Der Straßenrand des Lebensweges
Als ich aus meiner Haustür trete, rieche ich den Regen in der Luft, den leicht feuchten, erdigen Geruch, der mich immer direkt ein bisschen beruhigt. Regen macht mir nichts aus, ganz im Gegenteil, ich mag es, im Regen spazieren zu gehen und draußen zu sein. Wenn es regnet, ist es für mich, als würde sich die Welt kurz langsamer drehen, während ich beobachte, wie andere Menschen hastig werden, ihre Regenschirme ausklappen, in ihre Häuser huschen oder unter einem Vordach Schutz suchen. Die Straßen leeren sich schnell, nur vereinzelt sieht man dann noch Menschen, die wie ich den Regen genießen oder die keine andere Wahl haben, weil sie nicht so schnell wohin gehen können oder weil sie keinen Unterschlupf haben.
Während ich meinen gewohnten Weg zur grünen Bank unter der großen Linde einschlage, denke ich daran, was Paul vor einigen Wochen, wie aus dem Nichts, zu mir gesagt hatte: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass das Leben ein langer, angsterfüllter Spaziergang in den Tod ist?“ Ich hatte mich ein wenig über seine Frage erschrocken, sie hatte einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge und ein beklemmendes Gefühl in meinem Herzen erzeugt. Schon damals konnte ich diesen Gedanken nicht ganz mit ihm teilen und denke auch jetzt, dass es ein trauriger Blick auf den Lebensweg ist, der sehr deutlich macht, wie Paul sich oft gefühlt haben muss. Paul und ich kannten uns nur kurz, ich weiß nicht viel von seinem Leben und kenne keine Person aus seinem Umfeld. Aber als vor zwei Wochen der Krankenwagen vor seiner Wohnung stand und ich einige Tage später von seinem Tod erfuhr, wusste ich, dass es auf eine Art auch eine Erleichterung für ihn gewesen sein muss, den langen, angsterfüllten Spaziergang hinter sich zu haben.
Gerade als ich bei der Bank ankomme, die nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt ist, fallen die ersten leichten Regentropfen auf mein Gesicht. Ich denke zurück an den Tag, an dem ich Paul hier kennengelernt habe, diesen Tag, der mein Leben auf eine leise, unspektakuläre Weise ein klein wenig verändert hat. An dem Tag bekam die Mauer der Distanz, die ich um mich gebaut hatte, wie so viele Menschen sie um sich haben, einen kleinen Riss. Jeden Tag, den ich nun hier sitze, denke ich an Paul, und obwohl wir uns nicht lange kannten, fehlt er mir. Mir fehlt seine Anwesenheit, die Ruhe und Stille, die wir in den letzten Wochen geteilt hatten, die vielen Momente des Schweigens, nur selten durchbrochen von einzelnen Sätzen.
An dem Tag, an dem ich mich das erste Mal zu ihm setzte, sprachen wir nur wenig miteinander. Ich kannte Paul vom Sehen, er wohnte in meiner Nachbarschaft, aber wir hatten vorher noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Die einzige Geste zwischen uns war ein distanziertes Zunicken, wenn wir uns begegneten. Paul hatte mir oft ein bisschen Angst gemacht, ich hatte immer den Eindruck, er wolle nicht mit anderen sprechen. Er wirkte wie ein verbitterter, verschlossener, alter Mann, den jeder in der Siedlung kannte und der selbst auch jeden kannte, zu dem aber wohl dennoch keiner eine enge Beziehung hatte. Während ich auf der Bank sitze, denke ich darüber nach, wie falsch manche Eindrücke sein können, wie feste Vorstellungen wir manchmal von Menschen haben, ohne sie zu kennen oder je mit ihnen gesprochen zu haben.
