Exegese zu: Angekommen
Die Fiktion erzählt die Geschichte des migrantischen Jungen Willi, der mit seiner Familie aus dem fiktiven Land Boravia nach Almania kommt. Im Zentrum der Erzählung steht weniger die Migration als solche, als vielmehr die Frage, wie Zugehörigkeit, Fremdheit und soziale Anerkennung im Alltag eines Kindes hergestellt und erfahren werden. Die Geschichte thematisiert insbesondere die Entstehung von Scham, die Angst vor Stigmatisierung sowie die daraus resultierenden Bewältigungsstrategien.
Willi macht früh die Erfahrung, dass Herkunft sozial relevant ist. Immer wieder begegnet er Situationen, in denen Sprache, Akzent oder seine Familie als Zeichen von Andersartigkeit wahrgenommen werden (könnten). Besonders prägend sind dabei alltägliche Erfahrungen wie die Bemerkung eines Kindergartenkindes über seine Sprache oder die Situation mit seinem Vater und der Polizei. Solche Erlebnisse vermitteln ihm, dass er und seine Familie von den gesellschaftlichen Normen der Mehrheitsgesellschaft als abweichend wahrgenommen werden (könnten).
Aus der Perspektive Erving Goffmans kann Willis Herkunft oder genauer: sein Akzent, seine Kleidung, sein Wohnort usw. als potenzielles Stigma verstanden werden. Goffman geht davon aus, dass soziale Identität vor allem in face-to-face-Interaktionen hergestellt, stabilisiert, aber auch verunsichert oder beschädigt wird. Als Störung in solchen Interaktionen fungiert ein wahrnehmbares, negativ bewertetes Merkmal, das einer Person zugeschrieben wird. Stigmata werden besonders in „gemischten“ Begegnungen zwischen „Normalen“ und „Anderen“ relevant. Goffman unterscheidet dabei zwischen diskreditierten und diskreditierbaren Personen: Während Erstere ein sichtbares Stigma tragen, verfügen Letztere über ein potenziell stigmatisierbares Merkmal, das jedoch verborgen werden kann.1
Diese unterschiedlichen Ausgangslagen führen zu verschiedenen Formen des Umgangs. Diskreditierte müssen vor allem mit bereits sichtbarer Abweichung und der daraus entstehenden Interaktionsspannung umgehen, während Diskreditierbare darauf angewiesen sind, Informationen über sich aktiv zu kontrollieren – so auch Willi. Seine Strategien der Informationskontrolle und des Verbergens zeigen das kontinuierliche Stigma-Management: das Verschweigen seines Wohnortes, die Kontaktmeidung mit anderen boravischen Kinder, das Heraushalten seiner Eltern aus schulischen Kontexten und die Kontrolle ihrer Sprache im öffentlichen Raum. Die Angst vor Entdeckung wird dabei jedoch zu einem alltäglichen Begleiter.
Eng damit verbunden ist die Emotion der Scham. Scham kann als ein grundlegender sozialer Affekt verstanden werden, der Gefährdungen sozialer Bindungen signalisiert. Ähnlich wie Angst vor körperlichen Gefahren warnt, verweist Scham auf eine mögliche Bedrohung von Anerkennung, Zugehörigkeit und sozialen Beziehungen. Insbesondere für Kinder, deren Entwicklung stark von sozialen Bindungen abhängt, kann Scham daher eine wichtige Orientierungsfunktion besitzen.2 Typische Reaktionen auf Schamerfahrungen sind Rückzug, Verstecken oder Vermeidungsverhalten.3
Die Geschichte zeigt, dass Scham nicht erst durch tatsächliche Ausgrenzung entsteht, sondern bereits durch die Vorstellung, von anderen negativ beurteilt werden zu können. Dies wird an mehreren Szenen deutlich. Soziologisch lässt sich Scham als Folge eines verinnerlichten Blicks der anderen verstehen.4 Bereits Georg Simmel beschreibt Scham als Zustand, in dem das Individuum sich durch die Aufmerksamkeit anderer hervorgehoben fühlt und zugleich den Eindruck hat, gegen eine soziale, moralische oder konventionelle Norm zu verstoßen.5 Genau dies zeigt sich bei Willi. Er beginnt sich selbst zunehmend mit den Augen der Mehrheitsgesellschaft zu betrachten. Fast schon wäre man geneigt zu sagen, dass Fremdzuschreibungen nicht nur Teil seines Selbstbildes werden, sondern dieses ersetzen: Seine Herkunft erscheint ihm nicht mehr als selbstverständlicher Bestandteil seiner Biografie, sondern als ein negativ bewertetes Merkmal, das seine Zugehörigkeit infrage stellen könnte. Seine Herkunft wird ihm zum Makel und daher mit Scham besetzt.
