Sarajevo
Dieses Grün ist zu fantastisch, als dass es bedrohlich sein könnte – schönster Mischwald, weiche Waldböden mit trockenen Tannennadeln, einige Gehminuten später so üppige Laubblätter, dass die Berge auf der gegenüberliegende Seite der Täler kaum zu erspähen sind. Die Hauptwanderwege sind frisch geteert, mit akkurater weißer Trennlinie, und freie Pferde grasen sich die Wege entlang, ihre Fohlen eng bei sich haltend.
Hier also hat die serbische Armee gesessen, gelegen, geschossen, vom Berg Trebević herab nach Sarajevo, April 1992 bis März 1996, 1425 Tage, vier Jahre. Die Armee der Republika Srpska (VRS) hatte auf dem Trebević Artilleriestellungen bezogen, hier wurde der Seilbahnarbeiter Ramo Biber als einer der ersten zu Kriegsbeginn erschossen, und bis in die 2010er-Jahre waren Berghänge vermint. Die Überreste der Bobrennbahn der Olympischen Spiele 1984 sind mit Graffiti besprüht. Hat die Zeit Löcher in ihren Beton gegerbt oder sind dies Schusslöcher? Und die Ruinen, die von der neuen Seilbahn aus in den Ausläufern der Stadt zu sehen sind, werden sie eines Tages renoviert?

„Visual Histories of Sarajevo“ hatte die US-amerikanische Fotografin Susan Meiselas, Mitglied der Fotoagentur Magnum und Präsidentin der Magnum Foundation, ihren Workshop in Bosnien im Mai 2025 genannt. Parallel finden drei weitere Workshops statt; jede*r der Fotograf*innen hat ihren oder seinen Workshop unter ein spezifisches Motto gestellt, das Schwerpunkte der eigenen Arbeit fokussiert.1 Susan Meiselas wurde in den 1970er-Jahren berühmt durch ihre Langzeitdokumentationen „44 Irving Street“ und „Carnival Strippers“ (1971–1978) sowie ihre nunmehr fünf Jahrzehnte andauernde fotojournalistische Arbeit in Nicaragua (seit 1978). Die Arbeit mit Archiven bestimmten ihr Werk zwischen 1991 und 2008, am bekanntesten ist ihr Projekt „Kurdistan“.2 Über dies und ihre Arbeit in und ihren Zugang zu Archiven schreibt sie im ersten Kapitel ihres gleichnamigen Buches, 1998 zweitveröffentlicht in der New York Times:
Every picture tells a story and has another story behind it: Who‘s photographed? Who made it? Who found it? How did it survive? I wonder what we can know of any particular encounter by looking at such a picture today. We have the object, but it exists separated from the narrative of its making.3
Einige dieser Fragen tauchen implizit oder explizit in Sarajevo auf; dort liegt der Fokus auf Visual Histories of Sarajevo – bewusst im Plural. Denn visuelle Geschichten sind: kollektive Geschichte, kollektive Erinnerungen, individuelle Erinnerungen – verbalisiert, aufgeschrieben, in den Leib geschrieben, mitunter durch Narben und Amputationen, verdrängt und verschwiegen –, aus Landkarten und Stadtplänen zusammengestellt, im Alltag in Hausruinen, Schusslöchern in Gebäuden und teilbewohnten Rohbauten zu erahnen, und auf den Friedhöfen in der Innenstadt Sarajevos, deren Grabsteine den Tod auf die Belagerung fokussieren. Aus dem Krieg in Bosnien und den sogenannten Jugoslawien-Kriegen heraus sind Museen entstanden, das Museum der Verbrechen gegen Menschlichkeit und Genozid (Muzej zločina protiv čovječnosti i genocida), das private Tunnel-Museum, das Teile des vormals 800 Meter langen „Tunnel of Hope“ begehbar macht, der eine Teilversorgung der Stadt und Besuche von Prominenten wie der Autorin Susan Sontag ermöglichte. Reisebüros werben mit thematischen Touren zur vierjährigen Belagerung der Stadt; rote Flecken auf der Fußgängerzone und in den Parks erinnern an Tote durch Beschuss – die „Rosen von Sarajevo“ wurden stets dort gegossen, wo mehr als drei Menschen starben, an mehr als 200 Orten in der Stadt.
