Julika Griem

Wer sind Helden?

I.

Jan de Kinders gerade ins Deutsche übersetzte Bilderbuch „Keine Angst, Großer Wolf“ handelt von einem Wolfs-Vater, der Angst vor dem Wald hat. Weil sein kleiner Sohn diese Angst mit ihm überwinden möchte, kommt es zur folgenden Schlüsselszene: „Papa, du hast es geschafft! Jetzt sind wir mitten im Wald. Wir sind an den knackenden Ästen vorbeigegangen und an den Gänsen im Teich. Und dann ist auch noch Vollmond. Du hast dich getraut. Du bist ein Held!“ „Ein Held?“ Großer Wolf räuspert sich. „Ja, ein richtiger Held.“1Vätern und Söhnen wird mit dieser Geschichte eine Gelegenheit zum zeitgemäßen bonding gegeben – der kleine Wolf sorgt therapeutisch sachkundig für die Stabilisierung des großen Wolfs, und das ganz ohne weibliche Hilfe. Er bespricht die väterliche Krisen-Episode am Ende des Buches nur nachsichtig mit seiner Menschen-Freundin, mit der er speziesübergreifend frühreife Weisheit und Blaubeerkuchen teilt.

Kinder- und Jugendbücher sind gute Indikatoren für soziale und politische Konjunkturen. So scheinen die beiden Bilderbuch-Wölfe umzusetzen, was in den USA seit einer Weile als akademisch verbrämtes Trainingsprogramm für eine wehrhaftere Zivilgesellschaft angeboten wird: Unter Stichworten wie dem „Heroic Imagination Project“ und einem „Hero Round Table“ hat sich eine Bewegung für „Heroism Science“ zusammengefunden, die sozialpsychologische und symbolpolitische Trainingsangebote für heroisches Verhalten im Alltag macht.2 In dieser Szene steht die seit den 1950er Jahren so genannte Heldenreise des amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell noch hoch im Kurs; ein narratives Allzweck-Schema, mit dem nicht allein Drehbuch-Autoren und Management-Coaches arbeiten, sondern selbst nach dem Fall des Claas Relotius immer noch Blaupausen für packende Reportagen vermittelt werden.

Ohne martialischen Predigerton, aber mit einer vergleichbaren Motivation hat sich der St. Gallener Philosoph Dieter Thomä für eine Grundversorgung mit heroischer Sinnstiftung eingesetzt. Thomä begab sich schon mit seinem populären Sachbuch Väter. Eine moderne Heldengeschichte aus dem Jahr 2008 auf den Pfad, den auch die beiden Wölfe einschlagen. In seinem neuen Buch Warum Demokratien Helden brauchen 3 registriert er eine gegenwärtige Unterversorgung mit heroischer Inspiration und schlägt daher vor, die Tradition nach akzeptablen und anschlussfähigen Vorbildern zu durchforsten. Diesen Heldentest auf Demokratieverträglichkeit überleben vorhersehbarerweise längst nicht alle altbekannten Überflieger und Einzelkämpfer. Thomä muss vielmehr weitläufig abrüsten, was z. B. die Geschlechterpolitik und die Fixierung auf kriegerische Bewährungsproben anbetrifft. Übrig bleiben gebrochene und fehlbare Figuren wie Odysseus, aber vor allem Alltagsheldinnen und -helden, die sich z. B. in der Friedens- und Kommunalpolitik, in der Daseinsfürsorge und der Umweltbewegung zu bewähren vermögen.

Angesichts der von Thomä angeregten normativen Anpassung des heroischen Repertoires kann man sich fragen, ob nicht im Prozess einer solchen Aktualisierung gerade das verloren geht, was immer noch zum ambivalenten Faszinationspotential von Heldenfiguren beiträgt: weniger ihre Rekrutierbarkeit für ein zivilgesellschaftliches Großprojekt als transgressive Eigenschaften wie Einzelgängertum und Maßlosigkeit, Gewaltverliebtheit, Risikoverfallenheit und dezidiert undemokratische Führungsversprechen. Aus einer konservativ-nostalgischen Perspektive eröffnet sich an dieser Stelle leicht eine Verfallsgeschichte, die nicht demokratische Fortschritte, sondern den Verlust authentischer Leidensfähigkeit und charismatischer Autorität verzeichnet. In einer jüngst veranstalteten Dresdener Lesung aus ihrem noch unveröffentlichten Roman Arthur Lanz markierte die Schriftstellerin Monika Maron diese Perspektive wie folgt: „Die Not gebiert Helden, nicht der Wohlstand.“ „Was ist aus dem Wort Held geworden, wenn man einen Pizza-Service ‚Lieferheld‘ nennt?“4

