Sebastian J. MoserSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Soziologische Fiktionen

Soziologische Fiktionen Auftakt einer Serie Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: Sebastian J. Moser

Die soziologischen Fiktionen, die im Rahmen dieser Serie in den kommenden Wochen veröffentlicht werden, sind Ergebnis eines Seminars, welches unter dem Titel „Soziologie und Literatur“ im Sommersemester 2025 an der Universität Tübingen abgehalten wurde.1 Weder handelte es sich dabei um ein literatursoziologisches Seminar noch um eine Einführung in akademische Schreibtechniken. Stattdessen standen die Verbindung zwischen Literatur und Soziologie einerseits sowie der Einsatz literarischer Texte und lyrischer Stilmittel für die Erkenntnis(-produktion) andererseits im Fokus. Es wurden Themen wie die illustrative Kraft der Literatur für die soziologische Theoriebildung, Literatur als Datengrundlage oder die Verwendung von Metaphern und Ironie diskutiert. Zu guter Letzt stand eine theoretische wie praktische Auseinandersetzung mit sogenannten „soziologischen Fiktionen“ auf dem Seminarplan.2

Die fiktionalen Texte, die in dieser Serie einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen, sind durch Begebenheiten in Forschungsprojekten, persönliche Erfahrungen, Alltagsbeobachtungen oder Auseinandersetzungen mit soziologischen Theorien inspiriert. Ausgangspunkt für das Schreiben einer Fiktion – so die Aufgabenstellung – sollten grundsätzlich Momente der Affizierung sein. Der Blick richtet sich dabei auf konkrete Augenblicke und alltägliche Situationen, in denen Irritationen auftreten oder ein Sich-berührt-Fühlen einsetzt. Im Zentrum steht nicht das autonome Handlungssubjekt. Stattdessen sind es die Anderen, Dinge oder Situationen, von denen solche Widerfahrnisse ausgehen. Momente der Affizierung lassen sich insofern als Indikatoren für Verschiebungen und Brüche innerhalb sozialer Ordnungen verstehen – also für jene Prozesse, die im Kern soziologischer Analyse stehen.

Die Textform „soziologische Fiktion“ wird seit einigen Jahren von der australischen Soziologin Ash Watson öffentlich beworben und institutionell gefördert. Teil dieser Blogreihe ist ein Interview, welches der Berliner Soziologe Marc Ortmann mit ihr geführt hat – dort wird sie mehr darüber berichten. Vielleicht nur einige wenige Anmerkungen: Soziologische Fiktion nutzt das Erzählen von Geschichten, um soziologisch zu denken. Sie verwandelt Forschung, Theorie und gelebte Erfahrung in Erzählungen, die soziale Muster nicht nur erklären, sondern vor allem auch spürbar machen sollen. Für Watson steht die Frage „Was wäre, wenn?“ im Zentrum der Textproduktion: Dies ermögliche, Fantasie, Emotionen und unterschiedliche Perspektiven auf soziale Situationen einzubeziehen und zur Darstellung zu bringen. Anstatt über Gesellschaft zu berichten, möchten diese Texte eher mit ihr experimentieren, indem Bedeutungen, Möglichkeiten und alternative Welten durch Fiktionen erprobt werden.

Anfangs sah Watson diese Art von Texten vor allem als eine kreative Form der public sociology an. Ihrer Ansicht nach sollten fiktionale Texte mit einer soziologischen Stoßrichtung der Disziplin helfen, sich aktiv an öffentlichen Debatten beteiligen zu können, um nicht im Kampf um Aufmerksamkeit mit anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Genau dafür bräuchte es allerdings ihrer Einschätzung nach eine Textform, die zugänglicher sei als der so oft gescholtene „Soziologensprech“. Soziologische Fiktionen könnten beispielsweise als Vehikel für öffentliche Diskussion dienen. Mittlerweile hat Watson das Anwendungsgebiet soziologischer Fiktionen auf die art-based reseach methods3 ausgeweitet: Nicht mehr nur öffentliche Debatten könnten durch soziologische Fiktionen angeregt werden, sondern auch – ähnlich wie bei fokussierten Interviews, in denen Filme, Textausschnitte oder Objekte den Stimulus bilden – Diskussionen innerhalb von Forschungsprojekten. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass der Vorteil von Fiktionen darin zu liegen scheint, dass sie einen größeren Interpretationsspielraum zulassen, als dies beispielsweise Alltagsgegenstände tun. Dementsprechend können sehr lebhafte und von beeindruckender Vorstellungskraft geprägte Debatten entstehen, die Fragen aufwerfen und Denkwege aufzeigen, die mit konventionellen Methoden vielleicht nicht möglich gewesen wären.

