Christoph KirtzelQuellen des Mangels

0,2% BIP-Wachstum

0,2% BIP-Wachstum Die wechselhafte Biografie der einen Zahl Erschienen in: Quellen des Mangels Von: Christoph Kirtzel
Abb. 1.: Screenshot aus dem Livestream der Bundespressekonferenz vom 11.10.2023, https://www.youtube.com/watch?v=cugGYb-EcSc&ab_channel=Bundesministeriumf%C3%BCrWirtschaftundKlimaschutz

Ob Billy-Regal- oder Big-Mac-Preise, Haar- oder Rocklängen: Es gibt die kuriosesten Ideen, wie die Konjunktur der Wirtschaft zu messen sei.1 Wenn Wirtschaftsminister Robert Habeck in der Bundespressekonferenz fast zeremoniell eine Papptafel in die Höhe hält, dann geht es darauf aber nicht um Röcke oder Frisuren, sondern um die aktuelle Prognose des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der Indikator misst die Wirtschaftsentwicklung anhand des Gesamtvolumens aller Dienstleistungen und Waren, die in einem Land während eines Jahres als Endprodukte erwirtschaftet wurden. So befriedigt er heute das Bedürfnis von Regierten und Regierenden nach nüchternen Zahlen zur Lage der Nation.

Wie viele bis heute wirkmächtige Erfindungen entspringt auch die Urform des BIP militärischen Überlegungen. Bereits im 17. Jahrhundert berechnete William Petty, Vater der englischen Nationalökonomie, die Wirtschaftsleistung seines Landes, um dessen potenzielle militärische Schlagkraft einzuschätzen und mit dem Rivalen Frankreich abzugleichen. Die Messung stand also von Anfang an im Dienst der Politik und im Zeichen eines positivistischen Zeitgeistes.2 Die methodischen Ungenauigkeiten der Erhebung waren seinerzeit aufgrund der relationalen Verwendung der Werte noch vernachlässigbar. Doch heute zeigen sie sich weitaus gravierender.

Insbesondere transnationale Aktivitäten von Unternehmen in einer globalisierten Weltwirtschaft stellen das Messkonzept vor methodische Herausforderungen. So hat beispielsweise der Konzern Apple im Jahr 2015 seinen Hauptsitz nach Irland verlegt, woraufhin das BIP des Landes um rund 25 Prozent stieg. Aufgrund der geringen Unternehmenssteuern merkten die Menschen im Land davon jedoch wenig.3 Eine weitere Schwäche der Messung liegt in ihrer Selektivität. Die griechische Regierung definierte in den frühen Zweitausenderjahren das BIP kurzerhand neu, als sie Gefahr lief, die Schuldenziele der Eurozone zu verfehlen. Denn bei der konventionellen Berechnung des BIP wird der informelle Sektor in aller Regel ausgeklammert. Das bot die Möglichkeit, das BIP künstlich zu erhöhen, indem informelle Leistungen mit in die Rechnung aufgenommen wurden.4

Doch es sind nicht nur solche methodischen Probleme, für die der Indikator von vielen progressiven Ökonom:innen kritisiert wird, sondern auch für seine Verwendung als Gradmesser für Wohlstand.5 Für sie kulminieren in dieser „Kennziffer einer Wohlstandsillusion“6 die Hegemonie ökonomistischer Rationalitätsvorstellungen und der Glaube an grenzenloses Wirtschaftswachstum. Doch sind die ihm zugeschriebenen Attribute dem Messwert inhärent oder wird er bloß missbräuchlich verwendet?

