Danilo ScholzWohnen | Dwelling

Wider die Unbehaustheit der Philosophie

Wider die Unbehaustheit der Philosophie Emanuele Coccias Überlegungen zum Dach über dem Kopf Erschienen in: Wohnen | Dwelling Von: Danilo Scholz

Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde zu sein, heißt: wohnen.
Martin Heidegger, „Bauen Wohnen Denken“ (1951)1

So breitbeinig Heideggers Diktum aus einem 1951 gehaltenen Vortrag daherkommt, so wenig kann sein Denken der Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit doch kaschieren, dass die Philosophie das Wohnen nicht gerade mit Aufmerksamkeit überschüttet hat. Daran ist ihm auch gar nicht gelegen, denn Heidegger richtet seine intellektuelle Energie ja gerade gegen die „Seinsvergessenheit“, die er weiten Teilen der philosophischen Tradition anlastet. Tatsächlich lässt die europäische Philosophie, sobald sie im antiken Griechenland das Licht der Welt erblickt, die eigenen vier Wände hinter sich, um die Bühne der Öffentlichkeit zu betreten. Ihre ureigene Wirkungsstätte ist nicht das Haus, sondern die Agora. So sollte es niemanden wundern, dass Philosophen bis auf wenige Ausnahmen dem Wohnen nicht die Beachtung geschenkt haben, die ihm in unseren Leben zukommt.

Zumindest in dieser Diagnose stimmt Emanuele Coccia, ein in Paris lebender und lehrender italienischer Philosoph, mit Heidegger überein. Doch weil er es nicht bei einer Kritik an der philosophischen Vernachlässigung der Häuslichkeit belassen will, skizziert er auf knapp zweihundert, eher essayistisch als systematisch gehaltenen Seiten eine Philosophie de la maison (2021). Natürlich muss auch Coccia umgehend einräumen, dass insbesondere griechische Denker die Rolle des Obdachs keineswegs ignoriert haben. Mit der antiken oikonomia widmet sich gleich ein ganzes Genre den Regeln guter Haushaltsführung, ihren materiellen Voraussetzungen genauso wie den Bedingungen ihres Gelingens.2 Allerdings geriet diese theoretisch fundierte Kunst des Hausens im Laufe der Zeit zunehmend in Vergessenheit. Von Hobbes bis John Rawls nahm man nicht einzelne Unterkünfte, sondern politische Gemeinwesen unter die Lupe. Je mehr von Stadtstaaten, Nationalstaaten und Imperien die Rede war, desto mehr geriet das schnöde Domizil aus dem Blick und war allenfalls als Mikrokosmos, Baustein und Reproduktionszelle des gesellschaftlichen Ganzen noch von Interesse. Vom Haus blieb nur eine zweckdienliche Hülle – nicht mehr als ein Gehäuse.

Um diesen Missstand zu beheben, lädt Coccia nun zu einer philosophischen Hausbesichtigung ein, in deren Verlauf er ein Zimmer nach dem anderen abschreitet. Dabei geht es ihm weniger um die architektonischen Merkmale solcher Räume als um das Wechselspiel zwischen den Dingen und der menschlichen Psyche, aus dem heraus sie ihre Bedeutung entfalten. Aus diesem Grund stellt Coccia der oikonomia die oikeoisis zur Seite, die in der Philosophie der Stoa einen individuellen Prozess der Aneignung, Vertrautmachung und Domestizierung bezeichnet: Die Wohnung ist ein Schauplatz der Gewöhnung – nicht zuletzt der Gewöhnung an sich selbst –, ohne die keine Welterschließung möglich ist.

