Blogredaktion | Blog Editorial Team

Lesetipps für die Sommerpause

Lesetipps für die Sommerpause Reading Tips for the Summer Break Von: Blogredaktion | Blog Editorial Team

Die KWI-Blogredaktion verabschiedet sich mit Lesetipps aus dem Kollegium des Kulturwissenschaftlichen Instituts in die diesjährige Sommerpause – nach einer spannenden Blogsaison 2022/2023, etwa mit den Reihen „Wohnen / Dwelling“, „Visual Literacy“ und „Mehr oder Weniger“. Wir haben das Kollegium nach Büchern gefragt, die zuletzt gelesen wurden und eine Empfehlung wert sind, seien es Romane, Erzählungen, Sachbücher, Fotobücher, Kinderbücher etc. Im September geht es hier auf dem Blog weiter, sowohl mit Texten zu diversen Themen aus den Forschungs- und Interessensgebieten der Wissenschaftler:innen am KWI als auch themenspezifischeren Beiträgen in der Reihe „Mehr oder Weniger“ sowie in einer neuen Reihe zum Thema ‚Klima‘.

The KWI blog editorial team is taking a summer break after an exciting blog season in 2022/2023. We explored diverse series like „Wohnen / Dwelling,“ „Visual Literacy,“ and „More or Less.“ For our summer reading recommendations, we asked KWI colleagues to share books they’ve recently enjoyed across various genres, including novels, short stories, nonfiction, photography books, and children’s books. In September, the blog will resume with texts on different topics related to the research and interests of KWI scientists. We’ll also feature contributions in the „More or Less“ series and launch a new series focused on ‘Climate‘.


Sage Anderson

A. Milne: Winnie-the-Pooh, with color illustrations by E. H. Shepard (1973 edition)

A staple of my own childhood, I read this book aloud to my daughter over the course of her first year of life, in short moments of calm mutual wakefulness – moments that are fewer and farther between than I would have imagined, before having a baby. Not only did this re-reading activate the deepest layers of pleasurable nostalgia for me, it also awoke a newfound appreciation for the text, which takes childhood perspectives satisfyingly seriously while playing delightfully with language and thought. Here an example from the opening page, including my favorite kind of chapter title:

Chapter One in which we are introduced to Winnie-the-Pooh and some Bees, and the stories begin

Here is Edward Bear, coming downstairs now, bump, bump, bump, on the back of his head, behind Christopher Robin. It is, as far as he knows, the only way of coming downstairs, but sometimes he feels that there really is another way, if only he could stop bumping for a moment and think of it. And then he feels that perhaps there isn’t. Anyhow, here he is at the bottom, and ready to be introduced to you. Winnie-the-Pooh.


Niklas Barth

Ella Al-Shamahi: Der Handschlag. Die neue Geschichte einer großen Geste (2023)

Im Sport, auf dem Markt oder dem politischen Parkett schüttelt man sich die Hände. Einander fremde Menschen tun es genauso wie Schimpansen oder Bonobos innerhalb einer Gruppe. Jemandem umgedreht nicht die Hand geben zu wollen, ließ sich in den letzten Jahren leicht mit dem Infektionsschutz begründen. Heute wird man hingegen wieder damit rechnen müssen, dass eine solche Verweigerung des Handschlags als Konfliktangebot verstanden wird. Die Evolutionsbiologin und Paläoanthropologin Ella Al-Shamahi hat einen kurzweiligen Einblick in den Formenkreis und Funktionsreichtum dieser gleichermaßen faszinierenden wie unscheinbaren Geste vorgelegt. Der Handschlag geht uns im Alltag meist leicht von der Hand, aber auch ein so unmerklich orchestriertes Ritual will gekonnt sein. Es bedarf des Fingerspitzengefühls, um z.B. Anlass, Timing, Dauer oder Intensität des Drucks angemessen zu moderieren. Das Buch lässt sich zum Glück auch als kleine Handreichung lesen, um sich im sozialen Verkehr unfallfreier zu bewegen.

