Daniel WolfSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Angekommen

Angekommen Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: Daniel Wolf

Als Willi zum ersten Mal almanischen Boden betrat, war der Oktobertag so warm, dass seine Mutter nur den dünnen Pullover über sein Hemd zog. In Boravia hätte man zu dieser Zeit schon längst Feuer gemacht. Willi mochte das: das Knistern der dicken Scheite im Ofen, das leise Singen des Wasserkessels. Hier aber war es anders. Die Straßen in Almania rochen nach Auto, nicht nach Stall. Er verstand nicht viel, aber er wusste: Jetzt war alles neu.

Willi war sechs Jahre alt, als er mit seinen Großeltern, seiner Schwester, seiner Mutter, seinem Vater und dem jüngsten Sohn der Großeltern – Onkel Arin – ins Land der Vorfahren aufbrach. Damals, das wusste Willi von Erzählungen, waren die Vorfahren auf dem Floß über einen Fluss und mit Pferdekutschen über Land in die alten almanischen Kolonien gekommen. Jetzt war es nur ein vergleichsweise kurzer Weg mit dem Flugzeug, der ihn in ein neues Land brachte, das er zuvor nie betreten hatte und dessen Menschen und Sprache er nicht kannte. Anfangs konnte Willi nur „Hallo“, „Ich heiße Willi“ und „Danke“ sagen. Er übte diese Wörter immer wieder. „Ich heiße Willi“ klang wie ein Sprung ins kalte Wasser. Man wusste nie, ob jemand zurücksprang. Und wenn ja – wie.

In Almania ging Willi bald in den Kindergarten. Am ersten Tag sagte er zu einem Jungen mit einem Dinosauriershirt: „Hallo, ich heiße Willi.“ Der Junge sagte nichts. Er musterte ihn. Dann lief er weg. Willi sagte an diesem Tag nichts mehr. Er beobachtete viel: wie die Kinder sich die Brotdosen aufmachten, wie sie „Bitte“ und „Danke“ sagten, wie sie „Du hast verloren!“ riefen, wenn jemand beim Fangen zu langsam war. Willi wollte nicht verlieren. Aber er wollte auch nicht zu schnell sein. Zu anders sein. In Boravia war er schnell gewesen. Er war über Wiesen gerannt, über Steine gesprungen, hatte mit Hunden getobt und mit Kühen geredet.

Eines Tages rief ein Junge im Kindergarten: „Warum redest du so komisch?“ Willi wurde heiß im Gesicht. Er sagte: „Ich – ich heiße Willi.“ Das Mädchen neben ihm kicherte. Willi schaute auf den Boden. In seinen Schuhen war noch etwas Sand vom Spielplatz. Er erzählte niemandem von diesem Tag – nicht seiner Schwester, nicht seiner Mutter, nicht den Großeltern. Mit der Zeit sagte er wieder „Hallo“. Nicht laut, aber mit einem kleinen Lächeln. Manchmal bekam er ein Lächeln zurück. Nicht immer. Aber manchmal. Und das reichte.

An die Kindergartenzeit erinnert sich Willi nur verschwommen. Was ihm aber bis heute im Gedächtnis blieb, war der Morgen mit der Polizei. Es war einer dieser kalten Wintertage, an denen der Himmel schon beim Aufstehen grau war und der Atem kleine Nebelwolken machte. Sein Vater fuhr ihn wie immer mit dem Fahrrad zum Kindergarten. Willi saß hinten auf dem Gepäckträger, hielt sich an Papas Mantel fest, der nach Kaffee, Rauch und etwas Erde roch. In Boravia war das normal. Die Straßen waren holprig, die Wege weit, aber die Menschen einfach. Ein Gepäckträger war ein Sitz, wenn man ein Kind hatte. In Almania war das anders. Die Polizei kam plötzlich. Blaulicht, obwohl nichts passiert war. Zwei Männer in dicken Jacken. Einer stellte Fragen, der andere schrieb. Willi verstand nur: „Verstoß“, „Verkehrssicherheit“, „Kindersitz“. Sein Vater sagte auf Almanisch: „Ich besorgen Kindersitz. Ich weiß jetzt.“

Willi hörte an der Stimme seines Vaters, dass dieser sich schämte. Und das machte ihn traurig. Es war das erste Mal, dass er begriff: In diesem neuen Land konnte man auch falsch sein, obwohl man nichts falsch meinte. Am nächsten Tag fuhr er in einem gekauften Kindersitz mit. Der Vater sagte nichts. Nur: „Jetzt ist alles richtig.“

