Klara LöfflerFäden

Positive Ease

Positive Ease Strickend ins Gespräch kommen Erschienen in: Fäden Von: Klara Löffler

Meist fehlt der Maßstab: In Meldungen zu Trends, zumal zum Freizeitverhalten, bleibt in der Regel unbeantwortet, mit welchen Zeiten wessen und welche Praktiken ins Verhältnis gesetzt werden. Ob heute mehr oder weniger gestrickt wird, lasse ich deshalb dahingestellt. Was sich beobachten lässt, ist eine anhaltend multimediale Präsenz des Strickens in unterschiedlichen Öffentlichkeiten: künstlerische, feministische Aktionen ebenso wie weltweite Charity-Projekte und lokale Stricktreffs. Die vielfältigen weniger spektakulären Praktiken, etwa wenn die Einzelnen mit diesem und über dieses Tun abseits (aber nicht unbeeinflusst) von solchen medialen Rahmungen mit anderen ins Gespräch kommen, bleiben da ausgeblendet. Beruflich viel unterwegs stricke ich gerne und erlebe immer wieder, dass ich unversehens im Gespräch über das eigene Stricken bin und/oder über das einer strickenden Person, auf die ich treffe. Als Ethnographin beschäftigen mich gerade solche, eher zufälligen Begebenheiten im Normalbetrieb des Alltags. Was macht solche Gespräche aus, deren Ausgangspunkt das Stricken ist und die bei mir gute Laune hinterlassen? In dieser Frage kreuzt sich mein Interesse für eine Ethnographie der Kommunikation1 mit der Frage nach Formen des Selbermachens, wie diese praktiziert und verhandelt werden. Mit der folgenden auto/ethnographischen Skizze über das Stricken auf Zugfahrten möchte ich zu einer forschungspolitischen und alltagskulturellen Verschiebung eingefahrener Perspektiven anregen: hin zu größerer Offenheit und Aufmerksamkeit auch für die kleinsten und zerstreuten Einheiten alltäglichen Kommunizierens ebenso wie für die Vielseitigkeit und Vieldeutigkeit Praktiken des Strickens.

Stricken hat eine ganz eigene Evidenz. Nicht zuletzt die Materialität von Werkzeug und Werkstoff stellt Eindeutigkeit her. Auch wer mit dieser Handarbeit nicht vertraut ist, ordnet diese als Stricken ein, als ein Hobby von Frauen, als deren heimischen Zeitvertreib. „Knitting and knitted objects have a long, symbolic association with the home, domesticity and femininity.“2 Die Stabilität dieser Stereotype hält bis heute an, was nicht verwundern kann, bedenkt man die Rolle des Strickens in der Geschichte der Erziehung zu Weiblichkeit.3 Gleichzeitig ist (und war) Stricken unterwegs, in unterschiedlichen Öffentlichkeiten und Konstellationen vielfache Praxis. Darauf reagiert heute ein breit aufgestellter Markt mit speziellen Anleitungen im Handtaschen-tauglichen Buchformat, komplett zusammengestellten Wollsets oder auch speziellen Vorrichtungen wie dem „Yarn Arm“4, einer am Oberarm anzubringenden Halterung für Wollknäuel mit der Anmutung eines Blutdruckgeräts.

Gegenüber anderen Handarbeitstechniken hat Stricken den Vorteil, dass man damit einfach mobil sein kann. Man trifft sich dazu in Runden, man strickt aber auch alleine unterwegs. Die einen nehmen sich dazu kleine Auszeiten und unterbrechen alltägliche Zeitregime, andere verkürzen damit Zeiten der mehr oder weniger erzwungenen Untätigkeit. Wieder andere schätzen die regelmäßigen Bewegungen des Strickens, um sich auf andere Aktivitäten (wie etwa Podcast-Hören oder Prüfungs-Lernen) konzentrieren zu können. Ideal sind mehrstündige Bahnfahrten, wie sie auf Reisen oder im Arbeitsleben vieler, auch in meinem, zum Alltag gehören. Die meisten arrangieren sich mit der Situation, indem sie lange Fahrzeiten zur Eigenzeit umbauen und sich einrichten: Es wird ausgepackt, gegessen, gelesen, Musik gehört, gearbeitet, es werden Videos geschaut, es wird gestrickt. Trotz der „räumlichen[n] und zeitliche[n] Gebundenheit und Begrenztheit des Aufenthalts“5 im karg ausgestatteten Durchgangsraum eines Großraumwagens kann dieser zwischenzeitlich zum intensiv genutzten Innenraum werden.