Visuelle Geschichten können klassische Archivarbeit beinhalten, historisches Foto- und Videomaterial, und eigene Fotografien, die vor Ort erstellt werden. In dieser Vielfalt liegen die Schönheit und die Herausforderung, die Susan Meiselas und ihre bosnische Assistentin Sumeja Tulic, Fotografin und wissenschaftlich tätig in der Kultur- und Sozialanthropologie in den USA, ihren Mentees im allerbesten Sinne zumuteten. Meiselas und Tulic interpretieren Archiv in breitestmöglichen Definitionen: klassische Archive, wie sie sich in den Museen Sarajevo befinden, private Bildarchive, wie sie beispielsweise der Direktor des Sarajevo War Theaters, Nihad Kreševljaković, während der Belagerung Sarajevos selbst gedreht und aus Film- und Fotoaufnahmen privater Personen zusammengestellt hat (Save the Amazonas Production), oder das Fotoprojekt „Sniper Alley“ von Dzemil Hodzic4, individuelle Erinnerungen, die Menschen zu lebenden Archiven machen, und die manchmal erst in Gesprächen nach außen dringen. Daraus ergeben sich Fragen, die der visuellen Forschung zuträglich sind: Wie können gegenwärtige Fotografie und Artefakte aus Archiven äußere und innere Archive sichtbar machen? Wie kann Fotografie Erinnerung aktivieren – individuelle, kollektive, auch imaginierte? Wie können Bild und Text, geschrieben oder verbalisiert, zusammenspielen, um verschiedene Schichten von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft ins Offene zu bringen? Welche Unterschiede gibt es zwischen Generationen, und welche Erfahrungen transferieren sich inter- und intragenerationell? Aus welcher Position heraus erarbeiten Fotograf*innen visuelle Essays,5 zumal in Sarajevo, einer Stadt, in der kaum eine*r der Mentees vor dem Workshop gewesen ist? Und zugleich waren bereits Erinnerungen vorhanden, durch mediatisierte Zeug*innenschaft, durch damaliges Mit-Erleben in Zeitungsfotografien, oft noch in Schwarz-Weiß, immer analog fotografiert in diesen 1990er-Jahren – in Kriegen, die die ersten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg waren? Meiselas sagte: „Living cultures carry the past.“ Archive seien zu verstehen in ihren zeitlichen Dimensionen, „to understand people in time, and the context of who they are now. Where is the evidence of the past?“
Praktische Tipps, die Meiselas und Tulic ihren Mentees gaben, sind an der Schnittstelle von Journalismus, Journalling und (auto-)ethnografischen Verfahren anzusiedeln: „Keep records! What do you think before photographing – and after?“ Über die eigene Rolle sich Gedanken zu machen, ist inhärent: „Maybe your role is activating through encounters? What can you add?“ Und speziell in Sarajevo seien Menschen froh, gefragt zu werden, „because nobody asks them about the war“. Damit einhergehend stellt sich die Frage: „What does real healing mean?“

In vielen Hausfassaden sind noch immer Schusslöcher: Das Geld fehlt, alles zu reparieren; und so bleibt es eben, wie es ist, bis doch mal Geld kommt. Mit Tram Nummer Drei fahre ich vom großen Basar durch die gesamte Stadt bis hinter den Flughafen in den Vorort Ilidža. Die Strecke von Tram Drei liegt inmitten mehrspuriger Fahrbahnen – eher: Steh-Bahnen, denn wer hier Auto fährt, steht im Stau, statt sich zu bewegen. Zu frühen Morgenstunden ist die Tram noch leer, zur Rushhour steht man eng an eng, nachdem man den Fahrpreis in bar mit persönlicher Ansprache dem Tramfahrer bezahlt hat. Manche der Trams sind mehr als 50 Jahre alt; die Schalthebel kommen von Siemens samt Bedienungsanleitung aus deutschen Begriffen. Entlang der Boulevards Zmaja od Bosne und Bulevar Meše Selimovića fahren die Bahnen und die Menschen tagein, tagaus vorbei an den Zwillingstürmen, am Hotel Holiday Inn, am Nationalmuseum Bosnien und Herzegowina, am Stadtteil Grbavica. Tram Drei: 53 Minuten, elf Kilometer, 1,80 Bosnische Mark, etwa 90 Cent.
