Joana van de LöchtKLIMA

Schreiben und Global Weirding im späten 16. Jahrhundert

Schreiben und Global Weirding im späten 16. Jahrhundert Erschienen in: KLIMA Von: Joana van de Löcht

Inwiefern kann man über ein Verhältnis von Klima und Literatur sprechen, bevor sich Klima im späten 19. Jahrhundert als statistisch erhobene Größe von Durchschnittstemperaturen und -niederschlägen etablierte? Bis weit ins 18. Jahrhundert fassten Autor:innen Klima als eine Kategorie des Raums auf – es wird durch die Neigung des Himmelsgewölbes über einem Landstrich und folglich durch die Intensität, mit welcher die Sonne den jeweiligen Bereich erhitzt, bestimmt.1 Die klimatischen Bedingungen eines Ortes wirken sich in der frühneuzeitlichen Vorstellung nicht allein auf die Witterung, sondern auch auf Charakter und Kultur der unter den jeweiligen Einflüssen lebenden Bevölkerung aus – Klima konnte folglich zum Argument für die Superiorität der eigenen Kultur gegenüber anderen werden.2

Wenn wir uns bei einem Blick in das 16. oder 17. Jahrhundert allzu eng an den Begriff des Klimas halten, so werden wir folglich woanders rauskommen, als wir erwartet hätten, wenn wir uns eigentlich für Klima im heute üblichen Sinne interessieren. Was wir in den Texten der frühen Neuzeit abgebildet finden, ist ein durch die eigene Erfahrung geprägtes Wetterwissen und eine Wettererwartung, die sich aus den eigenen Erfahrungen und medial vermittelten Ereignissen der vorangegangenen Jahre speist. Wetterwissen und Wettererwartungen sind grundsätzlich eng mit bestimmten im Jahresverlauf verankerten Daten und Ereignissen verknüpft, weshalb uns heutzutage jedes Jahr aufs Neue etwa folgende Fragen umtreiben: Wird es weiße Weihnachten geben? Ist es im Sommer an meinem Urlaubsort ohne Klimaanlage noch auszuhalten? Wird an meinem Geburtstag die Sonne scheinen, so wie eigentlich jedes Jahr? In diesem Jahr waren es an meinem Geburtstag Mitte Oktober keine milden Temperaturen eines Altweibersommers, sondern 30 °C. Der Tag im Sommerkleid und der Spaziergang im strahlenden Sonnenschein wurden von einem nagenden Gefühl begleitet, dass etwas nicht stimmt – dass das einstmals Normale aus den Fugen geraten ist, dass die Welt seltsam (weird) geworden ist.

Der Begriff des Global Weirding wurde von Hunter Lovins, Expertin für nachhaltige Energiewirtschaft, geprägt und durch Thomas L. Friedman im Dezember 2007 in einem Beitrag in der New York Times popularisiert, in dem er sich ebenfalls über die zeitungemäßen warmen Wintertemperaturen wundert:

And sweet-sounding ‚global warming‘ doesn’t really capture what’s likely to happen. I prefer the term ‚global weirding,‘ coined by Hunter Lovins, co-founder of the Rocky Mountain Institute, because the rise in average global temperature is going to lead to all sorts of crazy things – from hotter heat spells and droughts in some places, to colder cold spells and more violent storms, more intense flooding, forest fires and species loss in other places.3

Unsere Erwartungen, wie wir sie aus unserem bisherigen Wetterwissen generieren, werden in einer Welt des Global Weirding immer wieder enttäuscht – an die Stelle des Normalen tritt das Unerwartete und Extreme. So konnte in den fast 16 Jahren, die seit Friedmans Beitrag vergangen sind, durch die Attributionsforschung nachgewiesen werden, dass sich der Klimawandel eindeutig auf Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen auswirkt.4

Die gegenwärtige globale Erwärmung ist nicht die erste außergewöhnliche Klimaformation, die in den vergangenen tausend Jahren verzeichnet wurde – wenn auch die mit den größten Extremen und noch ungewissem künftigen Ausmaß. In den späten 1560er-Jahren beispielsweise sanken die Jahresdurchschnittstemperaturen merklich und Wetterextreme nahmen zu – eine Hochphase der ‚Kleinen Eiszeit‘ setzte ein, die bis ins erste Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts andauerte.5 Der Begriff ‚Kleine Eiszeit‘ bezeichnet eine Klimaformation zwischen dem späten 13. Jahrhundert und der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die Temperaturen immer wieder drastisch fielen, die alpinen Gletscher weit in die Täler vorstießen und die Ernten durch späte Fröste im Frühjahr und Regen zur Erntezeit vielfach in Gefahr gerieten.6 Als Folgen gelten heute unter anderem Einbrüche in der Produktion von Lebensmitteln, Versorgungsengpässe, Preissteigerungen, Pandemien, eine erhöhte Mortalität, Rückgang der Geburtenzahlen, Migrationsbewegungen sowie soziale Konflikte.7