Ein Jahr später wurde Willi eingeschult. Jetzt war er sieben, sprach viel besser Almanisch, konnte sogar schon kleine Witze machen. „Ich heiße Willi und ich will was lernen“, sagte er bei der Einschulung. Seine Mutter lächelte stolz. Sie hatte ihm das beigebracht. Willi mochte die Schule. Es gab Hefte mit Linien, Bücher mit bunten Bildern und Lehrerin Frau Schuster, die warme Hände hatte und oft sagte: „Willi, du gibst dir viel Mühe.“ Das war ihm wichtig. Sehr wichtig. Er war fleißig. Wenn er die Stifte benutzte, dann nur angespitzt. Sein Mäppchen war sauber. In den Pausen rannte er nicht so wild wie die anderen. Nicht, weil er nicht konnte – sondern weil er das Gefühl hatte, dass Ordnung ein Schlüssel war, den man in der Tasche haben musste, wenn man dazugehören wollte.

Sein Vater sagte oft: „Wenn du alles ordentlich machst, werden sie dich mögen. Sie werden sehen, dass du etwas kannst.“ Seine Eltern waren in Boravia Lehrer gewesen. Keine Bauern, keine Bauarbeiter. „Intelligente Menschen“, wie die Großmutter immer betonte, „gebildet“. Aber hier in Almania, sagte niemand mehr „Lehrer“ zu ihnen. Hier waren sie „Einwanderer“, „Neuankömmlinge“, manchmal „Asylanten“, auch wenn das nicht stimmte. Manchmal auch einfach: „die da“. Willi wusste, dass die Wörter wichtig waren. Genauso wie die Hefte sauber halten. Weil man sich sonst nicht nur verschrieb – sondern verschwand.

Es begann schleichend. Wie die feinen Risse im Lack eines alten Tisches, die man erst sieht, wenn das Licht richtig fällt. Willi war inzwischen in der zweiten Klasse. Lesen konnte er gut. Rechnen auch. Seine Hefte waren ordentlich, seine Schrift gerade. Niemand hätte erraten können, dass er aus Boravia kam. Und genau das wollte er.

Zuerst war es nur der Schulweg. Früher war er gemeinsam mit Arsen, Milena und den anderen Kindern aus dem Wohnheim zur Schule gelaufen. Sie hatten sich auf Boravisch Witze erzählt, Kaugummis geteilt, über Lehrer gelästert. Doch eines Morgens sagte Willi nur: „Ich geh allein.“ „Warum?“, fragte Milena. „Weil ich schneller bin.“ Das war gelogen. In Wirklichkeit hatte Willi Angst, dass jemand aus seiner Klasse sie gemeinsam sehen könnte. Und dann fragen würde: Wer seid ihr? Warum redet ihr so komisch? Wo kommt ihr her?

Im Supermarkt war es besonders schlimm. Seine Mutter redete dort oft zu laut. Und auf Boravisch. Worte, die für Willi früher nach Zuhause klangen, waren nun wie scharfe Pfeile, die ihn trafen, wenn andere zuhörten. „Mama, nein! Almanisch!“, flüsterte er einmal, als sie ihn nach den Eiern fragte. „Aber…“, begann sie. Doch der Blick des Jungen war streng. Erwachsen. Der Vater sagte nichts. Die Schwester schaute kurz hoch, dann wieder auf die Chipstüten. Seitdem sprachen sie draußen fast nur noch Almanisch. Auch wenn das bedeutete, dass sie oft schwiegen, weil die Wörter fehlten.

Das Wohnheim war groß, grau und roch nach Reinigungsmittel und Suppe. Acht Stockwerke. Überall Kindergeschrei und Türen, die knallten. Willi wusste, dass die anderen almanischen Kinder in kleinen, eigenen Häusern wohnten. Deshalb sagte er nie, wo er wohnte. Wenn ihn jemand fragte, antwortete er ausweichend: „In der Nähe vom Park.“ Oder: „Ich glaub, das Viertel heißt Lindenhöhe.“ Er wusste selbst nicht, warum ihm das so wichtig war. Er konnte nur fühlen, dass die Wahrheit schwer war wie ein großer Rucksack, den man besser nicht zeigte.

Eines Tages, beim Frühstück in der Schule, fragte ihn eine Klassenkameradin: „Bist du eigentlich Deutscher?“ Willi kaute langsam weiter. Sah auf sein Pausenbrot, das mit der dicken Salamischeibe und dem fettigen Butterrand. „Ja“, sagte er. Sie nickte. Fragte nicht weiter. Und Willi spürte eine seltsame Erleichterung – und gleichzeitig eine Leere.

Als sie endlich aus dem Wohnheim auszogen, ist es ein Tag wie jeder andere – und doch fühlte es sich für Willi an, als würde ein Vorhang fallen. Die Wohnung war im zweiten Stock eines kleinen Hauses, in dem der Vermieter im Erdgeschoss wohnte. Drei Zimmer, die sich plötzlich wie ein ganzes Schloss anfühlten. Kein Lärm im Flur, kein Streit im Treppenhaus, keine fremden Stimmen durch dünne Wände. Es gab ein Wohnzimmer mit einem Sofa, das der Vater vom Sperrmüll geholt und mit einer Decke bezogen hatte. Ein Esstisch, bei dem alle nebeneinandersitzen konnten. Ein Zimmer für die Kinder – mit Tür. Willi liebte diese Tür.

Nach der Schule ging Willi jetzt direkt nach Hause. Niemand fragte, wo er gewesen war. Manchmal war die Mutter da, oft auch nicht. Dann lag ein Zettel auf dem Küchentisch: „Bin in der Wäscherei, mach dir ein Brot, bin um vier da. Mama.“

Der Schulwechsel aufgrund des Umzugs war ein Geschenk. In der neuen Schule kannte ihn niemand. Keine Milena, kein Arsen. Niemand wusste, dass er Boravisch sprechen konnte. Und so tat er auch so, als könne er es nicht mehr. Er sprach Almanisch. Nur Almanisch. Und er wurde besser. Jeden Tag. Sein „Hallo“ klang irgendwann nicht mehr wie ein fremdes Wort. Er lernte, wann man Witze machte und wann man ernst blieb. Er lachte über dieselben Dinge wie die anderen, auch wenn er sie manchmal nicht verstand. Hauptsache, niemand merkte etwas.

Einmal ging er mit der Familie spazieren. Es war ein früher Herbstabend. Die Straßenlaternen flackerten schon, das Laub raschelte unter den Füßen. Sie gingen durch ein Wohngebiet mit Reihenhäusern und Gärten, als Willi plötzlich erstarrte. Von weitem kamen zwei Mädchen aus seiner Klasse. Sie lachten, schubsten sich, kauten Kaugummi.

Panik überfiel ihn. Er konnte nicht hier mit seinen Eltern gesehen werden. Was, wenn sie etwas Boravisches sagten? Was, wenn sie ihn mit seiner Schwester hörten? Was, wenn sie wussten, wo er wohnte? Willi riss sich los und rannte. Um die Ecke, über die Straße. Dort stand ein Auto. Ohne zu zögern, kroch er drunter. Der Asphalt war kalt. Er roch nach Öl. Die Mädchen kamen näher. Sie lachten wieder. „Was machst du da?“ „Haha, ist das Willi?“ „Der versteckt sich unterm Auto, wie peinlich!“

Sie gingen weiter. Willi lag noch einen Moment still. Die Kälte kroch ihm unter die Jacke. Als sie weg waren, kroch er langsam hervor. Seine Hose war dreckig. Er sagte nichts, als er zu seinen Eltern zurückkehrte. Sie fragten nicht. Und Willi war froh darüber. Er wollte nicht darüber sprechen. Er wollte einfach nur, dass dieser Tag nicht existierte.

Willi war jetzt in der vierten Klasse – der letzten an seiner neuen Grundschule. Seine Klassenlehrerin, eine ältere Almanin mit scharfen Augen und fester Stimme, war berüchtigt für ihre Strenge. Einmal hatte sie sogar einen frechen Alman-Jungen an den Ohren gepackt und vor allen aus dem Klassenzimmer geführt. Willi mochte diesen Jungen nicht. Aber er mochte seine Lehrerin. Sie war streng, ja – aber damit kam er klar. Strenge kannte er.

Willi war still. Nicht unsichtbar, aber zurückhaltend – fast schon schüchtern. Er sprach wenig im Unterricht, doch seine Hefte waren ordentlich, seine Arbeiten meist gut. In den Fächern Sport, Kunst und Schrift sogar sehr gut. Nur im Fach Deutsch bekam er am Ende der vierten Klasse eine Drei. Beim Elternabend hatte die Lehrerin zu seiner Mutter gesagt: „In der Familie sollten Sie mehr Deutsch sprechen.“ Willi verstand das nicht – er sprach doch längst die meiste Zeit Deutsch zu Hause.

Trotz seiner guten Noten reichte es nicht fürs Kingnasium, die höchste Schulform. Die Lehrerin empfahl das Middlium – die mittlere Schule. Willi nickte, aber innerlich war er enttäuscht. Noch weniger verstand er, warum der Junge, den er nicht mochte, mit schlechteren Noten aufs Kingnasium durfte. Es fühlte sich unfair an. Noch schlimmer traf es seine Schwester: Sie kam auf das Lowdium, die unterste Schulform. Sie war keine gute Schülerin, das wusste Willi, aber er schämte sich trotzdem. Auf das Lowdium gingen viele aus Boravien – Kinder, die er vom Spielplatz oder aus dem Wohnheim kannte. Dorthin wollte er auf keinen Fall. Er wollte nicht in einer Klasse mit ihnen sitzen. Nicht wieder.

Als Willi auf die neue Schule – das Middlium – kam, war vieles anders: Die Gebäude waren größer, die Schulfächer teilweise neu, die Bücher dicker und schwerer. Zum Glück waren viele seiner Freunde aus dem Grundium auch hierher gewechselt. Die meisten von ihnen waren almanisch. Auf das Kingnasium dagegen gingen fast nur almanische Kinder, während auf das Lowdium kaum eines kam – vielleicht ein oder zwei. Willi mochte seine neue Schule und seine neue Klasse. Hier konnte er zeigen, was in ihm steckte. Boravische Kinder gab es in seiner Klasse zum Glück nicht.

Von da an war er noch fleißiger. Seine Noten waren durchgehend gut, manchmal sogar sehr gut. Im Fach Deutsch war er nun nicht mehr nur „befriedigend“. Bald gehörte er zu den Besten, und in der zweiten Klasse des Middliums war er sogar Klassenbester. Seine Noten: nur noch Einsen und Zweien. Ein Musterschüler. Trotzdem blieb da immer diese Angst und Scham, ein Boravier zu sein – und als solcher erkannt zu werden. Manchmal hörte er Sätze wie „Eh, du bist doch ein Boravier“ oder „du scheiß Boravier“. Auch wenn es als Spaß gemeint war, traf es ihn. Viel öfter wurde er „Streber“ genannt. Willi hatte das Gefühl, dass manche seiner Klassenkameraden nicht mochten, dass er so gut war.

Am Ende der zweiten Klasse des Middliums war Willi so gut, dass er aufsteigen konnte – auf das Kingnasium. Das war schon seit dem Ende seiner Grundium-Zeit sein Ziel. Doch er mochte es nicht, wenn seine Eltern zu Elternabenden kamen und dort mit den Lehrern redeten. Mehr als einmal hatte er solche Termine einfach verschwiegen.

Dieses Mal jedoch musste seine Mutter wohl doch mit dem Klassenlehrer gesprochen haben. Eines Tages rief dieser ihn zu sich. „Bist du dir wirklich sicher, dass du aufs Kingnasium willst?“, fragte er. „Deine Mutter hat es erwähnt, aber mir ist wichtig, dass du es selbst willst. Die Ansprüche sind dort höher. Du musst viel selbständiger lernen. Vielleicht ist das Middlium besser für dich.“ Willi verstand nicht, warum sein Lehrer nicht hinter ihm stand. Er wusste doch, wie gut er war. Das Middlium war längst nicht mehr sein Niveau. Trotz der Warnung blieb Willi bei seinem Wunsch.

Zum dritten Mal musste er nun die Schule wechseln. Er erinnerte sich an diesen Tag genau: ein spätsommerlicher Septembermorgen, an dem die Sonne noch warm schien und der Asphalt auf dem Schulhof nach Ferien roch. Wieder war alles neu – bis auf ein paar Gesichter. Einige kannte er noch vom Grundium, darunter den Jungen mit den schlechten Noten, den er nie gemocht hatte. Er war immer noch hier – auf dem Kingnasium –, obwohl er nicht einmal richtig almanisch lesen konnte.

Und sie war auch hier: seine ehemalige Nebensitzerin aus der vierten Klasse, in die er heimlich verliebt gewesen war. Beim Wiedersehen merkte er, dass dieses Gefühl nicht verschwunden war. Aber sagen? Unmöglich. Viel zu peinlich.

Willi war vieles peinlich. Am meisten jedoch seine boravische Herkunft. Auf dieser neuen Schule wollte er sie unbedingt verbergen, auch wenn manche sie bereits kannten. Wenigstens war er den Titel „Streber“ los. Die Streber waren nun andere, und Willi war froh darüber.

Nur eine Angst blieb wie ein hartnäckiger Schatten: Was, wenn sein Akzent ihn verriet? Was, wenn sein Gesicht zeigte, dass er anders war? Was, wenn die neuen Lehrer und Mitschüler irgendwann herausfanden, dass er nicht wirklich almanisch war? Diese Furcht würde ihn noch lange begleiten – leise, aber beharrlich, wie ein kaum hörbares Flüstern im Hintergrund seines Lebens.

SUGGESTED CITATION: Wolf, Daniel: Angekommen, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/angekommen/], 27.07.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260727-0830

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