Malin JedynakSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Exegese zu: Lärm

Exegese zu: Lärm Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: Malin Jedynak

In der Geschichte geht es um Überforderung, die aus einer Welt resultiert, die zunehmend als andauernder „Lärm“ empfunden wird. Es geht dabei nicht nur um den akustischen Lärm, sondern ebenso um nicht endende Aufgaben, Entscheidungen und Eindrücke, denen die Protagonistin nicht zu entkommen scheint. Die daraus folgende Erschöpfung resultiert aus einem Alltag, der der Erzählerin als nicht mehr bewältigbare Pflichten entgegentritt. Dies liegt jedoch nicht allein an individuellem Unvermögen, sondern kann als Teil gesellschaftlicher Tendenzen betrachtet werden.

Hartmut Rosa beschreibt in seiner Studie Unverfügbarkeit, wie sich das Alltagsleben spätmoderner Menschen immer stärker in der Abarbeitung von To-Do-Listen erschöpft. Die einzelnen Aufgaben werden dabei zu ‚Aggressionspunkten‘: Dinge sollen erreicht, optimiert und beherrscht werden.1 Das wird besonders an den Aufzählungen deutlich, die im gesamten Text verteilt sind. Der Alltag erscheint hier als eine grenzenlose Folge von Anforderungen, die ständig Aufmerksamkeit einfordern. Neben klassischen Pflichten geraten auch zwischenmenschliche Beziehungen oder ‚Glücksmomente‘ in diese Logik des Organisierens und Bewältigens. Die Welt verwandelt sich damit in etwas, das ständig versorgt, beantwortet und abgearbeitet werden muss.

Gerade darin lässt sich Rosas Gedanke der Verfügbarmachung wiederfinden. Selbst Ruhe und Entspannung wird zu etwas, das bewusst hergestellt werden soll. Dadurch aber verlieren solche Lebensmomente ihren entlastenden Charakter. Die Protagonistin versucht immer wieder, kleine geschützte Momente herzustellen – etwa der Tee am Fenster. Diese Momente stehen für den Wunsch nach kurzen Unterbrechungen und Ruhe, bleiben jedoch durch die ständigen neuen Anforderungen prekär. Unter der immer weiter aufquellenden Masse an Aufgaben entsteht keine echte Ruhe mehr. Während die Kirche zu Beginn der Fiktion noch zu Momenten der Glückseligkeit verhilft, wird sie im weiteren Verlauf zur lärmenden Belastung – gemeinsam mit allen anderen Bestandteilen des Alltags. Der Versuch, die Verantwortlichkeit für die Aufgaben von sich zu schieben, indem beispielsweise keine Briefe mehr geöffnet werden, verschärft die Situation zunehmend.

Die empfundene Überforderung entsteht dabei nicht durch einzelne Aufgaben, sondern vor allem durch deren Gleichzeitigkeit und eine scheinbar endlose Fortsetzung. Verstärkt wird dieser Eindruck auch dadurch, dass sich die Geschichte über verschiedene Jahreszeiten und Wohnorte erstreckt. Die Hoffnung, alten Belastungen zu entkommen, wird immer wieder durch neue Anforderungen enttäuscht. Der „Lärm“ bleibt bestehen, auch wenn sich seine Form verändert.

Es ist nicht nur die Vielzahl an Dingen, die erledigt werden müssen, sondern auch deren Organisation, die die einfache Alltagsbewältigung erschöpfend macht. Die Protagonistin verausgabt sich zunehmend, ohne das Gefühl zu bekommen, tatsächlich Kontrolle über ihren Alltag zu gewinnen. Sie setzt sich ständig in Bewegung und bemüht sich, alle Anforderungen zu versorgen und den Überblick zu behalten. Der Versuch, alles zu bedenken, fordert so viel mentale Kraft, dass kaum welche für die tatsächliche Erledigung bleibt. Dadurch bleiben Aufgaben liegen, der Berg wächst und entsprechend wird ein beängstigender Kontrollverlust darüber erlebt, alles bedenken und erledigen zu können.

