Thore KugolowskiSoziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions

Exgese zu: Keine Ruhe, Bro

Exgese zu: Keine Ruhe, Bro Erschienen in: Soziologische Fiktionen ⎪ Sociological Fictions Von: Thore Kugolowski

Die Fiktion basiert auf einer Begegnung im Rahmen eines Forschungsprojekts. Im Feld lernte ich Aria1 kennen, dessen Leben seit Jahren von einer Kontinuität geprägt ist: Aria lebt in Deutschland, während seine Frau und sein Kind in Afghanistan verbleiben. Trotz wiederholter Kontakte mit dem Sozialamt und der Botschaft scheitert der Familiennachzug an formalen Verfahrensordnungen. Zugleich steht Aria unter dem Erwartungsdruck seiner Familie, finanzielle Unterstützung zu leisten und den Nachzug zu organisieren. Er selbst lebt in prekären Verhältnissen und ist einer Verwaltungspraxis ausgesetzt, die individuelle Lebenssituationen in standardisierte Verfahren übersetzt. Diese Konstellation wird in der Fiktion durch die Figur Leo gespiegelt. An ihr zeigt sich, dass bürokratische Ohnmacht kein migrationsspezifisches Phänomen ist, sondern ein Strukturmerkmal verwalteter Lebensführung.

Von Leo verlangt das BAföG-Amt regelmäßig, seine Bedürftigkeit nachzuweisen. Im Vergleich zu Arias Lebensrealität ist Leos Situation vielleicht weniger existenziell zugespitzt. Strukturell verbindend ist jedoch das Gefühl der Abhängigkeit: Eine Behörde entscheidet darüber, unter welchen Bedingungen das eigene Leben fortgeführt werden kann.

Beide Lebenssituationen verdeutlichen: Nicht das Warten auf eine behördliche Entscheidung ist die zentrale Erfahrung, sondern die Ohnmacht gegenüber einer Bürokratie, von der man abhängig ist.2 Das Warten ist lediglich die Form, in der diese Abhängigkeit körperlich und psychisch spürbar wird. Sie zeigt sich in der stickigen Luft eines überfüllten Busses, auf den Fluren von Ämtern oder in der Hitze eines Treppenhauses, während ein Verfahren stockt. In beiden Fällen bedeutet Verwaltung allem voran Entzug von Handlungsautonomie.

Die Erfahrung von Ohnmacht gegenüber bürokratischen Verfahren rekurriert auf Max Webers Metapher vom „stahlharten Gehäuse“. Für Weber verkörpert Bürokratie rationale Herrschaft: effizient, unpersönlich und deshalb unausweichlich. Ihre technische Überlegenheit gegenüber anderen Herrschaftsformen macht sie dauerhaft und unumkehrbar. Neuere Ansätze beschreiben Bürokratie als einen sich selbst verstärkenden Prozess organisationaler Zweckrationalisierung, in dem Formalität und Standardisierung zum Selbstzweck werden.3

Fast en passant veranschaulicht die Fiktion, dass Bürokratie zwar Ordnung sichert, jedoch zugleich soziale Ungleichheiten reproduziert und verfestigt.4 Menschen wie Aria und Leo erleben Ohnmacht und Abhängigkeit. Andere hingegen können ihre Anträge routiniert und erfolgreich durchsetzen. Etwa zukünftige Hausbesitzer:innen, die ihr Grundstück einzäunen und Genehmigungen einholen. Grundsätzlich unterliegen alle denselben formalen Kontrollmechanismen, doch der Zugang zu Ressourcen eröffnet unterschiedliche Handlungsspielräume und verdeutlicht ungleiche Bewältigungschancen institutioneller Verfahren. Diese Ungleichheit betrifft sowohl die Erfolgschancen in bürokratischen Prozessen als auch die individuellen Möglichkeiten, das Warten auf Entscheidungen zu bewältigen. Dabei wird der Umgang mit institutionellen Anforderungen maßgeblich durch das Vorhandensein ökonomischer, kultureller und sozialer Ressourcen strukturiert. Entsprechend entwickeln Antragsstellende unterschiedliche Strategien im Umgang mit Unsicherheit, Verzögerung oder Verfahrensabbrüchen. Die Erfahrung des Wartens variiert damit sozial: Während einige Verfahren in der Erwartung eines absehbaren, positiven Ergebnisses aushalten und bei Bedarf Ressourcen zur Durchsetzung ihrer Anliegen mobilisieren können, verbleiben andere in anhaltender Ungewissheit, in der Prozesse immer wieder neu beginnen können und Perspektiven auf Lösung ausbleiben.

Bürokratische Prozesse bilden eine notwendige Grundlage kollektiver Ordnung im Rechtsstaat, wirken jedoch auf manche Individuen stärker entfremdend als auf andere. Diese Differenzen prägen Lebensverläufe unmittelbar. Aria und Leo reagieren auf diese Ohnmacht mit riskanten Bewältigungspraktiken, indem sie psychoaktive Substanzen verkaufen beziehungsweise konsumieren, um ihrer Lebensrealität zumindest vorübergehend zu entfliehen. Diese Praktiken sind weniger als individuelle Normbrüche zu verstehen, sondern als Bewältigungsstrategien unter Bedingungen struktureller Ohnmacht und existenzieller Abhängigkeit. Während Aria und Leo zum Konsum kriminalisierter Substanzen greifen und damit das zermürbende Warten auf eine Entscheidung möglicherweise erträglicher machen, sitzen andere auf ihrer begrünten Terrasse, erwarten gelassen den Bescheid über den Ausbau ihres Dachgeschosses und genießen mit einem Glas Rotwein in der Hand den Sonnenuntergang.

References

  1. Name geändert.
  2. Nikolai Huke, Ohnmacht in der Demokratie: Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe (transcript, 2021), https://doi.org/10.14361/9783839456828.
  3. Achim Oberg und Valeska Korff, „Netzwerke: Relationales Denken im Neo-Institutionalismus“, in: Neo-Institutionalismus: Kritik und Weiterentwicklung eines sozialwissenschaftlichen Forschungsprogramms, hg. v. Reinhard Hasse und Alexander K. Krüger (transcript, 2020), 191–218, https://doi.org/10.14361/9783839443026-009.
  4. Michael Herzfeld, The Social Production of Indifference: Exploring the Symbolic Roots of Western Bureaucracy (Routledge, 2021), https://doi.org/10.4324/9781003135029.

SUGGESTED CITATION: Kugolowski, Thore: Exgese zu: Keine Ruhe, Bro, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/exgese-zu-keine-ruhe-bro/], 03.06.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260603-0830

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