Ann-Charlotte GünzelClara HeizlerFahrstühle

Störung ist Betriebsablauf

Störung ist Betriebsablauf Störung vs. Ereignis Erschienen in: Fahrstühle Von: Ann-Charlotte Günzel, Clara Heizler

Definition von Störung

Schlägt man den Begriff der „Störung“ im Duden nach, ergibt sich ein vielfältiges Bild an Beispielen für die Verwendung des Wortes: es werden „Störung von Ruhe und Ordnung“ ebenso herangezogen wie die Entschuldigung für eben jene, und die Notwendigkeit, „eine technische Störung [zu] beheben“1. Eine klare Definition bleibt jedoch aus. Dennoch sei Folgendes festzuhalten: Eine Störung ist – wie der Germanist und Literaturwissenschaftler Carsten Gansel es beschreibt – unerwünscht und tritt in einem routinierten sowie geplanten Ablauf als „nicht-intentionales, akzidentelles Hindernis“ auf.2

Abb. 1: In Szene gesetzt: Eingangsbereich vor dem Aufzug auf dem Campus der Universität Duisburg-Essen. © Foto: Ann-Charlotte Günzel

Der Begriff findet innerhalb der Mikro-, Meso- und Makroebene der sozialen Lebensrealität Verwendung: so bezogen auf das Individuum im Bereich der Psychologie vor allem als Beschreibung von Dysfunktionalitäten. In der Kommunikationswissenschaft fällt der Blick auf ein gestörtes kommunikatives Verständnis zwischen Sender und Empfänger. Überführt man dies in einen größeren, sozialen Interaktionsrahmen, wird die Störung auch zum Forschungsgegenstand der Soziologie. Der Soziologe Jörg Bergmann hebt die Handlungsmacht der Akteur*innen in den Vordergrund: „Es liegt an den Interaktionsteilnehmern zu entscheiden, ob es infolge einer Störung zu einer Unterbrechung kommt und so aus einer Störung eine Interaktionsstörung wird“.3

Während in sozialen Kontexten also die Beteiligten selbst noch über die Agency verfügen, eine Unterbrechung zu umgehen, eine Irritation zu deregulieren – oder schlicht zu ignorieren –, verhält sich dies anders, wenn eine Störung als technisches Artefakt vorliegt. Die hilflose Solidargemeinschaft Bahnreisender angesichts einer „Störung im Betriebsablauf“ zeugt nicht zuletzt von eben jener Ohnmacht gegenüber der technischen Faktizität einer Störung, die sozial nicht dereguliert werden kann. In diesem Sinne ist es nur plausibel, dass die „Störung im Betriebsablauf“ in der Internetgemeinde zum Synonym für das Ausharren in einem Zustand wird, von dem das „Wie, was und wie lange?“ unklar bleibt. So kommentierte die Satiresendung ZDF heute-show das im Suezkanal festgefahrene Containerschiff „Ever Given“: „Nach fast einer Woche schwimmt die #Evergiven wieder. Bei der Deutschen Bahn wäre das eine ganz normale Störung im Betriebsablauf.“4

Ein ähnlich alltägliches Ärgernis wie eine Betriebsstörung bei der Deutschen Bahn kann sich im Fahrstuhl ereignen, plötzlich steckt man fest und auch hier ist das „Wie, was und wie lange?“ unklar.

Arbeit in der Leitwarte: Störung als Routine

Eine funktionierende Struktur zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass ihre Präsenz nicht sichtbar ist. Sind alle Aktanten „auf Linie gebracht (…), dann vergeht die Fahrt wie nichts“.5 Doch, was passiert, wenn – im Falle einer Fahrstuhlfahrt – die ständige Monotonie des Türöffnens und -schließens und der Auf- und Abwärtsbewegung der Kabine unterbrochen wird? Während sich für die Person im Fahrstuhl eine definitive Störung des geplanten Ablaufs manifestiert, erhält die Störung beim Blick hinter die Kulissen eine andere Konnotation.

