„Hoc est enim Corpus meum – Hic est enim Calix Sánguinis mei“
Taube, Kreuz, Regenbogen – mit mindestens einem dieser Symbole kann vermutlich jede:r etwas anfangen. Dadurch, dass sie durch wiederholten Gebrauch im kulturellen Gedächtnis vieler fest verankert worden sind, haben diese Symbole, respektive die entsprechenden Tiere, Gegenstände oder Personen, eine gewisse Aura erhalten, die sie als Autoritäten und Träger:innen von Wahrheiten auszeichnet.
Gegenstände, die innerhalb eines konkreten Geschehens in einem bestimmten Sinn Verwendung fanden, erhalten fortan eine neue Bedeutungsqualität: Sie verweisen nämlich nun auf das Geschehen, innerhalb dessen sie verwendet wurden und erinnern den Menschen an eben dieses Geschehen. […] Hier geschieht also eine Wandlung: durch eine Handlung wird ein Gegenstand in seiner Bedeutungsqualität gewandelt. Derartige Gegenstände werden dann häufig auch besonders geschützt, gepflegt und verehrt.1
Diese „Wahrheitsutensilien“, wie ich sie im Folgenden nennen möchte, finden ihren Ursprung beispielsweise in religiösen Erzählungen oder auch in der Inszenierung politischer Kampagnen und werden durch stetige Wiederholungen wachgehalten und manifestiert.
Ein berühmtes Beispiel für ein Wahrheitsutensil ist der Kelch. Er spielt eine prominente Rolle in den Abendmahlszenen des Neuen Testaments und wird sowohl in der christlichen Messe als sakraler Gegenstand genutzt, als auch in verschiedenen Medien und Erzählungen der letzten Jahrhunderte in Berufung auf seine heilsbringende Funktion rezipiert: Sowohl in der Artussage als auch in Dan Brown’s Thriller Sakrileg – The DaVinci Code steht die Suche nach diesem Heiligen Artefakt, durch welches man ewiges Leben erlangen soll, im Mittelpunkt. Und auch in mittelalterlichen Geistlichen Spielen kommt der Kelch zum Einsatz und verweist auf die liturgische Eucharistiefeier.

„Der Leib Christi – das Blut Christi“
Die Feier der Eucharistie, im Rahmen derer die Wandlung (Konsekration) von Brot in den Leib und von Wein in das Blut Christi vollzogen wird, ist „Quelle und […] Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“2 („totius vitae christianae fontem et culmen“). Hier wird nach katholischer Lehre Christus in Brot und Wein realpräsent: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“3 sowie: „Das ist der Kelch des Neuen und Ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis“.4 Diese Einsetzungsworte gehen auf die biblischen Einsetzungsberichte5 (Mt 26,26–29; Mk 14,22–25; Lk 22,15–20; 1 Kor 11,23–25) sowie auf Joh 6,48–596 zurück. Obwohl die Einsetzungsworte der Konsekration während der Messe nicht wortidentisch mit denen in den biblischen Berichten sind, weisen sie sowie die dazugehörigen Gesten dennoch enge inhaltliche Übereinstimmungen auf und vergegenwärtigen somit das Letzte Abendmahl.7 Dabei kann man die Liturgie (leiturgia = „Volkswerk“ – präziser: Dienst für das Volk bzw. die Gemeinde)8, etwa im Sinne von Bourdieu, als Technik der Wahrheitsproduktion verstehen: „La croyance de tous, qui préexiste au rituel, est la condition de l’efficacité du rituel.“9
Im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde auf die Gegenwärtigkeit und somit auch auf die Handlungsmacht Christi in den Sakramenten, Gebeten, Verkündigungen und Liedern nochmal besonders hingewiesen. Aus katholischer Perspektive ist die Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gaben – Brot/Leib und Wein/Blut –, durch die die Gemeinde zur Erlösung gelangen soll, das beste Beispiel für diese handelnde Gegenwärtigkeit: „[…] visibilem invisibilibus praeditam, actione ferventem et contemplationi vacantem, in mundo praesentem et tamen peregrinam“10 („sichtbar mit Unsichtbarem ausgestattet, glühend im Handeln und frei für die Betrachtung, in der Welt gegenwärtig und doch unterwegs“).