Unsere erste Begegnung ist jetzt schon einige Wochen her, damals war noch Sommer, die Tage heiß und drückend, inzwischen verfärben sich die Blätter gelb und der Wind wird rauer. Es war kein besonderer Tag gewesen, eigentlich ein ganz gewöhnlicher, der aber doch den Pfad meines Lebens eine kleine Kurve hat machen lassen. Ich war damals auf dem Heimweg nach einem Einkauf im Supermarkt. Als ich, in Gedanken verloren, die Nebenstraße zu meiner Wohnung entlanglief, kam ich an dem kleinen Platz mit der grünen Bank unter der großen Linde vorbei und sah dort meinen älteren Nachbarn sitzen. Ich hatte ihn dort schon sehr oft gesehen. In dem Moment, in dem ich ihn da sah, kam er mir plötzlich sehr einsam vor und ich dachte zum ersten Mal darüber nach, dass ich ihn doch auch mal ansprechen könnte. Aber was würde ich zu ihm sagen? Wir hatten noch nie miteinander gesprochen, nie mehr als uns zugenickt. Vielleicht wollte er auch gar nicht gestört werden, vielleicht würde es merkwürdig wirken, sich einfach zu einem fremden alten Mann zu setzen, vielleicht würde er mich gar nicht verstehen oder unfreundlich sein. Ich spürte in mir den Impuls, einfach weiterzugehen, wie sonst immer. Wie wir es beide immer taten. Ich spürte, dass es einfacher wäre, aber da war auch eine Stimme in mir, die mir sagte, ich sollte mich überwinden, dieses eine Mal. Es könnte nichts Schlimmes passieren. Als ich schon fast an der Bank vorbeigelaufen war, nahm ich all meinen Mut zusammen und ging zu ihm hin. Er guckte auf, als ich mich neben ihn setzte. Er sah mich ein wenig überrascht, aber nicht unfreundlich an. Ich sagte zu ihm: „Hallo, ich bin Miranda, ich wohne nicht weit von hier.“ Er antwortet nur mit „Paul“. Ich fragte ihn, ob er auch hier wohne, obwohl ich die Antwort natürlich schon kannte, aber ich nicht wusste, was ich ihn sonst fragen sollte. Auch bei meinen weiteren Fragen antwortete er mir nur einsilbig, aber überraschenderweise macht es mir nichts aus, ich fühle mich nicht abgewiesen, sondern irgendwie ruhig. Paul strahlte etwas aus, das mir sofort, als ich mich gesetzt hatte, das Gefühl gab, einfach sein zu können. Zudem fühlte ich eine Stärke und ein wenig Stolz, dass ich die Norm des Sich-in-Ruhe-Lassens gebrochen und Kontakt hergestellt hatte. Als ich schließlich von der Bank aufstand, um mich zu verabschieden, sagte er zum Abschied plötzlich „bis morgen“. Ich lächelte und freute mich über die Einladung und den Gedanken, am nächsten Tag wieder dort mit ihm zu sitzen.
Ich ging also am nächsten Tag wieder an der Bank vorbei und setzte mich zu Paul. Ich hatte eine Tüte Süßigkeiten dabei, die ich Paul anbot. Er blickte mich ein wenig erstaunt und überrascht an, aber freute sich sichtlich darüber. Wir teilten uns die Süßigkeiten, und plötzlich hatte ich den Eindruck, ich könnte etwas von dem kleinen Paul erahnen, dem Kind, das er mal gewesen war und das irgendwo ganz tief noch in ihm steckte, wie in jedem von uns. Aus unseren Treffen wurde ein kleines Ritual und in den nächsten Wochen trafen wir uns fast jeden Tag an der Bank.
Ich spürte sehr schnell eine Zuneigung zu ihm, und auf eine seltsame Art empfand ich es nicht als komisch oder unangenehm, vor allem schweigend neben ihm zu sitzen. Mein Eindruck von ihm als verbittertem alten Mann bestätigte sich nur zum Teil. Ich merkte schnell, dass die äußerliche Distanziertheit, die aus seinem Blick, aus seiner ganzen Erscheinung sprach, ein Schutzmantel war für einen Menschen, der zu viel ertragen musste, als möglich war – der Dinge gesehen und erlebt hat, die man nicht sehen und erleben möchte und die das Herz immer wieder in kleine Stücke zerbrechen ließen, sodass es schier unmöglich ist, vertrauensvoll zu bleiben.
Paul war ein Mensch, der nur sprach, wenn es wirklich notwendig war, bei dem man aber spürte, dass viel in seinen Gedanken vorging. Manchmal konnte man richtig an seiner Stirn ablesen, wie die Gedanken wie Wolken durch seinen Kopf zogen. Dann gab es Momente, in denen er sich plötzlich zu mir drehte und mir etwas von seinen Gedanken mitteilte, als würde er mir eine Stelle aus einem Buch vorlesen. Ich habe in der kurzen Zeit, in der wir uns kannten, nie die ganze Geschichte, das ganze Buch erfahren, aber aus den einzelnen Momenten, die er mit mir teilte, entstand in meinem Kopf ein Bild, ein Gefühl von einem Menschen, einem Leben, das so lange und so schwer war, wie eine Gratwanderung im Gebirge.