Eine weniger elegische Position gegenüber veränderten Bedingungen für Heroismus nimmt der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling in seinem neuen Buch Postheroische Helden ein. Anders als Maron bedauert er nicht in kulturkritischer Manier, sondern bilanziert eine widersprüchliche Konstellation: Während einerseits Heldenmangel beklagt wird, proliferieren andererseits populäre Variationen heroischer Schemata. Anders als Thomä geht Bröckling zudem weniger sozialtherapeutisch als analytisch vor. Er problematisiert die archaischen Aspekte wirkmächtiger Helden-Diskurse. Sein Buch modernisiert und diversifiziert nicht einfach das heroische Erbe, sondern dekonstruiert es: Er ruft dazu auf, Helden-Traditionen so „kaputtzudenken“, dass andere Erzählungen über individuellen Einsatz, persönliche Opferbereitschaft und das Verhältnis von Einzelnen und Vielen entstehen.5

II.

In den gerade genannten Explorationen gegenwärtiger heroischer Ressourcen taucht die Wissenschaft nur am Rande auf. Eigentlich ließen sich Thomäs Kriterien für zeitgemäßes Heldentum – Selbstlosigkeit, Standhaftigkeit, Nachhaltigkeit – durchaus auf Forscherinnen und Forscher anwenden. Im Zentrum von Thomäs Buch stehen aber Figuren wie Edward Snowden; Greta Thunberg muss sich als „Heldin in der Probezeit“ noch bewähren. In der aktuellen Klima-Debatte sind allerdings durchaus Tendenzen einer Reheroisierung von Wissenschaft zu beobachten, wenn demonstrierende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Sachwalter der Wahrheit im Kampf gegen Populismus marschieren. Noch deutlicher zeigt sich diese Tendenz in einer Berichterstattung, in der ausgewählte Forschungsthemen und Forscherfiguren zu heroischem Material von traditionell erzählten Abenteuergeschichten werden: Forschende Helden – in der Regel immer noch Männer – ziehen aus in die terra incognita unbekannter Gegenstandsbereiche, erfahren Neues in Form von krisenhaften Durchbruchs-Erlebnissen und kehren zurück, um ihr Wissen zu verbreiten.

In Ulrich Bröcklings Studie wird das postheorische Zeitalter am Beispiel von Subjektivierungsformen, Management-Schulen und Kriegen beleuchtet. In die Wissenschaft führt eine Spur über die heroischen Denkfiguren und Affektmuster einer Moderne, für die die gewaltaffinen Ermächtigungs- und Mobilisierungsfantasien Nietzsches und Ernst Jüngers, aber auch die Wissenschafts-Reflexion Max Webers eine wichtige Rolle gespielt haben. Letzterer blickt in ähnlich gespaltener Weise auf das eigene Tun wie bereits Hegel auf die heroischen „Geschäftsführer“ des Weltgeistes.6 Webers vielzitierter „Heroismus der Sachlichkeit“7 wird in der berühmten Rede „Wissenschaft als Beruf“ interessanterweise an einem philologischen Beispiel auf die Spitze getrieben: „Wer also nicht die Fähigkeit besitzt, sich einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, daß das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissenschaft ja nur fern.“8