Der Kelch im Geistlichen Spiel
Auch im Rahmen der Wandlungsszenen der meisten Geistlichen Spiele kommt der Kelch als Wahrheitsutensil zum Einsatz. Angelehnt an die ordines der Liturgie heißt es in den entsprechenden Anweisungen, dass Christus erst das Brot, dann den Kelch nehme, Lob – in Form von Einsetzungsworten11 – spreche bzw. singe (zumeist erst auf Latein und dann nochmal in der Volkssprache) und dann die Gaben an seine Jünger weitergebe. So heißt es beispielswiese im Wormser Passionsspiel (früher als St. Galler Passionsspiel bezeichnet):
Tunc Ihesus accipiens panem cantans ,hoc corpus [est]ʻ etc. et dans eis dicat | Daz ist min lip, der nů wirt gegeben | in den dot dorch uwer leben. | Similiter calicem, dicat | Drinket alle, diz ist min blut, | daz ist vor vwer sunde gut.12
Wenngleich es sich bei der Kelchrequisite im Geistlichen Spiel nicht um einen geweihten Gegenstand handelt, kann meiner Einschätzung nach dennoch angenommen werden, dass dieser und allen damit verbundenen Handlungen eine heilsstiftende Wirkung zugeschrieben wurde.
Ein Gegenstand […] hört nicht auf, er selbst zu sein. Denjenigen aber, denen er sich in seiner Bedeutungsqualität aufgrund eines bestimmten Geschehens gewandelt hat, zeigt, ja offenbart er eine tiefere, mitunter göttliche Realität.13
In einem streng theologisch-liturgischen Sinne mag hier dadurch, dass die Einsetzungsworte weder korrekt wiedergegeben noch von einem ausgewiesenen Experten, einem geweihten Amtsträger, gesprochen werden, die Wandlung möglicherweise nicht erfolgreich stattgefunden haben. Doch es ist anzunehmen, dass durch die Aura, die auf den Gegenständen und Figuren liegt, Christus in ihnen – ähnlich wie in einer Ikone – dennoch gegenwärtig ist.14
Die szenische Darstellung des Letzten Abendmahls diente im Mittelalter der niedrigschwelligen Veranschaulichung dessen, was in der Liturgie – für Laien zuweilen sowohl sprachlich als auch akustisch nicht oder nur schwer verständlich15 – vollzogen wurde. Denn im Rahmen der Liturgie sind die mitfeiernden Gläubigen zwar zur tätigen (An-)Teilnahme angehalten, doch im Mittelalter trat die Aktivität der Gemeinde stark in den Hintergrund: Die Liturgie entwickelte sich mehr und mehr zur Klerikerliturgie, bei der die Heiligen Worte des Messkanons nur leise vom Priester gesprochen wurden, um diese vor ‚Verunehrung‘ zu schützen. Die Realpräsenz Christi wurde gegenüber der Gemeinde auf Distanz gehalten. Dementsprechend groß wurde das Bedürfnis nach Strategien der Messerklärung und -ausdeutung, sei es mitunter in bildkünstlerischer oder schauspielerischer Form.16
Beispielsweise mithilfe von Geistlichen Spielen wurde sowohl dem Bedürfnis nach der Vor-Augen-Stellung des Heils Christi als auch der Liturgieerläuterung im Allgemeinen entsprochen. Die hierfür verwendeten Wahrheitsutensilien wurden dadurch, dass sie „als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“17, das der unmittelbaren Wahrnehmung Entzogene sichtbar und sinnlich erfahrbar machen, mit einer Aura aufgeladen.
Besonderheiten bei der Inszenierung des Letzten Abendmahls in Geistlichen Spielen
Je nach Spielform (z.B. Passionsspiel, Fronleichnamsspiel) wurde das Letzte Abendmahl unterschiedlich in Szene gesetzt. Vielen Spieltexten ist zu entnehmen, dass das Mahl, respektive die Wandlungsszene, musikalisch eingeleitet wurde oder die Einsetzungsworte gar gesungen wurden (vgl. Admonter Passionsspiel [2. Hälfte 16. Jh.]18, Alsfelder Passionsspiel [1501–1517]19, Egerer Passionsspiel [um 1500]20 und Wormser/St. Galler Passionsspiel [ca. 2. Viertel 14. Jh.]21), was die Anlehnung der Spiele an die Liturgie und somit ihren paraliturgischen Autoritätsgehalt verstärkte. Dabei verhandelt jedes Spiel die Realpräsenz Christi sowie den Gebrauch und die Bedeutung auratisierter Objekte anders.
