Steffen Krämer

Dashboard-Kultur(en)

Die Coronakrise hat das Präsentationsmedium des Dashboards endgültig populär gemacht. Neben der Johns Hopkins University hat auch das RKI jüngst sein eigenes veröffentlicht (Abb. 1), und die WHO nutzt Dashboards schon seit längerem. Dashboards präsentieren eine simultane Ansicht von verschiedenen grafischen Darstellungsweisen eines Datensatzes, z. B. als Karte und historische Verlaufskurve. Als kulturelles Artefakt ist das Dashboard in mehrerlei Hinsichten interessant: als eigenständiger, nämlich multipler Bildtyp und als historisches Artefakt, das eine besondere Verbindung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zum Ausdruck bringt. Beides fällt zusammen im medialen Dispositiv des Dashboards, womit im engeren Sinne die Relation von Bild und Blick gemeint ist und im weiteren Sinne eine spezifische Wissensanordnung, die z. B. an Subjektivierungs- und Objektivierungsangeboten und technologischen Virtualisierungen/Aktualisierungen abzulesen ist.


Abb. 1: Screenshot des RKI-Dashboards1


Multipler Blick

Das Dashboard präsentiert nicht Aspekte eines lebensweltlich vertrauten Phänomens, sondern verschiedene, vom Computer berechnete Projektionen eines meiner Wahrnehmung enthobenen Objekts. Der Unterschied ist entscheidend mit Blick auf den implizierten Medienwandel: Ich richte nicht meine Kamera auf ein Objekt und montiere die Blicke und Rahmungen im splitscreen, wie wir es vom Film und der Fotografie kennen. Stattdessen lasse ich mir verschiedene Diagramme eines Datensatzes zeigen, etwa die ‚Ansicht‘ von Balken und Kurven in einem Koordinatensystem und daneben eine kartografische ‚Aufsicht‘. Ich werde also gleichzeitig verschiedener möglicher Bilder und Blicke gewahr und ihrer gemeinsamen Übersicht.

Die Herleitung des medialen Dispositivs von Bildern aus der Relationalität von Blick und Bild sowie aus dem spezifischen Zeigemodus des Bildlichen entstammt der philosophischen Bildwissenschaft.2 Übertragen auf den Fall des Dashboards hieße dies, dass hier Bild und Blick als multiples auftreten: Man schaut auf verschiedene Bilder in Simultaneität und muss doch für die Detailansicht jedes einzelnen verschiedene Blicke mobilisieren. Diese Zeigelogik des Multiplen weckt zweierlei Konventionen der Evidenzproduktion: Erstens, dass es mehrerer Perspektiven oder Augenpaare bedarf, um einen Sachverhalt adäquat zu beurteilen –soweit ein alltäglicher Modus. Zweitens ruft diese Zeigelogik die wissenschaftliche Konvention des Vergleichens verschiedener Datenbilder auf, die seit dem 19. Jahrhundert gängige Praxis auch in der Epidemiologie ist.3


Citizen Analyst

Der dispositive Charakter des Dashboards erschließt sich ferner über die Beziehung zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Öffentlichkeit. Getrieben von dem Ruf nach Transparenz und angewiesen auf die Wissenstransaktionen mit technischen Expertengemeinschaften, schälen Institutionen wie das RKI ihre Dateninfrastruktur nach außen. Setzt man eine im Feld gängige Sequenzierung von Informationssystemen an – die Abfolge von Datensammlung, -aufbereitung, -analyse und -visualisierung – ließe sich der Wandel so beschreiben: Statt nur ein Bild zur Veröffentlichung bereitzustellen, gewissermaßen als Output des Systems, soll nun bereits die Infrastruktur der Datenanalyse und -visualisierung für Außenstehende nachvollziehbar gemacht werden. Z.°B. wird der Code für einzelne Anwendungen auf Programmierplattformen wie github.com veröffentlicht.4 Es wird somit eine Technologie der Sichtbarmachung geschaffen, in der die Bausteine der Datenanalyse und Datenvisualisierung sozial anders verteilt werden sollen. Beispielhaft für diesen allgemeinen Trend sind auch Subjektivierungsangebote wie die von IBM als Zielgruppe entdeckten „Citizen Analysts“5, die die Analyse von großen Datenmengen selbst in die Hand nehmen. Citizen Analysts, so scheint es, werden im Kontext der neuen Öffentlichkeitsstrategie der Verwaltung zum generalisierten Zuschauertypus. Auch Dashboards ordnen sich in diesen Kontext ein.


Objektivierung des Datensatzes

Dashboards binden zudem verschiedene affektive Versprechen. Sie antworten dem argumentativen Verlangen, eine Analysegrundlage zur Plausibilisierung von Schlussfolgerungen zur Verfügung zu stellen. Ferner konkretisieren sie ein ästhetisches Begehren nach Erlebnis jenseits einer faktenorientierten Sicht auf Verwaltungsprozesse. Auch ein Verlangen nach bildtechnischer Ermöglichung kann eine Rolle spielen: eigene Datenkompositionen zu kreieren, wie man es von anderen Anwendungen – auch Computerspielen – bereits gewöhnt ist. Bisherige Dashboard-Kritiken haben einen Willen zur Kontrolle als zentrale Erklärung benannt.6 Tatsächlich üben auch die epidemiologischen Dashboards einen geordneten Umgang mit der Krise ein. Gleichzeitig sagt diese Erklärung zu wenig darüber aus, wie Dashboards auch eine stabile ästhetische Verbindung zu Dateninfrastrukturen kuratieren.

