Keine Ruhe, Bro
Beim Aussteigen aus dem Bus klebt Leos Shirt an seinem Rücken, die Haare liegen schwer und feucht auf der Stirn. Auf dem Bürgersteig streift ihn eine kühle Brise. Leo schließt die Augen, atmet einmal tief ein, einmal tief aus. Doch sofort brennt die Sonne auf seiner Haut. Nur das BAföG-Amt war gestern gnadenloser als die Sonne heute. Er hatte Post von seiner Sachbearbeiterin bekommen: „Beachten Sie die Hinweise auf den letzten Seiten der Formblätter 1, 5 und 7. Nachzureichen sind sämtliche Belege, eine aktuelle Studienverlaufsbescheinigung, getrennte Erklärungen zur wirtschaftlichen Lage der Eltern sowie eine belegte Aufstellung der Wohnkosten. Auf Formblatt 7 fehlen zudem Angaben zu konkurrierenden Sozialleistungen.“ Zum dritten Mal Post wegen seines BAföG-Antrags. Immer neue Formulare, Belege, Fristen. Das Amt, ein Uhrwerk ohne Taktgefühl. Erst vergangene Woche saß Leo drei Stunden im Wartebereich, selbstverständlich nach Ziehen einer Nummer, um dann zu hören, sein Antrag könne nicht bearbeitet werden. Das Formular sei nicht mehr aktuell. Wie soll man studieren, wenn man permanent damit beschäftigt ist, seine Bedürftigkeit zu beweisen? Leo lässt den Blick über die Felder vor ihm schweifen. Goldene Ähren tanzen im Wind, als hätten sie sich auf einen gemeinsamen Schritt geeinigt. Ich muss zu Aria. Hoffentlich geht’s schnell. Ich brauche Zeit für die Belege. Die Uhr am Schalter tickt.
Leo wendet den Blick von den Feldern ab und geht in die entgegengesetzte Richtung, wechselt die Straßenseite und folgt einer schmalen Stichstraße. Einfamilienhäuser säumen mit großzügigen Gärten den Weg. Penibel gestutzte Hecken, Carports, Spielzeuge auf makellosem Grün. Privatbesitz, bewilligt, eingetragen, eingezäunt. Leo beschleunigt den Schritt, bis er zu einem einzelnen Baukörper, auf einer unbestellten Wiese gelangt. Ein Wohnblock, der als städtische Anschlussunterbringung für geflüchtete Menschen fungiert, aufgestellt wie ein temporäres Denkmal im urbanen Raum. Daneben ein Bagger und ein Schild: „Wir bauen für Sie!.“ Ein Verwaltungsbescheid im Imperativ, zweifellos nützlich für das Gemeinwohl. Ich will auch für mich bauen, denkt Leo. Doch das Grinsen bleibt hängen. Was er bauen will, hat kein Flachdach und keinen Bauzeitplan. Nur den Wunsch, einmal ohne Genehmigung loslegen zur dürfen. Welche Formblätter müsste ich wohl ausfüllen, um eine Baugenehmigung zu bekommen? Er betritt den Weg zur Haustür. Ein gläsernes Treppenhaus schraubt sich an der Fassade empor wie ein transparentes Archiv. Kein Vorhang, kein Schutz. Wer hier ein- oder ausgeht, ist registriert, wenn nicht auf dem Papier, dann durch die Blicke der Vorbeigehenden. Die Fassade erstrahlt in makellosem Weiß, mit schwarzen Normfensterahmen, durch rote Rechtecke akzentuiert. Leo bleibt stehen. Ob hier Menschen wohnen oder Fälle bearbeitet werden, ist nicht zu unterscheiden.
Die Haustür steht offen. Zutritt ohne Zuständigkeit. Drinnen mischt sich der Geruch von frischer Wäsche mit kaltem Rauch. Leo biegt ins Treppenhaus ab. Spiralförmig steigt er Stufe um Stufe empor. Jeder Schritt fühlt sich an wie ein Vorrücken in einer Warteschlange, nicht durch den Raum, sondern durch die Zeit. Die Hitze im Treppenhaus steht unbeweglich, als wäre sie verordnet. Die Scheiben bündeln die Strahlung und geben sie zurück, als müsse der Körper einen Stresstest bestehen. Schweiß tropft von Leos Kopf, das Shirt klebt mittlerweile wie eine fremde Haut. Im dritten Stock hängt das Schild „Brandschutztür geschlossen halten“ schief, die Tür steht offen. Vorschrift und Wirklichkeit begegnen sich, lächeln müde und gehen getrennte Wege. Er tritt aus dem Treppenhaus in den Flur, bleibt vor der letzten Tür stehen, atmet tief ein, streckt die Arme leicht nach außen. Ein stummer Befehl an den Körper: Du darfst jetzt aufhören zu funktionieren. Sein Blick fällt aufs Handy. Noch zehn Minuten, ein Schlupfloch im Taktplan des ÖPNV. Reingehen, kurz reden, wieder raus und vielleicht wartet nicht nur der Bus, sondern auch seine Ruhe. Er fächert sich Luft zu. Dann klopft er dreimal. Nicht bittend, nicht fordernd. Einfach entschieden. Als würde dieser Moment irgendwo vermerkt.
