Malin JedynakSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Lärm

Lärm Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: Malin Jedynak

Glockenschlag um Glockenschlag rang der Lärm etwas in ihr nieder, das sich ohnehin kaum mehr aufrecht halten konnte, während sich die zunehmend verzweifelte Bitte weiter nach vorne drängte, dass er aufhören möge. „Ich kann das nicht, nicht heute“, dachte sie.

Sie hatte in diese Wohnung ziehen wollen, nachdem sie das blumenförmige Kirchenfenster auf dem wackligen, zugesandten Video gesehen hatte. Sie hatte sofort gewusst, dass sie innerhalb dieser Wände ihr neues Zuhause erschaffen wollte – jeden Tag auf das bezaubernde Fenster blicken, statt, wie zuvor, auf das verfallene Haus mit seinen neugierigen Bewohnern in den verschmutzten Fenstern. Das würde ihr neues Leben werden, fernab vom nächtlichen Gestreite und Blaulicht der alten Wohnung. Keine flache Atmung mehr, weil sie ständig in Alarmbereitschaft ein Ohr auf die Geräusche im Treppenhaus richtete – ob jemand flucht, schreit, weint. Keine Sprints zum Türspion mehr, keine Versuche, die unter dem eigenen Herzklopfen kaum zu hörenden Geräusche einzuordnen – Weint sie? Ruft sie? Bellt es? Schlägt er? Nie wieder würde sie sich mit nackten Füßen und schwitzigen Fingern an die Tür pressen und unter rasenden Gedanken den Versuch unternehmen müssen, jene abzuwägen, die dafür und dagegen sprechen, die 110 zu wählen. Nie wieder nachts hochschrecken, geweckt vom Gebell fremder Hunde und Gestampfe uniformierter Gestalten, die in schwummrigem Licht mit fest umgriffenen Waffen Richtung obere Etage poltern. Nie wieder würde sie den übergeworfenen Cardigan mit zittrigen Händen enger um sich ziehen und sich fragen, ob man die Klingel unter der bis zum Anschlag aufgedrehten Musik überhaupt hören konnte – dann den zugedröhnten Nachbarn bitten, den donnernden Bass der Lieder, die sie nach all den Jahren nicht mehr hören konnte, herunterzudrehen, da sie in vier Stunden aufstehen musste.

Nein, sie würde in ruhiger Idylle ihren Kaffee am Küchentisch trinken. Ihre Ohren wären nur auf das Zwitschern der Vögel und das gelegentliche freundliche Grüßen der betagten Nachbarn auf der Straße gerichtet. Friedlich.

Anfangs war die Kirche nebenan noch schön gewesen. Besonders, als sie verschneit dastand, ihre Schläge gedämpft von modernen Fenstern. Der Anblick hatte dazu eingeladen, innezuhalten und mit dem Tee in den Händen vor der schiefen Fensterbank die Schönheit andächtig zu bewundern – sie so mühelos ihre Wirkung entfalten zu lassen: Das Herabsenken der Schultern, die Auflösung dieses Drucks in den Schläfen, der verspannten Muskeln im Kiefer.

Dann war der Frühling gekommen. Sie realisierte, dass das Geläute der hübschen Kirche bei geöffnetem Fenster doch lauter war als gedacht. Warum läutete sie eigentlich manchmal an willkürlich wirkenden Uhrzeiten und hörte dann einfach, ein, zwei, drei, sechs Minuten nicht mehr auf? Nun gut, dann schloss man das Fenster eben. Dass es sich doch noch lohnte, dies nachzuholen, egal wie lang man das Gebimmel schon aushielt, das lernte sie schnell.

Und dann kam der Sommer mit seiner unerträglichen Hitze. Wenn sie sich schweißgebadet, schwankend, schwindelig aus dem Bett quälte und dem Tag, der noch ganz vor ihr lag, schon keine Kraft entgegensetzen konnte. Sie ließ ihn über sich ergehen, brauchte die unter den sengenden Tagen verschwindenden Kraftreserven nach und nach auf, um sich in den Momenten zusammenzuhalten, die zu viel waren.