Hierfür sind enaktive Wahrnehmungstheorien7 hilfreich. Im Enaktivismus geht es darum, dass Objektwahrnehmung an sensomotorische Profile gebunden ist und dass diese Profile kodieren, wie ein Objekt gedreht und gewendet, seine teilweise Ab- und Anwesenheit moduliert werden kann. In der Interaktion mit dem Dashboard wird nun der Datensatz auf diese Weise objektiviert. Er hält als konstantes Objekt die verschiedenen Bilder und Blicke zusammen. Mit einem Klick in einen Teilbereich ändern sich auch die Projektionen in einem anderen Fenster und es wird vor Augen geführt, dass sie einen gemeinsamen Referenzpunkt besitzen.

Das enaktive Modell lässt sich auch auf die Wahrnehmung einer logischen Tiefenstruktur des Datensatzes anwenden, vermittelt durch die zentral positionierte Kartenansicht und ihre Zoom-Funktion. Wähle ich einen herangezoomten Bereich an, registriere ich sogleich die simultane Informationsänderung in anderen Bildfenstern. Die Evidenz der logischen Tiefenstruktur habe ich mir so erwandert und nicht nur über das begriffliche Wissen um administrative Hierarchien zugewiesen.


Technologie der Sichtbarmachung

Für den dispositiven Charakter des epidemiologischen Dashboards bedeutet all das, dass es nicht nur um das Sichtbarmachen einer Epidemie geht, sondern auch um das ästhetische Erleben von Daten(infra)strukturen und der Sichtbarmachungsmaschine selbst. ‚Sichtbarmachung‘ ist nicht mehr nur Terminus technicus der Geisteswissenschaften. Unter diesem Namen werden auch in der Softwareentwicklung Visualisierungstechnologien benannt und reifiziert (Abb. 2). Zu überprüfen gilt dann, welche Strukturierungen von epistemischen Prozessen in diesen per se reduktiven Reifizierungen angelegt sind.


Abb. 2: Screenshot zu einem Dashboard-Seminar des GIS-Marktführers ESRI Inc.8

Auf einige solcher Strukturierungen habe ich oben hingewiesen: etwa, dass im Dashboard-Kontext eine Problematisierung und Redistribution von Analyse und Visualisierung zum Ausdruck kommt. Diese Problematisierung wird nicht nur diskursiv verhandelt, sondern technisch und spielerisch erfahrbar gemacht. Es handelt sich um eine Ästhetisierung der klassischen Doppelstruktur von technischen Bildern, d. h. der Doppelstruktur von Argument und Instrument.9 Das Dashboard wird als (wissenschaftliches) Argument eingeübt und als Instrument der Sichtbarmachung.

Das Medium Dashboard tritt gegenwärtig aus dem Schatten der Spezialdiskurse in die weitere Öffentlichkeit. Die Grundlagen dafür wurden in dem sukzessiven Austausch zwischen Wissenschaft, Verwaltung und ihren Teilöffentlichkeiten gelegt, die über die Interaktion mit privater Softwareentwicklung und Online-Communities verlief. Solcher Austausch ist kein unidirektionaler, sondern ein verzweigter und rekursiver Prozess, wie die Popularisierungsforschung in der Wissenschaftsgeschichte hervorgehoben hat.10 Von dem Dashboard als mediales Dispositiv auszugehen hat den Vorteil, die Unterscheidung jener Agenten und Wissenskulturen nicht vor dem Artefakt bereits festzulegen, sondern sie im Spiegel der vom Dashboard implizierten epistemischen und affektiven Anordnung zu erkennen.

 

References

  1. https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4
  2. Nachzulesen z. B. bei Heßler, Martina/Mersch, Dieter (2009): »Bildlogik oder Was heißt visuelles Denken?«. In: Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Hg. v. Martina Heßler/Dieter Mersch, Bielefeld: transcript, S. 8-62.
  3. Krämer, Steffen (2020): Diagrams of Epidemiological Knowledge, Zugl. Dissertation an der Universität Hamburg, im Erscheinen.
  4. https://github.com/robert-koch-institut/visualization-choropleth
  5. https://www.channelfutures.com/cloud-2/with-new-datawatch-partnership-ibm-continues-to-enable-the-citizen-analyst
  6. Mattern, Shannon (2015): Mission Control: A History of the Urban Dashboard. In: Places Journal, https://placesjournal.org/article/mission-control-a-history-of-the-urban-dashboard/. https://doi.org/10.22269/150309.
  7. Z. B. Noë, Alva (2004): Action in Perception, Cambridge, MA: MIT Press; siehe auch Bredekamp, Horst/Krois, John M. (Hg.) (2011): Sehen und Handeln. Berlin: Akademie Verlag. https://doi.org/10.1524/9783050062389.
  8.  https://www.esri.de/de-de/landingpages/corona-impact-2020/webinar
  9. Mersch, Dieter (2008): »Visual Arguments: The Role of Images in Sciences and Mathematics«. In: Science Images and Popular Images of the Science. Hg. v. Bernd Hüppauf/Peter Weingart, New York and London: Routledge, Kindle Edition.
  10. Z. B. Schirrmacher, Arne (2008): Nach der Popularisierung. Zur Relation von Wissenschaft und Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert. In: Geschichte und Gesellschaft 34, 73-95. https://doi.org/10.13109/gege.2008.34.1.73.

 

SUGGESTED CITATION: Krämer, Steffen: Dashboard-Kultur(en), in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/dashboard-kulturen/], 23.04.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200423-0900

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