Constantin M. März

„Goldwater Rule“ und „Trump Duty“ II

„Goldwater Rule“ und „Trump Duty“ II Über die Grenzen des medizinisch-wissenschaftlichen Aktivismus Von: Constantin M. März
Cover von Bandy X. Lees “The Dangerous Case of Donald Trump”, 2017 Foto: Unknown Author, 03/10/2017, Quelle: Wikimedie Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Dangerous_Case_of_Donald_Trump_Front_Cover_(2017_first_edition).jpg

Aus der „Duty to Warn?“-Konferenz entstand die nochmals deutlich umfassendere Publikation „The Dangerous Case of Donald Trump“, in der fast 30 Expert:innen eine im Großen und Ganzen vernichtende Diagnose stellten. Kritiker wie Dike waren nicht mehr vertreten. Die Eindeutigkeit und Schwere der Bedrohung bildete sich bereits in den Titeln der Beiträge ab, ebenso wie die bewusste Zuspitzung: „Donald Trump Is: (A) Bad, (B) Mad, (C) All of the Above“ (John D. Gartner), „In Relationship with an Abusive President“ (Harper West) oder auch „He’s Got the World in His Hands and His Finger on the Trigger: The Twenty-Fifth Amendment Solution“ (Nanette Gartrell und Dee Mosbacher).1 Der Herausgeberin Lee standen die politischen Risiken ihres Vorgehens und die fachlichen Kontroversen um die eigentliche medizinische Befähigung zum politischem Gegenwartskommentar durchaus klar vor Augen.2 Dennoch wurden diesen Bedenken von der so begriffenen akuten Gefahr überstrahlt. Eine Gefahr, die im Verständnis der beteiligten „health care professionals“ nicht einzig von der Person Trump ausging, sondern sich auch in ihm manifestierte. Die alarmierende These war, dass die geistige Gesundheit zumindest eines Teiles von Amerika bereits in Mitleidenschaft gezogen worden sei, wie die politischen Ereignisse nahelegten. Der Grund hierfür sei im Trumpismus und seiner Durchdringung des Landes zu sehen – der Namensgeber dieser Geisteshaltung war so mehr das Symptom als die Krankheit.

Glaubte man Lee, erwuchs aus dieser Verquickung von Medizin und Politik so letzten Endes die Pflicht und damit das gesellschaftliche Mandat, gegen diese Entwicklung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen:

[T]he main point of this book is not about Mr. Trump. It is about the larger context that has given rise to his presidency, and the greater population that he affects by virtue of his position. The ascendancy of an individual with such impairments speaks to our general state of health and well-being as a nation, and how we can respond: we can either improve it or further impair it. […] Embracing our ‘duty to warn,’ as our professional training and ethics lead us to do at times of danger, therefore involves not only sounding an alarm but continually educating and engaging in dialogue our fellow human beings, as this compilation aspires to do.3

Daneben betonte Lee, dass es bereits bei der Konferenz nicht um Diagnosen, sondern um die Feststellung von Gefahr ging: „Dangerousness is about the situation, not the individual […].“ In diesem Sinne habe man die „Goldwater Rule“ berücksichtigt.4 Dies mochte argumentativ einleuchten, aber war ohne große Schwierigkeiten als Schutzbehauptung zu enttarnen.

Auftritt von Bandy X. Lee auf dem US-Fernsehsender MSNBC („The Last Word with Lawrence O’Donnell“) anlässlich der Veröffentlichung von „The Dangerous Case of Donald Trump“, 06/10/2017, https://www.youtube.com/watch?v=6nhoGIvOKJU (letzter Zugriff: 28/10/2024)

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Interview mit Maria A. Oquendo, von 2016 bis 2017 Vorsitzende der American Psychiatric Association, über die anhaltende Relevanz der „Goldwater Rule“ (Penn Medical Ethics & Health Policy Online), 30/08/2017, https://www.youtube.com/watch?v=d36hZ7fyZN4 (letzter Zugriff: 28/10/2024)

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Wie lässt sich die Verbindung aus „mental health experts“ und Politik in den Fällen von Goldwater und Trump einordnen? Hier bieten sich mehrere Deutungen an:

Die Masse an vordergründigen Grenzüberschreitungen und Normverletzungen, die von den Gegnern Goldwaters und Trumps als Nachweis von mutwilligem politischem Destruktivismus, mindestens aber einem vollkommen irregeleiteten Verständnis amerikanischer Identität verstanden wurden, warf auch die Frage nach dem Geisteszustand beider Akteure auf. Dahinter stand einerseits die Vorstellung, dass die Botschaften, die Goldwaterismus und Trumpismus ausmachten, nicht zuletzt durch einen Blick auf das Medium selbst erklärbar seien. Präziser ausgedrückt: durch den Bezug auf dessen geistige Gesundheit und mögliche psychische Defizite. Diese sehr spezielle Form eines „argumentum ad hominem“ benötigte zur Validierung die Involvierung von Psychiater:innen und Psycholog:innen, die als „apolitische“ Experten aus der Entfernung Einschätzungen zum mentalen Zustand und (dem Charakter) der Person geben sollten.