Aktiver Einbezug der Lesenden

Die soziologischen Fiktionen, die wir in den kommenden Wochen präsentieren, sollen nicht nur die Gelegenheit bieten, dieses Genre im deutschsprachigen Kontext bekannt zu machen. Fiktionale Texte haben, wie gesagt, den Vorteil, relativ interpretationsoffen zu sein. Es geht weniger darum, ein konkretes Wissen zu transportieren, als eine soziale Situation spürbar zu machen, diese zu hinterfragen und im besten Fall über sie hinaus zu denken. Genau aus diesem Grund möchten wir Sie als Lesende einladen, Ihre Interpretation der Geschichte über die Kommentarfunktion des Blogs mit uns zu teilen. Was steckt für Sie in dieser Geschichte? Auf welche soziale Begebenheit weist sie Sie hin? An was haben Sie sich beim Lesen gestoßen? Was hat Sie besonders affiziert und was sagt das über die dargestellte soziale Situation?

Nicht Literaturkritik, sondern Soziologie soll betrieben werden, um zu schauen, inwieweit Fiktionen Diskussionen anregen und gegebenenfalls neue (Forschungs-)Fragen generieren können. In den nächsten Wochen werden daher die Fiktionen und die von den Autor:innen verfassten soziologischen Deutungen zeitlich getrennt voneinander veröffentlicht (auf die Fiktion montags folgt mittwochs die Deutung) – dies soll Ihnen als Lesende die Gelegenheit bieten, über die Kommentarfunktion Ihre Lesart der Geschichte zur Diskussion zu stellen.

Erweiterungen der Serie fiktionaler Texte

Ergänzt wird die Serie der Fiktionen durch das bereits erwähnte Interview von Ash Watson, das Marc Ortmann (HU Berlin) geführt hat.4 Zudem konnte ich den emeritierten Professor Andrew Abbott von der Chicago University gewinnen, mir einige Fragen zu beantworten. Sein 2007 erschienener Artikel „Against Narrative“ hat wichtige Impulse für eine lyrische Schreibweise innerhalb der Soziologie gegeben. Ein weiteres Gespräch konnte ich mit dem emeritierten Straßburger Professor für Anthropologie und Soziologie, David Le Breton, führen. Bei ihm handelt es sich nicht nur um einen produktiven Schreiber, sondern vor allem um einen literarisch schreibenden Soziologen, in dessen Werk Belletristik einen zentralen Raum einnimmt.

References

  1. https://alma.uni-tuebingen.de/alma/pages/startFlow.xhtml?_flowId=searchCourseNonStaff-flow&_flowExecutionKey=e1s5.
  2. Ash Watson, „Writing sociological fiction“, Qualitative Research 22.3 (2022), 337–352, https://doi.org/10.1177/1468794120985677.
  3. Ash Watson, „Researching futures with speculative fiction“, Journal of Creative Research Methods 1.1 (2025), 55–71, https://doi.org/10.1332/30502969Y2025D000000005.
  4. Bei dem Interview handelt es sich um eine gekürzte Version eines Gesprächs, das ursprünglich auf Soziopolis erschienen ist: https://www.soziopolis.de/nachdenken-ueber-die-aesthetische-form-von-ideen.html. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für die großzügige Geste, dieses Material im Kontext des KWI-Blogs nochmals publizieren zu dürfen.

SUGGESTED CITATION: Moser, Sebastian J.: Soziologische Fiktionen. Auftakt einer Serie, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/soziologische-fiktionen/], 27.05.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260527-0830

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