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5 Fragen an Reinhild Kreis

Die Historikerin Reinhild Kreis vertritt zurzeit den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Duisburg-Essen. Wir danken sehr dafür, dass sie ihren Vortrag in der Reihe “Carte Blanche. Forschung aus der Nachbarschaft” am 5. Mai um 18.00 h nun virtuell halten wird. Weitere Informationen zur Teilnahme finden Sie hier.

Zum Vortragsthema „Selbermachen – Eine andere Geschichte des Konsumzeitalters“ stellte Hanna Engelmeier (KWI) 5 Fragen an Reinhild Kreis:

Wie bist du auf das Thema gekommen?

Viele Einzelbeobachtungen haben sich im Laufe der Zeit zu einem Thema verdichtet. Diese Beobachtungen betrafen beispielsweise Werbeaussagen wie „ofenfrisch“ oder „wie selbstgemacht“, den Boom an Zeitschriften und Anleitungen, aber ich hatte auch das handwerkliche Geschick meines Vaters und den Satz „Das kann man selbst machen, statt es zu kaufen“ meiner Mutter im Ohr. Daraus entstand irgendwann die Frage, was Menschen eigentlich selber machen, warum und auf welche Weise, und welche Bedeutung dem Selbstgemachten und dem Selbermachen historisch beigemessen wurde. Wichtig war mir dabei erstens, Selbermachen für einen langen Zeitraum zu untersuchen, um Veränderungen und Kontinuitäten erkennen zu können. Zweitens wollte ich nicht nur einen bestimmten Bereich des Selbermachens erforschen, sondern Selbermachen als umfassende Versorgungsstrategie, also als ein ganzes Set an Tätigkeiten vom Kochen über Handarbeiten bis zum Reparieren und Heimwerken.

Selbermachen bezeichnet nicht nur eine bestimmte Praxis, sondern vor allem ein Verhältnis von privatem und öffentlichen Handeln, gleichzeitig aber auch die Verschränkung zwischen beidem. In den letzten Wochen fand notgedrungen für viele Menschen ein Rückzug ins Private statt. Welchen Stellenwert des Selbermachens konntest du in dieser Zeit beobachten?

Die Corona-Krise scheint den bestehenden Do-it-yourself-Trend zu verstärken. Viele backen ihr Brot selbst, nähen sich Mund- und Nasenschutz oder stellen andere Dinge selbst her, die sie momentan nicht kaufen können, und für einige ist sind diese Tätigkeiten natürlich auch ein Zeitvertreib, wenn andere Hobbys wegfallen. Vielen Menschen wird gerade bewusst, wie sehr wir von Produkten und Dienstleistungen abhängen. Das führt ‑ zumindest in einigen Bereichen ‑ zu einer neuen Wertschätzung des Selbermachens, und zwar nicht mehr nur als Modetrend, sondern auch als einer nützlichen Tätigkeit, die unabhängig macht und mit der man sich selbst helfen kann. Aber man darf das auch nicht überschätzen, denn gleichzeitig boomt auch der Onlinehandel.

Gibt es bestimmte Dinge, von denen du vor Beginn deiner Forschung nicht geahnt hättest, dass man sie selbst machen kann?

Vieles hat mich sehr beeindruckt, besonders aber die Umgestaltungskünste von Heimwerkern und Heimwerkerinnen in der DDR. Viele haben sogar ihre eigenen Elektrowerkzeuge hergestellt, mit denen sie dann gebaut, renoviert, repariert und gebastelt haben.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen wirtschaftlichem Auf- und Abschwung in einer Gesellschaft und dem Selbermachen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Selbermachen war und ist nicht immer billiger als Kaufen, sondern es kommt auf das Produkt und den historischen Zeitpunkt an. Aber in Zeiten, in denen die Einkaufsmöglichkeiten für alle eingeschränkt waren, stieg üblicherweise die Quote des Selbermachens an. Das war beispielsweise während der beiden Weltkriege und in den Nachkriegszeiten der Fall, als es wenig zu kaufen gab. Grundsätzlich lässt sich aber auch beobachten, dass Menschen immer eine Sehnsucht nach dem hatten, was sie lange entbehrt hatten. Nach Kriegsende wollten viele Menschen endlich wieder etwas Gekauftes essen oder besitzen; heute schätzen viele das Selbstgemachte als Abwechslung zu gekauften Dingen. Wichtig ist die Wahlmöglichkeit. Wer aus Kostengründen immer kaufen oder immer selber machen musste, sehnte sich irgendwann nach dem anderen.

Zu welchen historischen Zeitpunkten wandelt sich das Selbermachen von einer Notwendigkeit (beispielsweise weil der Kauf des betreffenden selbstgemachten Produkts zu teuer ist) zu einem Hobby?

Zu allen Zeiten gab es Menschen, die gerne etwas selbst hergestellt haben. Und nicht immer war eine Freizeitbeschäftigung freiwillig gewählt. Handarbeiten waren zum Beispiel für viele Mädchen und Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert alternativlos, es war eine (nützliche) Freizeitbeschäftigung, die von ihnen erwartet wurde, auch wenn sie eigentlich nicht gerne strickten oder häkelten. Auch in Wohnsiedlungen der Zwischen- und Nachkriegszeit begegnet man einer Mischung aus sozialer Norm („Ein echter Siedler holt nicht den Handwerker“), aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und Freude an der Tätigkeit. Notwendigkeit und Hobby lassen sich also nicht immer leicht voneinander unterscheiden. In einigen Bereichen führte die Herausbildung eines eigenen Marktes dazu, dass bestimmte Tätigkeiten als Hobby bezeichnet wurden. So gab es schon im 19. Jahrhundert erste Ansätze, Werkzeuge und Anleitungen für Bastler zu verkaufen. Ab den 1950er und 1960er Jahren kam dann der Begriff des „Heimwerkens“ auf, eigene Heimwerkerprodukte kamen auf den Markt und damit setzte sich flächendeckend die Idee durch, dass solche Tätigkeiten als Freizeitbeschäftigung für alle Bevölkerungsschichten gelten konnten. Es kommt also immer auf den Kontext an: Was für die einen Hobby war, war für andere Notwendigkeit, und Notwendigkeit kann den Preis meinen, aber auch sozialen Druck. Je liberaler und je wohlhabender die Gesellschaft wurde, desto mehr Möglichkeiten gab es, Praktiken des Selbermachens bewusst als Freizeitbeschäftigung zu wählen.

SUGGESTED CITATION: 5 Fragen an Reinhild Kreis, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/5-fragen-an-reinhild-kreis/], 30.04.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200430-0900

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