Unendlicher Wirrwar
Dieses uferlose Unterfangen wird sich wohl kaum zu einem guten Ende bringen lassen: Der schwedische Naturforscher Carl Linné beginnt Anfang der 1730er-Jahre, was auch immer auf der Erde kreucht, fleucht und vegetiert, in einer allumfassenden Systema Naturae zu katalogisieren. Linnés Idee, sämtliche Tier- und Pflanzenarten zu erfassen, in systematische Ordnung zu bringen und nach einheitlichem Muster dieser Ordnung entsprechend zu benennen, markiert den Beginn der modernen Biowissenschaften – und es handelt sich zugleich um ein Unterfangen, das mit dem Zuwachs von Wissen bereits zu Linnés Lebzeiten und in den vielfachen Umarbeitungen seiner Systema Naturae nur immer unabschließbarer wurde.
Der vom Irrsinn bekanntlich angezogene fränkische Schriftsteller Oskar Panizza lässt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert einen gewöhnlichen Haushund das Linnéʼsche Projekt erneut in Angriff nehmen. Darüber führt der Hund gewissenhaft Tagebuch. Als Ergebnis liegt uns Aus dem Tagebuch eines Hundes (1892) vor, ein Prosatext mittlerer Länge, dem – Literary Animal Studies und gegenwärtiger zweiter Panizza-Renaissance zum Trotz – bislang nur wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde.1
Panizzas Aus dem Tagebuch eines Hundes kehrt den zoologischen Blick um: Hier klassifiziert nicht der Mensch das Tier, sondern das Tier den Menschen. Diesem Emanzipationsexperiment des Objekts setzt der letzte Satz ein niederschmetterndes Ende:
Ich wollte das Menschen-Geschlecht einteilen und ihre kuriosen Sonderbarkeiten untersuchen und sie verlachen und bin nur ein armer, kleiner Hund, der vielleicht bald krepiert.2
Der „kleine[] Hund“ ist damit auf seinen Platz zurückverwiesen. Dabei war die „verrückte“ Perspektive von Beginn an konstitutiv für den Panizza-Text. Sein wissenschaftssatirischer Clou besteht darin, den taxonomischen Verfügungswahn Linnéʼscher Prägung an den Blickwinkel eines Dackels zu binden, kaum dreißig Zentimeter über dem Asphalt einer ziemlich unsauberen Stadt.

Der Überblick ist mit dieser Zentralfigur von Anfang an nicht zu haben. Es ist eine Perspektive von schräg unten, aus der dem Hund naturgemäß vorrangig die niederen Regionen des Menschen in den Blick geraten. Unverdrossen versucht er, sich in der städtischen Umwelt zu orientieren und eine klassifikatorische Ordnung in den überaus vielfältigen und dabei oft so trügerischen und widersinnigen Erscheinungsformen des dort „herumhüpfende[n] Menschengeschlecht[s]“ herzustellen.3 Dem widerspenstigen Objekt wird eine regelrecht aggressive Klassifizierungswut entgegengebracht: „Ich muß diese ganze Bagage registrieren, einteilen, schablonieren. Einteilung der Menschenbagage!“4 Bedrängt und provoziert zeigt sich der Forscherhund vor allem von der sinnlosen Verschiedenheit der Stadtmenschen, die ihm nicht als Fülle, sondern als „Wirrwarr“, als laute und hässliche Mannigfaltigkeit entgegentreten:
Hier die entsetzlichsten Gegensätze; der Eine hüpft, der Andere scharrt; der Eine treibt das Hinterteil hinaus, der Andere die Brust nach vorn; Der wackelt, Jener zirpt; Dieser zeigt fortwährend Zunge und Zähne, Der dort stiert mit weißen Augäpfeln durch künstlich angeschnallte kleine Guck-Fensterchen. Welcher Wirrwarr! Welche unübersehbare Verschiedenheit!5
Panizzas Forscherhund zeigt sich seines wissenschaftsgeschichtlichen Vorbilds ebenso bewusst, wie er die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen ahnt: „Sechs Linné’s würden nicht genügen, die Botanik dieses Wackelwerks, Mensch geheißen, zu beschreiben und in ein System zu bringen.“6