Barry M. Goldwater, 1962 Foto: Trikosko, Marion S., 25/09/1962, Quelle: Wikimedia Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Barry_Goldwater_photo1962.jpg
Donald J. Trump, 2016 Foto: Pinault, Nicolas, Voice of America, 21/07/2016, Quelle: Wikimedia Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Donald_Trump_2016_RNC_speech_(8).jpg

Andererseits erzeugten die diversen Tabubrüche und Provokationen der öffentlichen Figuren Goldwater und Trump, in Inhalt und Form, nachvollziehbare Befürchtungen, dass im Falle ihres Wahlsieges immense politische und militärische Macht in die Hände von Individuen gelegt werde, die mit dieser Verantwortung nicht konstruktiv umgehen könnten. Was im schlimmsten Falle existentielle Auswirkungen auf die amerikanische Demokratie und sogar den globalen Frieden habe könnte – sowie implizit die psychische Gesundheit der US-Gesellschaft massiv in Mitleidenschaft ziehen würde, deren Schutz im Zentrum des Handelns der „mental health professionals“ steht. Essenziell für solche Szenarien von durch Individuen aus einem Impuls heraus auslösbare (Welt-)Krisen war und ist nicht zuletzt die exzeptionell ausgeprägte Machtposition des Präsidenten oder der Präsidentin. Der US-Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. hatte bereits 1973 vor der daraus erwachsenden Gefahr einer „imperialen Präsidentschaft“ gewarnt und damit die im schlimmsten Falle willkürliche und kaum anfechtbare Entscheidungsmacht über Krieg und Frieden sowie den Missbrauch dieser Macht gemeint.5

Allmacht des US-Präsidentschaftsamtes als immenses Gewaltpotenzial eines Individuums. (Das Foto zeigt den damaligen Amtsinhaber Barack H. Obama 2012 als Sportschützen (Wurfscheiben)) Foto: Souza, Pete, 04/08/2012, Quelle: Wikimedia Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:United_States_President_Barack_Obama_shoots_clay_targets_on_the_range_at_Camp_David,_Maryland.jpg

Auffällig ist der mit der Causa Trump einsetzende Paradigmenwechsel. Während das Vorgehen von Ginzburg und einigen hundert Psychiater:innen 1964 in der direkten Folgezeit juristisch wie fachlich als eher problematisch denn sinnvoll eingeordnet wurde und mit der Einführung der „Goldwater Rule“ zumindest Psychiater:innen von solchen Handlungen durch institutionellen Druck abgehalten werden sollten, stellte sich die Reaktion auf Trump knapp fünf Jahrzehnte später deutlich heterogener dar. Neben den „mental health professionals“, die weiterhin auf den Grundsätzen der „Goldwater Rule“ beharrten, bildete sich eine in der Öffentlichkeit sehr präsente Fraktion, die explizit für eine Öffnung in Richtung mehr gesellschaftlich-politischen Engagements warb und sich gegen die Haltung ihrer eigenen Überorganisationen American Psychiatric Association und American Psychological Association stellte. So wurde von psychologischer Seite 2018 in einem Fachorgan argumentiert, diese Regel sei in ihrer Entstehungszeit zwar legitim gewesen, aber mittlerweile „outdated and premised on dubious scientific assumptions“6. Vielmehr warb man dafür, „a duty to inform“ als Recht festzuschreiben: „That is, when psychologists (a) possess considerable expertise concerning a specific disorder and (b) have thoroughly examined a large body of O and L data on a public figure“.7 Explizit beträfe diese Möglichkeit „individuals hold[ing] positions of substantial power over others, as is the case for most high-profile politicians“.8 Die Psychiater:innen Jacob M. Appel und Akaela Michels-Gualtieri gelangten wiederum 2021 in ihrem Artikel „Goldwater After Trump“ zur selben Feststellung. Aus ihrer Sicht sei die Regel von Zeit und Realitäten schlicht überholt worden. Genauer gesagt durch „the combined lack of professional consensus supporting the policy, absence of a meaningful enforcement mechanism, and the credible statements of non-APA members in the mental health professions regarding public figures“.9

