Exegese zu: Uma visita ao médico. [Ein Arztbesuch]
Uma visita ao médico/Ein Arztbesuch basiert auf einer von vielen typischen Situationen, die ich als Kind von Migrant:innen, deren Sprachkompetenz für die Bewältigung des Alltags oftmals nicht ausreicht, erlebt habe und immer noch erlebe. Von klein auf mussten meine Schwester und ich unsere Eltern begleiten und Übersetzungsarbeit leisten, zumeist in Situationen, in denen uns selbst die Kompetenz fehlte, das Gesagte zu verstehen und zu übersetzen, wie beispielsweise bei der Bank oder dem Bürgeramt. Im Folgenden schließe ich an zwei miteinander zusammenhängende soziologische Perspektiven an, die das Schreiben dieser Fiktion angeleitet haben. Zum einen geht es um das Verhältnis von Emotionen und sozialen Zugehörigkeiten wie etwa Klasse und Geschlecht. Daran anknüpfend verweist die Geschichte auf Ausdrücke symbolischer Gewalt. Diese ‚gewaltlose‘ Art der Gewalt beschreibt die Stabilisierung bestehender Ungleichheitsverhältnisse, indem die Beherrschten diese Verhältnisse nicht als Ausdruck von Gewalt, sondern als gerechtfertigt und legitim betrachten.
Ein zentrales Gefühl, welches in Uma visita ao médico/Ein Arztbesuch fokussiert wird, ist Scham. Scham, die ich dafür empfinde, dass meine Eltern trotz vieler Jahre im Ankunftsland noch immer nicht die Sprache beherrschen. Daran schließt aber auch eine Scham vor der Scham, quasi eine Scham zweiter Ordnung, an. Als Soziologe suche ich die Erklärung mangelnder Sprachkenntnisse und gescheiterter Inklusion meiner Eltern nicht im individuellen Versagen, sondern in sozialen Umständen. Faktoren wie verwehrte Bildung, fehlende ökonomische Ressourcen und Vorurteile haben beim ausgebliebenen Spracherwerb eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Als Sohn jedoch bin ich affiziert und mache ihnen Vorwürfe. An genau dieser Schnittstelle entfaltet sich das analytische Potential der Fiktion: Sie zeigt, wie Ungleichheitserfahrungen das emotionale und affektive Erleben von Betroffenen prägen und wie prekäre soziale Positionen mit bestimmten negativen Gefühlen zusammenhängen.1
Das kontinuierliche gesellschaftliche Soufflieren von Inferioritäts- und Schamgefühlen der zweiten (oder dritten) Generation muss daher als zusätzliche Ursache der mangelnden Integration der Elterngeneration herangezogen werden. Diese Perspektive wurde in der Sozialstrukturanalyse lange Zeit übersehen. Und dies, obwohl ihr als Spezialsoziologie historisch betrachtet die Aufgabe zufiel, soziale Ungleichheit zu verstehen und zu erklären. Zumal das klassisch quantitative Erhebungsinstrumentarium dieser Bindestrichsoziologie eine differenzierte und nuancierte Integration solcher Dimensionen nicht zulässt. Eine allgemeine Kritik, die Sighard Neckel bereits vor über 30 Jahren formulierte: „Die wissenschaftliche Sprache stellt uns weder ausreichend Plastizität noch Differenziertheit bereit, den Bedeutungsgehalt der erlebten Wirklichkeit einer Person in Umfang und Tiefe auszudrücken.“2
Emotionen sind jedoch nicht ‚nur‘ sozial strukturiert, sondern strukturieren auch Sozialität. Sie sind somit Produkte und Produzentinnen sozialer (Ungleichheits-)Verhältnisse. Deutlich wird dies im chaotischen Gespräch zwischen der Mutter, dem Arzt und dem Sohn. Die resigniert ängstliche Mutter greift auf Praktiken der Selbstabwertung und Unterordnung zurück, durch die sie sich am Erhalt gesellschaftlicher Ordnungen beteiligt. Ähnliches gilt auch für den Sohn: In den inneren Wutausbrüchen, die in ihrer Ausrichtung zwischen der Mutter, dem Arzt und einer imaginierten Gesellschaft oszillieren, finden sich zwar Spuren eines Widerstrebens bzw. einer Abwehr, jedoch passt auch der Sohn sich den bestehenden Verhältnissen schließlich an. Daran zeigt sich, wie „Scham, Schüchternheit, Ängstlichkeit, Schuldgefühl“3 soziale Positionen zuweisen und Herrschaftsverhältnisse verfestigen. Literarische Texte können gerade diese schweigsamen Dimensionen des Sozialen intelligibel machen. Sie sind in der Lage, „gewahr werden [zu] lassen, wie sich abschätzige Gesten, Blicke und Scherze physisch anfühlen, wie sie die Vorstellungen und das Erleben buchstäblich penetrieren“.4
Abschließend lohnt noch ein kurzer Blick auf ein Gefühl, welches im Zusammenhang mit auto(sozio)biographischer Literatur nur wenig Beachtung findet: die Liebe. Sowohl in den konkreten literarischen Werken als auch in der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung dazu scheint die Auseinandersetzung mit dem Geflecht von Emotionen, Klassenverhältnissen und sozialer Ungleichheit überwiegend negative Emotionen zu fokussieren. Eine Ausnahme bildet Karin Struck, die in ihrem ersten Roman von ihrer sozialen Herkunft und der zunehmenden Distanz erzählt, die sie als Doktorandin zu ihrem Ursprungsmilieu aufbaut.5 Neben dem dort ebenfalls beschriebenen ‚Klassenhass‘6 schafft die Autorin jedoch auch immer wieder Raum für ein Begehren, eine Zuneigung und Fürsorge für ihre soziale Klasse. Die finale Passage in Uma visita ao médico/Ein Arztbesuch kann als ein solcher Versuch verstanden werden, eine Form der Klassenliebe zu thematisieren.
References
- Das gilt auch für ‚höhere‘ Statuspositionen. Die Gefahr des sozialen Abstiegs kann hier zu bestimmten Formen der Status- bzw. Abstiegsangst führen, vgl. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst (Hamburger Edition, 2014).
- Sighard Neckel, „Achtungsverlust und Scham. Die soziale Gestalt eines existentiellen Gefühls“, in: Zur Philosophie der Gefühle, hg. v. Hinrich Fink-Eitel und Georg Lohmann (Suhrkamp, 1993), 244 –265, hier 244.
- Pierre Bourdieu, Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft (Suhrkamp, 2001), 271.
- Thomas Alkemeyer, „Literatur als Ethnographie. Repräsentation und Präsenz der stummen Macht symbolischer Gewalt“, Zeitschrift für Qualitative Forschung 1 (2007), 11–31.
- Karin Struck, Klassenliebe (Suhrkamp, 1996 [1973]).
- Ursprünglich hätte der Titel des Romans von Struck wohl den Titel ‚Klassenliebe – Klassenhass‘ tragen sollen. Dies wurde vom Verlag verhindert, vgl. Eva Blome, „Formlos. Zur Gegenwart sozialer Desintegration in Karin Strucks Klassenliebe (1973)“, in: Autosoziobiographie. Poetik und Politik, hg. v. Ders., Philipp Lammers und Sarah Seidel (Metzler, 2022), 211–234, https://doi.org/10.1007/978-3-662-64367-9_10, hier 220.
SUGGESTED CITATION: Peixoto Figueiredo, João: Exgese zu: Uma visita ao médico. [Ein Arztbesuch], in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/exegese-zu-uma-visita-ao-medico/], 17.06.2026