Sekunden vergehen, ziehen sich in der Hitze zu Minuten. Dann ein dumpfes, langgezogenes „Ja“ hinter der Tür. Leo verlagert das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, doch die Luft bleibt reglos. Endlich öffnet sich die Tür. Leo atmet innerlich aus. Aria steht barfuß im Türrahmen, mit einem breiten Lächeln, das der Hitze trotzt.
„Hey Bro. Warm heute, ja?“
„Ja, warm heute. Schön, dass du Zeit hast.“
„Du reinkommen“ Aria lacht kurz auf, eine Mischung aus Höflichkeit und innerer Unruhe. „Geht gut dir?“
„Gut, gut. Warm eben. Und dir?“
Aria schüttelt den Kopf, halb abwehrend, halb Einleitung eines Antrags. „Viel Stress mit Familie. Die verstehen nicht. Du verstehen.“
Er macht eine Geste, tritt beiseite, gibt Blick und Weg frei. Leo betritt die Wohnung. Der Boden ist unordentlich, nicht chaotisch: Schuhe, Jacken, Taschen. Die Wände kahl, weißer Putz, von grauen Schatten durchbrochen. Nicht steril wie die Fassade draußen, eher müde, abgegriffen. Vom Flur geht es in den einzigen Raum. Bett, Tisch, zwei Stühle und ein Regal möblieren ihn. Aria räumt wortlos Kleidung von einem Stuhl, dessen schwarzer Lack in schuppigen Resten haftet und stellt ihn an den Tisch. Ein glattes Ikea-Modell, funktional und kühl. Gebaut für die Ordnung, nicht für das Leben.
„Setz dich, Bro“, sagt Aria und deutet auf den Stuhl. „Willst du trinken? Oder essen? Habe gute Frucht hier. In Afghanistan wir immer essen. Wie heißt auf Deutsch?“ Er drückt Leo etwas in die Hand. Runzlig, süß, klebrig von Erinnerungen an eine ferne Heimat.
„Feigen. Danke dir. Nur Wasser, bitte. Keine Umstände.“
Aria geht in die Kochnische, füllt schweigend ein Glas. Die Geräusche wirken dumpf in der stickigen Luft. Als er es vor Leo auf den Tisch stellt, entweicht ihm ein tiefer Atemzug. Leo lässt den Blick über den Tisch schweifen: ein Aschenbecher, Feuerzeuge, geöffnete sowie ungeöffnete Briefe. Zwischen all dem Arias Handy. Das Display leuchtet. Sprachanruf aktiv. Lautsprecher eingeschaltet.
„Du telefonierst gerade?“, fragt Leo vorsichtig.
Aria zuckt mit den Schultern. „Meine Frau sauer. Sie fragt, warum ich kein Geld schicke.“
Leo nickt still. Die Frage hängt im Raum. Nicht nur von Arias Frau, sondern von seiner gegenwärtigen Situation, vom Leben. „Telefoniere ruhig“, sagt Leo schließlich. „Ich warte.“
„Nein, Bro. Du hier, ich Zeit für dich. Moment.“
Aria spricht ins Handy. Leo versteht kein Wort, nur den Ton. Erst rau. Dann lauter. Fast scharf, wie ein ungehalten werdender Einspruch gegen eine Behörde, die nicht reagiert. Der Lautsprecher bleibt an. Keine Antwort. Aria versucht es erneut, spricht diesmal ruhiger. Seine Stimme bricht am Ende des Satzes. Wieder Stille. Keine Antwort. Etwas in ihm dreht durch. Seine Worte werden kurz, abgehackt, scharf wie Schüsse. Er spricht nicht mehr mit ihr. Er spricht mit der Welt, die nicht zurückruft. Leos Magen zieht sich zusammen. Er fühlt sich fehl am Platz. Plötzlich eine Stimme. Zwei kurze Sätze auf der anderen Seite, der Ton zaghaft, zögernd, beinahe flehend. Aria antwortet flach, fast resignierend. Das Gespräch bricht ab. Aufgelegt. Stille.