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Christian Berger

Jeremy Deller: Art is Magic (2023)

 “The best book by Jeremy Deller,” as self-assertively claimed on the title page, might be less suited for the beach than for the coffee table – or in fact, rather the tea table: Published in conjunction with an eponymously titled retrospective held this summer at three parallel venues in Rennes (France), the book reunites numerous projects the English artist (*1966) has created since the early 1990s, many of which tackle the history, culture, and politics of the United Kingdom. Having become famous with The Battle of Orgreave (2001), a public re-enactment of a key event from the 1984–85 miners’ strike that Margaret Thatcher used to break the power of the trade unions, Deller won the Turner Prize in 2004 and represented Britain at the 2013 Venice Biennale with his tongue-in-cheek celebration of English Magic. Deller’s “children’s book for adults” (inside title page) presents a wealth – or in fact, almost an overload – of image material together with texts written by the artist in a deliberately subjective voice. Much like the work itself, the writing avoids taking itself too seriously, while in fact tackling serious political and social issues, such as the aggravating social inequalities of the British class society or the global climate crisis.

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Insa Ellerbrock

Fatma Aydemir: Dschinns (2022)

Sechs Menschen verschiedener Generationen, sechs scheinbar völlig unterschiedliche Persönlichkeiten – Fatma Aydemirs großartiger Gesellschaftsroman Dschinns zeigt die Lebensrealitäten einer Familie, die sich unter anderem mit Trauer und innerfamiliären Konflikten, aber auch Herkunft, Identität und Queerness auseinandersetzen muss. Trotz seiner thematischen Schwere eignet sich der Text, der es im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, als unterhaltsame und mitreißende Urlaubslektüre, die bei manch einer:m auch über den Sommer hinaus nachzuwirken vermag.

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Hanna Engelmeier

J.J. Voskuil: Das Büro (2012-2017)

Während der Lockdown-Phasen der Corona-Pandemie hatte die amerikanische Version der Cringe-Core Serie „The Office“ großen Erfolg: Obwohl die letzte Staffel 2013 gesendet worden war, wendete sich das Publikum nun wieder dem Ach und Weh der Büroartikelfirma Dunder Mifflin zu. Das Büro mit all seinen Zumutungen (narzisstische Chefs, petzende Kollegen, uneingeräumte Spülmaschinen in der Gemeinschaftsküche, Tratsch, allgemein: andere Menschen) wurde auf einmal zu einem Sehnsuchtsort. Ganz ähnlich geht es mir besonders im Sommer: Während ich nicht ins Büro gehe und mich auch gedanklich davon so weit wie möglich entfernen möchte, gelingt dies am besten, wenn ich mich stattdessen in ein anderes Büro begebe. Das „Anton Beerta Institut“, das der niederländischen Autors J.J. Voskuil in seiner siebenteiligen Romanreihe Das Büro beschreibt, ist dafür besonders gut geeignet, wird dort doch so etwas ähnliches wie Kulturwissenschaft, nämlich Volkskunde beschrieben. Zum Glück sind alle Bände der Reihe mindestens 500 Seiten lang. Es sind also einige Sommerurlaube gesichert. Diesen Sommer werde ich leider schon bei Band 6 ankommen, bald ist der Spaß vorbei! Die Hauptfigur Maarten Koning kommt nun schon in einem späten Stadium seiner Karriere an, die er allerdings nie so nennen würde. Immer wieder ist er nach oben gefallen und nimmt nur widerwillig seine Aufgabe als Abteilungsleiter war. Die Romane verfolgen seinen Weg durch die Geschichte des Instituts seit den 1950er-Jahren. Band 5 behandelt den Einzug neoliberaler Leistungsmessung in dem bis dato so behäbigen Institut. Und ich bin gespannt darauf, mit welchen Techniken der Verschleppung, Passivität und allgemeiner Unlust in Band 6 Maarten Koning weiter dagegen aufbegehrt. Das Büro ist nicht zuletzt der Lebensroman eines Introvertierten, ein quasi proustscher Versuch, die Biographie eines Unambitionierten zu beschreiben.