Der Blick in den Maschinenraum zeigt: In der Kontrollstelle ist das Funktionieren technischer Infrastrukturen ebenso alltäglich wie ihre Fehlfunktion. Wie verändert sich der Blick auf die vermeintliche Ausnahmesituation der Störung, wenn diese alltäglich wird? Hier gerät im Sinne Harold Garfinkels die Definition der Störung selbst in eine Krise.6 Um diesem möglichen Paradoxon auf den Grund zu gehen, sprachen wir mit einer Mitarbeiterin einer Kontrollstelle für Fahrstühle. Das Gespräch wurde in eine Feintranskription übertragen und mittels einer mikrosprachlichen Feinanalyse nach dem integrativen Basisverfahren von Jan Kruse ausgewertet.7 Im Folgenden konzentriert sich die Auswertung auf eine Varianz- und Metaphernanalyse einzelner Sequenzen.

Auf die Frage nach einer Definition ihres Arbeitsfeldes antwortete sie: „ich arbeite ja in der Leitwarte […] und wir sind auch zu:ständig für die NOT:rufe8. Auf die Bitte hin, eine typische Notrufsituation zu skizzieren, beschreibt sie: „JA das is schon meistens ähm … das es- dass der Fahrstuhl stecken geblieben ist! Also en echter !NOtruF!“ Auffallend ist die besondere Intonation oder auch die Wiederholung der Worte „zuständig“ und „Notruf“. Der gewählte Begriff der Zuständigkeit evoziert eine regelmäßige, dauerhafte, eben eine ständige Verantwortung. Das Präfix „zu“ setzt diese Verantwortung in Relation. In der Tätigkeit der interviewten Mitarbeiterin lässt sich diese Verantwortung auf zwei Ebenen identifizieren: gegenüber der Notruf-Sender*in und gegenüber der Funktionalität des Fahrstuhls. Der Begriff des „Notrufs“ umfasst die Notrufsituation sowie die Aussendung eines appellativen Signals (Ruf) zur Hilfe. Aufgrund der starken Intonation von „Not“ möchten wir unsere Analyse im Folgenden auf diesen Teilaspekt fokussieren: Not ereignet sich in der Regel unverschuldet, akut und nicht planbar und wird häufig durch äußere Umstände ausgelöst, die auf die Betroffenen einwirken. Diese wiederum finden sich in einer Situation der Hilflosigkeit wieder, aus der sie nur durch äußeres Eingreifen herausgelöst werden können – all dem folgend ist das Feststecken im Fahrstuhl geradezu eine modellhafte Notsituation. Der eingangs aufgeführten Störungsdefinition als „nicht-intentionales, akzidentelles Hindernis“9 widerspricht die Perspektive der Mitarbeiterin. Hier ist der Notruf eine Regelmäßigkeit, der in die Routine des Arbeitsalltags eingegliedert ist und so kein Hindernis mehr darstellt. Die Störung ist strukturgebend und eben nicht destruktiv und disruptiv. Es handelt sich also in der Tat um ein affirmatives Element, das in der Krise der eigentlichen Definition der Störung aufgeht.

Abb. 2: „Nicht stören!“ – die Störung gilt es routiniert zu vermeiden. © Foto: Ann-Charlotte Günzel

Das Ereignis als tatsächliche Störung vs. die Störung als Routine

Wenn also die Störung selbst die Stabilität der Arbeitsstruktur erzeugt, schließt sich hier die Frage an, wie diese wiederum eine Störung erfahren kann. Auf die Frage nach einem besonderen Erlebnis hin verneint dies die Mitarbeiterin zunächst: „ich hab jetzt keins […] einschneidendes […] Erlebnis“. Schließlich ergänzt sie „…außer ein […] {Missverständnis}“. Das disruptive Ereignis, von dem die Mitarbeiterin berichtet, lässt sich selbst gleich einer „Störung im Betriebsablauf“ lesen: Ein Wartungsmitarbeiter sendet über den Notrufknopf den Hinweis, dass er im Aufzug sei. Während dieser damit zum Ausdruck bringen will, dass er dort feststeckt, wird die Nachricht von der Leitwarte als reine Information über seinen Standort aufgefasst. Erst nach mehreren Stunden wird das „Missverständnis“ aufgelöst.

Die Wortwahl, mit der die Mitarbeiterin die Anekdote wiedergibt, ist hier aufschlussreich: Es sei nicht ganz ein „einschneidendes Erlebnis“, komme diesem aber nahe, es handele sich ihrer Einschätzung nach wenigstens um ein „Missverständnis“. Dass die Mitarbeiterin den Begriff des „Erlebnisses“ wählt, der eine subjektive, gelebte Erfahrung versprachlicht, erscheint widersprüchlich, gibt sie doch die persönliche Erfahrung eines Kollegen und nicht die eigene wieder. So zeugt die Wortwahl von einer hohen persönlichen Identifikation, einer Aneignung der Erfahrung, die auf ihre Verortung innerhalb eines Kollektivs von Mitarbeiter*innen schließen lässt. Das Adjektiv „einschneidend“ markiert hier bildsprachlich die potenzielle Ruptur – einen deutlichen Bruch mit dem gewohnten Ablauf. Das Bild des Einschnitts deutet, wie die Notsituation, auf ein akutes und äußeres Einwirken mit unmittelbaren Konsequenzen hin.