Besondere Aufmerksamkeit möchte ich in diesem Blog der Form der Fronleichnamsspiele widmen, bei denen die Wandlung (vgl. York Mystery Cycle [1463–1477]22, Wakefield Mystery Cycle/Townely Mystery Cycle [zw. 1490–1510]23) oder gar das gesamte Letzte Abendmahl (vgl. Künzelsauer Fronleichnamspiel [2. Hälfte 15. Jh.]24) gar nicht inszeniert wurden. Welche Rolle spielt die Realpräsenz Christi hier?
Im Hochmittelalter ist mit Fronleichnam ein Hochfest geschaffen worden, welches speziell der leiblichen Gegenwart Christi gewidmet ist. Seit Ende des 13. Jahrhunderts ist auch eine feierliche Prozession Teil der Fronleichnamsliturgie, bei der die konsekrierte Hostie in einer Monstranz, einem liturgischen Schaugefäß, mitgeführt wird.25 Diese öffentliche Ausstellung befriedigte das Bedürfnis der Gläubigen nach dem Vor-Augen-Stellen des Allerheiligsten im Sinne der Schaufrömmigkeit ebenso, wie die Aufführung Geistlicher Spiele, bei der die Heilsgeschichte sowie das Wunderwirken und die Lehren Christi vergegenwärtigt und ausgehandelt wurden.
Meine Hypothese ist, dass Fronleichnamsspiele integraler Bestandteil der liturgischen Fronleichnamsfeier waren. Hinweise darauf gehen aus dem Auftakt des Künzelsauer Fronleichnamspiels hervor: Nach einem Gebet an das Sakrament („RECTOR PROCESSIONIS vertat se | ad sacramentum […]“26) und dem Hymnus O vere digna hostia richtet sich der Rector Processionis (= Prozessionsleiter und Ausrufer/Vorbeter) an das Volk („populum“) und betont mehrfach die Bedeutung des Heiligen Brotes, des Leibes Christi: „Nu sein wir alle gemenicklich | Dem heiligen sacrament lobelich | Zu eren hewt her kumen.“27 Offenbar war die konsekrierte Hostie, das ‚Allerheiligste Altarsakrament‘, beim Künzelsauer Fronleichnamsspiel anwesend. Das könnte einen entscheidenden Hinweis auf die Verbindung Geistlicher Spiele, respektive Fronleichnamsspiele, mit der Liturgie geben, wonach die szenische Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte unmittelbar in die liturgische Prozession eingebunden war und nicht bloß für sich stand. Und es könnte auch das Fehlen der Abendmahlsszene im Künzelsauer Fronleichnamspiel erklären, denn die Eucharistiefeier hat bereits vor Beginn der Prozession stattgefunden – und wie könnte die Realpräsenz Christi besser vor Augen geführt werden als in seiner liturgisch-wahrhaften Form?
Mithilfe von auratisierten Wahrheitsutensilien – hier am Beispiel des Allerheiligsten – wird die Brücke zwischen der Wahrheit der Liturgie und der Wahrheit des Spiels geschlagen und die Banalität zwischen beiden relativiert. Liturgie und Spiel stehen somit nicht in Konkurrenz, sondern symbiotisch zueinander.
References
- Vgl. Harald Schützeichel, Die Feier des Gottesdienstes. Eine Einführung (Patmos, 1996), 72.
- Heinrich Denzinger, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, übers. u. hg. v. Peter Hünermann, 45. Aufl. (Herder, 2017), Parag. 4127 („Lumen gentium“ LG11), 1105.
- O.A., Die Feier der Heiligen Messe. Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch, Teil II: Das Meßbuch deutsch für alle Tage des Jahres außer der Karwoche (Herder, 1975), 494.
- Ebd., 495.