Das Konzept des BIP in seiner heutigen Form geht auf den russischen Emigranten Simon Kuznets zurück, der es in den 1930er-Jahren im Auftrag der US-Regierung auf der Grundlage seiner Erfahrungen mit der sowjetischen Planwirtschaft entwickelte. Während des Zweiten Weltkriegs diente es im angloamerikanischen Sprachraum dazu, möglichst große volkswirtschaftliche Kapazitäten für die Produktion von Kriegsgerät freizusetzen und die verbleibenden Ressourcen für ein auskömmliches Leben der Bevölkerung zu rationieren.7 Der weltweite Siegeszug des BIP als Goldstandard zur Messung des Wirtschaftswachstums und damit des vermeintlichen Wohlstands eines Landes folgte erst nach Kriegsende. Kuznet hatte diese Umdeutung des Messwerts nie beabsichtigt, sondern bereits 1934 den US-Kongress davor gewarnt, das BIP mit dem Wohlergehen eines Landes gleichzusetzen.8 Offenbar war ihm die Gefahr von Fehlinterpretationen angesichts des kapitalistischen Paradigmas im wirtschaftsliberal organisierten Westen bewusst.

Bis heute prägt das BIP die wirtschaftliche Realität mit, die es abzubilden versucht; insbesondere dann, wenn die statistische Darstellung von Wohlstand mit Wohlstand selbst verwechselt wird.8 Die Geschichte zeigt aber auch, dass sich die kulturellen Implikationen des Indikators und sein gesellschaftlicher Kontext gegenseitig beeinflussen. Während das BIP heute Pfadabhängigkeiten im Sinne des Wachstumsnarrativs erzeugen kann, so könnte es morgen im Zusammenspiel mit anderen Indikatoren der sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft dienen. Schließlich werden Verteilungsfragen in Zukunft wieder relevanter und damit auch die Notwendigkeit ihrer arithmetischen Beantwortung.9

References

  1. Budesheim, Jörn (2013): 7 verrückte Wirtschaftsindikatoren: Von Billy Regal bis Big Mac!, in: IMMOVATION News Blog [https://immovation-blog.de/2013/11/was-uns-wolkenkratzer-und-kurz-haar-frisuren-ueber-die-wirtschaft-sagen-7-verrueckte-wirtschaftsindikatoren/], 25/11/2013 (letzter Zugriff: 29.02.2024).
  2. Lepenies, Philipp (2013): Die Macht der einen Zahl: Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin: Suhrkamp.
  3. Arnold, Martin (2023): Wie künstlich ist Irlands Wirtschaftswachstum?, in: capital.de [https://www.capital.de/wirtschaft-politik/wie-kuenstlich-ist-irlands-wirtschaftswachstum–33217612.html], 21/02/2023 (letzter Zugriff: 26.02.2024).
  4. Luhmann, Hans-Jochen (2014): Die Entdeckung des BIP. Über: Lepenies, Philipp: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, in: GWP, Bd. 63, Heft 2, S. 281–288, https://doi.org/10.3224/gwp.v63i2.16260.
  5. Stiglitz, Joseph, Amartya Sen und Jean Paul Fitoussi (2010): Mismeasuring Our Lives: Why GDP Doesn’t Add Up, New York: The New Press.
  6. Schnaas, Dieter (2013): BIP BIP Hurra!, in: WirtschaftsWoche [https://www.wiwo.de/politik/deutschland/tauchsieder-bip-bip-hurra/9052994-all.html], 10/11/2013 (letzter Zugriff: 29.02.2024).
  7. Murphy, Mary Elizabeth und Herman Finer (2021): The British War Economy, 1939-1943, Melbourne: Hassell Street Press, S. 230–235, 237–243.
  8. Der Spiegel (2009): Bruttoinlandsprodukt: Sarkozy will Glück als ökonomische Messgröße, in: Der Spiegel [https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bruttoinlandsprodukt-sarkozy-will-glueck-als-oekonomische-messgroesse-a-648948.html], 14/09/2009 (letzter Zugriff: 28.02.2024).
  9. Chancel, Lucas, Philipp Bothe und Tancrède Voituriez (2024): Climate Inequality Report 2023, Fair Taxes for a Sustainable Future in the Global South (World Inequality Lab).

SUGGESTED CITATION: Kirtzel, Christoph: 0,2% BIP-Wachstum. Die wechselhafte Biografie der einen Zahl, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/02-bip-wachstum/], 30.05.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240530-0830

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