Mit der Konjektur, also der textwissenschaftlichen Arbeit auf einer philologischen Minimalbaustelle, wählt Weber ganz bewusst eine Urszene des Forschens, in der sich Großes im Kleinen entscheidet, leidenschaftliche Nähe und gelehrte Distanz zum Gegenstand aufeinanderprallen. Diese Grundspannungen akademischen Arbeitens stehen auch im Zentrum eines Sammelbandes, mit dem Rolf Klausnitzer, Carlos Spoerhase und Dirk Werle die heroischen Konjunkturen der Wissenschaft rekonstruiert haben. Ausgehend von den Kategorien Ethos und Pathos, die bereits in der antiken Rhetorik die Haltung und die Effekte von Sprechhandlungen und Texten ausmachen, ergibt sich mit dieser Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2015 die Möglichkeit, wissenschaftliche Selbst- und Fremdbilder auf eine „Geschichte der kulturellen Problemstellungen“ und eine „Geschichte der epistemischen Leidenschaften“ zu beziehen.9 In diesen engzuführenden Geschichten tauchen Klischees wie der weltfremde Gelehrte und der Kämpfer für die Wahrheit auf, aber es wird auch deutlich, wie diese Stereotypen jeweils unterschiedlich heroisierbar werden: Je nach diskursivem Kontext ist nicht unbedingt immer der robust die Welt erkundende Naturwissenschaftler der Held, sondern vielleicht auch der standhaft schüchterne Mediävist, der passiven Widerstand gegen Zumutungen leistet. Auch hier erkennt man – wie der genannte Sammelband herausarbeitet –, dass die Wissenschaft sich recht gut mit einem Pathos der Pathosvermeidung eingerichtet hat. Dieses gerät allerdings angesichts der gegenwärtigen Nachfrage nach emotional-effizienter Wissenschaftskommunikation unter Beschuss, und muss ohnehin in jedem Einzelfall auf das jeweilige Wissenschaftssystem und seine disziplinären Traditionen und Arbeitsteilungen bezogen werden.

III.

Mit der gegenwärtigen Pandemie-Krise verschieben sich die heroischen Valenzen und Codes nun noch einmal vor unser aller Augen. Auf einen ersten Blick scheint sich Dieter Thomäs Therapie noch dringlicher anzubieten: Wo sich Sorge, Angst, Panik und Hysterie zu vermehren drohen, vermögen Heldinnen und Helden des Alltags zu helfen. Als solche könnte der St. Gallener Philosoph mit guten Gründen das Gesundheitspersonal, die Kassiererinnen, Lastwagenfahrer, Müllmänner, Angestellte in Obdachloseneinrichtungen und so viele andere auszeichnen, die gegenwärtig einfach weitermachen und für das notwendige Minimum an Funktionalität und sozialer Stabilität sorgen. Zugleich liefert die Krise uns auch eindrucksvolle Negativ-Beispiele für die archaischen Spielformen des Heroismus: Die martialischen Posen der Herren Trump, Bolsonaro und Johnson sowie auch die Kriegs-Rhetorik Emanuel Macrons stehen für spektakuläre Formen und Simulationen von Mobilisierung, von denen noch offen ist, ob sie in einer Entzauberung enden könnten, die sich auch im Wahlverhalten manifestiert.

Auch mit Blick auf das Nebeneinander von Helden-Müdigkeit und Helden-Sehnsucht bleibt die Lage also unübersichtlich. Viele von uns ertappen sich indessen dabei, im Zeichen der Pandemie die Pole von Ethos und Pathos neu auszurichten. Angesichts von durch soziale Medien veränderten Aufmerksamkeitsökonomien sind längst neue Formen moralischer Selbstvergewisserung und entsprechend gewählte Waffen der Verurteilung und Schmähung in der Welt. Um mit einem aktuellen Buchtitel des taz-Journalisten Matthias Lohre zu sprechen: „Das Opfer ist der neue Held.“10. Die sich so rasant ausbreitende Pandemie erzwingt aber noch weitere Neueinschätzungen; als Krise übersteigt sie quasi noch einmal jene Krisengeschehen und Krisendiskurse, mit denen wir in Zeiten von Überbietungskommunikation ohnehin vertraut sind. Und lässt uns darüber nachdenken, wo veränderte Praxis- und Ausdrucksformen von Solidarität auch durch neue affektive Apellstrukturen ermutigt werden müssen.