Ich registriere all die Aktivitäten der anderen Fahrgäste um mich herum, beachte sie jedoch nicht weiter; da dürfte ich keine Ausnahme sein. Anders verhält es sich, wenn ich beim Durchwandern eines Großraumwagens sehe, dass eine Frau (noch sind es zumeist Frauen) strickt, seltener häkelt. Mein eher zurückhaltendes Beobachten wird dann zu einem Innehalten und Zuschauen und widerspricht Verhaltensregeln der Diskretion, die wir, zumal Fremden gegenüber, internalisiert haben. Mein Blick fällt dabei als erstes auf das Strickzeug und nicht auf die Person. Ich frage mich, inwieweit ich auf das konkrete Tun reagiere oder auf das Bildmotiv des Strickzeugs, wie es in der Poetik von Wohnzeitschriften und Werbung für die besondere Behaglichkeit der vorgeführten Räume und Möbel stehen soll.6

Von mir angesprochen, unterbrechen die meisten umstandslos ihr Tun. Die wenigsten stricken da an einem halbfertigen Pullover, sondern bevorzugen unterwegs ein, halbernst so genanntes, „mindless knitting“ an Einzelteilen oder Accessoires. Manchmal bleibt es bei einem kurzen Wortwechsel, freundlich, auch erfreut. Eine Abfuhr oder auch nur Schweigen habe ich bislang nicht erlebt. Erste Bemerkungen, sowohl meine als auch diejenigen der angesprochenen Person, zielen auf das Offensichtliche und Allgemeine: was da gerade gestrickt wird, dass man bei langen Fahrten gerne im Zug strickt. Ins Gespräch kommen wir vor allem über die handwerkliche und technische Seite des Strickens. Außer einigen allgemeinen, lobenden Worten über das jeweilige Strickstück sind ästhetische Aspekte wie Farben, Muster und Schnitte selten.

Wenn wir uns über Erfahrungen des Strickens austauschen, dann immer wieder mit selbstironischen Einlassungen über die Fallstricke dieser Beschäftigung. Sich gegenseitig bestätigend erzählen wir dann über den eigenen, überbordenden Konsum, um Versuche des Wollfastens, aber auch über Fehler, die man immer wieder macht, obwohl man es besser wissen müsste, über das Auftrennen, das Neubeginnen, das Scheitern. So wie das Unterwegssein im Zug Routine ist, so ist das Stricken routiniert, und es wird darüber als einer Selbstverständlichkeit gesprochen, die nicht gerechtfertigt werden muss. Stricken wird als Zeit, die frau für sich nutzt, dargestellt – dabei ist es den wenigsten um Nützlichkeit im (haus-)wirtschaftlichen Sinne, um ein feministisches Statement oder um Protest gegen eine überbordende Textilwirtschaft zu tun.7

Entwickeln sich längere Gespräche, so kommt es vor, dass sich andere, Männer wie Frauen, in der Nähe sitzend einschalten, nachfragen, woran man strickt, vor allem aber von ihren eigenen, oftmals ähnlichen Erfahrungen erzählen. Wie allgemein in Kontakten und Gesprächen im Zug gilt auch hier eine verbindliche Unverbindlichkeit der Begegnung, die offene Gespräche in einer unaufgeregten Tonlage ermöglicht. Dieses Sprechen ist ein freundliches, nicht nur höfliches Plaudern, mit gewissem Sicherheitsabstand in Kontakt und Kommunikation.

Im Vergleich dazu kommt man sich in Stricktreffs aller Art näher. Meiner Beobachtung nach entwickelt sich die Kommunikation in Richtung einer öffentlicheren, auf Anerkennung zielenden Performanz in der Darstellung des eigenen Strickens. Veranstaltungen wie der seit 2005 inszenierte „WWKIP-Day“, der als Tag des weltweiten öffentlichen Strickens auch in Deutschland breite Resonanz erfährt, führen dazu, dass Stricken in Öffentlichkeiten, „becomes a performative activity, a means of expressing oneself in a public area“.8 Das gilt auch im kleineren Rahmen für Strickrunden, Strickreise etc. Herrscht zu Beginn solcher Veranstaltungen noch zwangloser Plauderton, so verändern sich mit der Zeit die Gespräche. Es geht dann zunehmend um das Besprechen und Vorweisen dessen, was man bereits gestrickt hat, und dessen, was alles man plant. Es gehört zwar zum guten Ton, zu beteuern, nicht perfekt zu sein und dieses nicht sein zu wollen.9 Doch klingen weitreichendere Ambitionen an. Wenn in solchen Runden die Sprache auf Projekte (meist im Plural) kommt, dann drücken sich darin nicht nur Ansprüche von Kennerschaft und Kreativität aus. Es spiegelt sich darin auch ein Klima des Wettbewerbs, wie es durch weltweite Events wie „The Fastest Sock Knitters in the World“10 oder national organisierte Aktionen wie der 2026 in Deutschland ausgerufene Socken-Weltrekord befeuert wird.11