Wenn Coccia das Haus als „psychische Skulptur“ deutet, hat er es auch auf zwei Antagonisten abgesehen, die sich berufsbedingt eigentlich mit dem Wohnen auskennen müssten.3 Nach Coccias Dafürhalten hat die Urbanistik mit ihrer Fixierung auf den öffentlichen Raum kläglich in ihrer Aufgabe versagt, dem „häuslichen Raum“ in modernen Städten zu seinem Recht zu verhelfen. Nicht viel milder fällt sein Urteil über die Architektur aus. Mit dem Modulor konzipiert Le Corbusier ein architektonisches Maßsystem, das den Zuschnitt von Räumen allein an den menschlichen Körperproportionen und dem Prinzip des Goldenen Schritts ausrichten will.4 Die Folge war ein funktionalistischer Exzess in den Heimstätten des modernen Menschen. Zwar versichert Le Corbusier, der Modulor stehe ganz im Dienst der Bedürfnisbefriedigung, aber Coccia attestiert diesem Proportionsschema eine fatale Einseitigkeit: Es werde höchstens körperlichen Bedürfnissen gerecht, Geist und Seele hingegen – also das gesamte psychische Innenleben der Person –hätten darin keinen Platz. Aber wo Empfindungen, Affekte und die Vorstellungskraft zu kurz kommen, stürzt der behauste Mensch ins Unglück.

Dass sich aus dieser Positionierung kein Rückfall in esoterisch verhauchtes Terrain, sondern eine Hinwendung zu den Dingen ergibt, gehört zu den Stärken dieses Buches. In Coccias Schilderung wird das Haus zum Ort der Subjektwerdung der Dinge. Wohnen lässt sich weder auf Eigentums- noch auf Designfragen reduzieren, sondern kennzeichnet – hier surft der Autor auf einer derzeit omnipräsenten Theoriewelle – eine animistische Praxis, die den Objekten, die uns umgeben, Leben, Sinn und Bedeutung einhaucht. In seinen besten Momenten entwickelt Coccia eine bildstarke Topographie der Häuslichkeit, die das Wesen vertrauter Räume in ein so originelles wie einleuchtendes Licht taucht. Ob er nun das Schlafzimmer zu einer „Garage“ umwidmet, in der die „Seele“ geparkt wird, oder einen vollgestellten Dachboden betritt und dort einen „Raum der Sicherheitsverwahrung“ entdeckt, in dem fast „alle Objekte eine lebenslange Strafe absitzen“ und vergeblich auf ihre Freilassung warten – Coccia gehen griffige, bisweilen bestechende Formulierungen leicht von der Hand.5

Man folgt dem italienischen Denker, der vor einigen Jahren mit Die Wurzeln der Welt bereits eine – so der Untertitel – Philosophie der Pflanzen vorgelegt hat, bereitwillig, wenn er eine Schneise durch die wechselhafte Geschichte der Beziehung von Vegetation und menschlicher Behausung schlägt.6 Ausgehend von der grünen Verheißung des Bosco Verticale, Hochhaussiedlungen in Mailand, die einem „vertikalen Wald“ nachempfunden sind und 2014 unter der Federführung des italienischen Architekten Stefano Boeri fertiggestellt wurden, setzt Coccia zum Rundumschlag gegen die erdrückende Präsenz der Steine beim Hausbau an. Die Architektur komme viel zu oft einem steinernen „Projekt zur Desertifizierung der Erde“ gleich.7

Lange Zeit galt der Wald als Widerpart der menschlichen Siedlung. Schattig, undurchdringlich, dem Zugriff des Gesetzes entzogen und daher voller Gefahren, markierte er die symbolisch aufgeladene Grenze städtischer Zivilisation, die nurmehr Ausgestoßenen und Geächteten als unwirtlicher Rückzugsort dient. Damit muss nun Schluss sein, fordert Coccia: Holt die Bäume an und ins Haus und macht sie zum elementaren Bestandteil von Heimeligkeit!