Gesteigert wird diese Erschöpfung außerdem durch zusätzliche Belastungen, wie heißere Temperaturen im Zuge des Klimawandels, die Schwierigkeit, Freundschaften trotz neuer Lebensabschnitte aufrechtzuerhalten, Entscheidungszwänge innerhalb der Konsumgesellschaft sowie erschwerte Wohn- und Lebenssituationen in Großstädten.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Großstadt als Raum permanenter Reizbelastung. Schon Georg Simmel beschäftigte sich in Die Großstädte und das Geistesleben (1903) mit der gesteigerten Flut an Eindrücken in urbanen Räumen. Das Tempo, die Infrastruktur und die Vielzahl an Angeboten beschreibt er als psychisch belastende Impressionen. Als Schutzreaktion entwickeln Großstädter:innen eine gewisse emotionale Distanz gegenüber ihrer Umgebung.2 Obwohl eine solche Großstadtkritik berechtigte Erfahrungen von Überforderung und Reizbelastung anspricht, droht sie zugleich, das Nicht-Städtische zu idealisieren und spezifische Möglichkeiten städtischen Lebens auszublenden.

Die Kritik an einer einseitigen Betrachtung der Großstadt bedeutet jedoch nicht, dass entsprechende Belastungserfahrungen vernachlässigt werden können. Besonders für Menschen, die neu in solche Umgebungen ziehen, stellt die Vielzahl an Eindrücken zunächst eine besondere Herausforderung dar. Sie verfügen noch nicht über einen solchen Schutzmechanismus und erleben die Reizfülle intensiver. Verkehrslärm, volle Straßen, Enge oder stärkere Hitzebelastung können schnell überfordernd wirken. So bergen die erhöhte Lärm- und Luftschadstoffbelastung sowie höhere Temperaturen in urbanen Räumen gesundheitlichen Risiken.3 Die Geschichte greift diese Erfahrung auf und verbindet sie mit dem Gefühl, ohnehin bereits mit zu vielen Anforderungen konfrontiert zu sein. Während sich die Überlastung zunehmend vom Großen ins Kleine verschiebt, können die alltäglichen Sinneseindrücke nicht mehr ausgeblendet werden. Die immer weiter sinkende Toleranzgrenze zeigt sich besonders im Erleben der Kirchenglocken. Die einprasselnden Eindrücke verdichten sich hier zu einem Moment des „Zu viel“. Trotz des sich ins Panische steigernden Versuchs, die Fenster zu schließen, dringt der Lärm weiter in den intimen Bereich der eigenen vier Wände. Ein Gefühl von Machtlosigkeit stellt sich bei der Protagonistin ein. Trotz des verzweifelten Versuchs die Kontrolle über die Situation zu erlangen, lässt sich keine Stille schaffen. Die Bemühungen, alle Fenster zu schließen, resultieren nicht in Ruhe; die ständige Bemühung, alle Anforderungen des Alltags zu versorgen, resultieren nicht in Ruhe. Die Erkenntnis der Machtlosigkeit ist das resignierte Eingeständnis, ständig in dem vergeblichen Versuch zu bleiben, Kontrolle zu erlangen und es doch nie zu schaffen.

Die Fiktion sensibilisiert für die Belastungen, die aus fordernden gesellschaftlichen Verhältnissen resultieren. Sie führt die Innenansicht eines Individuums vor Augen, das an diesen Belastungen zu zerbrechen droht. Dadurch wird sichtbar, dass für manche Menschen das Bewältigen des Alltags nicht nichts ist.

References

  1. Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit (Residenz Verlag, 2019), 10–15.
  2. Georg Simmel, „Die Großstädte und das Geistesleben“, in Kulturtheorie, hg. v. Dorothee Kimmich, Schamma Schahadat und Thomas Hauschild (transcript, 2010), 241–251; Auszug aus: Georg Simmel, Gesamtausgabe, Bd. 7, hg. v. Rüdiger Kramme, Angela Rammstedt und Ottheim Rammstedt (Suhrkamp, 1995), 242f.
  3. Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP), IPP Info. Ausgabe 12: Gesundheit im urbanen Raum (Universität Bremen, 2014), 1f., 6, https://www.uni-bremen.de/fileadmin/user_upload/fachbereiche/fb11/ipp/Institutsuebergreifend/Transfer/IPP-Info/IPP_info_no12_rz_online.pdf.

SUGGESTED CITATION: Jedynak, Malin: Exegese zu: Lärm, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/exegese-zu-laerm/], 05.08.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260805-0830

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