Mit einem letzten Blick in Ulrich Bröcklings Studie kann man auch an dieser Stelle noch einmal differenzieren. Als Bausteine einer ambiguitätsbewussten Theorie des Heroischen führt Bröckling neben den Kategorien „Exzeptionalität“, „Transgression“, „Männlichkeit“, „Handlungsmacht“, „Opferbereitschaft“, „moralische Affektion“ und „ästhetische Inszenierung“ auch „Tragik“ und „Agonalität“ an. Diese letzten beiden Aspekte führen noch einmal zurück zur Frage nach den heroischen und heroisierbaren Ressourcen der Wissenschaft in der aktuellen Lage. Als tragischer Held im Kampf gegen die Ausbreitung des neuen Virus ist sicherlich der chinesische Arzt Li Wenliang zu sehen, der sich für transparente Information eingesetzt hat und früh an der Krankheit gestorben ist, vor der er seine Patienten schützen wollte.

Weniger schnell drängen sich mögliche Vorteile der heroisch relevanten Kategorie der Agonalität auf – sollte es in der Krise nicht darum gehen, kräftezehrenden Streit und ebensolche Wettkämpfe zu vermeiden? Vielleicht nur, wenn es tatsächlich – wie in vielen Fällen tradierten heroischen Verhaltens – um (männliches) Dominanzgebaren geht. Nicht verzichten sollten wir allerdings auf die Notwendigkeit, von vorschnell versprochenen Wahrheiten abzusehen und gerade Wissenschaft als einen Modus zu praktizieren, in dem aus Revision und Falsifizierung gelernt werden muss. Viele Forscher*innen, die gerade an vorderster Front als Experten Auskunft geben müssen, führen jetzt vor, was Agonalität als wissenschaftliches Grundprinzip auch für die Gesellschaft in postheroischen Zeiten leisten kann: Es geht um einen friedlichen Streit um bessere Ansätze, Fragen, Methoden und Argumente, indem Fehleinschätzungen benannt und Befunde und vorläufige Gewissheiten kontinuierlich neu interpretiert werden müssen.

Natürlich existiert auch dieser Wettstreit nicht in einem idealen Raum, in dem Belohnungen und Gewinne, Eitelkeiten und Reputation keine Rolle mehr spielen. Gegenwärtig dürfen wir aber erleben, dass sich der Streit um die besseren wissenschaftlichen Deutungen zur Bekämpfung der Pandemie in Deutschland an vielen Stellen durch Präzision, Sorgfalt und Durchhaltevermögen auszeichnet. Dadurch entstehen neue Optionen auch für Ton und Haltung in der Wissenschaftskommunikation, und vielleicht tatsächlich so etwas wie ein neuer Heroismus der Sachlichkeit. Dass dieser nicht allein Männersache ist, verdanken wir auch jener wissenschaftsaffinen Kanzlerin, der häufig vorgeworfen wurde, der Politik durch ihre gewitzte Trockenheit zu viele Mobilisierungseffekte zu entziehen. Ihre ethisch und pathetisch so ausgewogene Rede an die Nation konnte diesen Vorwurf noch einmal entkräften. Mit Blick auf amerikanische, brasilianische, britische und andere politische Bühnen können wir für das postheroische Immunsystem der Physikerin an der Spitze unseres Staates aufs Neue dankbar sein.

References

  1. Jan de Kinder: Keine Angst, Großer Wolf. Frankfurt am Main: FISCHER Sauerländer, 2020.
  2. Weitere Informationen sind unter https://www.heroicimagination.org/, http://heroroundtable.com/, und https://scholarship.richmond.edu/heroism-science/ zu finden.
  3. Dieter Thomä: Väter. Eine moderne Heldengeschichte. München: Hanser, 2008; ders.: Warum Demokratien Helden brauchen. Berlin: Ullstein, 2019.
  4. So berichtet in der FAS vom 15.3.20.
  5. Ulrich Bröckling: Postheroische Helden. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 233 ff.
  6. Ebd., S. 97.
  7. Ebd., S. 97.
  8. Max Weber: „Wissenschaft als Beruf“.
  9. Rolf Klausnitzer, Carlos Spoerhase, Dirk Werle, Hg.: Ethos und Pathos in den Wissenschaften. Berlin: de Gruyter, 2015, S. 35. https://doi.org/10.1515/9783110375008.
  10. Matthias Lohre: Das Opfer ist der neue Held. Berlin: Random House, 2019.

SUGGESTED CITATION: Griem, Julika: Wer sind Helden? in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/wer-sind-helden/], 06.04.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200406-0900

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