Und es wurden immer mehr Momente zu viel – erst die etwas größeren Momente, wenn sie sich tagelang vorgenommen hatte, die im Kopf umherschwimmenden To-Dos zu erledigen, es dennoch nicht getan hatte und dann diese Erkenntnis einbrach, dass sie das alles in der wenigen Zeit niemals schaffen könne. Diese paradoxe Starre im Angesicht des Bergs an Aufgaben, die Unfähigkeit auch nur eine davon anzupacken, weil sie sonst in ihrer Fülle auf sie einzuprasseln drohten. Das Bedürfnis wie ein Kind unter die Bettdecke zu krabbeln und im stickigen Dunkel versteckt zu bleiben. Das noch weiter einengende Eingeständnis, dass ihr das nicht helfen würde und sie sich unter diesem nervösen, flimmernden Druck in der Brust irgendwie dazu bringen musste, sich an eigentlich schaffbare Aufgaben zu setzen, die aber so unlösbar wirkten, wenn sie unter der Angst des Versagens nicht mal anfangen konnte, sie zu durchdenken. Dann tat sie es doch, wenn ihre Ängste im Zustand des Haderns von der Angst vor den Konsequenzen der Nicht-Erledigung übermannt wurden.

Dann war wieder einer der etwas größeren kleinen Momente geschafft, auch wenn es sich nie nach Erfolg anfühlte, weil schon die nächsten Aufgaben lauerten. Dinge, die verstautwerden wollten, Fragen, die beantwortet werden wollten, Konflikte, die gelöst werden wollten, Freundschaften, die gepflegt werden wollten, Glieder, die bewegt werden wollten, Glücksmomente, die geplant werden wollten. Auch wenn sie keiner wirklich gerecht wurde, setzte sie sich doch immer in Bewegung, bemüht sie zu versorgen.

Dann wurden es die noch kleineren Momente, die zu viel wurden: Die befahrene Straße zur Rechten, die sie eigentlich hatte umgehen wollen, weil sie wusste, dass der fehlende Schatten und die lärmend-rauschenden Autos sie erschöpften. An der Straße hatte sie stehenbleiben und die Augen schließen wollen; als würde das auch die knatternden Geräusche und die drückende Hitze für einen Moment verbannen. Die schwere Tasche, die rote Striemen auf ihren Schultern hinterließ und das spätere Ablegen, das nie die erhoffte Erleichterung mit sich brachte. Der grelle kleine Bildschirm, der sie mit der dreistelligen Anzahl ungelesener Nachrichten mit teilweise wochenlang zurückliegenden Daten anklagte. Die ungeöffneten Briefe auf dem Küchentisch, die schlechte Nachrichten und beängstigende Rechnungen bargen. Umschläge einer Freundin, die als liebe Geste Briefe schrieb und nicht wusste, dass ihre sanften Worte als ständige Verurteilung auf dem Tisch lagen, weil sie sie unbeantwortet ließ. Der erwartungsvolle Blick des Gegenübers, der eine Frage gestellt hatte; davon ausgehend, dass sie an einer Antwort feilte, während doch nichts dergleichen tat, weil sich kein Gedanke fassen ließ.

Die Zuviel-Momente wurden mehr und mehr, häuften sich an zu dieser Last, die die Bewegungen immer anstrengender machte. Ein augenscheinlich ereignisloser Tag, gefüllt mit den gewöhnlichen Pflichten eines überlebenden, durchschnittlich sozial integrierten Menschen, wurde zum Kraftakt.

An einem dieser Tage stand das Auffüllen des spärlich bestückten Kühlschranks auf dem Plan. Ihr Weg führte sie nicht zu irgendeinem Supermarkt – nein, es war der wohl schlimmste unter ihnen: Kaufland. Eine Farbhölle. Gänge über Gänge, vollgestopfte Aufsteller und meterlange Regale, die Entscheidungen bereithielten, die sie nicht treffen wollte: Marke, Eigenmarke, Bio, günstig, oh aber gar nicht so auf den Kilopreis, kauf zwei zahl eins, kauf drei zahl zwei, kauf fünf zahl drei, regional, saisonal, verpackt, unverpackt, schwarzes Plastik – lässt sich noch schlechter recyceln, ist das Schimmel an der untersten Erdbeere?, Nutri-Score D, zuckerfrei, ideal zum Backen, halal, fettarm, Testsieger, XXL, marktfrisch, verbesserte Rezeptur, unveränderte Rezeptur seit X Jahren, Fairtrade, mit süßem Sommerdesign, beduftet, besonders sanft, proteinreich, inklusive Backpapier, Ballaststoffquelle, vorgeschnitten, entkernt, Vorratspackung, zu schwer dafür, dass man Tomaten unten in der Tüte hat, Vollkorn, Mehrkorn, kein Korn, frisch gepresst, gesplittert, gehobelt, gemahlen, blanchiert, ganz, gehört in ein anderes Fach, Vorteilspack, geröstet, ungeröstet, gesalzen, ungesalzen, salzarm, kein Preisschild, im Angebot, sonst immer im Angebot, grüne Sticker, rote Sticker, blaue Sticker – sie konnte nicht atmen. Die Leute schoben ganz selbstverständlich ihre ungelenken Wagen an ihr vorbei. Sie griffen bestimmt in die Regale, als würden sie nicht von ihnen mit Informationen angeschrien werden. Nach und nach packte sie, getrieben von dem Wunsch den Laden zu verlassen, in die Regale, Kisten, Truhen und Aufsteller.

Es folgte eine ruckelige Busfahrt im Stehen, da das Hinsetzen mit dem ständigen Abwägen, ob es unhöflicher war, für diesen oder jenen einsteigenden Fahrgast aufzustehen oder nicht aufzustehen, die anstrengendere Alternative war. Dann schleppte sie sich die Treppen in die Dachgeschosswohnung hoch. Den Schlüssel unter den tonnenschweren Einkäufen herauskramen, in die chaotische Wohnung treten, nicht eingeplante Lebensmittel neben andere stopfen, während die Plätze für die, die hätten nachgekauft werden müssen, leer blieben. Die verspannten Schultern mit kraftlosen Bewegungen massieren. Hinsetzen. Sitzen. Stille. Augen schließen. Kein Lärm.

Und da ertönte er. Der erste Schlag der gottverdammten Kirche. Im unschuldigen Kostüm blumiger Fenster stand sie da, bereit sie mit ihrem ohrenbetäubenden Radau in den Abgrund der Verzweiflung zu treiben. Die Kirche setzte bereits zum dritten Schlag an, bis sie zum Fenster gestürzt war, erst den ersten, dann den zweiten Rahmen zuschmetterte; Hebel runter. Drei Höllentöne später hatte sie das zweite Fenster erreicht, zwang es hastig, panisch zu. Warum war das immer noch so laut? DAS ANDERE ZIMMER. Mit einer längst verbraucht geglaubten Kraft setzte sie zum Sprint in das Nebenzimmer an. Darin donnerte sie den Wäscheständer beim Versuch, das weit geöffnete Dachfenster zu fassen, an die Wand. Nur ein Stückchen noch. Sie stand Auge in Auge mit dem bösartigen Bauwerk, während sie sich zunehmend verzweifelt auf Zehenspitzen dem Henkel entgegenreckte. DONG DONG DONG – die nervenzerreißenden Töne umgaben sie jetzt ganz. Sie kamen von allen Seiten, während ihre Position ihr keinerlei Schutz bot. JETZT. Ihre zur Anspannung gestreckten Fingerspitzen erhaschten das warme Plastik, während sich die Stange des an die Wand getriebenen Wäscheständers schmerzhaft in ihren Bauch drückte. Mit zupressten Augen lenkte sie all ihre Kraft in die Fingerspitzen. Unter schier zerreißender Spannung begannen diese endlich den Knauf nach unten zu drücken. Nach den ersten Zentimetern bekam sie den Hebel ganz zu fassen. Sie zog ihn mit einem Ruck nach unten – geschafft. Getrieben vom anhaltenden Gelärm riss sie herum. Das gekippte Fenster! Das zweite klemmte, aber beim dritten Zuschlagen rastete es endlich ein.

Schwer atmend stand sie in der kleinen Zimmerecke, nach wie vor umhüllt von anhaltendem „Dong, Dong, Dong, Dong“, wenn auch jetzt gedämpfter. Das konnte nicht wahr sein. Fassungslos hob sie den Kopf und lenkte den flammenden Blick auf das Folterbauwerk. Predigte man nicht von Nächstenliebe? Rücksicht? Es war nicht zu fassen, dass dieser automatisierte Terror erlaubt war.

Mit laut klopfendem Herzen stand sie in dem kleinen Raum, kämpfte mit sich hochschaukelnden Gedanken gegen das nachlassende Adrenalin und die wiederkehrende Erschöpfung an, als sich die Tür weiter öffnete. „Ich hasse diese Kirche“, sagte ihr Freund. „Ach reg’ dich doch nicht auf“, antwortete sie. „Das hat doch keinen Zweck.“

SUGGESTED CITATION: Jedynak, Malin: Lärm, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/laerm/], 04.08.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260804-0830

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