Spätzle mit Soß‘
Sie streicht nochmal ihr Kleid zurecht – tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus – und macht sich auf den Weg.
Der Vater ruft zum Essen und alle begeben sich zum gedeckten Tisch. Das Esszimmer ist lavendelfarben gestrichen und an der rechten Wand hängt das Bild eines Lavendelfeldes mit wolkenlosem Himmel. Über die Jahre sind die Farben des Bildes jedoch verblichen. Der Übergang zwischen den Lavendelblüten und dem blauen Himmel ist kaum mehr auszumachen.
Sie mag die helle, große, schwere Tischplatte aus Eichenholz und das glatte, kühle Gefühl, wenn man mit der Hand darüberstreicht. Die Eltern sprechen immer davon, dass man die Tischplatte erstmal schonen sollte, damit sie möglichst lange schön aussieht. Eines Tages würde der Tisch ohne Decke genutzt werden. Aber bis dahin liegt auf dem Tisch eine fliederfarbene Plastik-Tischdecke. An Festen oder wenn Gäste kommen, weicht diese einer hellen, weißen Stoff-Tischdecke, welche ebenfalls die Tischplatte schont. Schonen vor Spuren, die eine Familie mit drei Kindern hinterlässt. Macken und Dellen, die Zeugen von gemeinsamen Essen sein könnten. Macken und Dellen von Gläsern eines geselligen Abends. Macken und Dellen, die Auszeichnungen davon sein könnten, dass er den Lebensmittelpunkt der Familie darstellt. Zwanzig Jahre nach ihrer Anschaffung liegt die makellose Tischplatte verborgen unter der fliederfarbenen Tischdecke und wartet auf den unbestimmten Tag.
Der Tisch ist mit einer Stirnseite an die Wand gestellt, sodass an nur drei der vier Tischseiten Personen Platz nehmen können. Es braucht jedoch keinerlei Absprachen über die Sitzplatzverteilung, da die Sitzordnung wie ein ungeschriebenes Gesetz ist. Sie weiß nicht, wann und wie diese Sitzordnung festgelegt wurde, aber irgendwie ist sie schon immer so gewesen und niemand hat die Verteilung je in Frage gestellt. Am Tischkopf sitzt der erwachsene, aber jüngere Bruder. Als sie Kinder waren, saßen sie gemeinsam am Kopfende. Doch als sie das Teenageralter erreichten, hatte man ihr einen neuen Platz zugewiesen. Nun sitzt sie an der rechten Seite des Tisches, direkt an der Wand. Links von ihr die Großmutter, dann der Vater, am Kopfende der jüngere Bruder und auf der gegenüberliegenden Seite erst die Mutter und daneben der große Bruder.
Den Tisch hat sie gedeckt. Da Sonntag ist, hat sie die weißen Teller und die Gläser aus der Vitrine genommen. Am Platz der Eltern und der Großmutter steht jeweils ein Weinglas. Jedoch bricht die Auswahl der Weingläser die Einheit des gedeckten Tisches. Der Vater besteht darauf, dass sein Gedeck und das Gedeck der Großmutter mit einem der alten geschliffenen Kristallweingläser bestückt ist. Er erzählt dann, dass dies die Weingläser einer Großtante sind, die sie selbst aber nie kennengelernt hat. Der Mutter stellt sie immer eines der modernen Weingläser an den Platz, welches aus dem Set ist, das sich die Eltern gemeinsam gekauft hatten.
Als alle am richtigen Platz des Tisches sitzen – der Vater und die Großmutter vor den alten geschliffenen Kristallweingläsern, die Mutter vor dem moderneren Glas –, bekommt sie die Anweisung der Mutter, die Teller zu reichen, damit die Mutter Spätzle auf die Teller schöpfen kann. Geduldig fragt die Mutter jeden nach der gewünschten Portionsgröße und schaufelt die angegebene Menge auf den Teller. Die Brüder sind für das Eingießen der Getränke verantwortlich. Sie teilen sich die Aufgabe und reißen nebenher Witze. Dies führt zu verwirrten Blicken der Großmutter, da sie trotz des Hörgerätes kaum noch etwas versteht.