Abb. 1, Fotografie von Thomas Ledl [CC BY-SA 4.0]
Alles andere wäre auf geradezu fahrlässige Weise frühgeschichtsvergessen. In Coccias provozierend spekulativer Darstellung hat der Mensch aus Liebe zu den Pflanzen sein einstiges Nomadentum aufgegeben und sich in festen Behausungen eingerichtet. Gärten erweisen sich als Zivilisierungsagentur und Keimstätte urbaner Kultur. Seit der Neolithischen Revolution ist der Mensch für seine Ernährungssicherheit auf mal beschauliche, mal gigantische Pflanzenparks angewiesen: Wir nennen es Landwirtschaft. Haus und Acker gehen Hand in Hand, oder wie Coccia es formuliert: Die Stadt ist aus dem Garten hervorgegangen, nicht umgekehrt.8 So offenbart sich hinter jeder menschlichen Residenz ein vielschichtiges Arten- und Beziehungsgeflecht, an dem die Flora von Anfang an mitgewirkt hat.

Obwohl es naheliegt, sich Küche und Garten als einander perfekt ergänzend vorzustellen, postuliert Coccia in zumindest einer Hinsicht einen Kontrast: Während der Garten ein Ort der mehr oder minder friedlichen Koexistenz von Arten ist, steht die Küche für die „Implosion“ dieser Identitäten. Sie ist erst die große Empfangshalle, in der wir unzählige Vertreter der nicht-menschlichen Natur begrüßen, dann ein „ontologisches Versuchslabor“ geradezu frankensteinhaften Ausmaßes, in dem die einzelnen Ingredienzen ihre alte Existenz abstreifen und durch den Verzehr in „neue kosmische Rollen“ schlüpfen.9 In der Küche handelt der Mensch täglich aufs Neue sein Mischungsverhältnis zur Welt aus.

Dennoch stellt sich die Frage, ob der Autor bei seinem Versuch, das Wohnen in der Philosophie wieder stärker zur Geltung kommen zu lassen, gelegentlich über das Ziel hinausschießt. Das liegt auch an seinem Hang zu Verallgemeinerungen, von denen man nicht immer weiß, ob sie noch kühn oder schon haltlos sind. Dass im Anthropozän der gesamte Planet zwangsläufig zum gemeinsamen Haus wird, genauso wie jedes Haus sich bei näherer Betrachtung als eigener Planet entpuppt, ist vor allem: eine schmissige Behauptung. Schwerer wiegt, dass durch die Eingemeindung in solche geisteswissenschaftlichen Großthemen das Haus genau jenen philosophischen Eigenwert einzubüßen droht, den Coccia ihm doch zurückerobern wollte.

References

  1. Heidegger, Martin (195): „Bauen Wohnen Denken“  in: ders., Vorträge und Aufsätze, Gesamtausgabe, Bd. 7, Frankfurt: Klostermann, 2000, S. 142.
  2. Därmann, Iris und Winterling, Aloys (Hrsg.) (2022): Oikonomia und Ökonomie im klassischen Griechenland Theorie – Praxis – Transformation, Stuttgart: Franz Steiner.
  3. Coccia, Emmanuele (2021): Philosophie de la maison. L’espace domestique et le bonheur, Paris: Payot & Rivages, S. 55. Bislang liegt noch keine deutsche Ausgabe vor.
  4. Le Corbusier (1953): Der Modulor – Darstellung eines in Architektur und Technik allgemein anwendbaren harmonischen Maßes im menschlichen Maßstab, Stuttgart: Klett-Cotta.
  5. Coccia, Philosophie de la maison, S. 143, 79.
  6. Coccia, Emmanuele (2018): Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, München: Hanser.
  7. Coccia, Philosophie de la maison, S. 159.
  8. Ebd., S. 180.
  9. Ebd., S. 178ff.

SUGGESTED CITATION: Scholz, Danilo: Wider die Unbehaustheit der Philosophie.  Emanuele Coccias Überlegungen zum Dach über dem Kopf, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/wider-die-unbehaustheit-der-philosophie/], 11.07.2022

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20220711-0830

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