Die Boulevards waren bekannt unter dem Namen Sniper Alley. Aus Hochhäusern und von den Bergen schossen die Scharfschützen; manche Tote lagen monate-, manche tagelang in den Straßen, wie das bosnisch-muslimisch und bosnisch-serbische Liebespaar Admira Ismić und Boško Brkić, 1993 erschossen auf der Brücke Vrbanja zwischen der Sniper Alley und Grbavica, damals serbisch kontrolliertes Territorium. „Romeo und Julia aus Sarajevo“ sind gemeinsam begraben auf dem Friedhof Groblje Lav.6
Vier Jahre: kaum Lebensmittel, kein Strom; Wasser wurde in Kanistern am Fluss geschöpft, ohne zuvor zu wissen, wer das überlebte. Zu den Bildern, an die man sich erinnert und die man zuerst in Archiven findet, gehören die in den oberen Stockwerken brennenden Zwillingstürme sowie das in gelbleuchtende, würfelförmige Holiday Inn. Diese drei Häuser sind längst renoviert und in voller Benutzung – von den umliegenden Hügeln und Bergen nimmt das Auge sie sofort wahr, spiegelglänzend und zentral.
Tram Nummer Drei: Heute kommen Menschen mit Hoffnung nach Sarajevo, nicht mit Angst, so wie die Frau, die sich mit mir in der Tram unterhält. Sie sei 34 Jahre alt, übersetzt mit ihrer Handy-App aus dem Türkischen, sie habe in Istanbul studiert und ein Studierendenwohnheim gemanagt. In Sarajevo ist sie verheiratet, hat keine Arbeit und lernt Bosnisch als neue Sprache. „Ich würde so gerne Englisch lernen“, sprachtextet sie. Ich texte: „You can learn everything. You can do everything.“ Im Moment des Lesens macht sie sofort einen Screenshot, bevor sie an der Haltestelle Stup aussteigt und in ihr neues Zuhause geht. Die Fotos, die ich entlang Zmaya od Bosna und Meše Selimovića mache, haben außer der mediatisiert-visuellen Erinnerung kaum Anknüpfungspunkte an die Belagerung vor 30 Jahren. Brennende Häuser, rennende Menschen, stehengebliebene und beschossene Trams, wer diese Bilder nicht kennt, weiß nichts über diesen Krieg in Europa, wie eine chinesische Touristin und ein malaysischer Student, mit denen ich mich unterhalte. Für sie ist die frühere Sniper Alley einer der Wege vom Flughafen in die Innen- und die Altstadt, einfach die überfüllteste Straße einer Stadt zwischen Bergen.
Wie war es, 1992 bis 1996 hier zu überleben? Die Berge immer im Blick, wissend, dass dort ebenso wie in Hochhäusern serbisches Militär stationiert ist. Ich schaue zu den Bergen, die Berge schauen zu mir: Der Trebević ist beliebt als Naherholungsgebiet, und Kriegsruinen wie die Sternwarte Čolina Kapa sind von der Bergstation „Ramo Biber“ einen Spaziergang entfernt. Träume, Čolina Kapa und die bemooste Bobbahn wieder als solche zu reaktivieren, sind bislang nicht in handfeste Pläne und Bauten übergegangen. In meinen Fotos sehe ich die Landschaft, bemooste Steine, eine in der Sonne glänzende Plastikfolie wie ein Leichensack, enge Wege durch dichten Wald, Schattenspiel und Sonnenlicht, weißgemalte Figuren-Logos der Fußgängerwege wie Silhouetten von Toten auf Asphalt, Pusteblumen, Betonpfeiler der Bobbahn wie Zaunpfosten mit Stacheldraht, hinter dem Männer ausmergeln; und in der Bergbahnstation eine Spiegelung in der Scheibe wie Ramo Bibers Geist.
