.

„[K]ein einzelnes, apokalyptisches Ereignis, sondern eine langsam fortschreitende Konsequenz“ – Klimawandelphänomene als Erscheinungen einer verlangsamten ökologischen Gewalt

Problematisch an unseren etablierten Vorstellungen des Katastrophischen sei, so die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn, dass diese dem Modus einer starken Ereignishaftigkeit unterlägen. Der sukzessive Verlust der Artenvielfalt ließe sich mit dem zeitgenössischen Katastrophenbewusstsein aber nicht mehr fassen. Mediale Informationen über das Aussterben von Tierarten würden zwar das Narrativ des Todes, aber nicht der ereignisreichen, aufmerksamkeitsökonomisch hoch im Kurs stehenden Katastrophe bedienen.12 Der Geistes- und Umweltwissenschaftler Rob Nixon schlägt in seiner Studie Slow Violence and the Environmentalism of the Poor (2011) einen Aufmerksamkeitswandel hin zu jenen klimatischen und umweltpolitischen Phänomenen verlangsamter Gewalt vor.13 Ein solcher Aufmerksamkeitswandel bezieht in besonderem Maße ökologische Problemprozesse mit ein, die sich oftmals schleichend vollziehen. Nixon verbindet die Vorstellung einer langsam fortschreitenden, peripher wahrgenommenen Gewalt dezidiert mit ökologischen und klimatischen Problemlagen des Anthropozäns (Übersäuerung der Ozeane, Artensterben, Abschmelzen der Polkappen und Gletscher sowie dem Anstieg des Meeresspiegels) und weist auf die Darstellungs- und Repräsentationsschwierigkeit dieser Prozesse im Diskurs hin, die im schlechtesten Fall ein entschiedenes und wirkungsvolles Handeln gegen den Klimawandel verhindern würden.14 Ehrlichs Text Malé macht zum einen makrostrukturell auf die sich langsam vollziehende Überflutung der Malediven als ein Phänomen einer verlangsamten ökologischen Gewalt aufmerksam. Zum anderen wird diese verlangsamte ‚Gewalt‘, von der Ökosysteme wie Menschen gleichermaßen bedroht sind, im Roman mikrostrukturell thematisiert. Einschlägig für diese Beobachtung ist auch hier ein Exponat des maledivischen Nationalmuseums, das aus „Fotografien und Originalprotokollen“ besteht und „an die welterste Unterwasserkabinettssitzung der maledivischen Regierung unter Präsident Mohammed Nasheed im Jahr 2009 erinnert“.15 Mit dieser außergewöhnlichen Aktion versuchte die maledivische Regierung, die Aufmerksamkeit auf jene Nationen zu lenken, für die ein Anstieg des Meeresspiegels zuerst zur existentiellen Gefahr werden würde. Auch Nixon geht in seinem Buch als Beispiel für eine maritime slow violence auf die vom maledivischen Präsidenten gehaltenen Unterwasserkabinettssitzung ein.16 Binnen zehn Jahren, so das damals erklärte Ziel des Staatspräsidenten, wollte der Inselstaat in Vorbildfunktion CO2-neutral werden. Im Roman ist diese klimapolitische Wende kläglich gescheitert.

Abb. 3: Der maledivische Präsident Mohamed Nasheed unterzeichnete 2009 im Rahmen einer außergewöhnlichen Kabinettssitzung unter Wasser ein Dokument zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes seines Landes, https://sos.noaa.gov/education/phenomenon-based-learning/underwater-cabinet-meeting/