Dass es Willi immer wieder gelingt, diesen Makel zu verbergen, würde der amerikanische Soziologe Harold Garfinkel als „passing“ bezeichnen. In seinen Studies in Ethnomethodology beschreibt er „passing“ als die aktive und fortlaufende soziale Leistung eines Individuums, von anderen als legitimes Mitglied einer bestimmten sozialen Kategorie anerkannt zu werden. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um Täuschung oder Maskerade. Willis Geschichte zeigt, dass soziale Regeln beobachtet und situationsangemessen angewendet werden müssen. Gleichzeitig müssen Informationen kontrolliert werden, die die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Almanier“ infrage stellen könnten.6
Zusammenfassend zeigt die Geschichte, dass Zugehörigkeit für Willi keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine soziale Leistung, die ständig hergestellt und abgesichert werden muss. Seine Strategien des Verbergens, seine Schamerfahrungen und sein fortwährendes Passing verdeutlichen, wie stark die Angst vor Stigmatisierung sein Handeln prägt. Die Fiktion macht damit sichtbar, dass Migration nicht nur einen räumlichen Ortswechsel bedeutet, sondern auch einen komplexen Prozess der sozialen Positionierung und Identitätsarbeit umfasst.
Zugleich verweist die Geschichte auf die subjektiven Kosten eines solchen „passings“. Willi wirkt selten unbeschwert oder gelassen. Sein Alltag ist von einer ständigen Wachsamkeit geprägt. Er muss fortlaufend darauf achten, welche Informationen über ihn sichtbar werden, welche Situationen seine Herkunft offenlegen könnten und wie andere ihn wahrnehmen. „Passing“ erscheint dadurch nicht nur als Strategie der Zugehörigkeit, sondern auch als dauerhafte emotionale Belastung, die ein entspanntes „Bei-sich-Sein“ erschwert.
Der Titel „Angekommen“ erhält vor diesem Hintergrund eine ambivalente Bedeutung: Obwohl Willi äußerlich in Almania angekommen ist, bleibt seine Zugehörigkeit innerlich fragil. Er lebt in ständiger Spannung zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und der Angst, aufgrund seiner Herkunft als anders wahrgenommen zu werden.
References
- Erving Goffman, Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, 26. Aufl. (Suhrkamp, 2024), 56f.
- Helen B. Lewis, Shame and Guilt in Neurosis (International Universities Press, 1971), 419–438.
- June Price Tangney, Jeff Stuewig und Debra J. Mashek, „Moral Emotions and Moral Behavior“, Annual Review of Psychology 58 (2007), 345–372, https://doi.org/10.1146/annurev.psych.56.091103.070145.
- Veronika Magyar-Haas, „Shame as an Anthropological, Historical and Social Emotion“, in Liz Frost et al. (Hrsg.), Shame and Social Work: Theory, Reflexivity and Practice (Bristol University Press, 2020), 55–78, https://doi.org/10.1332/policypress/9781447344063.003.0004.
- Georg Simmel, „Zur Psychologie der Scham“ (1901), in Ders., Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl (Suhrkamp, 1983), 140–150, hier 141.
- Harold Garfinkel, Studien zur Ethnomethodologie, hg. v. Erhard Schüttpelz, Tristan Thielmann und Anne Warfield Rawls (Campus, 2020), 177–257.
SUGGESTED CITATION: Wolf, Daniel: Exegese zu: Angekommen, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/exegese-zu-angekommen/], 29.07.2026