Es ergibt alles Sinn, was Susan Meiselas und Sumeja Tulic sagten; dass man Erinnerungen an eine Stadt haben kann, in der man nie zuvor war, und dass Fotografien, dass mediatisierte Kriege, dass Kombinationen gegenwärtiger, eigener Fotos mit Bildmaterial der Vergangenheit mehr als eine Geschichte erzählen. „Living cultures carry the past“, sagte Susan Meiselas, und die Zukunft ergibt sich aus der Vergegenwärtigung.

References
- Der Magnum Workshop Inside>>Out fand vom 11. bis 16. Mai 2025 statt mit den Fotograf*innen Susan Meiselas (USA), Nanna Heitmann (Deutschland), Olivia Arthur (Großbritannien) und Jérôme Sessini (Frankreich; https://www.magnumphotos.com/event/inside-out-magnum-in-sarajevo/, letzter Zugriff: 16.06.2025). Die visuellen Essays der Mentees wurden am 16. Mai 2025 im „Kino Meeting Point“ in Sarajevo uraufgeführt. Dieser Beitrag entsteht im Rahmen meines Forschungsprojekts „Glokalisierung des digitalen Bildes. Ethik, Bildhandeln und Innovative Methoden“ (2023–2026, DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“). Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 421462167.
- Meiselas, Susan: Kurdistan - Susan Meiselas, Susan Meiselas/Magnum Photos, https://www.susanmeiselas.com/kurdistan (letzter Zugriff: 16.06.2025), Opitz, Sophie-Charlotte (2020): Bilderregungen: die Produktionsmechanismen zeitgenössischer Kriegsfotografie, Ilmtal-Weinstraße: Jonas Verlag, https://asw-verlage.de/katalog/bilderregungen-2244.html (letzter Zugriff: 16.06.2025).
- Meiselas, Susan (1998): Introduction: Kurdistan. In the Shadow of History, in: The New York Times, 22.02.1998, Sektion Books, https://archive.nytimes.com/www.nytimes.com/books/first/m/meiselas-kurdistan.html (letzter Zugriff: 16.06.2025).
- VideoArhiv – Udruženje Građana Za Afirmaciju,Kulture Umjetnosti i Komunikacije / [email protected], https://videoarhiv.blogger.ba/; Archipelagoarchive: Sarajevo | Archipelago, https://www.archipelagoarchive.com/sarajevo/; Hodzic, Dzemil: Sniper Alley | Sarajevo Under Siege Photo Project, https://sniperalley.photo/ (letzter Zugriff: 16.06.2025).
- Runge, Evelyn (2023): Die Perlen Istanbuls : Visuelle Autoethnografie als Methode digitaler Fotografie, in: KWI-Blog [https://blog.kulturwissenschaften.de/die-perlen-istanbuls/], 20/11/2023, https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20231120-0830; Runge, Evelyn (2024): „Ja, ich möchte eine Insel sein.“: Landkrankheit, Ethnografiktion und Visuelle Climate Fiction, in: KWI-Blog [https://blog.kulturwissenschaften.de/ja-ich-moechte-eine-insel-sein/], 24/06/2024, https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20240624-0830.
- Schork’s Best Piece from Siege of Sarajevo, https://www.ksmemorial.com/romeo.htm; Admira Ismic and Bosko Brkic, 2012, https://www.youtube.com/watch?v=4WXfR3gOPAQ (letzter Zugriff: 16.06.2025).
SUGGESTED CITATION: Runge, Evelyn: Sarajevo. Visuelle (Ge-)Schichten, kollektiv und individuell erinnert, in: KWI-Blog, [https://blog.kulturwissenschaften.de/sarajevo/], 07.07.2025