Mit seiner Widmung „Dem Andenken Swift’s“ weist sich Panizzas Text deutlich als Satire aus.7 Das Tagebuch macht reichlich Gebrauch von gelehrten fremd- und fachsprachlichen Ausdrücken, bildungsbewussten Anspielungen und Zitaten, was freilich in komischem Kontrast zur Erzählerfigur des Hundes steht, zumal diese die ordinären Besitz- und Gewaltverhältnissen nicht verhehlt, in denen sie ihre kleine Forscherexistenz pflegt: „April. Wurde heute an meinen neuen Herrn verkauft“, heißt es eingangs.8 „April. Mein Herr benutzt den Stock mit dem glänzenden Knopfe nicht als Fuß- oder Regulierstange, um den Gang zu mäßigen, sondern um mich durchzuhauen.“9
Dass das notorisch komödiantische Menschengeschlecht sich den Einteilungs- und Klassifizierungsversuchen des Hundes immer wieder durch neue Volten entwindet (etwa durch das Lüften des Hutes oder das Ablegen der Beinkleidung), befördert in diesem das paranoische Gefühl, es mit einem Gegenstand zu tun zu haben, der nur Theater spielt, der in immer neue Kostüme schlüpft, der sich, wie es in einer Szene heißt, an „Bindfäden“ bewegt: „Ich dachte an Schnüre, die diese Schauspieler unsichtbar gezogen“.10 Das ganze Unterfangen der Sortierung des „Wirrwarr[s]“, das, wenn man es nur recht ernst nimmt, niemals zu einem befriedigenden Ende gebracht werden kann, rückt in pathologisches Licht. Dem Hund ist wohl zu glauben, wenn er angibt, „nicht die Gefahr [zu verkennen], die mit dieser Sucht, ein schön gegliedertes System zu erreichen, verknüpft ist“, und dennoch kommt ihm bei jeder neuen Beobachtung, bei jeder neuen Entdeckung direkt wieder „die Versuchung an[…], neue und weitere Unterabteilungen am Menschengeschlecht vorzunehmen“.11
Welches Ende können diese Forschungen also nehmen? Mit Einbruch des Herbstes erfährt das im Frühling begonnene Tagebuch eine merkliche Verdüsterung: In einem zweiten Erkenntnisprozess wird sich der Hund der Sterblichkeit, ja der Kompostierbarkeit alles Lebendigen bewusst.
November. Ich weiß nicht, es muß irgend Was los sein. Es ist nicht mehr wie früher. Die Blätter an den Bäumen werden käsgelb, fallen ab; hülfslos und erbarmungswürdig strecken die Bäume ihre schwarzen, kahlen Hände gegen den Himmel […].12
Als letzte Begebenheit schildert der Hund, wie er auf einen im Schnee hingestreckten Hundekadaver trifft. Er bemitleidet und beklagt „[s]einen armen Kameraden“, besucht ihn mehrfach und wirft ihm schließlich, obgleich selbst völlig ausgehungert, ein gestohlenes Stück Fleisch hin.13 „Vergebens“ und „[u]msonst“ ist dieser Rettungsversuch – inzwischen ist der Kamerad von gelben Würmern und Raben „aufgefressen bis auf die Knochen“.14 Den Tagebuchschreiber ereilt nun „der entsetzliche Gedanke“ an den eigenen Tod, der ihm selbst seine sonst so zuverlässige Fresslust zunichtemacht: „Ich ließ mein Fleisch liegen und ging nach Hause.“15 Das wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen. Aber Panizzas Forscherhund lässt es sich nicht nehmen, mit seinem letzten Satz noch einmal die ganze Hybris seines nunmehr gescheiterten Projekts in voller Fallhöhe aufzurufen:
Ich wollte das Menschen-Geschlecht einteilen und ihre kuriosen Sonderbarkeiten untersuchen und sie verlachen und bin nur ein armer, kleiner Hund, der vielleicht bald krepiert.16