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Lukas Grudzinski

Karl Ove Knausgaard: Sterben (2011)

Zum Lesen gehört immer auch irgendwie das Vergessen. Zu den Geschichten, die ich wohl nie vergessen werde, gehört Karl Ove Knausgårds erster Band seiner inzwischen etwas in die Jahre gekommenen sechsteiligen Autobiografiescharteke, die im Deutschen mit dem Titel Sterben beginnt, im norwegischen Original allerdings eigentlich Min Kamp heißt. Beides nicht unbedingt freibadtaugliche Titel und auch das gewählte Cover lässt eher an einschlägige Thriller als an eine radikale Selbstauseinandersetzung denken – aber dennoch ein dankenswerter Zeiträuber. Denn: Sprunghaft-schonungslos wird Knausgårds eigenes Leben ausgehend vom Tod des tyrannischen Vaters ausgeschrieben, ohne Rücksicht auf Unannehmlichkeiten, Freunde, Verwandte und Details. Dass Banalität literarisch so faszinierend sein kann, lohnt zumindest ein Hineinlesen

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Carola Heuser

Hervé Le Tellier: Die Anomalie (2020)

Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Die Turbulenzen sind heftig, doch dem Piloten gelingt die sichere Landung der Maschine. Im Juni 2021 landet dieselbe Boeing mit denselben Passagieren ein zweites Mal in New York. Wie fühlt es sich an, wenn man sich plötzlich selbst gegenübersteht? Die kurze Beschreibung dieser irrwitzigen Geschichte auf dem Klappentext zog mich sofort magisch an und mehr sollte man eigentlich vom Inhalt dieses Buches, das so voller genialer Gedankenspiele steckt, auch im Vorfeld gar nicht verraten.

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Stefan Höhne

Grégory Pierrot: Decolonize Hipsters (2021)

Gerade dachte man, dass die – mittlerweile ziemlich ausgeleierte – Debatte um das Hipstertum endgültig passé sei, da kommt dieses kluge Büchlein daher. In einer luziden wie rasant geschriebenen Tirade zeichnet der an der University of Connecticut lehrende Anglist Grégory Pierrot die brutale Geschichte dieser ursprünglich Schwarzen Sozialfigur nach: von ihren Ursprüngen in der Diaspora des Black Atlantic über die Pariser Boheme bis zu den Jazzkellern Harlems und den Vintageboutiquen Portlands. Dabei findet er überall das gleiche perverse Muster am Werk: eine rassistische Kultur der Ausbeutung und Aneignung, in der Schwarze Menschen zwar bewundert und idealisiert werden, man sich aber zugleich hemmungslos ihrer Kunstformen, Styles oder Wohnvierteln bemächtigt. Ebenso zeigt Pierrot, wie sich mittlerweile auch neofaschistische Gruppen sehr erfolgreich aus dem Habitus- und Stilreservoir des Hipsters bedienen, um ihre noch radikaleren Vorstellungen Weißer Vorherrschaft sowie kultureller wie materieller Entrechtung alles Nicht-Weißen zu propagieren. Bemerkenswerterweise will Pierrot trotz alledem die Hipsterkultur nicht einfach loswerden, sondern radikal de-kolonisieren. Ob seine Ideen dazu jedoch wirklich überzeugend sind, sollten Sie selbst entscheiden.

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Alexandra Irimia

Ian Penman: Fassbinder Thousands of Mirrors (2023)

This 200-page paperback is not a self-contained masterpiece. It is magnetic and ravishing, though, and it misbehaves. Perfect, if you like your leisure reading unequal and unruly, thoroughly documented yet casual. Randomly numbered fragments (some sharp, some blunt) scatter over several realms neighboring direct biographical portraiture: cultural journalism, vague musings, memoir… Penman plays a poetic card in the usual trace-the-influences game of artists’ biographies. Amplified by anecdotes of serendipitous encounters, the book’s discrete charm of overlapping chronologies will draw in, I suspect, even the reader who is only remotely familiar with Fassbinder’s films. It is an intimate study in critical reverence that stays cool when exposed to direct sunlight.