Wie die fiktive maledivische Öko-Apokalypse warnend aufzeigt, hat das außerfiktionale Ereignis mit seinem „apocalyptic spin“17 keinen Wandel in der internationalen Klimapolitik bewirkt. Roman Ehrlichs Roman erzählt vom Verfehlen der weltweiten Klimaziele, da die schleichende Gewalt des Meeres als eine Zerstörung bringende Überflutung den Text konstant wie das Meeresrauschen durchwirkt. Eine andere zentrale Figur des Romans bringt dieses sukzessiv fortschreitende Phänomen anthropogener Naturveränderungen prägnant auf den Punkt: „Diese große und vielleicht letzte Katastrophe ist aber kein einzelnes, apokalyptisches Ereignis, sondern eine langsam fortschreitende Konsequenz.“18 In sehr ähnlicher Art und Weise beschreibt auch Horn den Klimawandel als schwer zu erfassendes, langsam voranschreitendes Ereignis.19 Die Problematik einer sukzessive fortschreitenden Verschlechterung liegt auf der Hand: Sie impliziert im Gegensatz zur hereinbrechenden Katastrophe einen Zeitraum, in dem der Zusammenbruch noch abgewendet werden kann. Das Bewusstsein für den dramatischen Verlust der Artenvielfalt und für die Verheerung ganzer Ökosystemen zu initiieren und zu intensivieren, kann durch eine literarisierte ökologische Trauer (ecological grief) bewirkt werden. Auch wenn es sich bei Ehrlichs Text primär um keinen didaktischen Klimawandelroman handelt, adressiert er doch in spezifischen Szenen das traurige, melancholische Gefühl einer Auslöschung der Arten und nimmt ökokritisch die Zukunft der Malediven apokalyptisch vorweg, die uns als Leser:innen nicht kalt lassen sollte.

References

  1. Vgl. Meurer-Bongardt, Judith (2020): Die Kunst auf einem beschädigten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als eine Erzählform des Anthropozäns am Beispiel nordeuropäischer Literatur, in: DIEGESIS. Interdisziplinäres E-Journal für Erzählforschung, Nr. 9, Heft 2, S. 97.
  2. Luisier, Michael (2020): „Malé“ von Roman Ehrlich, in: 52 beste Bücher [https://www.srf.ch/audio/52-beste-buecher/male-von-roman-ehrlich?id=11858491], 25/10/2020 (letzter Zugriff: 23.05.2024).
  3. Vgl. Layh, Susanna (2014): Finstere neue Welten. Gattungsparadigmatische Transformationen der literarischen Utopie und Dystopie, Würzburg: Königshausen & Neumann.
  4. Ebd., S. 182.
  5. Vgl. Ehrlich, Roman (2020): Malé, Frankfurt a. M.: S. Fischer, S. 123.
  6. Ebd., S. 124.
  7. Ebd.
  8. Vgl. Craps, Stef (2017): Climate Change and the Art of Anticipatory Memory, in: Parallax, Nr. 23, Heft 4, S. 479–492, https://doi.org/10.1080/13534645.2017.1374518.
  9. Baccolini, Raffaella (2007): Finding Utopia in Dystopie: Feminism, Memory, Nostalgia, and Hope, in: Tom Moylan und dies. (Hrsg.): Utopia Method Vision. The Use Value of Social Dreaming, Bern: Peter Lang, S. 172f.
  10. Museale Räume, die im Sinne der Foucaultschen Heterotopie eigene Zeitordnungen repräsentieren, sind für eine solche Poetik der antizipierten Erinnerung bzw. ökologischer Trauer besonders prädestiniert.
  11. Craps 2017, S. 487.
  12. Vgl. Manojlovic, Katharina (2020): Was fasziniert uns am Weltuntergang? Gespräch mit Eva Horn, in: Katharina Manojlovic und Kerstin Putz (Hrsg.): Utopien und Apokalypsen, München: Hanser, S. 100.
  13. Nixon, Rob (2011): Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Cambridge: Harvard University Press. Zur Intention von Nixons Buch: „In this book, I have sought to address our inattention to calamities that are slow and long lasting, calamities that patiently dispense their devastation while remaining outside our flickering attention spans – and outside the purview of a spectacle-driven corporate media“ (ebd., S. 6).
  14. Vgl. ebd., S. 2.
  15. Ehrlich 2020, S. 126.
  16. Vgl. Nixon 2011, S. 263–268.
  17. Ebd., S. 264.
  18. Ehrlich 2020, S. 114.
  19. Vgl. Manojlovic 2020, S. 100.

SUGGESTED CITATION: Schlüter, Philipp: Maldivian Memories. Öko-Apokalypse und antizipierte Erinnerung in Roman Ehrlichs "Malé" (2020), KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/maldivian-memories/], 01.07.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240701-0830

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