João Peixoto FigueiredoSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Uma visita ao médico. [Ein Arztbesuch]

Uma visita ao médico. [Ein Arztbesuch] Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: João Peixoto Figueiredo

Er spürte die Vibration seines Smartphones am Oberschenkel, zückte es aus seiner linken Hosentasche und las die Nachricht seiner Mutter auf Whatsapp.

Cheguei agora ao consultório.

[Ich bin jetzt in der Arztpraxis angekommen.]

Das perfekte Timing für eins dieser Telefonate, dachte er sich, als er über den Bildschirmrand seines Computers hochschaute und hörte, wie draußen der Regen die Bäume malträtierte. Er stellte die Smartphonetastatur von Deutsch auf Portugiesisch um und begann zu tippen. Ein Hoch auf die Technik, denn das Portugiesischsprechen und -verstehen hatte er nicht verlernt, wohl aber die komplexe Rechtschreibung und die lästigen Regeln der Akzentsetzung.

Ok. Eu saio já, depois podes-me ligar.

[Ok. Ich gehe gleich raus, dann kannst Du mich anrufen.]

Genervt steckte er sein Smartphone in die Hosentasche und begab sich auf die Suche nach Schuhen. Warum muss diese dämliche Wohnung auch in einem Funkloch sein, fragte er sich. Für jedes Telefonat musste er immer vor das Haus und einige Meter laufen, bis sich ein oder zwei Balken erbarmten, auf der Ecke des Displays zu erscheinen. Und warum kann ich sie nicht einfach über Whatsapp anrufen? Er ertappte sich dabei, wie er seine Mutter nachäffte: „Ich höre immer ein Echo, wenn ich spreche.“ Er steigerte sich weiter rein – und warum, verdammt nochmal, kann meine Mutter nach fast dreißig Jahren in diesem Land noch immer kaum ein Wort Deutsch sprechen?

Als ihm dieser Gedanke kam, schaute er sich beschämt in der leeren Wohnung um, als würde eine imaginäre Menschenmasse ihn umzingeln und wortlos verurteilen. Er spürte den Drang, sich zu rechtfertigen: „Ihr wisst überhaupt nicht, wie das ist! Als Kind zu jedem Arztbesuch, zu jedem Gang zum Amt mitgeschleppt zu werden. Immer diese genervten Blicke der Angestellten im Rathaus, der Arzthelferinnen in den Praxen. Nummer ziehen und warten. Warten. Warten. Warten. ‚Du bleibst still sitzen und fass bloß nic-‘“

Das Smartphone machte sich erneut durch kurze Vibrationen am Oberschenkel bemerkbar. Erst jetzt merkte er, wie er verkrampft im Flur stand. Seine Hände zu Fäusten geballt, die Schultern zogen Richtung Ohrläppchen und die Zunge presste mit voller Kraft gegen den Gaumen. Nichts brachte ihn so sehr auf die Palme, wie fiktive Gespräche, die wohl nie stattfinden würden. Er schüttelte den Kopf mit großer Wucht in der Hoffnung, dass die Gedanken loslassen würden und er das Telefonat schnell hinter sich bringen könnte.

Während er sein Smartphone aus der Hosentasche fischte, zog er gedankenlos seine Schuhe an. Vans Slip-Ons, in schwarz und aus Stoff. Sein liebstes Paar.

Ainda não fui atendida, espero que não demore muito tempo.

[Ich wurde noch nicht aufgerufen. Ich hoffe, es dauert nicht lange.]

Ohne im gleichen Raum zu sein, wusste er genau, wie sie gerade im Wartezimmer kauerte. Grundstimmung: angespannt. Bange darum, ob er ans Telefon geht. Bange darum, ob die Verbindung gut sein wird. Bange darum, was der Arzt sagen wird. Bange darum, ob es seinem Vater gut geht. Bange darum, ob ihr Sohn nach dem Studium eine ordentliche Arbeit findet. Bange darum, Bange zu haben.

Não te preocupes, vão-te chamar rápido.

[Mach dir keine Sorgen, sie rufen dich bestimmt schnell auf.]