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Mona Leinung

Lukrez: Über die Natur der Dinge (2017)

„Was für ein kühner Entwurf!“ muss der italienische Humanist Poggio Bracciolini bei sich gedacht haben, als er 1417 das Lehrgedicht ‚De rerum natura’ eines gewissen Lukrez aus der Römerzeit in einem deutschen Kloster fand. Wegen der ‚ketzerischen Grundannahmen’ dauerte es noch Jahrzehnte, bis das Buch im Druck erschien und schließlich Denker wie Montaigne, Kant, Marx und Nietzsche inspirierte. So aufregend sich diese Überlieferungsgeschichte andeutet, so modern liest sich die 2014 erschienene Übersetzung von Klaus Binder, der dem Inhalt Vorrang vor der Form eingeräumt und die strenge Metrik des antiken Hexameters in poetische Prosa übertragen hat. Herausgekommen ist ein unendlich freier und unvoreingenommener Text über den Bau der Welt, die Natur, die Liebe und das gute Leben. Dabei gibt ‚De rerum Natura‘ nicht nur Einblicke in die antike Naturphilosophie und das epikureische Denken: Lukrez‘ Feier der Lust, des Zufalls und der sinnlichen Welt wird gerade in Zeiten von drohender Klimakatastrophe und eines in Bedrängnis geratenen Fortschrittsdenkens eine lohnende Lektüre.

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Candela Marini

Yizhar: Khirbet Khizeh (1949)

Khirbet Khizeh was written by S Yizhar in 1948 and published in 1949 (first published in English in 2008). This raw, painful account coming from an Israeli soldier just months after the Nakba remains one of the most profound and bold reflections on this history – and present.

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Ricarda Menn

Louise Erdrich: The Round House (2012)

The Round House revolves around the 13-year-old Joe Coutts, who grows up in an Ojibwe community in North Dakota. His life is dramatically changed when his mother becomes a victim of a brutal crime. However, the perpetrator escapes due to legal loopholes, making it difficult for the authorities to pursue the case. The novel explores themes such as justice, identity, family bonds, and the impact of violence on a young person’s life in a sensitive and powerful manner. Louise Erdrich skillfully weaves the culture and traditions of the Ojibwe community with the contemporary challenges faced by this community. A deeply moving and captivating story.

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Lara Pellner

Douglas Adams/Mark Carwardine: Die letzten ihrer Art: Eine Reise zu den aussterbenden Tiere unserer Erde (1992)

In diesem tragikomischen Buch begeben sich der Zoologe Mark Carwardine und der Autor Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) auf eine Reise in verschiedene Länder, um vom Aussterben bedrohte Tierarten zu finden. Es handelt sich um ein Reisetagebuch, das von von skurrilen Menschen, absurder Bürokratie und der drohenden Ausrottung unterschiedlicher Tiere handelt. Lustig, tragisch und nach wie vor sehr aktuell.


Roxanne Phillips

Cinema’s First Nasty Women (DVD-Set, 2022)