In Jacques Derridas Vorlesung „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen“ führt er das Ereignis als ein ruptives Element – zugleich „Bruch“ und „Verdopplung“ – ein: „Das Ereignis eines Bruches, der Riß […] hat sich vielleicht in dem Augenblick vollzogen, als man damit beginnen mußte, die Strukturalität zu denken, das heißt zu wiederholen.“10 Das Ereignis ist für Derrida die potenzielle Gefährdung einer Struktur, die jedoch aufgrund der inhärenten Strukturalität – der inneren, auf das Zentrum bezogenen Ordnung – unmittelbar wieder hergestellt wird. Das Ereignis legt stets die Strukturalität der Struktur offen. In diesem Sinne kann die Anekdote der Mitarbeiterin als ein Ereignis gelesen werden. Die Routine des Notrufs schlägt fehl und offenbart so im Scheitern die Struktur: Die darauffolgende relativierende Reformulierung des „einschneidenden Erlebnisses“ als reines „Missverständnis“ fungiert als eine Verdopplung der Struktur im Sinne Derridas. Aus der technischen Störung, die im Arbeitsalltag der Mitarbeiterin relevant ist, wird so eine im Betriebsablauf irrelevante, kommunikative Störung. So wird die Irritation nicht als Interruption erfasst – schließlich stellt die Reformulierung die Struktur der Routine unmittelbar wieder her.

Abb. 3: Der Aufzug aus verschiedenen Perspektiven: Aufzüge der Universität Duisburg-Essen. © Foto: Ann-Charlotte Günzel

Impuls durch Störung

In der angefertigten Analyse zeigt sich demnach eine umfassende und folgenreiche Verwandtschaft von Störung und Struktur ebenso wie von Routine und ihrem Scheitern: erst im Bruch mit einem vertrauten Ablauf wird dieser in seiner Struktur überhaupt sichtbar – und reflektierbar. So wohnt der Störung nicht zuletzt auch ein produktives Moment inne.

Anhang

Transkript-Legende

[…]Informationen über Personen, Ort und Zeit, die aus Anonymisierungszwecken nicht genannt werden können und deswegen nur in ihrer Art beschrieben werden können
(…)nähere Informationen/ Beschreibungen z. B. Pausen von besonderer Länge, besondere Betonungen, Akzentauffälligkeiten
..  zwischen Einheitenkurze Pause
… zwischen EinheitenPause
, hinter einer EinheitKommabedeutung, zur Satzgliederung und Bedeutungstrennung (kurzes Absetzen)
! hinter einem Satz/ EinheitGanzer Satz wird besonders betont, klar und deutlich formuliert 🡪 In Ausrufungszeichen gesetzt
! direkt vor und hinter einem WortDeutliche oder besondere Betonung des gesamten Wortes
{Wort}Besonders klare Aussprache des gesamten Wortes
? hinter einem Satz/ Einheitnormale Stimmanhebung am Ende einer Fragestellung/ einer Frageeinheit/ von etwas das fragend betont wird
. hinter einem Satz/ Einheitnormale Stimmabsenkung am Ende eines Satzes/ einer Satzeinheit
= zwischen zwei WörternZusammenziehen zweier oder mehrerer Wörter/ Laute
: hinter einem Buchstaben oder hinter einem WortGedehnter oder langgezogener Laut/ Wort
– hinter einem Wort/ Satz/ LautAbbruch des Sprechens
GroßbuchstabenBetonung eines oder mehrerer Buchstaben/ Laute eines Wortes
KleinbuchstabenNormale Transkriptionsschreibweise

 

Transkript

  1. Interviewstelle (0.45 – 1.55 Minuten)

I: Also ähm wir hatten ja gesagT ähm wir wollen uns mit Notrufsituationen im Fahrstuhl beschäftigen, Und jetzt würde ich Sie einfach mal !Bitten! irgendwie kurz zu definieren was ist denn ne Notrufsituation in ihrem Beruf! und dann speziell auf !den Fahrstuhl! bezogen.