Erschöpft griff er nach seinem Schlüssel, zog die Tür hinter sich zu und huschte zwei Stockwerke runter, bis er vor dem Haus stand. Die ersten Regentropfen feuerten bereits auf seine Stirn. Und schon packte ihn wieder die Scham, dreißig Jahre war er nun schon alt und er lebte noch immer in einem Haushalt ohne Regenschirm. Er fragte sich manchmal ernsthaft, wie er es geschafft hatte, so lange zu überleben. Er lief einige Meter, hielt mit der linken Hand das Smartphone und fixierte mit den Augen das Display, das noch immer keine Anzeichen einer stabilen Netzwerkverbindung aufzeigte. Mit der rechten Hand improvisierte er einen Regenschutz für das empfindliche Gerät. Er huschte am Straßenrand entlang, bis er unter einem mageren Baum stand. Kein richtiger Schutz vor dem Regen, aber immerhin zwei Balken in der Ecke des Displays.

Das Smartphone begann erneut zu vibrieren, diesmal in kürzeren Abständen. Ein Anruf. Endlich. Bald konnte er aus dieser Hölle aus Wasser flüchten. Ohne genau auf das Display zu schauen, nahm er den Whatsapp-Anruf entgegen.

„Olá, então?“

[Hallo, na?]

„Ehm, ich bin’s, ich gehe gleich einkaufen, hast Du irgendeinen Wunsch für das Abendessen?“

„Oh, ich dachte Du bist meine Mama. Kannst Du einfach irgendwas besorgen? Ich muss auflegen, sie ruft gleich an, ich schreibe dir später.“

Noch bevor sein Freund antworten konnte, hatte er aufgelegt, WhatsApp geöffnet und den Nachrichtenverlauf mit seiner Mutter angetippt.

Então, ainda não te chamaram?

[Und, wurdest du immer noch nicht aufgerufen?]

Es dauerte noch einige Sekunden, bis erneut eine Vibration einsetzte. Auf dem Display stand nun endlich ‚Mãe‘ [Mutter]. Er drückte auf das grüne Hörersymbol und legte das Smartphone an das linke Ohr an.

„Então?”

[Na?]

„Filho? Já podes falar com o médico.”

[Sohn? Du kannst jetzt mit dem Arzt reden.]

Das ging ihm jetzt doch schneller als erwartet, er wollte sich doch noch eine passende Eröffnung überlegen.

„Hallo, hier ist Herr Fernand-“

„Sind Sie der Sohn?“

Beide hatten gleichzeitig das Reden angefangen und auch wieder aufgehört. Ohne das Gesicht des Arztes sehen zu können, entschied er sich dafür, abzuwarten und ihm den Vortritt zu lassen. Er wartete einige Sekunden, die sich eher wie Stunden anfühlten, dann ergriff er doch das Wort:

„Hallo, ja hier ist der Soh-“

„Ich wollte die Ergebn-“

Schon wieder. Er spürte, wie er im Gesicht rot anlief und schwor sich, diesmal wirklich so lange zu warten, bis der Arzt sprechen würde. Es vergingen diesmal deutlich weniger Sekunden:

„Also, hier ist Herr Doktor Bauer, Ihre Mutter meinte, sie versteht nur schlecht Deutsch und ich solle die Ergebnisse mit Ihnen besprechen.“

Was ist das für ein Ton? Ist der Typ jetzt sauer? Wirklich? Der ist mir doch genauso ins Wort gefallen wie ich ihm. Und wer stellt sich bitte mit seinem Doktortitel vor?

„Hallo, sind Sie noch da?“

„Paulo, estás aí?“

[Paulo, bist du dran?]

Er entschloss sich entgegen seinem Drang, den genervten Ton des Arztes nicht zu spiegeln, sondern sich fast schon unterwürfig zu artikulieren.

„Sim [Ja], ehm ja, hallo Herr Doktor Bauer, ja ich bin der Sohn von Frau Fernandes. Sie hatten ein MRT des Fußes vorgenommen, oder? Ist es etwas Schlimmes?“

„Ja, genau. Nein, ich gehe nicht davon aus, dass es bösartig ist. Ihre Mutter hat am rechten Fuß eine Entzündung um den Nerv. Können Sie sie bitte fragen, ob sie den Fuß in letzter Zeit stark belastet hat?“

„Mãe? Ehm ja, okay ich frage sie. Mãe? Podes-me ouvir?“

[Mutter, kannst Du mich hören?]

„Sim filho, então ele diz que tenho uma infecção no pé?”

[Ja, Sohn, hat er gesagt, dass ich eine Infektion im Fuß habe?]

Bevor er sie fragen konnte, ob sie verrückt sei, hielt er den Atem an. Warum hatte sie ihm nicht viel früher Bescheid gegeben, dass sie heute diesen Termin hat, er hätte lieber die Fahrt in die Heimat auf sich genommen, um sich dieses Chaos am Telefon zu ersparen.

„Não. Não Mãe! Não é uma infecção. É uma inflamação. Ele pergunta, se carregastes muito o pé.”