Aria starrt auf das Display, als müsse er sich an etwas erinnern, das längst Teil des Raumes geworden ist. Dann spricht er, leise und stockend, als rolle jedes Wort gegen einen Widerstand an: „Meine Frau braucht Guthaben für Handy. Niemand hilft in Afghanistan. Niemand bei ihr. Nicht für sie. Nicht für unser Kind. Sie haben Hunger. Mein Kind ist krank. Arzt? Kein Arzt. Ich habe nichts. Kein Essen hier, kein Geld für Familie. Was kommt, geht. Die Hälfte schicke ich sofort. Immer.“
Leo sagt nichts. Nicken reicht nicht, reden auch nicht. Er versucht es trotzdem: „Kann dir das Amt nicht helfen? Oder… die Botschaft?“
Aria schüttelt langsam den Kopf. Nicht empört, nicht trotzig. Eher wie jemand, der das zu oft erklären musste. „Ich habe versucht. Jahre. Viele Jahre. Asylzentrum sagt: Termin machen. Kommen Sie. Warten Sie. Dann: nichts. Wieder Termin. Neue Leute. Neue Formulare. Alles doppelt. Alles fehlt. Ich verstehe nicht.“
Leo blickt auf seine Hände, auf das Wasserglas, auf den Boden. Worte wie „Asylzentrum“ oder „Formulare“ klingen in diesem Raum wie Fremdkörper. Und sind doch überall. „Du bist doch schon lange hier. Warum klappt der Familiennachzug trotzdem nicht?“
„Ich war in Berlin bei afghanische Botschaft. Mit alle Papiere. Immer fehlt was: ein Papier, eine Unterschrift. Oder meine Frau muss kommen. Sie kann nicht. Sie darf nicht raus. Nicht allein. Nicht in Kabul. Da ist gefährlich. Weißt du? Wo soll ich hin? Wer hilft mir? Niemand.“
Leo will etwas sagen, doch der Satz bleibt stecken. Er hört sich selbst denken: Vielleicht ein Verein… ein Kontakt … eine NGO? Alles fühlt sich falsch an, schürt Hoffnung ohne Gewissheit. „Und hier? Hast du niemanden? Aus deiner Community?“
„Nein. Viele von meine Leute nur suchen Stress in der Stadt, nehmen Drogen, Ärger mit Polizei. Viel Langeweile. Ich will das nicht, ich will guter Mensch sein. Dankbar. Will gute Leben hier. Keine Ärger machen. Ich glaube, du gut sein musst, dann Gutes kommt zu dir. So habe ich immer gemacht. Ich will meine Familie.“
Leo nickt zu schnell, fast hastig – mehr Unsicherheit als Verständnis. „Ich frag Freunde… vielleicht kennt jemand jemanden, der sich mit Asylrecht auskennt… oder so.“
„Asylamt sagt immer: Termin in paar Monaten. Sofort keine Hilfe. Dann neue Formular. Wieder warten. Immer warten. Du weißt, was das ist? Nicht Warten auf Bus. Warten auf Leben.“
Leo öffnet den Mund, ein gebrochenes „Ähm“ verhallt in der sticken Luft. Er nestelt am Glas, starrt auf seine Finger, als stünde dort eine Antwort.
Aria lehnt sich vor. „Und Geld? Ich hab keins. Ich muss meine Frau und meine Kind rausholen. Von Afghanistan nach Iran. Weißt du, was das kostet? Zwei-, dreitausend Euro. Nur für das.“
Leo zählt nicht mit. Die Beträge, die Formulare, die Orte, die Wege. Sie bilden eine Karte, die er nicht lesen kann.