A: .. Ähm ja, ich arbeite ja in der Leitwarte an der [Orts- und Gebäudeangabe]=und wir sind auch zu:ständig für die NOT:rufe von den circa sechzig Aufzügen am Campus. .. und ähm die gehen dann bei uns ähm Ein (lauter). … also direkt mit nem Alarm!- mit ner Alarm!glocke und ähm dann schalten wir uns direkt in die !KabinE! …und sprechen mit Den .Jenigen die den Notruf Betätigt ham .. und kriegen dann schnell raus obs nen echter notruf is .. obs versehentlich die Taste betätigt wurde, obs Spaß Is =und … bearbeiten dann den Notruf ähm .. soll ich einfach noch weiter erzählen?=oder? …

I: (direkt anschließend) Sie können ruhig noch ein bisschen erzählen, vor allem so ..Was ist denn so ne !Typische! Situation, warum Leute anrufen.

A: JA das is schon meistens ähm … das es- das der Fahrstuhl stecken geblieben ist! Also en echter !NOtruF! .. Als ich hier angefangen hab vor zehn Jahren, circa ähm wa:r die:: Mehrzahl der Notru:fe noch Fehlalarme weil einfach ähm die Taste so war, dass ähm die ganz leicht betäticht wurden. Mit dem Hintern, mit der Tasche … und so weiter

  1. Interviewstelle (29:30-32:00 Minuten)

A: … ich hab jetzt keins=so einschneidendes ähm… Erlebnis …außer ein- (lacht) äh ja einmal ja gabs auch irgendwie ein äh {Missverständnis} von nem Kollegen von mir mit ähm einem anderen Arbeitskollegen und der hatte sich ähm irgendwie nicht so exakt ausgedrückt und hatte gesagt {ich bin hier im Fahrstuhl!} und.. hatte halt auch den Notruf betätigt, kann man ja durchaus auch mal was wäh machen wenn man sozusagen sagt wir arbeiten da drin. gibt=s dann manchmal, dass die Aufzugsmonteure! entweder rufen die uns an per Telefon oder sagen hier wir sind da grad. hatte sich halt gemeldet ich bin hier im Aufzug und so und hat sie sich nicht so klar ausgedrückt mein Kollege hat aber auch nicht so !geschaltet! und hat da er hat dann gedacht der arbeitet da drin und der (lacht) hat dann erstmal !Stunden! dagesessen und hat dann irgendwann geklingelt und gesagt {ich bin übrigens immer noch (lacht) im !Aufzug!}

References

  1. Duden: Störung, https://www.duden.de/node/174453/revision/986858 (abgerufen am 17.07.2022).
  2. Gansel, C. & Ächtler, N. (2013): Das ‘Prinzip Störung’ in den Geistes- und Sozialwissenschaften. [Online]. Berlin; Boston: De Gruyter. S. 8.
  3. Bergmann, Jörg (2012): Irritationen, Brüche, Katastrophen – Über soziale Praktiken des Umgangs mit “Störungen” in der Interaktion. Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld, Fakultät Soziologie vom 25.01.2012. [Online].S. 4.
  4. ZDF heute-show 2021.
  5. Schabacher, Gabriele (2019): Infrastrukturen. Zur Einführung In: Ziemann, Andreas (2019): Grundlagentexte der Medienkultur: Ein Reader. [Online]. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. S. 287.
  6. Vgl. Garfinkel, Harold et al. (2020): Studien zur Ethnomethodologie. Frankfurt; New York: Campus Verlag.
  7. Kruse, Jan (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. Weinheim, Basel: Belz Juventa.
  8. Die Transkripte sind angehängt und sind hier u.a. zur Verdeutlichung der Intonationsfeinheiten in ihrer eigentlichen, transkripteigenen Schreibweise wiedergegeben.
  9. Gansel, Carsten und Ächtler, Norman (2013): Das ‚Prinzip Störung‘ in den Geistes- und Sozialwissenschaften. [Online]. Berlin; Boston: De Gruyter. S. 8.
  10. Derrida, Jacques (1994): Die Schrift und die Differenz. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 242.

SUGGESTED CITATION: Günzel, Ann-Charlotte; Heizler, Clara: Störung ist Betriebsablauf. Störung vs. Ereignis, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/storung-ist-betriebsablauf/], 01.08.2022

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20220801-0835

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