[Nein. Nein Mutter! Es ist keine Infektion. Es ist eine Entzündung. Er fragt, ob du den Fuß belastet hast.]

Im Hintergrund hört er, wie sich der Arzt lautstark räuspert. Ist der jetzt genervt? Ich kann doch auch nichts dafür, dass das so laufen muss.

„Não filho, não carreguei nada. Achas que o pé tem que ser operado?”

[Nein, Sohn, ich habe nichts belastet. Glaubst du, der Fuß muss operiert werden?]

Er entschloss sich, die dramatische Frage seiner Mutter zu übergehen, und richtete sich an den Arzt.

„Herr Doktor Bauer? Meine Mutter meint, sie hätte den Fuß nicht ungewöhnlich belastet.“

„Verstehe. Und ist ihre Mutter in letzter Zeit denn vermehrt Stress ausgesetzt?“

Er musste sich ein lautes Lachen verkneifen. Wann war diese Frau nicht gestresst gewesen? Seitdem sie das Licht der Welt erblickte, kannte diese Frau nur einen Zustand: gestresst sein. Wie sollte sie auch anders können, wenn ihr gesamtes Leben sich um das Überleben drehte. Er fühlte sich schon wieder ertappt. Schon wieder wollte er sich rechtfertigen: „Ihr wisst ja gar nicht, wie das ist! Manchmal muss man die Sachen eben mit Humor nehmen!“ Er machte mit der rechten Hand eine abwinkende Geste, bis er merkte, dass er nicht im Untersuchungszimmer anwesend war. Um ihn herum nur die leergefegte Straße, nur er und seine mittlerweile völlig durchnässten Füße, Socken und Schuhe. Er sammelte seine Gedanken und antwortete dem Arzt.

„Naja, wissen Sie, meine Mutter ist ziemlich oft gestresst. Sie kann nur schwer abschalten.“

Erst nachdem er dem Arzt geantwortet hatte, bemerkte er, dass er seine Mutter gar nicht nach ihrem aktuellen Zustand gefragt hatte.

„Ich schlage vor, dass ihre Mutter sich die nächsten Wochen schonen sollte und sich dem Stress eben, so gut es geht, entzieht. Ich verschreibe ihr ein Kortisonpräparat, das soll sie für zwei Wochen einmal täglich nehmen. Das wird mit der Schwellung und Entzündung helfen. Sollte es ihr danach nicht besser gehen, soll sie nochmal einen Termin ausmachen. Haben Sie noch Fragen?“

„Toll, danke Herr Doktor Bauer, das sage ich ihr. Vielen Dank. Mãe? Mãe, ele diz que-“

[Mutter? Mutter, er meint, dass-]

Im Hintergrund hörte er wieder das Räuspern des Arztes und verstand, dass seine Geduld am Ende war. Er entschloss sich, wie so oft, für Plan B.

„Mãe? Olha, liga-me assim que saíres daí e depois eu digo-te o que ele disse, está bem? Já te podes ir embora. Depois liga-me.“

[Mutter? Ruf mich an, sobald Du draußen bist, dann kann ich dir erzählen, was er gesagt hat, in Ordnung? Du kannst jetzt gehen. Ruf mich danach an.]

„Está bem, obrigada filho, eu já te ligo.“

[In Ordnung, danke Sohn, ich rufe dich gleich an.]

Er wartete, bevor er auflegte, und hörte, wie seine Mutter sich in gebrochenem Deutsch bedankte. Ohne es gesehen zu haben, wusste er, dass sie sich gebeugt hatte, unterwürfig, beschämt. Der Arzt antwortete nicht.

Er wünschte, er hätte von klein auf eine Strichliste geführt. Wie oft hatte er so eine Situation mittlerweile schon durchgemacht? Es fühlte sich noch immer genauso ermüdend an, wie als Jugendlicher. Er dachte an seine Schwester, er nannte sie das Rechenzentrum der Familie. Sie musste noch viel früher, viel öfter als er, noch bevor sie selbst kaum ein Wort Deutsch konnte, Steuerbescheide ausfüllen, Krankenakten lesen, Elternabende besuchen. Das Smartphone vibrierte erneut.

„Sim? Então?”

[Hallo? Na?]

“Então, desculpa filho, por causa de mim a tua irmã e tu têm que tomar conta de tudo sempre.”

[Na, entschuldige Sohn, wegen mir müssen deine Schwester und du sich immer um alles kümmern.]