Wenn wir die Literaturproduktion dieser Jahrzehnte betrachten, so lassen sich Indizien finden, dass die Zeitgenossen etwas empfanden, was dem Konzept des Global Weirding entsprechen mag. Besonders die Flugpublizistik, wenige Seiten umfassende Pamphlete sowie mit teils eindrücklichen Bildern versehene Einblattdrucke, legt beredtes Zeugnis davon ab, dass ein erhöhtes Interesse an außergewöhnlichen Ereignissen bestand. Dieses bezog sich nicht allein auf Witterungsereignisse, sondern auf alles, was außerhalb der Regel stand, was also als prodigium oder als monstrum (monstrare: lat. ‚zeigen‘) gelesen werden konnte.8

Abb. 1: Drei Ereignisse des Jahres 1578: die Piemonter und Novareser Wundergeburten sowie eine Überschwemmung in der Stadt Horb am Neckar, Holzschnitt und Typendruck, Zentralbibliothek Zürich [https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-92026]
So erschien etwa 1578 in Straßburg ein Flugblatt, das den Bericht über die Geburt zweier missgebildeter Kinder mit der Nachricht über ein heftiges Unwetter verknüpft. Dem Titel „Warhaftige und schröckliche bildnuß vnd gestalt zwoer neuer leydigen vngewonlichen Mißgeburt/ dises gegenwärtige Jar außkommen. Sampt der beschreibung des Erbärmlichen Wassergusses/ jüngst zu Horb im Land Wirtenberg/ den 15. Tag Maij/ dises LXXVIII. Jars vorgangen“ entsprechend, zeigt die Bildtafel die beiden Kinder, das eine mit gehörntem Kopf und klauenförmigen Fingern, das andere eine Art siamesischer Vielling mit sieben Köpfen und sieben Armen. Die beiden Kinder stehen vor einer Stadt, über der gerade ein vernichtendes Unwetter tobt. Mensch und Tier versinken in den Fluten, einige Bewohner versuchen auf Dächern oder in den Bäumen Rettung vor den Wassermassen zu finden. Das aus den aufgetürmten Wolken niedergehende Wetter wird durch parallel geführte Linien dargestellt, was dem Bild einen überraschend abstrakten Eindruck verleiht. Der Text unterhalb der Bildtafel zeugt schließlich von einem großen Misstrauen, mit dem alles Außergewöhnliche genau beobachtet und bewertet wird. So heißt es:

NJcht vnfüglich mag dise nun gegenwärtige zeit wol eyne rechte Wunderzeit heyssen: seiteynmal inn kurtzem also vil Wunder vnd zeychen auff eynander kommen vnd folgen: das es frommen Hertzen eyn schrecken machet. Vnd warlich/ das sie nicht gar on bedeutnus vnd würckung seien/ sihet man leyder täglich hin vnd wider/ ferr vnd nahe/ an den wunderlichen vnruhen/ empörungen/ kriegen vnd Blutvergiessen/ verfolgungen/ verhergungen/ verrhätereien/ Meuchelmördereien/ falschen Lehren/ einfallen frembdes Volcks[/] Kriegsgeschrey/ plünderung fürnemmer Stätt/ vngewohnten kranckheyten vnd Seuchen/ absterben hoher Leut/ Vngewittern/ wütenden Winden/ schwären Wassergüssen/ Mißgewächssen/ vnd endlichen allenthalben vmb sich herumb an der Vnmenschlichen vntreu vnd mißtrauen/ an den vnchristlichen händeln/ dem vbersatz/ Judentzen vnd Vorkauff/ an allerhand schand vnd lastern/ Gotteslästerungen/ verachtung vnd verkerung Gottes Worts/ verspottung fromer Leut warnung/ vngehorsam gegen Obern vnd Fürgesetzte/ vnd kurtzvmb/ an heutiger grosser sicherheyt/ vnd erhaltung aller Lieb.9

Die Welt erscheint aus den Fugen geraten – Global Weirding. Ebenso wie auf der Bildtafel mehrere prodigiöse Ereignisse übereinander geblendet werden, weckt die Reihung von Wundern, die eigentlich allesamt Unglücksfälle sind, den Eindruck einer allgegenwärtigen Bedrohung. Die geschilderten Phänomene entstammen dem sozialen Bereich, etwa in Form von Unruhen und wachsender Kriminalität bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Pandemien und Todesfälle bedeutender Personen stehen unvermittelt neben Umweltereignissen, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie das erwartbare Maß übersteigen. Im eindeutig antijüdisch markierten Begriff des „Judentzens“ verbirgt sich einerseits der ökonomische Vorwurf des Wuchers, jedoch zugleich der Hinweis darauf, dass solche als ‚Polykrise‘ empfundenen Zeiten zu sozialen Ausgrenzungsprozessen bis hin zu Pogromen führen konnten.10

Der Einblattdruck stellt nicht allein eine Sammlung seltsamer Ereignisse dar, sondern ist selbst Teil einer Sammlung: Ein Exemplar findet sich in der Zürcher Wickiana, einer 24 Bände umfassenden Sammlung von Nachrichten der Jahre 1559 bis 1588, in der Flugpublizistik neben handschriftlichen Berichten über ungewöhnliche Ereignisse aus ganz Europa steht. Zusammengestellt wurden die Texte von dem Zürcher zweiten Archdiakon und Chorherrn am Zürcher Großmünster, Johann Jakob Wick.11 Dabei stellen Extremwetter nur eines unter den versammelten Themen, doch bilden Stürme, Fluten, Hagelschläge und andere meteorologische Ereignisse eine Art Basso continuo der gesamten Sammlung. Dokumentiert wird dabei nicht das Klima, doch das Klima mag die Dokumentation einer seltsamen Welt befördert haben. 

