Simon ProbstKLIMA

Warum die Klimakrise keine schlechte Geschichte ist

Warum die Klimakrise keine schlechte Geschichte ist Kritik einer populären Hypothese Erschienen in: KLIMA Von: Simon Probst

Die Literatur- und Kulturwissenschaften haben ihre eigenen Hypothesen zur Erklärung der Lücke zwischen Klima-Wissen und Klima-Handeln. Von besonderer Anziehungskraft ist eine Hypothese, die Amitav Ghosh in seinem Essay The Great Derangement. Climate Change and the Unthinkable (2016) prominent formuliert. Sie lautet, dass „man ein tieferes Versagen von Imagination und Kultur im Zentrum der Klimakrise erkennen“ kann.1 Eine populärwissenschaftliche Erklärung dieser Hypothese hat der Schriftsteller Jonathan Safran Foer in seinem internationalen Bestseller We are the Weather (2019) formuliert: „Die Geschichte von der Krise unseres Planeten ist schwierig zu erzählen und obendrein ist sie nicht ‚gut‘.“2 Als Beleg für seine These führt er die angebliche Abwesenheit von ‚ernster‘ Literatur über die Klimakrise an, die sich darauf zurückführen ließe, dass der Klimawandel komplex, langfristig und vielschichtig sei und es ihm an „symbolträchtigen Gestalten und Momenten“ mangele.3 Foer kommt zu dem Schluss, dass Schriftsteller:innen dieses Thema aufgrund ihres Gespürs dafür meiden, welche Geschichten funktionieren und welche nicht. Dass das ‚Funktionieren‘ von Geschichten ebenso wie das Gespür von Schriftsteller:innen durch die bestehenden Literaturinstitutionen und die in diese eingeschriebenen kulturellen und ökonomischen Muster geprägt werden, thematisiert er nicht. Auf diese Weise erscheint der Klimawandel seinem Wesen nach als eine ‚schlechte Geschichte‘.

An Foers einfacher Fassung dieser literaturtheoretischen Erklärung wird offensichtlich: Das Argument vom Klimawandel als ‚schlechter Geschichte‘ führt sich in seinem Kern ad absurdum. Geschichten sind Konstruktionen – und deren Güte hängt nicht primär von ihrem Gegenstand ab, sondern von der Art, wie sie gefertigt sind. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass es bessere und schlechtere Stoffe für Geschichten gibt, kann nicht sinnvollerweise behauptet werden, dass der Klimawandel ein ungeeigneter Stoff sei: Auf dem Spiel steht nicht weniger als das Überleben der Zivilisation, wie wir sie kennen; die Situation, in der sich das Handeln der Menschen mit Zeitverzögerung gegen sie selbst richtet, ist mindestens ebenso ironisch wie tragisch;4 die Art wie unser tägliches Handeln vermittelt über planetare Prozesse auf uns zurückwirkt, hat etwas zutiefst Unerhörtes und Unheimliches;5 in der Geschichte der Klimawandelbekämpfung gibt es eine Vielzahl von Held:innen, Schurk:innen, großen Projekten, Plots und Gegenplots ebenso wie nie dagewesene und unerhörte Ereignisse. Die Tatsache, dass die Handlungen und Charaktere komplex und vieldeutig sind, kann ebenfalls nicht gegen die Güte des Klimawandels als Stoff vorgebracht werden. Genau diese Eigenschaften schätzen wir an allen großen Texten der modernen Literatur ebenso wie an den Serienformaten, die die narrative Unterhaltungslandschaft der Gegenwart prägen.

Wenn überhaupt ließe sich sagen, dass der Klimawandel gar keine Erzählung ist, sondern eine Meta-Erzählung.6 Mit ihm wird im Grunde zugleich eine Handlung in der Welt bezeichnet sowie die Veränderung dieser Welt und ihrer grundlegenden Parameter. Damit werden die Grundbedingungen des Erzählens und Verstehens von Geschichten selbst erschüttert – vom Klimawandel zu erzählen, bedeutet, von der Verwandlung aller unserer Geschichten und des Geschichtenerzählens selbst zu berichten. Der Klimawandel ist deshalb nicht ein Stoff. Vielmehr handelt es sich bei ihm um eine neue Konfiguration von Welt, auf deren Grund sich potenziell ein unerschöpflicher Vorrat von Geschichten ereignen kann.