Mit diesem Satz brechen die Aufzeichnungen ab. Der Forscherhund verweist sich mit ihm auf den ihm gemäßen Platz: unter den Tieren – und zwar unter den geringen, und unter den Sterblichen. Weniger die auch klangliche Härte des Wortes „krepiert“, mit dem ganz klassisch der Tod des Erzählers im letzten Wort des letzten Satzes untergebracht wird, als vielmehr die vorausgeschickten Unwägbarkeiten verstören: Mit dem „bald“ und „vielleicht“ rückt dieser letzte Satz selbst das Unvermeidliche und damit einzig Absehbare wieder in den Bereich des Unverfügbaren. Obwohl Panizzas Text seinen letzten Punkt nach dem Verb „krepiert“ setzt, reflektiert dieser letzte Satz eben nicht das Sterben des Erzählers, sondern „nur“ dessen Sterblichkeit. Ein wissenschaftliches Projekt von den Dimensionen des hier zur Rede stehenden taxonomischen Unterfangens braucht allerdings von einem Sterblichen gar nicht erst angefangen zu werden. Die Erkenntnis führt zur Resignation, zum Abbruch. Der Tagebuchschreiber kündigt mit seinem letzten Satz alle zuvor erprobten Souveränitätsansprüche auf: die des Forschers über seine Umwelt, die des Subjekts über sein Leben und die des Erzählers über seinen Text. Letzteres geschieht sogar in zweifacher Hinsicht: indem nach dem letzten Satz Schweigen herrscht und indem in ihm mit einem Grammatikfehler – ob bewusste Regelwidrigkeit oder Unfall sei dahingestellt – die Ordnung des Textes schon vorab erodiert. Es handelt sich bezeichnenderweise um einen Bezugsfehler, durch den „das Menschen-Geschlecht“ (Singular) wieder in die Pluralität seiner Bestandteile zerfällt. Genau darin bestand den ganzen Text hinweg das Problem des Taxonomen – und für Probleme der Ordnung ist der Hund nun nicht mehr zuständig. Die Einsicht in die sichere und zugleich unkalkulierbare Sterblichkeit fällt mit der Kapitulation vor der Unordnung des Lebendigen zusammen. Der Text erteilt das letzte Wort der Entropie.

References
- Vgl. aber z.B. Schmidt, Dietmar (2011): Adaptive Charaktere. Zur Vakanz naturgeschichtlicher Ordnung im Zeitalter der Evolutionstheorie, in: Thomas Bäumler, Benjamin Bühler und Stefan Rieger (Hrsg.): Nicht Fisch – nicht Fleisch. Ordnungssysteme und ihre Störfälle, Zürich: Diaphanes, S. 87–98, hier S. 93–96; Jacobs, Joela (2016): Separation Anxiety: Canine Narrators and Modernist Isolation in Woolf, Twain, and Panizza, in: Literatur für Leser, Heft 39, Nr. 3, S. 153–168, hier S. 159–161; Hertz, Gal (2017): The Pathologization of Everyday Life: Panizza’s Syphilitic Literature, in: Lutz Greisiger, Alexander van der Haven und Sebastian Schüler (Hrsg.): Religion und Wahnsinn um 1900: Zwischen Pathologisierung und Selbstermächtigung / Religion and Madness Around 1900: Between Pathology and Self-Empowerment, Baden-Baden: Ergon, S. 139–166, hier S. 151f.; Conter, Claude (2024): 1972. Auf den Hund gekommen. Kynologische Imaginationen im Anthropozän, in: Medienobservationen, Heft 28, S. 1–8.
- Panizza, Oskar (1892): Aus dem Tagebuch eines Hundes, Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, S. 104.
- Ebd., S. 8.
- Ebd., S. 7.
- Ebd., S. 6f.
- Ebd., S. 58, Herv. i. Orig.
- Ebd., S. 3.
- Ebd., S. 5.
- Ebd., S. 11.
- Ebd., S. 33f.
- Ebd., S. 89f.
- Ebd., S. 87.
- Ebd., S. 103.
- Ebd.
- Ebd., S. 103f.
- Ebd., S. 104.
SUGGESTED CITATION: Köhler, Jasmin: Unendlicher Wirrwar. Taxonomischer Ordnungswahn in Oskar Panizzas „Aus dem Tagebuch eines Hundes“, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/unendlicher-wirrwar/], 24.02.2025