- Einsetzungsberichte = Berichte von Christi Handeln beim Letzten Abendmahl.
- Joh 6,48–59 thematisiert die Rede Christi von seinem Fleisch als himmlisches Brot, welches, ebenso wie sein Blut, ewiges Leben spende. Diese Rede deutet auf die Bedeutung der Gaben beim Letzten Abendmahl voraus.
- Vgl. Adolf Adam und Winfried Haunerland, Grundriss Liturgie, 11. Aufl. (Herder, 2018), 242f.
- Vgl. ebd., 19.
- Pierre Bourdieu, „Les rites comme actes d’institution“, in Actes de la recherche en sciences sociales, Bd. 43: Rites et fétiches (Persée, 1982), 63, https://doi.org/10.3406/arss.1982.2159.
- Denzinger, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Parag. 4002 („Sacrosanctum Concilium“ SC2), 1077.
- Diese stimmen oftmals nicht mit den liturgischen Formeln („Hoc est enim Corpus meum“ und „Hic est enim Calix Sánguinis mei, novi et ætérni testaménti“) überein, sondern sind verkürzt, abgewandelt oder in die Volkssprache übersetzt. Die Aussage bleibt dabei zwar gleich, doch kann durch diese Spieltexte keine Wandlung erfolgreich geschehen – was jedoch auch nicht in der Absicht der Verfasser lag.
- Emil Wolter (Hrsg.), Das St. Galler Spiel vom Leben Jesu. Untersuchungen und Text (M. & H. Marens, 1912), V. R. 631|632–636.
- Schützeichel, Die Feier des Gottesdienstes, 72.
- Vgl. Eingangszitat (siehe Endnote 1): Schützeichel, Die Feier des Gottesdienstes, 72.
- Vgl. Adam/Haunerland, Grundriss Liturgie, 52f.
- Vgl. ebd., 17f., 52f.
- Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 2. Aufl. (Suhrkamp, 2018), 19.
- Vgl. „Admonter Passionsspiel“, in Handschriftencensus (HSC), https://handschriftencensus.de/15920.
- Vgl. „Alsfelder Passionsspiel“, in Handschriftencensus, https://handschriftencensus.de/5092.
- Vgl. „Egerer Passionsspiel“, in Handschriftencensus, https://handschriftencensus.de/5474.
- Vgl. „Wormser Passionsspiel [früher St. Galler (mittelrheinisches) Passionsspiel]“, in Handschriftencensus, https://handschriftencensus.de/3002.
- Es gibt mehrere Handschriften des York Corpus Christi Plays. Die Handschrift, auf die in der Forschung aufgrund ihrer Vollständigkeit üblicherweise zurückgegriffen wird, ist die Abschrift Add MS 35290, deren Entstehung auf ca. 1463–1477 datiert wird. Die Spieltradition in York geht aber weiter zurück, vgl. Richard Beadle (Hrsg.), The York Plays. A Critical Edition of the York Corpus Play as recorded in British Library Additional MS 35290, Bd. 1: The Text (Oxford University Press, 2009), xii.
- Vgl. „Townely cycle: [manuscript]“, in The Huntington. Digital Library, https://hdl.huntington.org/digital/collection/p15150coll7/id/52958/.
- Vgl. „Künzelsauer Fronleichnamspiel“, in Handschriftencensus, https://handschriftencensus.de/24174.
- Vgl. Michael Kunzler, Die Liturgie der Kirche (Bonifatius, 1995), 614–616; vgl. Schützeichel: Die Feier des Gottesdienstes, 57.
- Peter K. Liebenow (Hrsg.): Das Künzelsauer Fronleichnamspiel (de Gruyter, 1969), A 1r, V. 1–R. 4|5, https://doi.org/10.1515/9783110836769.
- Liebenow, Das Künzelsauer Fronleichnamspiel, A 1r, V. 41–43.
SUGGESTED CITATION: Frölich, Laura: "Hoc est enim Corpus meum - Hic est enim Calix Sánguinus mei". Der Kelch als 'Wahrheitsutensil' in der liturgischen Eucharistie und in Abendmahlszenen mittelalterlicher Geistlicher Spiele, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/hoc-est-enim-corpus-meum/], 08.05.2026