Sommergewitterabende kommen unerwartet, können aber einen Heidenspaß machen, wenn das urkomische DVD-Set Cinema’s First Nasty Women bereitliegt. Maggie Hennefeld, Laura Horak und Elif Rongen-Kaynakçi haben dafür knapp einhundert, z.T. schon verloren geglaubte Stummfilme aus den Jahren 1898 bis 1926 zusammengetragen und neu vertonen lassen. Das kürzlich beim internationalen Bologneser Filmfest „Il Cinema Ritrovato“ ausgezeichnete Set bietet zudem kurze Kommentare zu einzelnen Filmen und ein umfangreiches Booklet zur weiteren Orientierung. In den Filmen feiern weibliche Figuren ihr komödiantisch-anarchisches Potenzial: Sie organisieren sich politisch und raufen mit Gendarmen, um schlechte Arbeitsbedingungen anzuprangern; sie setzen Wohnungen unter Wasser, weil sich so mit einem Modellboot einfach besser spielen lässt; sie mokieren sich über andere und traktieren Personen mit Elektroschocks, doch stets gelingt es ihnen, der aufgebrachten Stadtbevölkerung zu entkommen. Mit ihren Aktionen sprengen sie, bisweilen ganz buchstäblich, Erwartungen an Frauen um 1900 – heute wie damals.

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Laura M. Reiling

Katherine Mansfield: Die Aloe (2021)

Zu einer Reihe einnehmend schöner Bücher des Göttinger Verlags Steidl (etwa neben Claire Keegans Kleine Dinge wie diese und Das dritte Licht) zählt Katherine Mansfields Die Aloe von 1930, postum publiziert und nun ins Deutsche übersetzt von der Opernsängerin Liat Himmelheber. Textur und Farbe des braunen Leineneinbands scheinen den Boden zu imitieren, auf dem die Familie Burnell in Neuseeland lebt. Nach einem Umzug aufs Land versuchen die Familienmitglieder, sich in dem weißen Haus mit wucherndem und vogelvollem Garten einzugewöhnen („Ein wunderschöner Eisvogel saß auf dem Weidezaun und putzte sein kostbares Gefieder“) und hängen dabei ihren Gedanken, Erinnerungen und Sehnsüchten nach. Beim Lesen bleibt man immer wieder an den bemerkenswerten Beschreibungen der Pflanzen – auch der titelgebenden Aloe – hängen, die nicht nur das Haus umschließen, sondern auch aus Tapeten quellen. Besonders in den Vordergrund rückt dabei die Perspektive der Kinder – etwas anders als in Mansfields Erzählung Prelude, die 1918 in Virginia Woolfs „Hogarth Press“ erschien und eine kürzere Version von Die Aloe ist.

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Helena Rose

Andrea Karimé: Sterne im Kopf und ein unglaublicher Plan (2021)

Ein Roman, der nicht nur Geschichtenfans ab zehn Jahren Spaß macht, sondern auch erwachsenen Mit- oder Vorlesenden. Mit seiner Funken sprühenden, bildmächtigen Sprache ragt er aus der deutschsprachigen Kinderbuchliteratur heraus. Die Geschichte der zehnjährigen Lama mit marokkanischen Wurzeln handelt von Freundschaft, Familie und damit verbundenen Komplikationen. Und sie erzählt von der Kraft der Literatur, denn die Lektüre von Irmgard Keuns Jugendroman Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften ermutigt die Hauptfigur, ihren eigenen Weg zu gehen.

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Lukas Schepers

Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft (2006)

Ob zwischen den Feldern des Ruhrgebiets mit der obligatorischen Industriekulisse im Hintergrund oder an den Stränden Balis, wo das Blau des Meeres die hellen Strände kontrastiert – wo auch immer wir unseren Urlaub verbringen, stellt sich beim zweckfreien Genuss der uns umgebenden Umwelt vielleicht die Frage: Warum ist Landschaft überhaupt schön? Wer eine tiefgründige, aber gleichsam unterhaltsam verfasste Antwort darauf haben will, kann zu Lucius Burckhardts Buch über die Spaziergangswissenschaft greifen. So naiv wie die zentrale Frage auch anmutet, so tiefschürfend sind die in der Sammlung kleinerer Schriften gegebenen Antworten. Der kurzweilige Essayband ist die ideale Urlaubslektüre mit garantiertem Erkenntnisgewinn.