Auch fachfremde Beobachter wie die Politologen Justin T. Piccorelli und R. McGregor Cawley argumentierten 2022 über den Streit um die Zeitgemäßheit der „Goldwater Rule“, dass sich die dort manifestierte künstliche Trennung zwischen Wissenschaft und Politik nicht auf Dauer aufrechterhalten werden lasse. Denn beides sei miteinander verbunden: „After all, professions are part of the broader sociopolitical environment in which they exist. […] The issue, therefore, is not so much pitting [sic] professional values against political values as it is accepting the extent to which they are inextricably intertwined.”10 Eine solche Auffassung dürfte allerdings die teils fundamental unterschiedlichen Wissenschaftskulturen mutwillig ignorieren. So gibt es wohl schwerlich gänzlich „unpolitische“ Soziologie, „unpolitische“ Krebsforschung z.B. aber selbstverständlich.

Sich dem politischen Diskurs als Selbstzweck zu verweigern und einem vordergründig medizinisch-wissenschaftlichen Eskapismus zu frönen, sei Appel und Michels-Gualtieri nach kein rationaler Ansatz dazu, den neu geschaffenen Realitäten der Ära Trump und Post-Trump gegenüberzustehen. In einer Zeit, die im öffentlichen Raum kausal abgesichertes Faktenwissen zu alternativen Ansätzen degradiere, könnten ihrer Ansicht „mental health experts“ keine bloßen, auf dem Papier unpolitischen Zaungäste bleiben, sondern hätten explizit die Pflicht, ihr medizinisches Wissen in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen. Es handle sich um eine „Trump Duty“, die die „Goldwater Rule“ begrabe:

American society is already highly politicized, rife with false information, and disabused of any notion that psychiatrists cannot form opinions from afar. Allowing experts to weigh in on apparent psychiatric attributes of figures in the public eye, even in the absence of formal evaluation – to debate as adversaries in the public arena, as those with less insight do already – can only improve the value of information available to laypersons. Psychiatry as a field will appear engaged, rather than derelict. One of the legacies of the Trump era should be a psychiatric profession less afraid to engage in constructive public discourse.11

Ein solcher Ansatz kann exemplarisch auch für ein neues Verständnis von Wissenschaft stehen (hier medizinischer Prägung), in dem deren gesellschaftliche Funktion deutlich interventionistischer, öffentlicher und präventiver ausgelegt wird als noch vor einigen Jahren. Ein Phänomen, dass sich in jüngster Zeit auch vor dem Hintergrund anderer Gegenwarts- und Zukunftskrisen wie der Covid-19-Pandemie oder des Klimawandels beobachten lässt.

Anhänger:innen des Wahlverlierers beim Kapitol-Sturm am 06/01/2021: Neue Realitäten durch die Ära Trump? Foto: Merbler, Tyler, 06/01/2021, Quelle: Wikimedia Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2021_storming_of_the_United_States_Capitol_DSC09254-2_(50820534063)_(retouched).jpg

Dennoch kam es ebenso zu einem „backlash“ gegen die Aufweichung oder Überwindung der „Goldwater Rule“ als die (psychiatrische) APA 2018 erneut auf die Einhaltung der Regel pochte und jene von ihr so charakterisierte „armchair psychiatry“ als „uncceptable“ verdammte.12 Lee, die wohl prominenteste Figur aus der psychiatrischen „Trump Duty“-Bewegung, wurde wiederum 2020 von der Yale School of Medicine gekündigt, da der fortgesetzte Aktivismus ihren Vorgesetzten immer mehr zum Dorn im Auge wurde und angeblich die politische Neutralität der Institution gefährdete – Druck kam dabei auch von außen. Lee klagte gegen die Entlassung und verknüpfte ihren Fall mit grundsätzlichen Fragen der Wissenschaftsfreiheit: „When academics are pressured to give in to power, we have to stand up. We need to make sure that intellectual knowledge and facts are valued.“13 Im selben Jahr veröffentlichte sie eine Art Sequel zu „The Dangerous Case of Donald Trump“, das den Geist des Trumpismus weiter evaluierte: „Profile of a Nation: Trump’s Mind, America’s Soul“.14 Lees Klage gegen ihre Entlassung in Yale wurde vor Gericht schlussendlich 2023 abgewiesen, so dass die Universität mit ihrer Auffassung von politisch-wissenschaftlicher Grenzziehung die Oberhand behielt.15 Erstaunlich ist ebenso, dass es im Wahlkampf 2024 zu keinem nennenswerten Revival der „Trump Duty“-Bewegung kam und so die „Goldwater Rule“ also resilienter zu sein scheint, als man vor acht Jahren annehmen konnte. (Auch wenn festzuhalten ist, dass die grundsätzliche Frage nach der Befähigung für das Präsidentenamt prominent in Medien und öffentlichem Raum verhandelt wurde. Allerdings im Falle beider Kandidaten nicht in Bezug auf mentale Erkrankungen, sondern eher auf ihr fortgeschrittenes Alter („Demenz“), was für Biden auch das Ende seiner Wiederwahlpläne bedeutete.) Was grundsätzlich die in diesem Text betrachteten Vorgänge für politische Aktivismen (medizinisch-)wissenschaftlicher Akteur:innen bedeuten, wird wiederum die Zukunft zeigen.

