Julika Griem

Phantom-Schmerz nach Entwicklungsschub?

Zur aktuellen Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen digitalisierter Lehre

Am „Offenen Brief zur Präsenzlehre“,1 den mittlerweile mehr als 2000 Kolleg*innen unterschrieben haben, ist von verschiedenen Seiten Kritik geübt worden: Man protestiere, so Jan-Martin Wiarda auf seinem Blog, gegen ein „Phantom“ und raune die Bedrohung erst herbei, für die es gegenwärtig keine empirischen Belege gäbe – niemand beabsichtige in Deutschland, nicht so schnell wie möglich wieder zu Präsenzformaten an den Universitäten zurückzukehren.Ich habe den Brief auch unterschrieben. Aus meiner Sicht stellt er keine rein defensive und nostalgische Reaktion einiger Geisteswissenschaftler*innen dar, weil er ja durchaus anerkennt, dass in der Pandemie mit der Digitalisierung der Lehre reagiert werden musste und damit viele produktive Lerneffekte erzeugt wurden: „Ohne digitale und virtuelle Formate hätte sich das Sommersemester nicht durchführen lassen. Und auch grundsätzlich leisten digitale Formate mittlerweile einen wertvollen Beitrag zur Hochschullehre.“

Die Debatten, in die der Brief sich einschaltet, sind die vielfältigen Debatten um die Folgen der Krise. Zu diesen Folgen gehören aus meiner Sicht auch zahlreiche unbeabsichtigte Effekte, die es so im Auge zu behalten gilt, dass gerade nicht „böse Mächte“ vereinfachend zur Verantwortung gezogen werden – was der Brief auch nicht tut. Aber: Auch im Hochschulsystem ergeben sich mit der Krise Zeitfenster für wichtige Transformationen, und ebenso Gelegenheitsstrukturen, um Effizienzgewinne z.B. durch die Digitalisierung der Lehre zu erwirtschaften. Natürlich muss man unter konstantem Kostendruck und angesichts einer Unterfinanzierung von Hochschulen auch immer über sinnvolle Möglichkeiten der Einsparung nachdenken. Aus unserer Sicht gilt es dabei zu bedenken, wer – wie in anderen Ländern schon zu beobachten ist – von solchen betroffen ist: Z.B. Lehrbeauftragte, die besonders leicht gekündigt werden können und anschließend vielleicht nicht wieder eingestellt werden. Andere Spareffekte durch Digitalisierung der Lehre könnten sich für die Raumfrage ergeben: Wenn sehr viele Lehrveranstaltungen unter großem Zeitdruck virtuell organisiert werden, braucht es weniger reale und u.U. zu sanierende Orte an den Hochschulen, um die jetzt schon gekämpft wird. Was bedeutete aber ein durch weitreichende Digitalisierung ermöglichter Verzicht auf soziale Präsenz an der Universität für die Lehre? Die Unterzeichnenden des offenen Briefes wollen eine Diskussion darüber führen, was Hochschulen als Orte der face-to-face-Interaktion und einer sozialen Erfahrung ausmacht, die auf überraschende Begegnungen vor Ort nicht verzichten kann. Und zwar in einer Weise, die einen Unterschied zwischen Schule und Hochschule markiert.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die soziale Spreizung innerhalb der Studierendenschaft. Bereits jetzt ist abzusehen – wie auch an Schulen und Kitas zu beobachten – , dass die Vor- und Nachteile ungleich verteilt sind: Viele Studierende haben zu Hause (bei ihren Familien oder z.B. in WGs mit überlasteten Netzen) nicht kontinuierlich so gesicherte Netzzugänge, dass sie angemessen teilnehmen können. Sie schalten daher ihre Kameras aus und sind in der Seminardiskussion weniger präsent als zuvor – und es gibt eben nicht mehr die Möglichkeit, sie direkt anzusprechen. Ich höre von vielen Kolleginnen und Kollegen in ganz unterschiedlichen Fächern, dass die ersten Wochen erstaunlich gut liefen, dass dieser Enthusiasmus und die aktive Teilnahme mittlerweile aber deutlich abgenommen haben. Auch an diesem Punkt zeigt sich – wie bei der Digitalisierung der Schulen –, dass die Umstellung auf virtuelle Formate leider nicht in jedem Fall soziale und ökonomische Ungleichheiten kompensiert, sondern sich immer dann verfestigt, wenn nicht ausreichend dafür gesorgt werden kann, dass Zugangschancen möglichst gerecht verteilt werden.

