Sina FarzinKanon

Unter aller Kanone?

Sub omni canone, unterhalb jeglichen Maßes, markiert in alten Dissertationsordnungen eine Note, die eigentlich schon keine mehr ist – eben, weil die zu bewertende Schrift dermaßen schwach argumentiert, dass ihr nicht einmal der Zugang in die Zone der Bewertbarkeit gewährt wird. Nichts in den Arbeiten der armen Doktoranden erschien den Gutachtern bewahrenswert, keiner der formulierten Gedanken sollte sich mit dem Siegel der Wissenschaftlichkeit schmücken dürfen und damit zumindest potenziell den Raum des zitier- und tradierbaren Wissens der Institution betreten. Die Note selbst ist heute nicht mehr geläufig. Was bleibt ist der ebenfalls nur noch selten gehörte Ausspruch, etwas sei ‚unter aller Kanone‘, also dermaßen daneben, dass man besser nicht mehr darüber spricht.

Dass das Wegsortieren von Wissen in einen Bereich der Unsichtbarkeit in der gewollt falschen Übersetzung den Akt des institutionellen Bewertens mit einem Werkzeug des Abschießens verbindet, erscheint nach der Lektüre von Raewyn Connells Text Why is Classical Theory Classical? (Connell 1997)1 nicht ganz unpassend. Denn Connell weist in ihrem Text auf die mitlaufenden Machtaspekte der disziplinären Kanonproduktion hin. Der heute geläufige Kanon klassischer soziologischer Autoren, dessen Kern sich bei etwas unschärferen Rändern aus Durkheim und Weber sowie Marx im angloamerikanischen Kontext zusammensetzt, versieht diese mit dem Label des Bewahrenswerten. Das Auf-Dauer-Stellen von Sichtbarkeit vollzieht sich weitgehend losgelöst von den methodischen und inhaltlichen Entwicklungen der Disziplin in anderen Feldern und etabliert ein philologisches Werkverständnis, das auf der Sortierung des tradierenswerten disziplinären Wissens entlang der Kategorien Autor/Werk beruht und damit bemerkenswert unsoziologisch diskursive Kontexte, institutionelle Entstehungsbedingungen und soziale Dynamiken ausblendet. Kanonisierung stellt also nicht nur Sichtbarkeit her, sondern auch spezifische Formen von Unsichtbarkeit. Die erste dieser Operationen des Unsichtbarmachens, die Connell in den Blick nimmt, betrifft nun aber gar nicht die Verfestigung bestimmter Namen (bspw. Max Weber oder Émile Durkheim) bei gleichzeitiger Übergehung anderer (bspw. W.E.B. Du Bois oder Jane Addams), sondern die Etablierung des kanonischen, autorenzentrierten Ordnungsschemas als Ordnungsschema. Es geht also gerade nicht darum, die Auflistung klassischer weißer männlicher Autoren einfach um einige Kapitel zu verlängern, in denen dann die Werke von Autorinnen oder BIPOC Personen ergänzt werden. Vielmehr wird die Frage der Kanonisierung in diesem Text konsequent historisiert und soziologisiert, indem nach den spezifischen Bedingungen des historischen Erscheinens des Kanons und seiner sozialen Funktion gefragt wird. Auf welches Problem, so könnte man formulieren, reagiert die Soziologie um 1920 mit der Etablierung und Tradierung eines Bestands kanonischer theoretischer Autoren? Connell sieht die Fokussierung der nordamerikanischen Soziologie auf eine Handvoll ‚klassischer‘ Autoren als Reaktion auf eine disziplinäre Krise, in die das noch junge Fach mit der beginnenden Auflösung der imperialen Ordnung gerät. Die frühe Soziologie, so Connell, sei institutionell und epistemisch auf‘s Engste verknüpft gewesen mit der Legitimation imperialer Ordnung. Weder Handlung noch Modernisierung seien die zentralen Themen gewesen, sondern globale und historisch ausgreifende Entwicklungserzählungen, in denen rückständige oder primitive Gesellschaften den fortschrittlichen Ordnungen des globalen Nordens gegenübergestellt wurden. Nach dem ersten Weltkrieg verlieren, so Connell, diese globalen Fortschrittserzählungen an Überzeugungskraft: Intellektuelle Austauschbeziehungen im globalen Norden werden durch die nationalistischen Feindschaften zerschnitten, die imperiale Ordnung beginnt spätestens nach dem Ende des ersten Weltkriegs brüchig zu werden und eine kulturkritische Stimmung gegenüber dem zuvor als zivilisatorischer Fortschrittsmotor gefeierten ‚Abendland‘ hält Einzug. In dieser Situation des Untergangs der alten Ordnung droht auch die Soziologie als Stichwortgeberin eben dieser Ordnung an Legitimation zu verlieren und, da institutionell noch nicht fest verankert, ihren Status als wissenschaftliche Disziplin schon wieder zu verlieren. In Nordamerika zumindest bietet sich als Ausweg die Fokussierung auf nationale oder sogar lokale Fragestellungen: An die Stelle des globalen Fortschritts rückt die Auseinandersetzung mit den Folgen der Industrialisierung und Verstädterung im eigenen Land. Die Chicago School um Robert E. Park und Ernest W. Burgess übernimmt die Deutungshoheit und untersucht empirisch fundiert die sozialen Dynamiken und Spannungen des durch ethnische Vielfalt und Migration geprägten Chicagoer Großstadtlebens.