Dann betritt der Vater mit dem Braten das Esszimmer. Nun beginnt der Prozess, den sie so sehr hasst: Das Verteilen des Fleisches. Seit sie Kind ist, mag sie diesen Teil des Essens nicht. Als Kind konnte sie nicht verstehen, warum sich ein so schweres Gefühl in ihrer Magengegend ausbreitete, wenn der Vater anfing, die Fleischstücke zu begutachten, und sie dann den jeweiligen Personen zuteilte. Wie damals schon macht sich auch heute das Gefühl in ihrem Magen bemerkbar. Sie spürt ein starkes Kribbeln, das sich zu Druck entwickelt, der sich immer weiter ausbreitet und langsam hochkriecht. Sie spürt die Enge im Hals, die sie versucht wegzuatmen. Tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus. Das Gefühl und das tiefe Ein- und Ausatmen nimmt sie jedoch kaum mehr wahr. Mit der Zeit wurde es ein unbewusster Automatismus, über den sie nicht mehr nachdenken muss. Wie beim Blinzeln. Nachdem der Vater alle Stücke des Fleisches begutachtet hat, ist sein vermutlich imaginierter Verteilungsplan fertig und er fordert den jüngeren Bruder auf, ihm seinen Teller zu geben. „Schau mal, da ist ein großes Stück, das schaffst du doch, oder?“ Mehr eine Aussage als eine Frage, denn er gibt dem jüngeren Bruder den Teller mit dem Fleischstück zurück, ohne die Antwort abzuwarten. Als nächstes darf der große Bruder den Teller geben, der ein ähnlich großes Stück bekommt. Dann spricht der Vater die Mutter mit dem Kosenamen an, damit sie ihm ihren Teller reicht. Sie blickt auf die Platte mit den Fleischstücken und zeigt auf ein etwas kleineres Stück. „Ich möchte das haben, das ist nicht so viel, das reicht mir. Dann kann jemand anderes nachher noch ein größeres Stück haben“. „Na gut, wenn dir das reicht“, antwortet der Vater und legt das Stück auf den Teller. Die Großmutter weiß, dass sie als nächstes an der Reihe ist, zumindest reicht sie den Teller und sagt, dass sie ein kleines Stück möchte. „Ach komm, du schaffst auch ein größeres“, sagt der Vater und greift mit dem Servierbesteck nach einem mittelgroßen Stück. „Nein, nur ein kleines. Ich kann nicht so viel essen und muss auf die Linie achten“, sagt die Großmutter energisch. Jedoch hat die gebrechliche Stimme der zierlichen, aber zähen Frau kaum die nötige Kraft, um die Forderung ausreichend zu unterstreichen, und selbst wenn, ist sie sich nicht sicher, ob die Forderung den bereits beschlossenen Plan durchbrechen kann. Die Mutter ermahnt den Vater: „Hörst du nicht? Sie will ein kleineres.“ Daraufhin legt der Vater frustriert das Stück zurück und nimmt ein kaum kleineres. Jedoch scheint dies auszureichen, damit keine neue Beschwerde seitens der Großmutter eingelegt wird. Auch die Mutter scheint zufrieden und geht in die Küche, um die Soße zu holen. Als nächstes ist sie an der Reihe, ihren Teller zu reichen, das weiß sie, weil das schon immer so war. Tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus. Wortlos streckt sie ihren Teller hin und beobachtet, wie ihr Vater die Stücke erneut inspiziert. „Ich möchte das haben“, sagt sie und zeigt auf ein Stück. „Nein das ist zu groß“, sagt der Vater. Tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus. „Ich habe aber Hunger“, sagt sie trotzig. „Ich gebe dir das Stück und dann kannst du nachher noch etwas haben, wenn du noch Hunger hast“, sagt der Vater und greift nach einem anderen Stück. „Dann will ich wenigstens den Anschnitt haben“, sagt sie. Diesmal Atemzug ein, Atemzug aus seitens des Vaters. Er greift wortlos den Anschnitt und legt ihn auf den Teller. Wortlos nimmt sie ihren Teller zurück und stellt ihn an ihren Platz. Der Vater legt sich ein Stück auf den Teller und bringt das restliche Fleisch zurück in die Küche.
Die Mutter schöpft inzwischen jedem die gewünschte Menge Soße, ehe sie auch die Soße in die Küche bringt. Während des Essens führen die Erwachsenen ein Gespräch. Die erwachsenen Kinder tauschen sich indes über das Wochenende und die neusten Neuigkeiten aus. Dabei witzeln die Brüder, was zu Gelächter führt und dazu, dass die Großmutter verwirrt schaut, weil sie wieder nichts versteht. Als die Spätzle auf den Tellern zu Neige gehen, holt die Mutter Nachschub aus der Küche. Der Vater greift sich die Nudelzange. Die Großmutter protestiert, als der Vater ihren Teller nehmen will: „Stopp, ich habe genug. Ich kann nicht so viel essen.“ Atemzug ein, Atemzug aus – seitens des Vaters. Er nennt die Mutter wieder beim Kosenamen und fragt, ob sie noch etwas essen möchte. Sie bejaht. Der Vater greift eine Portion mit der Zange: „Viiiiel weniger“, sagt die Mutter. „Weniger…weniger…weniger“, begleitet sie verbal den Prozess, bis der Vater so viele Spätzle aus der Zange hat gleiten lassen, dass sich die gewünschte Menge in der Servierzange befindet. Als nächstes greift der Vater sich den Teller des jüngeren Bruders und legt weitere Spätzle auf den Teller: „Komm, du verträgst das.“ Der Bruder lacht: „Ja, ich bin ja schließlich noch im Wachstum.“ Die Mutter und die Großmutter lächeln ihm wohlwollend zu, während der Vater ihm lächelnd den Teller zurückstellt. Die Mutter steht auf, um nochmals die Soße zu holen. Der große Bruder bekommt ebenfalls noch geschöpft. Auch die Spätzle auf ihrem Teller gehen allmählich zur Neige. Atemzug ein, Atemzug aus. „Ich hätte gerne auch noch ein paar Nudeln”, sagt sie. Der Vater blickt auf ihren Teller: „Du hast aber noch.“ Atemzug ein, Atemzug aus. „Ich habe aber noch Hunger und sonst muss ich gleich extra aufstehen, um mir nochmal Nudeln zu holen.“ Der Vater blickt sie an. Atemzug ein, Atemzug aus. „Ich will aber noch Nudeln haben“, wiederholt sie mit mehr Nachdruck, aber sie spürt gleichzeitig, wie ihre Kehle immer enger wird. Tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus, tiefer Atemzug ein, tiefer Atemzug aus. „Ja gut, wenn du meinst, dass du es dir leisten kannst“, sagt der Vater. Zwar waren die Worte für alle hörbar, doch trafen diese nur sie wie ein gezielter Schlag in den Magen. Das hat gesessen. Sie hat geahnt, dass es heute wieder kommen wird, aber hat sich eingeredet und gehofft, dieses Mal besser drauf vorbereitet zu sein. Zu der Enge im Hals gesellt sich ein riesiger Kloß, der ihr schmerzhaft die Luft abschnürt. Ihre Augen fangen an zu brennen und die Szenerie beginnt zu verschwimmen. Sie presst ihre Zähne aufeinander, weil das dumme Ein- und Ausatmen und das erbärmliche Wegatmen nicht mehr ausreicht. „Fang jetzt ja nicht an zu weinen, Das kennst du doch schon, vielleicht hat er das nicht so gemeint“, sagt sie sich innerlich und versucht die Tränen wegzublinzeln. Sie ist sich aber nicht sicher, ob er das nicht doch genau so meint. „Aber wenn er es so gemeint hat, warum sagt niemand etwas?“, schießt ihr durch den Kopf.
Sie war immer schon ein etwas dickeres Kind gewesen. Sie hatte das aber nie als Problem gesehen und ihr war es nicht einmal aufgefallen, da sie genauso schnell wie die anderen rannte und genauso gut klettern und tauchen konnte. Der erste Moment, in dem es ihr bewusst wurde, war, als sie mit der Mutter einmal einkaufen ging und eine Röhrenjeans kaufen wollte. Sie hatte sich eine Hose ausgesucht und probierte sie in der Umkleidekabine an. Als sie stolz aus der Kabine trat, zögerte die Mutter. „Ich weiß nicht. Dreh dich mal“, sagte sie zögerlich. „Ich will die Hose, so eine Hose habe ich gesucht!“, worauf die Mutter erwiderte: „Nein, lieber nicht, das ist was für die anderen Mädchen.“ Sie fragte sich, was der Unterschied zwischen ihr und den „anderen Mädchen“ sein sollte.
In den nächsten Jahren lernte sie, wer die „anderen Mädchen“ waren. Die Mädchen, die auch Bikinis tragen durften, die Mädchen, die nicht schon früh einen BH tragen mussten, und die Mädchen, die vermutlich selbst entscheiden durften, wie viele Nudeln sie essen wollten. Glücklicherweise hatte sie mit zwölf Jahren entdeckt, dass man Essen nicht zwangsweise bei sich behalten musste. So schaffte sie es erfolgreich im Laufe der Pubertät zu einem der „anderen Mädchen“ zu werden, die auch einen Bikini tragen durften, eines der „anderen Mädchen“, das stolz einen BH trug und eines der „anderen Mädchen“, welches selbst über die Portionsgröße entscheiden durfte. Es machte sie stolz, als sie hörte, wie die Erwachsenen darüber sprachen, wie sie sich über die Pubertät „gestreckt“ hatte und behielt ihre Methode für sich.
Im Laufe der Jahre war ihr das Gewicht egal geworden, weil sie festgestellte, dass sie auch unabhängig von ihrem Gewicht eine „der Frauen“ sein konnte, die stolz einen Bikini oder BH trägt und selbst über die Größe ihrer Portion entscheiden kann. Doch jetzt, am Familientisch, spürte sie kaum noch was davon. Aus Protest beharrte sie auf ihre Portionsgröße, jedoch fühlte sie sich dabei so jämmerlich und klein, dass sie wütend auf sich wurde. Wütend, weil sie jahrelang daran gearbeitet hatte „diese Frau“ zu sein, aber jetzt kaum etwas davon übrig war. Wütend, weil der Kloß im Hals nach all den Jahren nicht kleiner wurde. Wütend, weil sie unfähig war auszusprechen, wie es ihr damit geht. Wütend, weil die anderen nur die Beschwerde über die Größe einer Portion hörten. Wütend, weil sie nicht einmal richtig wütend sein konnte, ohne direkt traurig zu werden. „Ja, ich kann es mir leisten“, war das Einzige, was sie mit brennenden Augen über die Lippen bekam, bevor sie mit glühenden Wangen den Teller entgegennahm.
Sie spürte, wie der Hunger einem großen, schweren Stein im Magen wich und ihr Appetit verging. Doch als Konsequenz ihres Protestes sah sie sich nun gezwungen, die Portion trotzdem zu essen. Ihre verdammten Augen wollten nicht aufhören zu brennen, als sie lustlos die Nudeln zum Mund führte. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob die anderen am Tisch denn nicht mitbekommen, was hier passiert. Waren sie schlau genug, um im richtigen Moment wegzuhören? War sie zu dramatisch? Bekam sie tatsächlich alles in den falschen Hals? Selbst wenn die Anderen nicht verstehen konnten, wie sehr die Worte sie trafen, sahen sie nicht, wie sie jedes Mal mit den Worten rang und gegen die Tränen kämpfte? War sie wirklich so im Unrecht in den Momenten, in denen sich die Wut ihren Weg bahnte oder warum ergriff niemand Partei für sie? All diese Fragen führten nur dazu, dass der Kloß in ihrem Hals immer größer wurde. Ein schmerzhafter Korken, der verhinderte, dass all die Erlebnisse, die Fragen, die Wut, die Scham und die Trauer jemals ihren Weg nach außen finden würden. In solchen Momenten war sie dankbar, dass sie am Ende des Tisches an der Wand saß.
Die Mutter kommt mit der Soße herein und stellte diese auf den Tisch. Sie ist erleichtert, als die Mutter die Schöpfkelle in die Hand nimmt und nicht der Vater.
SUGGESTED CITATION: Lonsinger, Josephine B.: Spätzle mit Soß', in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/spaetzle-mit-soss/], 08.06.2026