Markus Steinmayr

Goethe: Die Versprechen der Bibliothek

Die Bibliotheken sind derzeit noch geschlossen oder nur mit Einschränkungen wieder zugänglich. Wir alle vermissen sie. Als Arbeitsraum, als Raum für Begegnungen, als Ort, in dem die wissenschaftliche Neugierde, die ja letztlich eine Lust auf das Unbekannte und das Überraschende ist, ihren Ort hat. Wenn es nicht mehr möglich ist, die Bibliothek zu nutzen oder zu besuchen, dann ermöglicht die Unmöglichkeit vielleicht den Blick auf das, was die Bibliothek, die ja schon immer mehr als nur ein Bücherturm, Aufenthaltsort oder Ort der bibliometrischen Vermessung von Wissenschaftlerproduktivität gewesen ist, an Versprechen mit sich trägt.

Die Bibliothek ist die notwendige Fiktion einer Ordnung. Jeder kennt diese Fiktion, sei es nun in der häufig konsultierten Bibliothek der eigenen Bücher, sei es in der Universitätsbibliothek, in der die Systematik der Signaturen Themengebiete erschließt und ordnet. Dass Ordnung und Sauberkeit in der Bibliothek gleichsam Medien der Selbstinszenierung sind, zeigt sich derzeit häufig in Videokonferenzen. In diesen erscheinen die Bücher der ikonischen „STW“- Reihe aus dem Hause Suhrkamp als eine Art Simulation der Normalität der Gelehrtenexistenz unter Corona-Bedingungen. Das symbolische Kapital wird auf dem Tablett serviert.

Eine Bibliothek zu erfahren, heißt auch Ordnung, Systematik und Planbarkeit zu erfahren. Andererseits ist der Zustand mancher Arbeitszimmer, in die wir derzeit unfreiwillig Einblick bekommen, auch als Erfahrung des Gegenteils möglich, eines Gegenteils, das der Bibliotheksreformer1 Johann Wolfgang von Goethe beschreibt. Es ist die Erfahrung von Chaos und Unordnung. Goethe besucht im Januar 1802 das Quartier des ehemaligen Göttinger Professors Büttner, der nunmehr in Jena, also im Zuständigkeitsgebiet der Weimarer Verwaltung, ansässig ist. Die Erfahrung ist erschütternd. Goethe „kann versichern, daß die geläufigste Zunge und geschickteste Feder nicht fähig sein würde, den Zustand zu beschreiben, in welchem man diese Zimmer gefunden.“2Goethe schreibt aber trotzdem weiter. Die Zimmer „schienen keineswegs von einem Menschen bewohnt gewesen zu sein, sondern bloß ein Aufenthalt für Bücher und Papiere.“3 Dies ist ein Eindruck, den professorale Privatgemächer also auch machen können, nicht nur 1802, sondern auch 2020. Die Erfahrung von Bücherchaos und Unaufgeräumtheit im Zimmer und im Denken ist wohl etwas, was Goethe nachhaltig beschäftigt hat.

Etwa ein halbes Jahr vor der erschütternden Erfahrung in Büttners Privatgemächern hat Goethe noch ganz anders gesprochen. „Man fühlt sich“, so Goethes Impression einer wohlgeordneten Bibliothek, „wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet.“4 Eine Erfahrung also, die vor dem Hintergrund der Erfahrung des Büttner’schen Chaos noch mal eine besondere Pointe bekommt. Ordnung ist produktiv, Unordnung unproduktiv.

Die ‚Gegenwart des großen Kapitals‘ in der Bibliothek, eines Kapitals zumal, das ‚Zinsen‘ für den einzelnen Leser und für die Gesellschaft erwirtschaftet, umschreibt auf eine interessante Art und Weise die symbolische Ökonomie der Bibliothek. Aber was ist damit gesagt, wenn die Institution Bibliothek hier mit ökonomischer Sprache gleichsam aufgeladen wird? Was hat es mit Kapital auf sich, wer erntet die Zinsen?

Fangen wir beim Kapital an. Goethes ökonomisches Denken und seine Verwendung ökonomischer Denkweisen ist gut erforscht.5 Es geht ihm beim Bericht über die Bibliothek ja offensichtlich nicht um die Inventur einer Büchersammlung, sondern anscheinend ist es ihm um den Übertrag (im doppelten Sinne) von Potentialen einer Bildungsinstitution auf ein Subjekt (Gesellschaft und Individuum) zu tun. Bibliotheken in den Augen Goethes sind symbolische Orte der, in heutigen Worten, Bewirtschaftung von Kapital und Orte der Zirkulation von Wissen.

Das Kapital, von dem Goethe hier spricht, ist von besonderer Art. Es beschreibt eine Form von Kapital, die man heute vielleicht ‚Humankapital‘6 nennen würde. Um das zu verstehen, soll ein kurzer Blick auf Adams Smiths Gründungsschrift der Volkswirtschaft geworfen werden, die er ja bekanntermaßen noch als politische Ökonomie versteht, also als Wissenschaft, die die vormals getrennten Bereiche des Gemeinwesens und der Ökonomie in eins setzt und untersucht. Im zweiten Buch von „Der Wohlstand der Nationen“ geht es um die Frage nach der Akkumulation und dem Einsatz von Kapitel. An einer Stelle schreibt Smith: „Viertens gehören zum Anlagevermögen [über das eine Nation verfügen kann, MST] die Fähigkeiten, die sich alle Einwohner oder Mitglieder einer Gesellschaft erworben haben und mit Nutzen verwerten.“7 Die Bibliothek scheint so ein Ort zu sein, an dem die erworbenen Fähigkeiten ‚verwertet‘ werden können. Sie sind öffentlich finanziert8 und gehören, nochmals mit Smith Worten, zum „Gesamtvermögen“9 einer Nation.