Zugleich verliert die Soziologie damit aber auch die Rolle der Metabeobachterin globaler sozialer Zusammenhänge – und gerät in eine Legitimations- und Identitätskrise. Aus dieser Krise heraus, so Connell, entwickelt der Kanon seine stiftende, vielleicht sogar heilende Kraft: Über die kommenden Jahrzehnte verdichten sich die Anrufungen der großen Klassiker der soziologischen Theorie zur identitätsstiftenden Praxis der ansonsten methodisch und thematisch pluralen Disziplin. Die Verbindung der soziologischen Wissensproduktion mit dem Projekt des Kolonialismus wird überschrieben durch die Erzählung der Gründerväter und der Soziologie als Wissenschaft von sozialen Abstrakta wie ‚Handeln‘ (Weber), ‚Tatbeständen‘ (Durkheim) oder – und das erst ab den 1960er Jahren – ‚Konflikt‘ (Marx). Damit verschwinden aber nicht nur die soziologischen Themen des 19. Jahrhunderts aus dem Selbstbild des Fachs, sondern auch die durchaus vorhandenen soziologischen Wissens- und Theoriebestände aus den peripheren Zonen des Empire und dem globalen Süden. Der explizite Eurozentrismus wird universalisiert – und dadurch unsichtbar. Einige Jahre später legt Connell mit Southern Theory (Connell 2011)2 eine vieldiskutierte Studie vor, in der die thematische Vielfalt dieser vergessenen Traditionslinien soziologischen Denkens eindrucksvoll dokumentiert ist. Nicht unter, sondern neben dem eurozentrischen Kanon und mit diesem verbunden, werden hier außerhalb regionaler Spezialsoziologien kaum rezipierte theoretische Denktraditionen sichtbar, die erst in den letzten Jahren und vor allem im anglophonen Sprachraum auch in die Lehre der allgemeinen soziologischen Theorie Eingang gefunden haben (Go 20163; Bhambra 20144). Connells Text von 1997 ist für mich Kanonkritik im besten soziologischen Sinne: Sie skandalisiert nicht den Ausschluss als solchen, sondern historisiert und soziologisiert sein Entstehen, sie ergänzt nicht einfach fehlende Namen, um sich dann doch nur in der endlosen Perpetuierung der Form zu verstricken, sondern führt vor, wie nicht nur eine breitere, sondern auch vollständigere und bessere Geschichte der Disziplin erzählt werden kann, wenn man in, unter und neben dem Kanon zu denken bereit ist.

References

  1. Connell, R. W. (1997): Why Is Classical Theory Classical? In: American Journal of Sociology 102 (6), S. 1511–1557. https://doi.org/10.1086/231125.
  2. Connell, Raewyn (2011): Southern theory. The global dynamics of knowledge in social science. Reprinted. Cambridge: Polity Press.
  3. Go, Julian (2016): Postcolonial thought and social theory. New York, NY: Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780190625139.001.0001.
  4. Bhambra, Gurminder K. (2014): Connected Sociologies. London: Bloomsbury Academic (Theory for a Global Age Series). Online verfügbar unter http://www.doabooks.org/doab?func=fulltext&rid=17133.

SUGGESTED CITATION: Farzin, Sina: Unter aller Kanone?, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/unter-aller-kanone/], 27.04.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200427-0900

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