Aria setzt erneut an: „Weißt du, was das heißt? Ich muss in Iran. Dann nach Afghanistan. Wie ein Flüchtling. Ich lange nicht war da. Aber ich muss. Verstehst du jetzt das Problem?“
„Du musst… dahin.“
Aria sieht Leo direkt an, die Stirn glänzt. „Was machen, Bro? Du sagen!? Afghanistan kann ich nicht. Taliban da. Gefahr. Hier auch Probleme. Ausländerbehörde fragt: Warum nach Deutschland? Warum so viele Jahre hier ohne Pass? Sie alles haben von mir. Alles steht in Dokumente. Ich nicht komme weiter gegen diese Gehäuse aus Stahl.“
Leo lehnt sich zurück, fixiert den Tisch. Pralle auch ich an diesem Gehäuse aus Stahl ab? Schließlich sagt er gedämpft: „Das Gefühl, auf der anderen Seite der Scheibe zu stehen, kenne ich. Immer ohnmächtig durch das Glas guckend. Aber was kann ich dagegen machen. Was kann ich für dich tun?“
Aria bricht die bleierne Stille: „Das ist meine Frau. Mein Kind. Mein Blut. Seit acht Jahren nicht gesehen. Sie warten. Ich warte. Und jetzt, Bro, ich brauche Geld. Damit ich kann meine Familie holen.“
Die Worte prallen nicht ab, sie sickern durch den Raum, lassen etwas Schweres zurück. Leo sieht Aria an, doch seine Gedanken sind woanders. Völlig verdreht. Als hätte jemand den Raum verändert, die Sprache, die Regeln. Welches Formular soll man ausfüllen? Wo zieht man seine Nummer, um wieder in der Warteschlange zu sein? Er schaut aus dem Fenster: die Haltestelle, die Felder, der Wind in den Ähren. Alles wie vorhin, nur weiter weg. Unerreichbar. Schweiß läuft ihm in den Nacken runter. Alles klebt. Auch die Zeit. Aria sagt noch etwas. Leo hört nur Fragmente: „Mein Kopf kaputt. Kein Geld. Keine Ruhe, Bro. Keine Ruhe.“ Dann Stille.
Aria greift nach einem Joint, der auf dem Tisch liegt und zündet ihn an. Drei tiefe Züge. Der Rauch schwebt in den Raum, als wolle er etwas ausfüllen, das zu groß ist für Worte, um sich kurz darauf wieder in Luft aufzulösen.
„Willst du?“, fragt Aria.
Leo schüttelt den Kopf. „Nee… ich will nur…“
„Hab schon“, sagt Aria und tippt auf ein Knäuel Alufolie auf dem Tisch, wie auf ein ausgefülltes Formular, dem nur noch die Unterschrift fehlt.
Leo zieht einen Zwanziger aus der Bauchtasche und schiebt ihn über den Tisch. Aria raucht wortlos weiter. Sein Blick folgt dem Rauch, als verberge sich darin etwas. Leo schaut auf sein Handy. Keine Nachrichten.
„Ey, Bro… ein Freund hat angerufen. Ich muss los.“
Aria nickt und murmelt „Alles gut, Bro.“
„Ich melde mich. Und… ich frag rum… vielleicht kennt jemand einen Anwalt. Oder jemanden im Asylzentrum… oder so.“
„Alles gut. Ich bin hier.“
„Ciao, Bro. Und danke.“
Sie klatschen ein, umarmen sich. Eine Geste wie ein Stempel: schnell, verbindlich und doch vergänglich.
Leo tritt aus der Wohnung, wieder trifft ihn die Hitze wie eine Faust: Im gläsernen Treppenhaus beginnt sein Körper sofort stärker zu schwitzen. Schritt für Schritt geht er die Stufen hinab, das Metallgeländer flimmert in der Luft wie in einem fiebrigen Traum. Draußen blinzelt er gegen das gleißende Sonnenlicht. Die Haltestelle ist leer, der Bus kommt in fünf Minuten. Leo lehnt am Pfosten des Wartehäuschens, spürt das heiße Metall durch das T-Shirt. Sein Blick wandert zu den Feldern, wo die Ähren noch im Wind tanzen, als wären sie die letzten Bewegungen, die keinem Plan, keinem Formular folgen. Er zieht sein Handy hervor. Eine neue E-Mail des Internetanbieters. Betreff: „Antrag unvollständig“. Seine Augen gleiten über die Mail, aber er liest nichts mehr. Die Worte verschwimmen im Licht. Vielleicht hat Aria recht. Vielleicht prallt alles am Gehäuse aus Stahl ab. Vielleicht besteht der wahre Antrag nicht im Formular, sondern im Aushalten: warten, obwohl man nicht mehr kann. In der Hoffnung, dass irgendwann doch etwas durch die Glasscheibe dringt. Ein leises Quietschen kündigt den Bus an. Leo steigt ein, setzt sich ans Fenster und schaut hinaus. Der Bus ruckelt an, fährt los, nimmt Fahrt auf.
SUGGESTED CITATION: Kugolowski, Thore: Keine Ruhe, Bro, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/keine-ruhe-bro/], 02.06.2026