Es gab Tage, da konnte ich nicht zu unserer Bank gehen, weil ich länger auf der Arbeit bleiben musste oder verabredet war, und es gab auch Tage, an denen Paul nicht auftauchte. An diesen Tagen verspürte ich immer eine kleine Sorge um ihn. Ich wusste zwar inzwischen, dass er nicht ganz allein war, dass seine Tochter in der Nähe war und ihn regelmäßig besuchte, aber er war doch ein alter Mann, dem man die Gebrechlichkeit ansah und der sichtlich abbaute. Man merkte es nicht sofort und er wusste es gut zu verstecken, aber es waren die kleinen Momente, die Momente, in denen seine Hand zitterte, wenn er nach den Süßigkeiten griff, oder die Unsicherheit in seinen Schritten, wenn er von der Bank aufstand, um ganz langsam nach Hause zu gehen. Es gab auch Tage, an denen ich eine leichte Dunkelheit in seinem Blick sehen konnte, ein Trüben seiner Augen, aus dem eine leichte Verwirrung sprach. Auch wenn diese Momente nur kurz waren, so häuften sie sich immer mehr, und ich wusste irgendwo tief in mir, dass ich ihn hier wahrscheinlich nicht mehr allzu lange antreffen würde. Diesen Gedanken schob ich aber immer schnell zur Seite und versteckte ihn tief in einem Winkel meines Gehirns, wie immer bei diesen ungemütlichen Gedanken, von denen man weiß, dass man nicht vor ihnen weglaufen kann, die man aber doch so gerne verdrängen möchte. Und so war ich, als ich von seinem Tod erfuhr, überrascht und traurig, aber spürte in mir auch eine Ruhe und Gewissheit, dass man bestimmte Dinge nicht aufhalten kann. Ich würde ihn nie wiedersehen, nie wieder mit ihm sprechen oder schweigend neben ihm sitzen können.
Ich spüre, wie die leisen Tränen gleichzeitig mit den Regentropfen über mein Gesicht und danach meinen Hals hinunterlaufen. Ich weine um den Verlust eines Menschen in meinem Leben und gleichzeitig um ihn, um die Schwere seines Lebens und um die Ungerechtigkeit, die ihn aus dem Leben gerissen hat. Ich weiß, dass er ein alter Mann war, und ich weiß auch, dass er eine Krankheit hatte, aber es fühlt sich trotzdem nicht richtig an. Auch wenn ich mir dabei egoistisch vorkomme, aber ich hätte so gern noch so viele weitere schweigende Tage neben ihm auf der Bank gesessen. Ich weine auch um mich, weil ich spüre, wie meine Einsamkeit, die sich durch die Begegnungen mit Paul ein wenig gelichtet hatte, wieder auf mich legt. Und ich weine um all die Menschen, von denen ich weiß, dass sie allein sind, dass sie niemanden zum Reden haben, dass sie nur nebeneinander, aber nicht miteinander leben.
Als ich etwas durchnässt schließlich von der Bank aufstehe, entschließe ich mich, noch einen kleinen Umweg nach Hause zu gehen. Wie von selbst tragen mich meine Füße den Weg, den ich schon so oft gegangen bin, durch die Straßen meiner Nachbarschaft, den Hügel hoch, von wo ich einen weiten Blick über die Stadt habe. Als ich oben stehe, hat der Regen aufgehört, aber der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Es wird langsam dunkel und die ersten Lichter in den Häusern der Stadt gehen an. Ich stelle mir all die Menschen vor, die dort in ihrem Zuhause sind: allein, mit ihren Familien, Partnern, alleinerziehende Eltern mit Kindern, alte Menschen, Freundinnen, Mitbewohner. Ich sehe auch die Häuser meiner Nachbarschaft, denke an meine Nachbarn und Nachbarinnen, die ich kaum kenne, von denen ich nicht mal weiß, wie sie heißen oder was sie machen, die ich aber zum Teil jeden Tag in ihrem und meinem Alltag höre, wenn die Kinder in der Wohnung über mir mit ihren Murmeln spielen, weinen oder sonstigen Lärm machen. Oft höre ich auch nur ihre Stimmen, wie ein leises Hintergrundrauschen, bei dem ich nicht verstehe, was gesagt wird, aber weiß, dass sie da sind.
Ich spüre Dankbarkeit für die Begegnung mit Paul, die unser beider Leben auf einem kurzen Stück des Weges ein wenig schöner gemacht hat, wie eine kleine Blume am Rande einer asphaltierten Straße.
SUGGESTED CITATION: Zschiesche, Raphaela: Der Straßenrand des Lebensweges, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/der-strassenrand-des-lebensweges/], 26.10.2026