References

  1. Lee 2017.
  2. Ebd., S. 14.
  3. Ebd., S. 19.
  4. Ebd., S. 13f., das Zitat stammt von S. 14, Anmerkung, siehe ebenso: Gilligan, James (2017): The Issue Is Dangerousness, Not Mental Illness, in: Lee 2017, S. 170-180.
  5. Schlesinger, Arthur M. Jr. (2004): The Imperial Presidency, (With a New Introduction), New York: Houghton Mifflin; Für eine weitere kritische und dazu aktuelle Position, die in den Befugnissen des Amtes große Gefahr erkennt, sei verwiesen auf: Ginsberg, Benjamin (2021): The Imperial Presidency and American Politics: Governance by Edicts and Coups, New York: Routledge.
  6. Lilienfeld, Scott O., Donald R. Lynam und Joshua D. Miller (2018): The Goldwater Rule: Perspectives From, and Implications for, Psychological Science, in: Perspectives on Psychological Science, Heft 13, Nr. 1, S. 3-27, hier S. 3, https://doi.org/10.1177/1745691617727864.
  7. Ebd., S. 20.
  8. Ebd. Festzuhalten ist in diesem Kontext noch, dass sich die eigentliche „Goldwater Rule“ immer auf Psychiater:innen beschränkte. Innerhalb des Bereichs Psychologie existiert sie nicht direkt.
  9. Appel, Jacob M. und Akaela Michels-Gualtieri (2021): Goldwater After Trump, in: Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics, Heft 30, Nr. 4, S. 651–661, hier S. 651, https://doi.org/10.1017/S0963180121000128.
  10. Piccorelli, Justin T./ und R. McGregor Cawley (2022): The Case of Donald Trump and the Goldwater Rule: Politics and Professional Ehics Intertwined, in: Political Research Quarterly, Heft 75, Nr. 4, S. 1313-1320, Zitat hier S: 1319, https://doi.org/10.1177/10659129211004785.
  11. Appel und Michels-Gualtieri 2021, S. 659.
  12. American Psychiatric Association (2018): APA Calls for End to “Armchair” Psychiatry, in: Psychiatry, https://www.psychiatry.org/news-room/news-releases/apa-calls-for-end-to-armchair-psychiatry, 09/01/2018 (letzter Zugriff: 17.10.2024).
  13. Vgl. und zit. n.: Kendall, Joshua (2022): The Psychiatrist Who Warned Us That Donald Trump Would Unleash Violence Was Absolutely Right, in: Mother Jones, https://www.motherjones.com/politics/2022/08/donald-trump-violence-mental-health-dangerous-jan-6-fbi-mar-a-lago-civil-war-bandy-lee-psychiatry-goldwater-rule/, September/Oktober 2022 (letzter Zugriff: 17.10.2024).
  14. Lee, Bandy X. (2020): Profile of a Nation: Trump’s Mind, America’s Soul, New York: World Mental Health Coalition.
  15. Vgl. Howell, Jordan (2023): Yale Shreds Faculty Rights to Rid Itself of Professor Who Called Trump Mentally Unstable, in: The Fire, https://www.thefire.org/news/yale-shreds-faculty-rights-rid-itself-professor-who-called-trump-mentally-unstable, 26/06/2023 [letzter Zugriff: 17.10.2024].

SUGGESTED CITATION: März, Constantin M.: „Goldwater Rule“ und „Trump Duty“ II, Über die Grenzen des medizinisch-wissenschaftlichen Aktivismus, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/goldwater-rule-und-trump-duty-ii/], 06.11.2024

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20241106-0830

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