Wir brauchen aus meiner Sicht eine intensive und auf vielen Ebenen angestoßene Diskussion über das, was wir durch den pandemiebedingten Digitalisierungsschub jeweils schon gelernt haben – Positives und Negatives. Diese Diskussion muss noch viel genauer registrieren, wie sich die neuen virtuellen Formate fach- und formatspezifisch darstellen und auswirken. Hier gibt es nicht allein Gewinne und Verluste für die Geisteswissenschaften zu verzeichnen: Auch in den Ingenieurwissenschaften fallen überdurchschnittlich häufig Seminare und vor allem Übungen in kleinen Gruppen aus, während die großen Vorlesungen leicht umgestellt werden konnten. An diesem Punkt sollte man sich auch fragen, ob eine Vorlesung, die im Wesentlichen aus einem Skript besteht, das Studierende für die Klausur auswendig lernen, in digitalisierter Form überhaupt einen Fortschritt darstellt. Nicht alles also, auf das das Etikett „digitalisiert“ geklebt wird, ist automatisch schon didaktisch sinnvoller als das analoge Vorgänger-Format. Innovative und qualitätsvolle digitale Lehre ist vielmehr voraussetzungsreich: Sie erfordert Weiterbildung, didaktische Reflexion und bietet in dieser anspruchsvollen Form gerade keine günstigen Gelegenheiten, um Geld und Zeit zu sparen. Zu fragen ist daher auch, ob Lehrende jeweils ausreichend unterstützt werden. Natürlich ist Eigeninitiative gefragt. Aber es macht einen Unterschied, ob ich viele Mitarbeiter habe, die Tutorien und Übungen betreuen können, oder ob ich pro Semester vier sehr korrekturaufwändige Lehrveranstaltungen, in denen nicht allein Klausuren anfallen, an einem schlecht ausgestatteten Institut allein betreuen muss. Auch in diesem Fall sollte gute digitale Lehre nicht das Resultat von Selbstausbeutung in einer unbefriedigenden Personalstruktur sein.

Auch am KWI haben sich bereits viele Ansatzpunkte für Neues oder neu zu Kombinierendes ergeben: ZOOM-Kolloquien könnten z.B. weitergeführt werden, weil sich auf diese Weise Expertinnen und Experten zu einem sehr spezifischen Thema virtuell beteiligen können, ohne dafür nach Essen fahren zu müssen. Ein anderes ermutigendes Beispiel ist die virtuelle Schreibwoche, die wir gerade für Promovierende in den Geisteswissenschaften organisiert haben, die nicht in einem koordinierten Programm arbeiten und daher besonders von Pandemie-bedingter Isolation betroffen sind. Dieses Angebot ist sehr positiv aufgenommen worden und wir werden es in regelmäßigen Abständen in modifizierter und hoffentlich auch bald kombinierter Form anbieten, so dass eine Schreibklausur am Institut durch virtuelle Module für Promovierende in der Distanz ergänzt werden kann. Wir haben es am KWI allerdings z.B. nicht mit Erstsemester-Lehre zu tun. Gerade an diesem Punkt halte ich es für sehr wichtig, die Universität als physisch und sozial erfahrbaren Ort überhaupt erst einmal bekannt zu machen, bevor man dazu übergeht, anspruchsvolle virtuelle und/oder hybride Veranstaltungen anzubieten.

Ich habe den offenen Brief unterschrieben, weil er dazu beitragen kann, notwendige Reflexionen anzustoßen – mit einem klaren und möglichst differenzierten Blick auf alles, was bisher gut und weniger gut gelaufen ist, und was vor allem bereits im Wintersemester möglichst noch besser kombiniert werden kann. Dies erfordert in der Tat eine bessere Empirie – und gerade deswegen sollte der Brief eine Debatte intensivieren, in der das jüngst Gelernte möglichst differenziert aufgearbeitet wird. Ich hoffe sehr, dass wir an diesem Punkt weiterarbeiten können. Und zwar in möglichst vielfältig orchestrierter Intensität und unter Beteiligung möglichst vieler beteiligter Gruppen – allen voran den Studierenden, aber auch den Lehrenden, die nicht nur unter den Ausnahmebedingungen der Pandemie-Krise deutlich mehr Erfahrungen gewinnen konnten als Kolleginnen und Kollegen mit Deputats-Reduktionen oder in Freisemestern. Zu diesem Erfahrungsaustausch sollte jetzt von Dekanaten und Hochschulleitungen eingeladen werden, damit das Wintersemester möglichst gut vorbereitet werden kann.

References

  1. https://www.praesenzlehre.com.
  2. https://www.jmwiarda.de/2020/06/08/protest-gegen-ein-phantom/; und auch Anna-Lena Scholz für die ZEIT auf Twitter.

SUGGESTED CITATION: Griem, Julika: Phantom-Schmerz nach Entwicklungsschub? Zur aktuellen Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen digitalisierter Lehre, in KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/phantom-schmerz-nach-entwicklungsschub/], 10.06.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200610-0900

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