Die Vielfalt von entsprechenden Geschichten dokumentiert die mittlerweile sehr gut aufgestellte Forschung zur sogenannten Climate Fiction. Damit ist gattungs- und genreübergreifend Literatur gemeint, in welcher der Klimawandel eine zentrale Rolle spielt. Ein Blick in diese Forschung zeigt, dass es keinesfalls an einer höchst heterogenen, komplexen und anspruchsvollen Literaturproduktion zum Thema Klima mangelt.7 Ebenso zeigt die damit eng verknüpfte Forschung zu anthropozäner Literatur, dass auch über den Klimawandel hinaus die Verflechtungen von Menschen und Erde ebenso wie die Rolle des Menschen als geophysikalischer Kraft auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen thematisiert und verarbeitet werden – und zwar nicht erst seit dem 21. Jahrhundert (mehr dazu weiter unten).8

Die literarische Empirie widerlegt die Hypothese von der Klimakrise als schlechter Geschichte. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, noch einmal einen Blick auf Amitav Ghosh‘s einflussreichen Essay zu werfen. Der Untertitel des Essays („Climate Change as the Unthinkable“) deutet zunächst darauf hin, dass der Klimawandel möglicherweise ein prinzipiell ‚undenkbarer‘ Gegenstand ist. In diesem allgemeinen Sinn wird der Aufsatz häufig rezipiert und zitiert (so auch von Foer). Doch Ghoshs Analyse kommt zu einer deutlich konkreteren Schlussfolgerung. Seine Erklärung dafür, dass der Klimawandel trotz der Komplexität, die ihn nach seiner Einschätzung unbedingt für die Behandlung durch ‚seriöse‘ Schriftsteller:innen qualifizieren würde, im ‚literarischen Zentrum‘ unerzählt bleibt, ist alles andere als erkenntnistheoretisch. Im Gegenteil: Das Fehlen der Klimakrise im Hoheitsgebiet ‚realistischer‘ Literatur (die mit dem Klimawandel zunehmend unrealistischer wird, was die Regisseurin Dorothy Fortenberry pointiert auf den Punkt gebracht hat: „If climate isn‘t in your story, it‘s science fiction.“9) offenbart für ihn eine (erd)historisch tiefgehende Verschränkung von Politik und Poetik: Die literarischen Formen, Konventionen und Institutionen der Moderne wurden vom selben gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Komplex geprägt, der auch für die zunehmende anthropogene Umformung der Erde und ihrer Atmosphäre verantwortlich ist. Misstrauisch wird Ghosh insbesondere aufgrund der Tatsache, dass alleine die Behandlung des Klimawandels in einem literarischen Text dazu führt, dass dieser aus dem Bereich der ernsthaften Literatur in die Grenzgebiete des Science Fiction verbannt wird. Er sieht darin die aktive Verdrängungsleistung einer Kultur, in deren Zentrum die materiellen Begehrlichkeiten einer petrofossilen und kapitalistischen Wirtschaftsform stehen. In einer futuristisch-literaturwissenschaftlichen Retrospektion kommt Ghosh zu dem Schluss, dass diese kulturelle und literarische Epoche „als die Zeit der Großen Verblendung in die Geschichte eingehen wird“.10

Nehmen wir aber einmal an, dass die von Ghosh imaginierten Literatur- und Kulturhistoriker:innen der Zukunft ein differenziertes Bild von der Zeit der großen Verblendung zeichnen werden. Dann würden sie festhalten müssen, dass durchaus literarisch vom menschengemachten Klimawandel und dem krisenhaften Verhältnis von Menschen und Planet erzählt wurde. Die reiche literarische Tradition ist noch lange nicht systematisch erschlossen. Mit immer wieder genannten Meilensteinen wie Alfred Döblins Berge, Meere und Giganten (1924), das eine Menschheitsgeschichte vom 21. bis ins 28. Jahrhundert erzählt und dabei geopolitische Konflikte mit den Folgen großskaliger Geoengineering-Projekte zur Erschließung Grönlands verbindet, J.G. Ballards Roman Drowned World (1962), der von den Folgen einer nicht von Menschen verursachten Klimaerwärmung erzählt, sowie Ursula K. Le Guins Roman The Lathe of Heaven (1971) und ihrer Kurzgeschichte The New Atlantis (1976), die mit als die ersten Erzählungen gelten, die explizit eine menschengemachte Erderwärmung thematisieren, reicht diese Tradition mindestens bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Zu ihr gehören unzählige Texte, die längst literarische Klassiker sind wie Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän (1979), Octavia Butlers The Parable of the Sower (1993), Maggie Gees The Ice People (1998), T.C. Boyles A Friend of the Earth (2000) oder Margaret Atwoods MaddAddam-Trilogie (2003–2013) – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Entscheidend für mein Argument ist die Diskrepanz zwischen der Annahme, es gäbe zu wenig Literatur über tatsächliche und mögliche planetare Krisen, und der augenscheinlichen Produktivität sowie dem Traditionsreichtum dieses literarischen Stoffes. Der Literaturwissenschaftler Adam Trexler hat sehr eindrücklich beschrieben, wie er in der Recherche für sein, noch vor Ghoshs Essay erschienenes Buch Anthropocene Fictions (2015) durch das zutage geförderte Material die Annahme eines Mangels an Klimawandelliteratur, die er zu Beginn selbst geteilt hatte, widerlegt fand und konstatiert: „The journalistic press has only just begun to recognize this literary movement.“11