„Não te preocupes. Olha, ele diz que é só uma inflamação e que te deu uma receita para cortisona. Deves tomar uma cada dia e depois ficas melhor, está bem?“

[Mach dir keine Sorgen. Er meint, es sei nur eine Entzündung und hat dir ein Kortisonrezept gegeben. Du sollst davon eine Tablette am Tag nehmen und dann wird es dir besser gehen, okay?]

„Está bem, obrigada filho.“

[In Ordnung, danke, Sohn.]

„Ele diz que deves reduzir o teu stress. Como é que estás?”

[Er sagt, du sollst deinen Stress reduzieren. Wie geht es dir denn?]

„Então como sempre filho. Não tenho muito stress. E como é que andam vocês?“

[Na, wie immer, Sohn. Ich habe nicht viel Stress. Wie geht es euch denn?]

Er seufzte enttäuscht, aber auch erleichtert. Am Telefon könnte er dieses Gespräch jetzt nicht führen.

„Está bem. Connosco está tudo bem. Eu vou para casa outra vez, está bem? Aqui está a chover muito.”

[In Ordnung. Bei uns ist alles gut. Ich gehe jetzt wieder nach Hause, okay? Hier regnet es ganz stark.]

„Ai desculpa filho. Por causa de mim estivestes agora o tempo inteiro na chuva. A mãe só incomoda. Desculpa.“

[Ach, entschuldige Sohn. Wegen mir standest du jetzt die ganze Zeit im Regen. Ich falle immer nur zur Last. Entschuldige]

Mist. Warum musste er das auch mit dem Regen erwähnen, es war doch abzusehen, dass sie das nur noch mehr verunsichert.

„Não te preocupes, eu tenho um guarda-chuva. Não te esqueças de me ligar assim que o pai tiver os resultados do médico, está bem?”

[Mach dir keine Sorgen, ich habe einen Regenschirm. Vergiss nicht mich dann anzurufen, sobald Vater seine Ergebnisse vom Arzt hat, okay?]

Noch ein Arztbesuch. Wie so oft war aber die Schwester diesmal an der Reihe.

„Está bem filho, eu depois ligo-te. Obrigada por tudo. Vai então para casa e sai dessa chuva. Beijinhos.“

[In Ordnung, Sohn, ich rufe dich dann an. Danke für alles. Jetzt geh nach Hause, weg von diesem Regen. Küsschen.]

„De nada. Beijinhos, mãe.“

[Gerne. Küsschen, Mutter.]

Er legte auf und steuerte auf die Wohnung zu. Mittlerweile war jede Faser der Kleidung durchnässt. Eine menschliche Regenwolke. In der Wohnung angekommen, zog er sich an der Türschwelle aus, stellte sich unter die Dusche und ließ das heiße Wasser auf sein Gesicht niederprasseln. Vom Stehen erschöpft, stellte er das Wasser nach kurzer Zeit wieder ab, tupfte sich mit dem Handtuch sparsam ab und zog sich frische Unterwäsche an, die er vom Wäscheständer im Flur abstreifte. Beim Anziehen fiel sein Blick auf die vollgesogenen Schuhe im Hauseingang. Er nahm sie in die Hand und setzte sich auf das Bett.

Vans Slip-Ons, in schwarz und aus Stoff. Sein liebstes Paar.

Es war mittlerweile sein drittes Paar dieses Modells. Er erinnerte sich, wie seine Mutter mit ihm, als er 13 war, in das Schuhgeschäft ging. Das erste Mal Markenschuhe. Endlich aussehen wie die Sänger der beliebten Rockbands dieser Zeit.

„Ai mas custam tanto dinheiro. 60 euros? Não achas que se estraga muito rápido este tecido?”

[Oh, aber die kosten so viel Geld. 60 Euro? Glaubst du nicht, dass der Stoff schnell kaputt geht?]

“Não, não, eu tomo conta deles. Eu prometo.“

[Nein, nein, ich kümmere mich um sie. Ich verspreche es.]

Ein Tropfen fiel auf die Schuhe. Er griff nach seinem Smartphone und öffnete den Chatverlauf mit seiner Mutter.

Mãe, se for preciso ires outra vez ao médico liga-me e depois vou contigo está bem? Beijinhos, eu amo-te muito.

[Mutter, wenn du nochmal zum Arzt muss, gib mir Bescheid, ich gehe mit dir hin, okay? Küsschen, ich liebe dich sehr.]

SUGGESTED CITATION: Peixoto Figueiredo, João: Uma visitia ao médico. [Ein Arztbesuch], in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/uma-visita-ao-medico/], 15.06.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260615-0830

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