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Danilo Scholz

Martin Daunton: The Economic Government of the World, 1923-2023 (2023)

Die Wirtschaft ist unser Schicksal, wusste schon Walther Rathenau. Auch dass der Kapitalismus global oder gar nicht funktioniert, hört man immer wieder. Nur wie die Architektonik des grenzüberschreitenden Handels genau aussieht und wer die Spielregeln dafür festlegt, bleibt allzu oft im Dunkeln. Nun wirft Martin Daunton, emeritierter Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Cambridge, in The Economic Government of the World, 1923-2023 auf bündigen 1000 Seiten ein äußerst erhellendes Licht auf die internationalen Institutionen und geopolitischen Rivalitäten, die im Laufe des 20. Jahrhundert der Weltwirtschaft ihr bis heute erkennbares Antlitz verliehen haben. Wer – zu Unrecht – eine allzu trockene Materie befürchtet, dem seien die praktischen Vorzüge des Buches in Erinnerung gerufen: Auf den ersten Blick mutet dieser imposante Ziegelstein von einer Monographie für den Strand zu schwer an. Aber dafür bietet es genau den Ballast, mit dem sich wunderbar Sonnenschirme befestigen lassen.

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Anja Schürmann

Regine Petersen: Passion Play (2023)

Fotobücher in eine Sommerpause, die Gepäck bedingt, mitzunehmen, ist auf verschiedenen Ebenen alles andere als leicht. Das gilt nicht für Regine Petersens neues Buch Passion Play. DIN-A5 und unter 200 Seiten sei für das pragmatische Gemüt vermerkt, das weniger pragmatische Gemüt freut sich an einer Kulturgeschichte des Oberammergauer Passionsspiels. Und wer jetzt innerlich gähnt und seine säkularen Augen abwendet: Stay with me. Denn wer hätte gedacht, dass die Spiele auf einen Schwur aus dem 17. Jahrhundert zurückgehen, um Oberammergau von der Pest zu heilen? Wer hätte gedacht, dass die Postkarten der Schauspieler:innen als moderne Form des Andachtsbilds gelten können und dass auch der Antisemitismus eine lange theatrale Tradition in Oberammergau kennt? Das Buch, das wie eine Art Ausstellung funktioniert, befragt die verborgenen Absichten hinter den geliehenen Worten und Bildern und ich kann es jeder:m nur wärmstens an die Badeliege, in den Rollkoffer oder den Warenkorb legen.

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Sarah Tober

Jamaica Kincaid: A Small Place (1988)

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Doch wo gilt dies für wen und welche Konsequenzen hat der Andrang für die Destinationen? Im Essay A Small Place folgt Jamaica Kincaid den Schritten und Eindrücken einer Person, die auf der Insel Antigua in der Karibik Urlaub macht. Mit Klarheit und Schärfe zeigt Kincaid die neokolonialen Einflüsse der Tourismusindustrie auf lokale Gemeinschaften und Umwelten auf.

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Philipp Weber

Gabrielle Zevin: Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow (2022)

While the coming-of-age novel about the two programmers (and part-time lovers) Sadie Green and Sam Masur has already enjoyed great success in the US (Amazon named it the best book of the year), it has unfortunately remained under the radar on this side of the pond so far. Yet it not only offers a refreshing story about friendship, love, and their entanglements in virtual worlds. Even more, it shows how love creates a new, joint world – be it analog or digital.

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Miriam Wienhold

Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben (2004)

Eine überzeugte jüdische Kommunistin, verheiratet mit dem legendären Doppelagenten Kim Philby, selbst als Spionin tätig, aus Überzeugung in die DDR geflüchtet und vom Sozialismus letztlich enttäuscht – Barbara Honigmanns Mutter Lizzy ist gelebtes 20. Jahrhundert. Honigmann porträtiert sie ‚so nah wie möglich an der Wahrheit‘.

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SUGGESTED CITATION: Lesetipps für die Sommerpause. Reading Tips for the Summer Break, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/lesetipps-fur-die-sommerpause-23/], 31.07.2023

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20230731-0830

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