Das Stricken in der Runde ist wie das Stricken alleine unterwegs Teil der unterschiedlichen Praktiken von Strickenden. Die Intensität, mit der diese Praktiken betrieben werden, variieren im Verlauf jeder Biographie, aber auch in der Geschichte jedes einzelnen Strickstücks zwischen dem lustvollen Anstricken und dem ungeliebten Finish, das mit dem mehr oder weniger gelungenen Endergebnis konfrontiert. Stricken steht grundsätzlich, resümiert Lydia Arantes, für beides: „Stricken ist zugleich selbstreferentiell (nach innen gerichtet) und relational (nach außen gerichtet).“12 Entsprechend unterschiedlich wird das eigene Tun in variierenden Kommunikationssituationen verhandelt. Stricktreffs verpflichten die Beteiligten deutlicher auf Charakter und Ziele der Zusammenkunft, deren Interaktionsordnungen und Dynamiken. Gelegentliche Gespräche beim Stricken unterwegs sind vergleichsweise offener, im Sprechen und Zuhören entlastet und damit auch in spezifischer Weise zugewandt. Mit dem Stricken ist eine Gemeinsamkeit offensichtlich, derer man sich nicht versichern muss – ähnlich wie in Situationen des Spazierengehens mit Kindern oder des Gassigehens mit Hunden. Solche Gespräche sind im besten Sinne des Wortes ein Mitteilen, das Teilen einer Gemeinsamkeit. Ich erlebe es nach solchen Gesprächen im Zug immer wieder, dass wir mit einem guten Gefühl auseinandergehen. Dass auch mein Gegenüber so empfindet, schließe ich daraus, dass wir uns mit mehr als nur dem Gruß verabschieden, sondern auch mit guten Wünschen für die Zukunft.

Die besondere Qualität solcher Unterhaltungen ist, so mein vorläufiges Fazit, – sachlich gesehen – deren Nebensächlichkeit und – sozial betrachtet – deren Ungezwungenheit. Es geht in solchen Begegnungen nicht darum, sich zu beweisen, andere überzeugen oder gar überreden zu wollen oder zu sollen. Ob oft wiederholte Belanglosigkeiten mit dem Nachbar:innen am Zaun wiederholt werden,13 ob kürzeste, freundliche, witzelnde Bemerkungen beim Einkaufen,14 ob zufällige Gespräche beim Stricken unterwegs, alle diese kleinen und kleinsten Gesprächseinheiten tragen nicht nur unseren Alltag, sondern machen sie auch erträglich. Sie stehen für Freiräume, die uns positive ease erlauben – ganz ähnlich wie jene „positive ease“, die Stricker:innen als Mehrweite im Gegensatz zu körpernahen Konturen von Kleidung schätzen. Alle diese Varianten des Smalltalk (wortwörtlich verstanden) stehen für eine Unbekümmertheit und Leichtigkeit in der Kommunikation mit anderen und sind der Gegenbeweis zu allfälligen, oftmals wenig seriös argumentierten zeitgenössischen Urteilen über eine allgemeine Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren.

References

  1. So etwa Altmeister Dell Hymes, Soziolinguistik. Zur Ethnographie der Kommunikation (Suhrkamp, 1979).
  2. Joanne Turney, The Culture of Knitting (Bloomsbury, 2009), 134.
  3. Vgl. etwa Lydia Maria Arantes, Verstrickungen. Kulturanthropologische Perspektiven auf Stricken und Handarbeit (Panama, 2017), 222–236.
  4. https://addi.de/produkt/addiyarnarm-garnhalter/.
  5. Hannes Krämer, „Alltägliche Poesie der Störung. Kommunikative Verzeitlichungsstrategien der Deutschen Bahn“, Soziopolis: Gesellschaft beobachten (2025), https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/106789.
  6. Christian Demand, „Homestorys (IV): Behaglichkeit“, Merkur 77.884 (2023), 17–38, hier 26.
  7. Siehe Nikola Langreiter, „‚Weibliches‘ Handarbeiten – (anti-)feministisch!?“, in Selbermachen. Diskurse und Praktiken des »Do it Yourself«, hg. v. Nikola Langreiter und Klara Löffler (transcript, 2017), 329–345, https://doi.org/10.1515/9783839433508-016.
  8. Turney, The Culture of Knitting, 144.
  9. Klara Löffler, „So geht das. Youtube-Videos als Medien des Selbermachens“, in Geschlecht und Materialität. Historische Perspektiven auf Erziehung, Bildung und Sozialisation von der Antike bis zur Gegenwart, hg. v. Christina Antenhofer und Ulrich Leitner (transcript, 2024), 51–70, https://doi.org/10.14361/9783839461655-003.
  10. https://m.youtube.com/watch?v=5KdnHjrDZWO.
  11. Siehe https://veronikahug.com.
  12. Arantes, Verstrickungen, 149.
  13. Hermann Bausinger, Vom Erzählen. Poesie des Alltags (Hirzel, 2022), https://doi.org/10.3813/9783777631073, 49–57.
  14. Harald Welzer, Das Haus der Gefühle (Fischer, 2025), 166–176.

SUGGESTED CITATION: Löffler, Klara: Positive Ease. Strickend ins Gespräch kommen, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/positive-ease/], 22.07.2026

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20260722-0830

Write a Reply or Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *