Tim Schanetzky

Verdopplung der Verdopplungszeit, Halbierung der Glaubwürdigkeit

Corona und die Pfade der Krisenkommunikation

Zum Alltag in der Corona-Isolation gehört der morgendliche Griff zum Smartphone: Wie hat sich die Verdopplungszeit der Neuinfektionen zuletzt entwickelt? Auf einen Blick und im internationalen Vergleich ging das verlässlich auf der Startseite von Sueddeutsche.de. Bis zum 9. April, denn am Gründonnerstag war alles anders: Die Verdopplungszeiten – plötzlich verschwunden. Also ein Blick auf die interaktiven Corona-Daten bei Zeit.de, wo die Verdopplungszeit bis dato Teil der Bundesländer-Kurven gewesen war. Auch dort eine Veränderung: Die Länderkurven zeigen jetzt die Entwicklung der Todesfälle; um zu den Daten über die Neuinfektionen zu gelangen, braucht es einen zusätzlichen Klick.

Schon dass die Verdopplungszeit überhaupt zur wichtigsten Messziffer der Krise werden konnte, ist bemerkenswert: Statistisch basiert sie auf positiven Corona-Testergebnissen, deren Zahl mit der Testpraxis und der Verfügbarkeit von Test- und Laborkapazitäten beträchtlich schwankt, während über die Zahl der unentdeckten Erkrankungen keine Klarheit herrscht. Seit je liefert sie also nur Scheingenauigkeit. Robert-Koch-Institut und Johns Hopkins University hüteten sich, die Ziffer überhaupt zu berechnen. Vielmehr entsprang sie einem unter Journalisten verbreiteten Bedürfnis nach vereinfachter Krisenkommunikation, das vom exponentiellen Wachstum der Fallzahlen besonders herausgefordert war. Weil Vereinfachung immer Kosten hat und weil es für die Berechnung der Verdopplungszeit kein Standardverfahren gibt, führten unterschiedliche Referenzzeiträume bald zu differierenden Werten.

Gleichwohl schufen die Online-Redaktionen der Süddeutschen und des Spiegel mit ihrer Fünf-Tages-Berechnung jenen Standard, den bald auch die Politik heranzuziehen begann. Angela Merkel begründete damit am 26. März das Kontaktverbot: „Das Ziel ist ja, dass wir die Maßnahmen so gestalten, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Deshalb ist ein interessanter Faktor ein Faktor, der sagt: Wie lange dauert es eigentlich, bis sich die Zahl der Neuinfizierten verdoppelt? Im Augenblick sind wir in Deutschland bei etwa vier bis fünf Tagen. … Wir müssen durch unsere Maßnahmen noch sehr viel mehr Tage erreichen, und zwar in Richtung von zehn Tagen.“1 Während sich die Verdopplungszeit stabilisierte, bald langsam und zuletzt immer deutlicher zu steigen begann, ruderte die Bundeskanzlerin zurück: Die Behandlung von Intensivpatienten dauere länger als gedacht, deshalb würden es „bei den Verdopplungszeiträumen auch mehr als zehn Tage sein müssen, nämlich eher 12, 13 oder 14 Tage, weil wir sonst Überlastungserscheinungen hätten.“2 Zuletzt tat das Kanzleramt dann alles, um die Bedeutung der Messziffer in toto zu relativieren. Merkel betonte nun, dass stets auf der Grundlage vieler Indikatoren entschieden werde, zu denen auch der Reproduktionsfaktor oder die Zahl der Neuerkrankungen zählten. Man müsse eben „verschiedene Kriterien“ heranziehen, die „alle miteinander zusammenhängen“.3

Teile des Journalismus haben vor dem langen Osterwochenende denselben Kurswechsel vollzogen. Die Süddeutsche Zeitung erklärte, dass die Kontaktsperre nun offenbar Wirkung zeige. Die Zahl der täglich ermittelten Neuinfektionen wachse nicht mehr exponentiell, sondern linear. In diesem Stadium sei die Verdopplungszeit aber „nicht mehr der beste Indikator, um den Verlauf der Pandemie zu beschreiben. Stattdessen stellen wir nun die Zahl der täglichen Neuinfektionen stärker in den Vordergrund.“4 Das wirft Fragen auf. Worin mag der Nutzen absoluter Zahlen in einer nach Nationalstaaten gegliederten Übersicht liegen, wenn die Werte gar keinen Vergleich mehr ermöglichen? Warum stellte sich das methodische Problem offenbar noch nicht, als man die einstelligen deutschen Verdopplungszahlen in den vergangenen Wochen mit zweistelligen Werten anderswo auf der Welt verglich? Wieso stellt man die Zahl der täglichen Neuinfektionen jetzt nicht nur „stärker in den Vordergrund“, sondern bricht die bisherige Praxis gänzlich ab? Während andere Medien die Messziffer weiter zur Verfügung stellen – wenngleich man nun gezielt danach suchen muss –, findet man bei Süddeutsche.de seit Gründonnerstag gar keine Angaben mehr zu den Verdopplungszeiten. Das gilt für Deutschland, aber genauso für andere Staaten, die noch nicht in die Phase des linearen Wachstums eingetreten sind. Und schließlich: War es klug, die Berichterstattung genau in dem Moment so radikal umzustellen, an dem die Verdopplungszeit auf einen Wert von knapp 17 Tagen anstieg? Am bisherigen Maßstab hätte sich ja gerade der Erfolg der deutschen Kontaktsperre eindrucksvoll ablesen lassen.

Die statistische Messziffer plötzlich für ungeeignet zu erklären, mag gute methodische Gründe haben. Die Journalisten werden bei diesem Manöver aber wohl dieselbe Erfahrung wie die Kanzlerin machen – dass nämlich die Form der Krisenkommunikation zu Pfadabhängigkeiten führt. Wer die Öffentlichkeit über Wochen auf die Verdopplung der Verdopplungszeit einschwört, gerät in argumentative Not, wenn er dieses Messinstrument für gänzlich ungeeignet erklärt, sobald es Zielerreichung signalisiert. Schlimmer noch: Der Zeitpunkt und die Radikalität des Bruches riechen nach einem Journalismus, der glaubt, einen Beitrag zur sozialen Disziplinierung unter den Bedingungen der Kontaktsperre leisten zu müssen. Ein Beitrag zur so verstandenen Solidarität ist jedoch so wenig Aufgabe von Journalisten wie die Verbreitung von Bastelanleitungen für selbstgenähte Gesichtsmasken. Vielmehr beschädigt ein solches Manöver die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Es verhilft all jenen zu neuer Munition, die sich ihre Meinung über die vermeintlichen „Mainstream-Medien“ längst gebildet haben und die lieber denen Glauben schenken, die stets raunen: Cui bono?

SUGGESTED CITATION: Schanetzky, Tim: Verdopplung der Verdopplungszeit, Halbierung der Glaubwürdigkeit. Corona und die Pfade der Krisenkommunikation, in KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/verdopplung-der-verdopplungszeit-halbierung-der-glaubwurdigkeit/], 14.04.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200414-1040

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