Dass diese bereits existierende Literatur ebenso wie die entsprechenden literaturwissenschaftlichen Erkenntnisse im öffentlichen Diskurs und Literaturbetrieb und in den literarischen Kanons verhältnismäßig unsichtbar bleiben – noch 2021 beklagte Bernd Ulrich in der ZEIT, dass die Literatur ‚uns‘ mit der Klimakrise alleine lasse12 – deutet daraufhin, dass die kulturelle Klimakrise weniger ein Problem der Möglichkeiten literarischer Darstellung, sondern institutionalisierter Verdrängungsmechanismen ist wobei vermerkt werden muss, dass Literatur über die Klimakrise in den Jahren seit dem Erscheinen von Ghoshs Aufsatz zunehmend sichtbarer geworden ist.13 Die gegenwärtig dominanten Literaturinstitutionen haben sich in der rapide schwindenden Welt des Holozän herausgebildet. Die Welt des fortschreitenden Klimawandels braucht andere literarische Muster, Konventionen und Institutionen. Im Hinblick auf die Offenheit dieser Formierungsphase und angefeuert durch die unzureichende Wahrnehmung der Vielfalt von Klimawandelliteratur entstehen Zweifel grundsätzlicher Art. Diese kulminieren in dem Narrativ, dass möglicherweise überhaupt keine dem Klimawandel angemessene Literatur möglich ist. Vor dem oben angedeuteten empirischen Hintergrund stellt das eine Art Verblendung zweiter Ordnung dar, indem es tieferliegende Gründe für das scheinbare Fehlen einer solchen Literatur liefert, statt die notwendige Arbeit realistischer Bestandsaufnahme und kulturpolitischer Institutionenkritik voranzubringen. Eine bessere Wissenschaftskommunikation zum Thema Literatur und Klima scheint angesagt.

References

  1. Ghosh, Amitav (2017): Die grosse Verblendung. Der Klimawandel als das Undenkbare. Übers. von Yvonne Badal, München: Blessing, S. 17.
  2. Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Übers. von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, S. 22. Für literaturwissenschaftliche Beiträge zu diesem Thema siehe beispielsweise Bergthaller, Hannes (2017): Climate Change and Un-Narratibility. Metaphora, Heft 2, S. 2–12; Clark, Timothy (2015): Ecocriticism on the Edge. The Anthropocene as a Threshold Concept. London et al.: Bloomsbury, S. 11.
  3. Foer 2019, S. 23.
  4. Vgl. Trautsch, Asmus (2020): Der Umschlag von allem in Nichts. Theorie tragischer Erfahrung. Berlin/Boston: de Gruyter, Kap. 11, https://doi.org/10.1515/9783110551495.
  5. Vgl. Morton, Timothy (2013): Hyperobjects. Philosophy at the End of the World, Minneapolis/London: University of Minnesota Press, S. 28.
  6. Vgl. Hamilton, Clive (2017): Defiant Earth. The Fate of Humans in the Anthropocene, Cambridge/Malden: Polity Press, S. 77; Dürbeck, Gabriele (2018): Narrative des Anthropozän – Systematisierung eines interdisziplinären Diskurses, in: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift, Heft 2.1, S. 1–20, https://doi.org/10.2478/kwg-2018-0001.
  7. Z.B. Goodbody, Axel und Adeline Johns-Putra (Hrsg., 2019): Cli-Fi. A Companion, Oxford et al.: Peter Lang, https://doi.org/10.3726/b12457.
  8. Z.B. Parham, John (Hrsg., 2019): The Cambridge Comapanion to the Anthropocene and Literature, Cambridge et al: Cambridge University Press.
  9. Good Energy: A Playbook for Screenwriting in the Age of Climate Change, [https://www.goodenergystories.com/playbook] (letzter Zugriff: 08.11.2023).
  10. Ghosh 2017, S. 16–22.
  11. Trexler, Adam (2015): Anthropocene Fictions. The Novel in a Time of Climate Change, Charlottesville/London: University of Virginia Press, S. 7.
  12. Ulrich, Bernd (2021):Warum, zur Hölle? Wir leben in einer ökologischen Krise, aber die Literatur lässt uns damit allein. Dabei brauchen wir sie. Jetzt!, in: ZEIT online [https://www.zeit.de/2021/43/literatur-klimawandel-corona-klimakrise-kultur-zukunft-science-fiction], 24/10/2021 (letzter Zugriff: 10.11.2023).
  13. Ein Beispiel dafür war das 2020 in Berlin von Martin Zähringer und Jane Tversted organisierte Climate Fiction Festival: https://www.climate-fiction-festival.de/ (letzter Zugriff: 08.11.2023).

SUGGESTED CITATION: Probst, Simon: Warum die Klimakrise keine schlechte Geschichte ist. Kritik einer populären Hypothese, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/warum-die-klimakrise-keine-schlechte-geschichte-ist/], 27.11.2023

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20231127-0830

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