Die öffentlichen Bildungseinrichtungen verfahren nach Meinung von Adam Smith in einer gewissen Weise an-ökonomisch: „Gäbe es keine öffentlichen Lehranstalten, so würden weder Methoden noch Wissenschaften gelehrt, für die keine ausreichende Nachfrage besteht oder die zu erlernen nach den jeweiligen Zeitumständen nicht notwendig, zweckdienlich oder zumindest zeitgemäß ist.“10 Öffentliche Finanzierung von Bildungsinfrastruktur ist also unbedingt notwendig.

Goethes Beschreibung der Universitätsbibliothek aus dem Jahre 1801 ist in dieser Dimension durchaus weitsichtig. Sie erweitert nämlich die Bedeutung des „umbauten Papiers“11, das die Bibliothek auch ist, hin zur Symbolisierung von Institutionen. Nicht ganz zufällig wird hier der Besuch der Bibliothek mit einer ökonomischen Dimension verknüpft, die mit dem Bildungsdenken und einer Bürokratie des Selbst zu tun hat. Ort der literarischen Umsetzung der Kapitalisierung des Selbst ist der Bildungsroman. Denn für das ‚Geschäft‘ im Denken, das die Bibliotheken befördern sollen, ist Ordnung im Denken notwendig. „Welchen Überblick“ heißt es dann entsprechend im „Wilhelm Meisters Lehrjahren“, „verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen. Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, um uns durch das Einzelne verwirren zu lassen.“12 Leben und Lesen heißt den Überblick zu behalten. „Die geringste Ware“, so Werner in Smith’scher Manier, „siehst Du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht.“13

Die öffentliche Bibliothek ist derzeit als Ort eines zu investierenden Humankapitals de facto geschlossen. Zinsen zu erwirtschaften, erscheint unmöglich. Was wir derzeit beobachten müssen (nicht nur in professoralen Arbeitszimmern), ist die Privatisierung des Zugangs zu Wissensressourcen und zur Bildung. Der derzeit notwendige Rückzug in die Privatgemächer, der so lustvoll und auch so peinlich von so manchem inszeniert wird (Corona-Tagebuch), ist kein Ausweg: Er ist, gesellschaftlich gesehen, eine Sackgasse. Eine Gesellschaft, der es nicht gelingt, Zinsen aus dem symbolischen und ökonomischen Kapital der Bibliotheken zu erwirtschaften, hat eine unklare Zukunft.

References

  1. Uwe Jochum 2003: Goethes Bibliotheksökonomie. In: Europa: Kultur der Sekretäre. Hg. v. Bernhard Siegert und Joseph Vogl. Zürich [u.a.]: Diaphanes, S.111-123, dort auch weitere Quellen zu Goethe als Bibliotheksreformer.
  2. Johann Wolfgang von Goethe 1802/ 1951: Goethes Briefwechsel mit Christian Gottlob Voigt. Vier Bände. Hg. v. Hans Tümmler. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, S. 276, Hinweis auf dieses Zitat in Jochum 2003, S. 114.
  3. Ebd.
  4. Johann Wolfgang von Goethe 1801/2006: Tag- und Jahreshefte. In: J.W.v.G: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens [=Münchner Ausgabe], Bd. 14. Hg. v. Karl Richter et al. München: BTB, S. 7-323, hier S. 69, Hinweis auf dieses Zitat in Jochum 2003, S. 111.
  5. Vgl. Joseph Vogl 1999: Nomos der Ökonomie. Steuerungen in Goethes „Wahlverwandtschaften“. In: MLN, Vol. 114, No. 3, German Issue (Apr., 1999), S 503-527, ders. 2002: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen. München: Sequentia. https://doi.org/10.1353/mln.1999.0044.
  6. Das Humankapital-Konzept ist ein wesentlicher Teil des neoliberalen Umbaus modernen Gesellschaft im Bereich des Bildungswesens. Vgl. hierzu Klaus Hüfner 1970: Die Geschichte des Humankapitalkonzepts. In: Bildungsinvestition und Wirtschaftswachstum. Ausgewählte Beiträge zur Bildungsökonomik. Hg. v. K.H. Stuttgart: Klett, S. 11-62.
  7. Adam Smith 1776/1996: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen von Horst Claus Recktenwald. München: DTV, S. 232.
  8. Vgl. zur notwendigen öffentlichen Finanzierung von Forschung und Wissenschaft Smith 1789/1996, Buch fünf, Kapitel eins, Zweiter Abschnitt: Ausgaben der Bildungseinrichtungen für die Jugend.
  9. Smith 1789/1996, S. 232.
  10. Smith 1789/1996, S. 661.
  11. Achim Hölter 2015: Das Bibliotheksmotiv im literaturwissenschaftlichen Diskurs. In: Literaturwissenschaft und Bibliotheken. Hg. v. A.H. und Stefan Alker-Windbichler. Göttingen: Vandenhoeck&Rupprecht, S.167-193, hier S. 170. https://doi.org/10.14220/9783737004541.167.
  12. Johann Wolfgang von Goethe 1795/2006: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: J.W.v.G: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens [=Münchner Ausgabe], Bd. 5. Hg. v. Karl Richter et al. München: BTB, S. 37.
  13. Goethe 1795/2006, S. 38.

SUGGESTED CITATION: Steinmayr, Markus: Goethe: Die Versprechen der Bibliothek, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/goethe-die-versprechen-der-bibliothek/], 06.05.2020

DOI: https://doi.org/10.17185/kwi-blog/20200506-0900

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