References

  1. Zur Veränderung des Klima-Begriffs am Ende des 18. Jahrhunderts vgl. Mauelshagen, Franz (2016): Ein neues Klima im 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 10, Nr. 1, S. 39–58, https://doi.org/10.14361/zfk-2016-0104 und Hamel, Hanna (2021): Übergängliche Natur. Kant, Herder, Goethe und die Gegenwart des Klimas, Berlin: August Verlag, https://doi.org/10.52438/avaa1001.
  2. Der Anglist Waldemar Zacharasiewicz diagnostiziert für das 16. Jahrhundert und vor allem für seine zweite Hälfte ein deutlich wachsendes Interesse an der Verknüpfung des Klimakonzepts mit ethnographischen Fragen, vgl. Zacharasiewicz, Waldemar (1977): Die Klimatheorie in der englischen Literatur und Literaturkritik. Von der Mitte des 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert, Wien: Wilhelm Braumüller.
  3. Friedman, Thomas L. (2007): The People We Have Been Waiting For, in: The New York Times [https://www.nytimes.com/2007/12/02/opinion/02friedman.html], 02/12/2007 (letzter Zugriff: 30.10.2023).
  4. Im September 2023 wurde der Klimaforscherin Friederike Otto der Deutsche Umweltpreis für ihre Arbeiten zu diesem Thema verliehen. Zu den Ergebnissen der Attributionsforschung siehe: https://www.worldweatherattribution.org/ (letzter Zugriff: 30.10.2023).
  5. Zu den ersten Jahren dieser Kaltphase vgl. Behringer, Wolfgang (2003): Die Krise von 1570. Ein Beitrag zur Krisengeschichte der Neuzeit, in: Manfred Jakubowski-Tiessen und Hartmut Lehmann (Hrsg.): Um Himmels Willen. Religion in Katastrophenzeiten, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 51–156.
  6. Einen einfach nachvollziehbaren Überblick über die historische Witterung der frühen Neuzeit bieten Glaser, Rüdiger (2008): Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, 2. Aufl., Darmstadt: Primus in Wissenschaftliche Buchgesellschaft sowie Pfister, Christian und Heinz Wanner (2021): Klima und Gesellschaft in Europa. Die letzten tausend Jahre, Bern: Haupt Verlag.
  7. Vgl. Charpentier Ljungqvist, Fredrik, Andrea Seim und Heli Huhtamaa (2020): Climate and society in European history, in: WIREs Climate Change, Heft 12, Nr. 2, S. e691, https://doi.org/10.1002/wcc.691.
  8. Zu den Prodigien und Monstren in der frühen Neuzeit sowie zur ihnen zugehörigen Gattung der Wunderbücher vgl. Berns, Jörg J. (2016): Wunderzeichen am Himmel und auf Erden, in: Herbert Jaumann und Gideon Stiening (Hrsg.): Neue Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch, Berlin/Boston: de Gruyter, S. 99–162, https://doi.org/10.1515/9783110289992-003.
  9. Warhaftige und schröckliche bildnuss vnd gestalt zwoer neuer leydigen vngewonlichen Mißgeburt/ dises gegenwärtige Jar ausskomen. Sampt der beschreibung des Erbärmlichen Wassergusses/ jüngst zu Horb im Land Wirtenberg/ den 15. Tag Maij/ dises LXXVIII. Jars vorgangen, Straßburg 1578, https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-92026.
  10. Zum Verhältnis zwischen ungünstigen klimatischen Bedingungen und antijüdischen Schriften und Handlungen vgl. Bell, Dean Phillip (2008): The Little Ice Age and the Jews: Environmental History and the Mercurial Nature of Jewish–Christian Relations in Early Modern Germany, in: Association for Jewish Studies Review, Heft 32, Nr. 1, S. 1–27, https://doi.org/10.1017/S0364009408000019.
  11. Vgl. Mauelshagen, Franz (2011): Wunderkammer auf Papier. Die „Wickiana“ zwischen Reformation und Volksglaube, Epfendorf: bibliotheca academica.

SUGGESTED CITATION: van de Löcht, Joana: Schreiben und Global Weirding im späten 16. Jahrhundert, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/schreiben-und-global-weirding-im-spaten-16-jahrhundert/], 11.12.2023

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20231211-0830

Write a Reply or Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *